Mai 24, 2024

Kolumne 29.05.2023 Nr. 771

     

      BuchKolumne 29.05.2023 Nr. 771

Lucy Clarke – One of the Girls
Luigi Panella – Der siebte Kreuzzug
Michael Frank 
– Einhundert Samstage
Pierre Lagrange
– Gnadenlose Provence
Kit Auburn
– Where my soul belongs

Lucy Clarke – One of the Girls

Es sollte der perfekte Kurzurlaub werden: Lexi reist mit fünf Freundinnen auf eine griechische Insel, um ihren Junggesellinnenabschied zu feiern. Von der abgelegenen Villa mit Meerblick bis hin zu den malerischen Tavernen und weiß getünchten Straßen scheint der Urlaub zu schön, um wahr zu sein. Und tatsächlich bekommt die Idylle bald Risse, denn abgesehen von ihrer Freundschaft mit Lexi haben die Frauen nur eines gemeinsam: Sie alle haben etwas zu verbergen. Nach und nach kommen versteckte Absichten ans Licht, Geheimnisse werden enthüllt und die Masken fallen – bis eine Leiche auf den Klippen unterhalb der Villa liegt.

Die Engländerin Lucy Clarke ist für ihre Spannungsromane bekannt, aber auch psychologisch-dramatisch geht es dabei immer zur Sache. Mehrere ihrer Romane habe ich gelesen, doch ihr neuer schlägt sie alle. In „One of the Girls“ geht es um die Vergangenheit, um das alltägliche Leben, die Jugend, die einmal da war, und nun aber nicht mehr der Ist-Zustand ist. Das Leben hat einen überholt. Jede der sechs Frauen ist in unterschiedlicher Weise gefangen in ihrem Leben, bei der einen ist das egal, bei anderen sorgt das für immense Missstimmungen. Bis es dann blutig wird. Lucy Clarke lässt die Frauen abwechselnd auftreten. So bekommen die LeserInnen einen Einblick in die Leben und Gedankenwelten der Protagonistinnen. Auf jeder Seite spürt man, es bahnt sich etwas an. Aber wer trägt am Ende die Schuld? Und wer wird tot sein? Lucy Clarke überrascht ihre LeserInnen ein ums andere Mal und es gibt einen Showdown, mit dem niemand gerechnet hätte!

dtv, 429 Seiten; 15,95 Euro

 Luigi Panella – Der siebte Kreuzzug

Ägypten 1249: Der siebte Kreuzzug hat begonnen. Während sich an den Ufern des Nils die Armeen des französischen Königs Louis IX. und von Sultan al-Salih Ayyub gegenüberstehen, findet hinter den Kulissen ein anderer Krieg statt. Der päpstliche Inquisitor Yves le Breton ist auf den Spuren eines geheimnisvollen römischen Dokuments. Denn wer auch immer es besitzt, erhält mit ihm die Macht, das Schicksal von Christentum und Islam für immer zu verändern – und damit die ganze Welt. Doch auch gefährliche Gegner setzen alles daran, das wertvolle Pergament an sich zu reißen.

Der Goldmann Verlag hat in letzter Zeit einige sehr gute historische Romane von italienischen Autoren und Autorinnen veröffentlicht. Matteo Strukul und Elena und Michela Martignoni stechen hier heraus. Daher war ich sehr gespannt auf „Die-Chronik-des-Inquisitors“-Reihe von Luigi Panella. „Der siebte Kreuzzug“ ist hier der erste Band. Die Geschichte hört sich auch sehr vielversprechend an, leider ist die Umsetzung nicht so gelungen wie von den Autorenkollegen und Autorenkolleginnen. Das Buch hat wohl über 500 Seiten, aber ich habe etwas die Tiefe, das Nahbare vermisst. Luigi Panella erzählt viel und reichhaltig, aber leider oft an den falschen Stellen und an den richtigen lässt er diese reichhaltige Erzählweise dann vermissen. Trotzdem werde ich dem zweiten Band „Das Werk des Teufels“, der im Juni 2023 erscheint, noch eine Chance geben.

Goldmann, 551 Seiten; 13,00 Euro

  Michael Frank – Einhundert Samstage

Als Michael Frank die heute hundertjährige Stella Levi zufällig kennenlernt, nimmt eine große Geschichte ihren Anfang. Sie lädt ihn in ihr New Yorker Apartment ein, und bald wird aus den Besuchen ein Ritual: An hundert Samstagen erzählt Levi dem Schriftsteller ihr Leben. Gemeinsam suchen und erkunden die beiden eine fast märchenhafte, verlorene Welt. Levi, geboren 1923, wuchs auf im jüdischen Viertel La Juderia auf der Mittelmeerinsel Rhodos – eine Kindheit und Jugend zwischen sephardischer Tradition und Moderne, inmitten einer Vielfalt von Kulturen und Sprachen zwischen Orient und Okzident. Stella eifert der Schwester Felicie, selbst träumt sie vom Studium in Italien. Schließlich aber werden diese Welt und die Familie grausam zerrissen, und Stella Levi erzählt auch davon: Im Herbst 1943 besetzen die Deutschen die Insel, für Levi der Anfang eines Leidenswegs, der sie bis nach Auschwitz führt. Sie überlebt – und beginnt ein ganz neues Leben in den USA.

Ich habe sehr viele Bücher von Überlenden des Holocausts gelesen und auch hier besprochen. Jedes Mal bin ich aufs Neue immer wieder tief getroffen und berührt von den Geschichten. Ich spüre den Schmerz und das Leid und frage mich auch jedes Mal, wie konnte man diese Grausamkeit nur aushalten und überleben und wie können Menschen anderen Menschen das nur antun. Doch es ist so wichtig, dass es diese zahlreiche Geschichte gibt und diese nie, niemals in Vergessenheit geraten. So auch die Geschichte von Stella Levi, die hier vom New Yorker Autor Michael Frank aufgeschrieben wurde. Das Buch ist aber etwas anders als viele andere der Überlebenden, denn Auschwitz nimmt nur einen kleinen Teil der Geschichte ein. Die LeserInnen erfahren viel von Stella Levis Leben vor dem drastischen Einschnitt in ihrem Leben und auch vom Leben danach. „Einhundert Samstage“ ist beeindruckendes Buch, das lange nachhallt!

Rowohlt Berlin, 335 Seiten; 24,00 Euro

   Pierre Lagrange – Gnadenlose Provence

Zahllose Radsportler sausen im Sommer durch die Provence – und ein Scharfschütze zieht einen nach dem anderen aus dem Verkehr. Die Ermittler Castel und Theroux sind geschockt und haben keinen Schimmer, um wen es sich bei dem Täter handeln könnte. Albin Leclerc, Commissaire im Ruhestand, erfährt von den Vorfällen, während er seine Flitterwochen auf Martinique verbringt. Kaum zurück, stürzt er sich in die Ermittlungen. Er befürchtet, dass der Schütze sich bisher nur aufwärmt und es auf die Tour de France abgesehen hat, die in Kürze durch Carpentras führen wird. Ein Rennen um Leben und Tod beginnt, bei dem sich herausstellt: Die Hintergründe sind finsterer als gedacht …

Pierre Lagrange hat den Frankreich-Krimi auf ein neues Niveau gehoben! Seine Krimis um Commissaire Albin Leclerc haben immer das gewisse Etwas. Das Etwas mehr an Spannung, dass Etwas mehr an Drama, das Etwas mehr an Witz, sodass es einfach etwas mehr Spaß macht einen Frankreich-Krimi von Pierre Lagrange zu lesen als von einem anderen Autor.

Scherz, 380 Seiten; 17,00 Euro

   Kit Auburn – Where my soul belongs

Eine Ballonfahrt als Gewinn einer Tombola, nicht mal die attraktive Begleitung kann dies für die sicherheitsliebende Leena schmackhaft machen. Doch als Sam versichert, alles im Griff zu haben, überwindet sie ihre Angst und steigt ein. Nichtsahnend, dass sie sich dabei auf eine Reise einlässt, die turbulenter ist als das Gewitter, das sie zu einer Notlandung zwingt. Als sie sich in eine Waldhütte retten und dort die Nacht gemeinsam verbringen, findet Sam Leenas Spring-Bucket-List – eine Liste voller Unternehmungen, von denen Leena zwar träumt, aber nicht in die Tat umsetzt. Heimlich plant er die Ausflüge für Leena, um ihr vor Augen zu führen, was die Welt zu bieten hat – doch tut er das wirklich für sie oder versucht er damit nur, seine eigene Vergangenheit wieder gut zu machen?

Kit Auburn entführt die LeserInnen in die Kleinstadt Saint Mellows, ein Ort, der voll romantischem Zauber steckt! Und diesen romantischen Zauber dürfen die LeserInnen mit Leena und Sam erleben. Ein Pärchen, bei dem manchmal das Feuerwerk durch die Decke geht, aber meist doch eher die rosa Rosen blühen. Die beiden Hauptcharaktere nehmen einen schnell für sich ein und tragen einen samtig weich durch die Geschichte. „Where my soul belongs“ ist der Beginn einer Trilogie um Saint Mellows und ihre Bewohner, die im Juni 2023 mit „Where your dreams shine“ fortgesetzt wird.

Blanvalet, 445 Seiten; 13,00 Euro