März 1, 2024

Kolumne 29.01.2024 Nr. 806

     

      BuchKolumne 29.01.2024 Nr. 806

Jens Wawrczeck– How to Hitchcock
Thilo Winter – Der Stich
Susan Stokes-Chapman – Das Erbe der Pandora Blake
Soraya Lane – Die vermisste Tochter
Tom Clancy / Mike Maden – Feindkontakt

Hörbuch der Woche:

Kristen Perrin:
Die Geschichtenwandler – Steinerne Drachen

Jens Wawrczeck – How to Hitchcock

Sind wirklich alle Mütter Monster? Welche Bücher stecken hinter Alfred Hitchcocks größten Filmen? Und wer sind die wahren Schurkinnen und Schurken auf der Leinwand? Jens Wawrczeck spürt den ikonischen Werken des großen Regisseurs mit viel Leidenschaft nach. Man sitzt mit ihm vor dem Fernseher, wenn er den ersten Hitchcock-Film sieht, begleitet ihn ins Tonstudio zu den Aufnahmen der „Drei ???“ und zieht mit ihm durch die Welt: Von Hamburg über New York, von Bodega Bay nach London, immer auf der Spur von Hitchcocks Meisterwerken. Er erzählt, wie ihm Hitchcocks Filme bei der Suche nach der eigenen Identität halfen. Wawrczeck zeigt alles Wissenswerte: Was ist ein Vertigo-Effekt? Und: Mit welchem Film beginnt man auf dem Weg zum Hitchcockianer?

Jens Wawrczeck muss man nicht mehr vorstellen. Mehreren Generationen ist er, und vor allem seine Stimme ein Begriff. Mit ihm fährt man Auto, liegt auf dem Sofa oder geht mit ihm ins Bett, als die Stimme von Peter Shaw aus den „Drei ???“. Doch Jens Wawrczeck hat auch eine ganz besondere Leidenschaft. Er ist ein Hitchcockianer. Er liebt die Filme des Meisterregisseurs seit seiner Kindheit. Wie ich auch. In diesem Buch führt er nun liebevoll die „Ungebildeten“ in das Hitchcock-Universum ein. Seine Filme, seine Charaktere, seine Verknüpfungen mit dem Leben. Ein Buch, das sich kein Hitchcock-Fan entgehen lassen sollte! Einige Hauptkapitel sind: „Mütter“, „Ehen“, „Schurkinnen und Schurken“, „Die Leinwand als Tableau“, „Vom Buch zum Film“, „Im Schatten der Meisterwerke“ und „Mit Hitch durch das Jahr“. In einem muss ich Jens Wawrczeck aber widersprechen: dass er mit 12 Jahren der jüngste Hitchcockianer Deutschlands war. Ich war nicht mal 10 Jahre alt, als ich zum ersten Mal „Über den Dächern von Nizza“, „Der unsichtbare Dritte“, „Der Mann, der zu viel wusste“ und „Das Fenster zum Hof“ gesehen habe. „Die Vögel“ haben mir in jungen Jahren Alpträume beschert. Und kurz darauf folgte dann „Bei Anruf Mord“. Diese durch und durch geniale Story mit diesem überraschenden Kniff am Ende haben in mir schon früh den Wunsch geweckt, auch mal so spannende Geschichten zu schreiben. Doch mit 10 Jahren war das doch noch etwas früh, doch 25 Jahre später hat mich, bei genauerer Betrachtung, „Bei Anruf Mord“ zum Bestseller-Autor gemacht. Für mich galt und gilt immer einen Krimi oder Thriller zu schreiben, der ein absolut unerwartetes und überraschendes Ende hat. Der besondere Kniff, das ist mir sehr wichtig! Und seit meiner Jugend habe ich, wie Jens Wawrczeck, diese und alle anderen Hitchcock-Filme viele dutzendmal wieder gesehen. Und liebe sie jedes Mal wie beim ersten Mal ansehen. Begeben Sie sich mit „How to Hitchcock“ auf eine ganz besondere Lesereise!

dtv, 255 Seiten; 13,00 Euro

Thilo Winter – Der Stich

Quito Mantezza kann es nicht fassen, als ihm das Stipendium am College in Key West, Florida, fristlos gestrichen wird. Jemand scheint verhindern zu wollen, dass sich der Biologiestudent gegen Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Moskitos einsetzt. Er klagt gegen die Kündigung und muss miterleben, wie sein Anwalt im Gerichtssaal tot zusammenbricht. Als Augenblicke später auch die Richterin ohnmächtig wird, bricht Panik im Justizgebäude aus. Während die Behörden noch rätseln, was die Ursache für die Todesfälle ist, gelingt es Quito herauszufinden, was wirklich hinter der rätselhaften Seuche steckt: der Stich einer bislang unbekannten Mückenart.

Thilo Winter hat das Zeug dazu, der deutsche Michael Crichton zu werden! Wenn er mit seinen Story-Ideen so weitermacht, aber vor allem, wenn er sich beim Aufbau der Story deutlich steigert. Dieser hat mich auch schon bei seinem durchaus spannenden Thriller „Der Riss“ gestört. Da ist er noch sehr weit weg von einem Michael Crichton. Bei „Der Stich“ ist es für mich nun noch schlimmer. Es dauert fast 100 Seiten, bis die Story Struktur bekommt und den richtigen Weg einschlägt. Zuvor hat Thilo Winter unglaublich viel Potenzial seiner so gut entworfenen Story verschenkt. Die Idee hinter „Der Stich“ trifft voll den Zeitgeist. Leider! Denn man hat ja an Corona gesehen, dass es die „kleinen“ unsichtbaren, im Fall der Mücke, fast unsichtbaren Überträger und Erreger sind, die die Welt zu Grunde richten können. Da braucht es dann keine Atombombe oder den menschengemachten Klimawandel. „Der Stich“ ist von der Idee her grandios, vom Aufbau der Story und auch von den Charakteren her aber nur Mittelmaß.

Lübbe, 428 Seiten; 18,00 Euro

Susan Stokes-Chapman – Das Erbe der Pandora Blake

Pandora „Dora“ Blake lebt bei ihrem Onkel Hezekiah, der das einst glanzvolle Antiquitätengeschäft ihrer verstorbenen Eltern führt. Sie träumt von einer Zukunft als Goldschmiedin, um der Enge ihrer Welt und ihrem lieblosen Onkel zu entkommen. Als Dora entdeckt, dass Hezekiah eine geheimnisvolle griechische Vase im Keller des Geschäfts versteckt, wird sie neugierig. Sie versucht, mehr über diese Vase herauszufinden und bittet den jungen Buchbinder und Hobby-Archäologen Edward um Hilfe. Doch ihre gemeinsamen Nachforschungen lassen Dora alles, was sie über ihre Familie weiß, hinterfragen. Und die Geheimnisse, die Dora und Edward enthüllen, bringen die beiden zunehmend in Gefahr.

Was für ein Geniestreich! Eine abenteuerliche Geschichte, die einen von Anfang bis Ende in seinen Bann zieht. Der jungen Britin Susan Stokes-Chapman ist mit ihrem Debüt-Roman „Das Erbe der Pandora Blake“ in ihrer Heimat gleich ein Nr.-1-Bestseller gelungen. Und das kommt nicht von ungefähr. Der Roman blüht nur so vor stilistischen Feinheiten, überraschenden Szenen, lebendigen Figuren und Schauplätzen, die atmen und wie ein Film vor einem ablaufen. Die abenteuerliche Geschichte mündet nach und nach in ein Drama und zum Ende hin in einen Kriminalroman. Getragen wird die Geschichte natürlich von der kämpferischen und so ehrlichen Dora, aber ihr Onkel, der durchtriebene Hezekiah hat ein dunkles Geheimnis, das Dora nach und nach lüftet. Mit tödlichen Folgen. „Das Erbe der Pandora Blake“ ist ein Geniestreich! So begann ich diese kritische Betrachtung, und so beende ich sie nun auch.

dtv, 444 Seiten; 23,00 Euro

 Soraya Lane – Die vermisste Tochter

London in der Gegenwart. Es beginnt mit einer kleinen hölzernen Schachtel mit dem Namen ihrer Großmutter und der Zeichnung eines Familienwappens: Claudia fällt ein geheimnisvolles Erbstück in die Hände und ihre Neugier ist geweckt – ist das der Schlüssel, um endlich mehr über das Leben ihrer verstorbenen Großmutter zu erfahren? Ihre Nachforschungen stoßen sie auf die kubanische Familie Diaz, der in den 1950er-Jahren eine große Zuckerrohrplantage gehörte. Kurzentschlossen fliegt Claudia nach Havanna, um mehr über die Vergangenheit ihrer Familie zu erfahren. Kaum angekommen ist sie wie verzaubert von der quirligen, vor Lebensfreude sprudelnden Stadt und spürt eine ungekannte Verbundenheit mit dem Land und seinen Bewohnern. Als sie den Koch Mateo trifft, zeigt dieser ihr nicht nur das beste Street Food von Havanna, sondern hilft ihr auch dabei, dem Geheimnis um ihre Großmutter auf die Spur zu kommen. Gemeinsam machen sie sich auf eine emotionale Reise in die Vergangenheit, in das opulente und leidenschaftliche Kuba der 1950er Jahre.

Soraya Lane startete ihre achtbändigen „Die-verlorenen-Töchter“-Reihe im letzten Jahr mit „Die verlorene Tochter“. Ein Bestseller! Nicht verwunderlich, denn Soraya Lane führt sozusagen das Erbe von Lucinda Rileys „Die-Sieben-Schwestern“-Reihe fort. Natürlich sind ihre Geschichten ganz anders, aber der Grundgedanke ist der gleiche. Die LeserInnen danken es Soraya Lane, dass sie nach den „Sieben-Schwestern“ neues, gleichwertiges Leserfutter bekommen. „Die vermisste Tochter“ ist spannend, dramatisch und mit ganz starkem Personal besetzt. Dazu noch die Zeit, in der der Roman überwiegend spielt, einfach ein Gedicht. Lesen, träumen, abtauchen! Wer Lucinda Rileys Weltbestseller-Reihe um die „Sieben Schwestern“ geliebt hat, wird auch Soraya Lanes Saga um „Die verlorenen Töchter“ lieben.!

Knaur, 398 Seiten; 12,99 Euro

Tom Clancy / Mike Maden – Feindkontakt

Ein unbekannter Hacker namens CHIBI bietet sensible Informationen der US-amerikanischen Geheimdienste international zum Verkauf an. Ein Sabotageakt nach dem anderen ist dank dieser gestohlenen Daten erfolgreich, und die Feinde der Vereinigten Staaten werden hellhörig. Auch kriminelle Organisationen wie das Eiserne Syndikat ziehen ihren Vorteil aus den lukrativen Cyberdeals. Jack Ryan jr. bekämpft den alten Bekannten vor Ort in Polen, während es in Washington für Präsident Jack Ryan senior brenzlig wird: Auch China steigt in den illegalen Datenhandel ein, und CHIBI plant, den dauerhaften Zugriff auf die Cloud der amerikanischen Geheimdienste zu versteigern. Präsident Ryan muss die Schwachstelle finden, und zwar schnell.

Tom Clancy schreibt fleißig weiter – auch über 10 Jahre nach seinem Tod! Eigentlich ist aber nur sein Name auf dem Cover, schon lange schreiben andere Autoren Storys im Clancy-Stil fort. In unterschiedlicher Qualität. Zuletzt erschien „Tödliche Allianz“, der von Marc Cameron geschrieben wurde, und sehr gut war. Diesmal ist der Autor Mike Maden. „Feindkontakt“ ist der 25. Band der überaus erfolgreichen Jack-Ryan-Reihe. Und wie es bei Tom-Clancy-Thrillern üblich ist, ist das Thema brandaktuell, hat enorme politische Auswirkungen und das alles wird mit reichlich Action und Spannung garniert. Das Buch wurde bereits 2019 im Amerika veröffentlicht, aber das Thema liest sich eben so, als ob es 2023 verfasst worden wäre. Das war schon bei der teils beängstigenden Weitsicht eines Tom Clancy so, aber auch die Autoren, die unter seinem Namen schreiben beweisen, dass sie über eine gewisse Weitsicht verfügen. Das macht diese Bücher noch interessanter. Stürzen Sie sich also in den „Feinkontakt“, ohne Fallschirm, und lassen die rasante Story auf sich zukommen!

Heyne, 575 Seiten; 26,00 Euro