







BuchKolumne 23.02.2026 Nr. 879
Elizabeth George – Wer Zwietracht sät
Emily Rudolf – Die Housesitterin
Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung
Bodo Kirchhoff – Nahaufnahme einer Frau, die sich entfernt
Florian Schroeder – Happy End
Hörbuch zur Ausgabe:
Hans Rosenfeldt – Die Farm der Mädchen
Elizabeth George – Wer Zwietracht sät
Als der angesehene Unternehmer Michael Lobb brutal ermordet aufgefunden wird, gerät die Gemeinde des malerischen Städtchens Trevellas in Aufruhr. Hat die grausame Tat etwas mit dem Bauvorhaben zu tun, das seit Monaten für Unruhe sorgt? Oder steckt Lobbs Familie dahinter? Lobbs wesentlich jüngere Frau Kayla, die ein beträchtliches Vermögen erbt, gerät schnell unter Verdacht. Doch dann führt eine unerwartete Spur zu Detective Thomas Lynley, der sich gemeinsam mit DS Barbara Havers sofort in die Ermittlungen einschaltet. Unversehens geraten sie in ein gefährliches Labyrinth aus Habgier, Betrug und Neid, in dem die Suche nach der Wahrheit schon bald ein nächstes Opfer fordert.
Vor Kurzem liefen im TV (und im Stream) die Neuverfilmung der Serie um Inspector Thomas Lynley und DS Barbara Havers. Und nun kehren die beiden auch literarisch wieder zurück. Elizabeth Georges neuester Bestsellerstreich heißt „Wer Zwietracht sät“. Elizabeth George Figurenzeichnungen sind große Klasse! Das waren sie schon immer, und sind es immer noch. Die Charaktere nehmen einen sofort für sich ein, was die Geschichte noch spannender und aufregender macht. Und auch Elizabeth Georges Story-Timing ist, wie sollte es anders sein, große Klasse. Die Geschichte ist zugleich aktuell und zeitlos, was auch „Wer Zwietracht sät“ schon bald zu einem Krimi-Klassiker machen wird. Es geht um u. a. um Rohstoffe, um das neue Gold der nächsten Jahrzehnte – um Lithium. Wer in Lithium investiert, investiert in das neue Gold, das treibt auch die Figuren der Story an (sie sollen ihre Grundstücke dafür verkaufen), aber nicht jeder will mitziehen, was zu Konflikten führt, denn um Lithium zu gewinnen braucht es viel Land und viele Bohrungen. Doch das ist nur ein Teil dieses großen Kriminalromans, der wie immer bei Elizabeth George auch ein großes Gesellschaftsporträt ist. Lynley und Havers kommen aber erst später in der Geschichte zur Geltung, denn auch Lynleys Familie wird um das Feilschen der Grundstücke involviert. Die verbalen Scharmützel zwischen Lynley und Havers sind wieder ein echter Genuss! „Wer Zwietracht sät“ ist ein großer Kriminalroman und ein großes Gesellschaftsporträt zugleich, dass aktueller nicht sein kann und trotzdem zeitlos ist! Elizabeth George hat wieder ein goldenes, literarisches Händchen bewiesen.
Goldmann, 749 Seiten; 28,00 Euro
Emily Rudolf – Die Housesitterin
Cecilia arbeitet als Housesitterin und hangelt sich von Auftrag zu Auftrag. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie den Boden unter den Füßen verloren, kann nicht einmal mehr ein WG-Zimmer bezahlen. Nun wird sie an der Villa der einflussreichen Familie Waldner abgesetzt, einsam gelegen auf einer winzigen Ostseeinsel. Die perfekte Idylle – die perfekte Falle. Denn Cecilia ist nicht zufällig hier: Eine machtvolle Anziehung verbindet sie mit Johannes Waldner, dem Sohn des verstorbenen Besitzers. Während Cecilia sich noch allein im Haus wähnt, machen sich vier Menschen auf den Weg zur Insel. Mit dunklen Geheimnissen und eigener Agenda. Aber würden sie dafür auch töten?
Bei Emily Rudolf hat es in jungen Jahren schon zur Bestsellerehren gereicht. Nach „Die Auszeit“ und „Das Dinner“ folgt nun ihr dritter Thriller „Die Housesitterin“. Die Story beginnt gemütlich, ja einladend freundlich. Doch das ändert sich von Seite zu Seite. Die Geheimnisse werden mehr, die Atmosphäre bedrohlicher. Wer ist Cecilia wirklich? Was hat sie am Ende auf die Insel und zu Johannes Waldner gebracht? Und welche Geheimnisse verbergen all die anderen Figuren? „Die Housesitterin“ serviert Spannung auf höchstem Niveau. Die Thriller von Emily Rudolf sind eine Mischung aus denen von Sebastian Fitzek und Ruth Ware!
Scherz, 429 Seiten; 18,00 Euro
Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung
Levin Watermeyer kennt jede Schraube, jeden Kollegen, jede Intrige. Sein Leben im Baumarkt läuft in geordneten Bahnen – bis die Expansion kommt. Neue Strukturen, neue Gesichter, und mittendrin Pina Sommerfeldt, klug, ehrgeizig, unberechenbar. Während die Chefs Ruis und Seehafer unter Leistungsdruck stehen und Umweltaktivisten auf dem Baumarktgelände ein Biotop der Gelbbauchunke entdecken, beginnt das System zu bröckeln – und Levin fragt sich zum ersten Mal, was von ihm bleibt, wenn alles wächst, nur er selbst nicht.
Denis Pfabes „Die Möglichkeit einer Ordnung“ hat mit ordentlich gepackt. Die Beschreibung des Buches mich an ein kleines literarisches Kunstwerk denken lassen, das mich im September 2025 begeistert hat: Nava Ebrahimis „Und Federn überall“. Solch eine Geschichte habe ich mir erwartet, doch weit gefehlt. Denis Pfabe hat zwar einen Blick für einzelne Szenen im Alltag von uns allen, vor allem denen, die im Verkauf tätig sind, aber eben auch den Kunden, aber er kann daraus keine packende und vor allem zusammenhängende Geschichte machen. Die Geschichte wirkt wie Stückwerk, kein Spannungsaufbau, und auch keine Figurenzeichnungen, die man immerzu folgen will. Die Figuren haben mich in einer Szene gepackt, dann waren sie mir wieder total egal, weil der Autor zu oft belanglos wird. „Die Möglichkeit einer Ordnung“ verfügt immer wieder über einen detaillierten Blick auf unsere Gesellschaft im Mikrokosmos eines Baumarktes, aber ein packendes Gesamtwerk ist es nicht geworden.
Rowohlt Berlin, 334 Seiten; 25,00 Euro
Bodo Kirchhoff – Nahaufnahme einer Frau, die sich entfernt
Seit fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Dann geht er weg, nach Indien. Sie reist ihm nach, besorgt und wütend. Er: Viktor Goll, genannt Vigo, Leiter einer Denkfabrik für Abrüstung. Sie: Terese Weiler, Kinder- und Jugendtherapeutin. Was sie teilen, ist fast nur noch das Gefühl, aus dem andern jeweils das Schlechteste herauszuholen. Sollen sie zusammen alt werden? Die Frage ist plötzlich unausweichlich. Gehen oder bleiben? In Indien weiß Terese, dass sie Vigo verlassen muss. Als er um eine letzte Chance bittet, antwortet sie: „Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Einmal im Leben.“ Worauf Vigo einen Roman zu schreiben beginnt, erzählt aus der Sicht seiner Frau, ihre ganze gemeinsame Geschichte.
Bodo Kirchhoffs Romane sind ein Gedicht – in Sprache und Erzählung! Zuletzt hat er mich mit „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“ begeistert. Ein Bestseller! Und der nächste folgt sogleich mit „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“. Eine Geschichte über eine Ehe, über die Ehe, die halten soll, ein Leben lang, ohne dass man sich darin verliert. Oder sie, gemäß dem Titel, entfernt. Applaus! Bodo Kirchhoff weiß auch wieder viele weise Sätze zu schreiben, wie: „Alle Liebenden sind eine Gefahr für sich selbst“, oder „Für ihn bedrohte das Leben das Leben, das Begehren die Liebe, der Körper den Geist und das Denken den Wunsch nach Ruhe“, oder auch „Die meisten wollten nicht mal mehr für die Liebe brennen, sie suchten bloß Strohfeuer. Denn für die Liebe braucht es Mumm“. Bodo Kirchhoff ist wieder ein eindrucksvoller Bestseller gelungen, der in 20, 30 oder 40 Jahren als Klassiker unter den Ehe-Romanen gelten wird!
dtv, 572 Seiten; 28,00 Euro
Florian Schroeder – Happy End
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Viele erwarten das Glück, ohne etwas dafür zu tun. Glück als Menschenrecht, vom Arzt verordnet oder vom Staat. Andere streben danach und strampeln sich ab, optimieren sich und erreichen es trotzdem nicht. Florian Schroeder macht sich auf die Suche: Was macht Menschen glücklich und wo bilden sie sich das nur ein? Er besucht ein Life Coaching, einen Kuschelkurs, probiert Drogen und Happiness Apps aus und guckt sich das Glück derer an, für die der Schmerz das große Glück ist. Er nimmt LSD, tauscht Freundschaftsbändchen mit Swifties, tanzt mit einem 80-Jährigen im Berghain und geht mit einem Auswanderer im glücklichsten Land der Welt, in Finnland, in die Sauna. Für Florian Schroeder ist dieses scheinbar private Thema ein hoch politisches. Genau in dieser unvorhersehbaren Weltlage gilt es, sich die Räume des Glücks, des Eskapismus und der Weltflucht, genauer anzuschauen. Vielleicht ist Glück ja auch das, was wir erleben, wenn wir gar nicht dran denken.
Florian Schroeder ist ein politischer Komiker der Extraklasse! Mit seinem neuesten Buch „Happy End“ macht er sich nicht nur Freunde, wie man den vielen harschen Beurteilungen von LeserInnen im Netz entnehmen kann. Was wiederum für das Buch spricht, denn er hat damit wohl einen Nerv getroffen. Ich persönlich fühle mich gut, bin ausgeglichen, mit meinem Leben im reinen, also bin ich glücklich. Doch Florian Schroeder zeigt, dass das alles gar nicht so einfach ist mit dem Glück. Und Glück von außen an einen herangetragen ist teuer, sehr teuer! Es lässt sich unglaublich viel Geld verdienen mit dem Glück der anderen. Dabei könnte man dieses innerliche Wohlbefinden, das man als Glück bezeichnen kann, auch vollkommen umsonst bekommen. Aber das ist nur meine Ansicht, somit wäre auch ich eher ein Feind der tyrannischen Glücksindustrie. Glück kann man nicht kaufen und lässt sich auch nicht einfach so verordnen, denn wenn man die Haus- oder Wohnungstür nach sich schließt, ist man wieder allein mit seinem Empfinden nach dem Glück. Florian Schroeder schreibt viele kluge und natürlich für einen politischen Komiker üblich, sehr zugespitzte Sachen, aber mir ist vieles davon im Gedächtnis geblieben. Hier nur ein Auszug: „Die Glückstyrannen, die sich geschickt als Glücksbringer tarnen, lassen uns wissen, dass wir leider immer noch ungenügend sind – sie holen uns also genau dort ab, wo wir am verletzlichsten sind: an unserem wackeligen, krisengeschüttelten, von Verlusten- und Abstiegsängsten geplagten Selbstbewusstsein.“ Ganz im Stil eines Florian Schroeder habe ich mich mit seinem Buch einerseits köstlich amüsiert, aber er hat mich andererseits auch immer wieder zum Nachdenken gebracht. Eine gelungene Mischung, die Glück verspricht und nach der letzten Seite für ein „Happy End“ sorgt!
dtv, 334 Seiten; 24,00 Euro
Das Kurz-und-Knapp-Trio
Preston & Child
Old Bones – Der Fluch der Wüste
In New Mexikos Badlands, einer bizarr geformten Wüstenregion, wird das Skelett einer Frau gefunden. Offenbar ist sie nackt in die Wüste gelaufen und qualvoll verdurstet. Ihre Hände halten noch immer zwei seltene Artefakte fest. Selbstmord? Oder war die Frau eine Opfergabe? FBI-Agentin Corrie Swanson bittet die Archäologin Nora Kelly um Unterstützung bei dem Fall. Als eine weitere gemarterte Leiche entdeckt wird, deutet alles auf den Beginn einer makabren Serie hin. Die Ermittlungen führen Corrie und Nora in entlegene Canyons und zu Ruinen, von denen es heißt, sie seien verflucht. Dabei stoßen sie auf längst vergessene Rituale – und auf eine uralte, dunkle und bösartige Macht. Einmal aus ihrem Schlaf erweckt, verheißt sie nichts als Zerstörung. FBI-Agentin Corrie Swanson und Archäologin Nora Kelly sind ein geniales Duo! Ihre Fälle haben Klasse, verbinden Wissenschaft mit unheimlichen Elementen. Bestseller-Duo Preston & Child sind mit der „Old-Bones“-Reihe voll in ihrem Element!
Knaur, 395 Seiten, 16,99 Euro
Susanne Heim
Die Abschottung der Welt
In Deutschland drangsaliert und verfolgt, versuchten viele Juden verzweifelt, sich ins Ausland zu retten. Doch potenzielle Zufluchtsstaaten schlossen ihre Grenzen und schotteten sich mit jeder weiteren deutschen Expansion stärker ab. Der Völkerbund und die US-Regierung bemühten sich erfolglos, die Flüchtlingspolitik zu koordinieren: Auf der Konferenz im französischen Évian berieten im Juli 1938 Staaten und Hilfsorganisationen über die Aufnahme von Flüchtlingen – ohne Ergebnis. Die Nazis höhnten, niemand wolle die Juden haben. Da Flüchtlingen eine reguläre Einreise verwehrt blieb, bestiegen sie seeuntüchtige Boote, bezahlten Fluchthelfer und gingen illegale Wege, um sich in Sicherheit zu bringen. Kommen Ihnen diese Bilder bekannt vor? Geschichte wiederholt sich. Ein Dazulernen aus dieser scheint nicht möglich. Ein eindringliches und wichtiges Buch, das schmerzhafte Kerben in die weltweite Flüchtlingspolitik schneidet!
C. H. Beck, 384 Seiten, 34,00 Euro
Grän & Waldenfels
Die Frau, der Ruhm und der Tod
Während sich 1975 die zweite RAF-Generation in Stellung bringt, der Stammheim-Prozess beginnt und Feministinnen auf die Barrikaden steigen, baut Hauptkommissarin Clara Frings die Abteilung „Gewalt gegen Frauen“ auf. Ihr erster Fall: Schlagerstar „Mona Lisa“ stirbt vor laufenden Kameras. Ausgerechnet in der Talkshow von Claras bester Freundin Elfi Mayer. Heile Welt mit harten Bandagen: So stellt sich die Schlagerbranche für Clara Frings dar. Ein zweiter Mord im Milieu wirft neue Fragen auf. Und da ist noch Freund Heinz, der sich in der Fluchthelfer-Szene in Gefahr begibt. Schon der 1. Fall für Clara Frings „Das Fräulein muss sterben“ hat mich begeistert, der 2. Fall „Die Frau, der Ruhm und der Tod“ schließt hier nun nahtlos an! Das Power-Autorinnen-Duo Grän & Waldenfels lassen die 1970er wieder aufleben und das in einem packenden und vielschichtigen Kriminalroman.
Droemer, 320 Seiten, 18,00 Euro








