September 27, 2022

Kolumne 05.09.2022

BuchKolumne 05.09.2022 Nr. 733

Susanna LeonardDian Fossey – Die Forscherin
Lily King Hotel Seattle
Jennifer Egan
– Candy Haus
Donna Leon Ein Leben in Geschichten
Hanna CaspianSchloss Liebenberg – Hinter dem hellen Schein

      Susanna Leonard – Dian Fossey – Die Forscherin

Susanna Leonard_Dian Fossey_Die Forscherin

Kalifornien, 1940. Für die kleine Dian steht früh fest: Sie will einmal mit Tieren arbeiten. Viele Jahre später reist Dian tatsächlich nach Afrika, um dort die bedrohten Berggorillas zu erforschen. In den Nebelwäldern gelingt ihr Bemerkenswertes: der direkte Kontakt zu den scheuen Tieren. Eine einzigartige Freundschaft entsteht, die bald die ganze Welt kennt. Aber nicht nur den Tieren gehört Dians Herz. Als sie dem Fotografen Bob begegnet, verliebt sie sich Hals über Kopf in den verheirateten Mann. Doch je unermüdlicher Dian für die Erhaltung der Gorillas kämpft, desto mehr Feinde schafft sie sich. Bald ist nicht mehr nur das Leben ihrer geliebten Tiere in Gefahr, sondern auch ihr eigenes.

„Gorillas im Nebel“ – was liebe ich diesen Film! Ich habe ihn schon über 50-mal gesehen und bin immer wieder hin und weg – und am Ende tieftraurig. Ich hatte auch viele Jahre lang eine Berggorilla-Patenschaft. Die Tiere, ihr Wesen, und die Sorge um sie berühren mich sehr. Daher war ich sehr gespannt darauf, ob Susanna Leonards Romanbiografie über Dian Fossey meinen hohen Erwartungen standhalten würde. Tut sie. Sie bringt die starke und eigenwillige Persönlichkeit mit vielen interessanten kleinen Geschichten aus ihrem Leben den LeserInnen sehr nahe. Man erfährt viel über ihren Weg vom kleinen Mädchen, zur jungen Frau und dann zur Forscherin. Zudem erfährt man natürlich viel über die Berggorillas und was für wunderbare Tiere sie sind. Kannten Sie Dian Fossey bisher nicht, dann lernen Sie sie mit dieser spannenden und eingängigen Romanbiografie kennen. Und vielleicht verlieben auch Sie sich dann in das Wesen der Berggorillas.

Lübbe, 446 Seiten; 12,99 Euro

    Lily King – Hotel Seattle

Lily King - Hotel Seattle

Eine Vierzehnjährige verknallt sich in einen verheirateten Mann und träumt von der großen Romantik, bis sie erfahren muss, dass Liebe und Lust zwei einander entgegengesetzte Dinge sein können. Ein junger Mann outet sich und verliert daraufhin seinen besten Freund, dessen Unsicherheit in Aggression umschlägt. Eine Frau kämpft damit, die Abweisung ihrer Teenager-Tochter zu ertragen und fühlt sich dabei so einsam wie nie, doch die Verbindung einer Mutter zu ihrem Kind kann so leicht nicht erschüttert werden.

Die Amerikanerin Lily King hat mit „Euphoria“, „Vater des Regens“ und „Writers & Lovers“ drei Roman verfasst, die durchaus Eindruck hinterlassen haben. Nach drei Romanen versucht sie es nun mit einem Buch voller Erzählungen. Und scheitert! Erzählungen sind literarisch sehr dünnes Eis. Entweder man schafft es, in wenig ganz viel zu packen, oder man scheitert eben. Lily King ist das nicht gelungen. Oder nur bei wenigen der zehn Geschichten, die sich auf 240 Seiten verteilen. Die einzelnen Storys sind: „Kreatur“, „Fünf Dinge im Winter“, „In der Dordogne“, „Nordsee“, „Zeitstrahl“, „Hotel Seattle“, „Warten auf Charlie“, „Mansarde“, „Süden“ und „Der Mann an der Tür“. Am besten haben mir „Kreatur“ (die längste Story mit gut 40 Seiten) und „Hotel Seattle“ gefallen. Hier schafft Lily King die Verbindung viel in wenig zu packen und die Storys mit Figuren auszustatten, an denen man hängenbleibt. Obwohl der Grundgedanke der Storys ein sehr guter ist. Sie beschreiben meist das, was uns beschäftigt im Leben, den Alltag, die Liebe, die Leidenschaft, die Trauer. Man bucht im „Hotel Seattle“ nur eine Nacht, einiges daraus bleibt in Erinnerung, das andere verschwindet ganz schnell wieder aus den Gedanken.

C. H. Beck, 249 Seiten; 24,00 Euro

    Jennifer Egan – Candy Haus

Jennifer Egan - Candy Haus

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der charismatische Bix Bouton, Gründer eines atemberaubenden Start-ups in Amerika. Sein Coup ist eine App, die unsere Erinnerungen ins Netz hochlädt. Ein gefährliches Glück, denn die Erinnerungen werden für andere sichtbar. Und da ist Bennie Salazar, Ex-Punk-Rocker, der als Musikproduzent in Luxus driftet und seinen Sohn an die Sucht verliert.

Die Amerikanerin Jennifer Egan wurde bekannt mir ihrem Roman „Der größte Teil der Welt“. 2018 überzeugte sie mit „Manhattan Beach“ Nun ist ihr neuer Roman „Candy Haus“ erschienen. Ein total verrücktes Buch! Im positiven Sinne. Beim Aufschlagen von „Candy Haus“ kann man nicht erahnen, was für eine moderne und abgefahrene literarische Reise da einen erwartet. Jennifer Egan wirft mal alles über den Haufen, wie man eigentlich eine Geschichte aufbauen sollte. „Candy Haus“ fordert einen: lass mich mal machen, ich entführe dich in eine ganz verrückte Welt aus unterschiedlichen Geschichten. Die Menschen stehen dabei immer im Mittelpunkt, auch wenn sie von Computer-, Internet-, ja Matrix-Themen begleitet werden. Entweder man wird als LeserIn BewohnerIn von „Candy Haus“ und geht voll darin auf oder man verzweifelt komplett an Jennifer Egans literarischen Kosmos.

S. Fischer, 415 Seiten; 26,00 Euro

    Donna Leon – Ein Leben in Geschichten

Donna Leon - Ein Leben in Geschichten

Donna Leon hat viel erlebt, in Amerika, dem Iran, Saudi-Arabien, Italien natürlich oder in der Schweiz. Kaum aber passiert ihr ein Abenteuer, wird auch schon eine spannende Geschichte daraus. Sie erzählt uns von ihrer Jugend auf der Farm und von Sperrstunden-Pyjamapartys im Iran, Geldnot und einem Fiat 600. Davon, wie sie als ´“Anstandsdame“ nach Italien kam, von der Jagd nach dem perfekten Cappuccino und kleinen Wundern in den Bergen.

Donna Leon, Venedig, Commissario Brunetti, aus dem deutschen Buchmarkt nicht wegzudenken! Doch für immer wird Brunetti nicht ermitteln können, und so blickt die Autorin Donna Leon auf ihr Leben zurück in „Ein Leben aus Geschichten“. Ein sehr interessanter und persönlicher Einblick in das Leben der Star-Autorin. Die Hauptkapitel sind: „Amerika“ (hier u. a. Meine Familie’, ‘Halloween’, ‘Erster Schultag’, ‘Wunderbare Wörterwelt’ und ‘Mein Tomatenreich’)“, „On the Road ( hier u. a. ‘Drugs, Sex and Rock ‘n’ Roll’, und ‘Gelegenheitsjob’)“, „Italien (hier u. a. ‘Italia, ti amo’, ‘Der perfekte Cappuccino’, ‘Wagner’, ‘Clausewitz auf dem Radio’, ‘Gondola’ und ‘Invasion der Kreuzfahrer’)“ und „In den Bergen (hier u. a. ‘Andere Länder, andere Sitten’, ‘Bienen’, ‘Im Fliederrausch’, ‘Mit Miss Austen zum Tee’ und ‘Mag ich, mag ich nicht’)“. Donna Leon gewährt sehr pointierte Einblicke in ihr vielseitiges Leben! Einen kleinen Kritikpunkt gibt es aber doch: Eine Frau, die so viel erlebt und zu erzählen hat, schafft es dann doch nur gut 180 Seiten mit ihrem Leben zu füllen. Mehr Tiefe, Dichte und Breite in ihren Erzählungen hätte ihre LeserInnen sicher gefreut.

Diogenes, 186 Seiten; 22,00 Euro

    Hanna Caspian – Schloss Liebenberg – Hinter dem hellen Schein

Schloss Liebenberg – Hinter dem hellen Schein

Die 18-jährige Adelheid, Tochter eines Tagelöhners, soll auf Schloss Liebenberg als Stubenmädchen anfangen. Niemals hätte sie sich so ein Glück träumen lassen, denn nun kann sie für ihre hungernde Familie sorgen. Außerdem darf sie mit Viktor, einem der Diener, zusammenarbeiten, zu dem sie sich vom ersten Moment an hingezogen fühlt. Doch ihr Glück dauert nicht lange an, denn es ruft Neider auf den Plan, die das unschuldige Mädchen in eine Falle locken. Adelheid wird zum Hausmädchen degradiert und muss nun mit der erfahrenen Hedda Pietsch zusammen in einer kleinen Stube wohnen. Die beiden jungen Frauen werden zu Freundinnen in höchster Not – und zu Zeuginnen eines der größten Skandale des deutschen Kaiserreichs.

Hanna Caspian hat mit „Gut Greifenau“ eine so prächtige und große Saga erschaffen! Eine Saga, die hätte immer weitergehen dürfen. Doch Hanna Caspian macht sich auf zu neuen Ufern. Eine neue Saga nimmt ihren Anfang. Die LeserInnen dürfen eintreten in „Schloss Liebenberg“. Schon nach Band 1 „Hinter dem hellen Schein“ spürt man die Magie, wie Hanna Caspian ihre Geschichten erzählt. Und man weiß, „Schloss Liebenberg“ möchte man auch nicht mehr verlassen, wie zuvor „Gut Greifenau“. Wieder schafft Hanna Caspian unverwechselbare Charaktere und setzt sie in ein Setting, das man spannend aufsaugt. Der nächste Band wird dringend erwartet!

Knaur, 427 Seiten; 12,99 Euro