Oktober 24, 2020

Kolumne 21.09.2020 Nr. 631

BuchKolumne 21.09.2020 Nr. 631

Amelie Fried – Die Spur des Schweigens
Chris McGeorge – Der Tunnel
Demi Moore – Inside Out: Mein Leben
Isabella Hammad– Der Fremde aus Paris
Dan Jones – Spiel der Könige

Amelie Fried – Die Spur des Schweigens

Journalistin Julia schlägt sich mühsam als freie Schreiberin durch und träumt von der großen, investigativen Story. Sie erhält einen Hinweis auf mögliche sexuelle Übergriffe in einem renommierten Forschungsinstitut. Der Me-too-Debatte überdrüssig, geht sie dem Verdacht zunächst nur halbherzig nach. Als sich aber die erste Betroffene bei ihr meldet und Julia den attraktiven Hauptverdächtigen kennenlernt, ist ihr Reporterinnen-Instinkt geweckt. Am Institut stößt sie auf ein gefährliches Gemisch aus Machtmissbrauch, Schweigen und Vertuschung – und auf eine schockierende Verbindung zu ihrem Bruder Robert, der zwölf Jahre zuvor spurlos verschwunden ist. Plötzlich muss Julia sich unangenehme Fragen stellen: Was hat Robert mit dem Selbstmord einer chinesischen Doktorandin zu tun? Und warum wurde seine Leiche nie gefunden?

Ein Buch von Amelie Fried ist immer verbunden mit hohem Unterhaltungswert! Ihre Romane sind immer am Puls der Zeit und unheimlich fesselnd. Mit einem Roman von Amelie Fried kann man nie etwas falsch machen! „Die Spur des Schweigens“ beginnt langsam, man lernt die querdenkende Journalistin Julia kennen, das Verhältnis zu ihrem verschwundenen Bruder, bevor die Story immer mehr an Fahrt gewinnt. Amelie Fried nimmt sich dem Thema Machtmissbrauch an. Die Macht, die man hat, die Stellung, die man genießt, dafür zu benutzen um andere, vorwiegend Frauen, zu nötigen und zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Es bleibt meist nur eine Spur des Schweigens für die Frauen um nicht ihre ganze Zukunft zu ruinieren. Ungeheuer fesselnd erzählt mit einer weiblichen Hauptfigur, die weit weg ist vom Weichspüler-Mainstream.

Heyne, 493 Seiten; 22,00 Euro

Chris McGeorge – Der Tunnel

Sechs junge Leute, seit Jahren beste Freunde, fahren mit dem Boot in Englands längsten Kanal-Tunnel: ein echtes Abenteuer in beklemmender Dunkelheit. Als das Boot nach über zwei Stunden am anderen Ende des Standedge-Tunnels wiederauftaucht, sind fünf der Freunde verschwunden. Der sechste, Matthew, ist bewusstlos. Natürlich behauptet Matthew, nicht zu wissen, was sich in der Finsternis des Tunnels zugetragen hat. Doch niemand kennt Standedge so gut wie er, der dort Führungen für Touristen anbietet. Und möglicherweise war die Freundschaft der sechs schon längst nicht mehr so unschuldig wie zu Kindertagen.

Der Engländer Chris McGeorge konnte mich mit seinem Debütthriller „Escape Room“ begeistern – ein Miträtsel-Thriller mit hoher Spannungsdichte. Und auch sein zweiter Thriller „Der Tunnel“ hörte sich beängstigend gut an. Ist er in Teilen auch, vor allem die starken Wendungen haben mir wie schon bei dem Vorgänger sehr gut gefallen. Doch was mit fehlt ist dieses düstere Flair des Tunnels. Der Tunnel kommt zu kurz in der Geschichte. Da hätte man viel mehr daraus machen können. Die einzelnen Charaktere konnten mich auch nicht alle überzeugen. Und auch schweift der Autor in eine Richtung ab, die die Geschichte nicht besser gemacht hat. Trotzdem: „Der Tunnel“ ist ein Gänsehaut-Thriller mit Überraschungseffekten! Wenn man manche Dinge ausblendete beim Lesen, kommt man trotzdem auf seine Kosten.

Knaur, 343 Seiten; 14,99 Euro

Demi Moore – Inside Out: Mein Leben

Demi Moore ist seit Jahrzehnten ein Synonym für legendäre Filmrollen. Doch obwohl sie im Laufe ihrer Karriere zu einer der bestbezahltesten Schauspielerinnen in Hollywood wurde, kämpfte sie stets mit Zweifeln und Unsicherheiten, Sucht und Körperbildproblemen. Zuletzt machte sie vor allem durch Negativschlagzeilen über ihre Alkoholabhängigkeit und ihre Beziehung mit Asthon Kutcher von sich reden. Mit knapp 50 steht sie schließlich vor einem beruflichen und privaten Scherbenhaufen und leidet an gesundheitlichen Problemen. Wie konnte das passieren?

Ich bin mit Demi Moore aufgewachsen. Ihre Filme, vor allem in den 1990igern, waren meist Kinomagneten und haben auch mich begeistert. Umso gespannter war ich, was sie von ihrem Leben zu erzählen hat. Sie hatte eine Kindheit, die von unfähigen Eltern geprägt war, und in der sie schon viel zu früh selbst Verantwortung für alles übernehmen musste. Alle paar Monate zogen ihre Eltern bzw. ihre Mutter mit ihr um, Selbstmordversuche der Mutter, später lernte sie kurze Zeit Natascha Kinski kennen, erste Gedanken an die Schauspielerei wurden wach, mit 15 wurde sie vergewaltigt und schwieg, als sie als Schauspielerin richtig Fuß zu fassen begann, startet auch ihre Alkohol- und Drogensucht, ihre zahlreiche Beziehung bis hin zu Emilio Estevez und dann der Ehe mit Bruce Willis, dem Vater ihrer Kinder, und der mit Ashton Kutcher. Viel hat sie erlebt, sehr viel, aber sich selbst lieben gelernt hat Demi Moore erst sehr spät. Sie hat ihr Leben temporeich verfasst. Manchmal hätte aber etwas mehr Tiefe bei dem einen oder anderen Erlebnis nicht geschadet. Ich denke, 150 Seiten mehr hätte man locker hinzufügen können, ohne dass Spannung und Tempo eingebüßt worden wären. „Inside Out“ – der Titel ist Programm! Demi Moore lässt tief in ihr Leben und ihre Seele blicken und gewährt so einen ungeschönten und wahren Blick auf sich. Es ist ein Buch, das auch tief berührt, der Blick auf ihre Filme und Hollywood ist eher kurz geraten, aber umso mehr erzählt sie von den harten Zeiten in ihrem Leben. Demi Moore war einst ein Kinomagnet, nun ist ihr Buch über ihr Leben ein Lesemagnet!

Goldmann, 336 Seiten; 17,00 Euro

Isabella Hammad – Der Fremde aus Paris

Charles de Gaulle Montpellier, zu Beginn des Ersten Weltkriegs: Als der junge Palästinenser Midhat von Bord eines Dampfers aus Alexandria geht, ist das für ihn der Aufbruch in eine strahlende Zukunft. Begierig wirft er sich in sein Medizinstudium, saugt die französische Kultur auf, verliebt sich in die emanzipierte Jeannette. Doch in den vom Krieg aufgeschreckten bürgerlichen Salons bleibt Midhat ein Fremder – und muss lernen, wie zerbrechlich alles ist: aus Freunden werden Feinde, aus Liebe wird Verrat. Er flüchtet sich in das exzessive Treiben in Paris und von dort zurück in die strenge väterliche Obhut nach Palästina. Doch auch aus seiner Heimat ist im Streben um Unabhängigkeit mittlerweile ein Pulverfass geworden.

„Der Fremde aus Paris“ ist der Debütroman der jungen Isabella Hammad, die in London und New York lebt. Die Geschichte ist angelehnt an die ihres eigenen Urgroßvaters. Man atmet förmlich die Zeit von damals ein, so sehr lässt einen Isabella Hammad in die Atmosphäre eintauchen. Midhat ist ein besonderer Charakter. Mit ihm geht man auf die Zeitreise von den 1910er bis in die 1930er Jahre und erlebt nicht nur das Paris, das Frankreich von damals, sondern erfährt auch viel über Palästina, die muslimische Kultur und die kriegerischen Auseinandersetzungen von Muslimen und Juden. „Der Fremde aus Paris“ – fesselnd, detailreich, dramatisch. Ein Gesellschafts- und Liebesroman, der seine Schatten bis in die Gegenwart wirft! Wobei die Liebe am Ende doch etwas zu kurz kommt.

Luchterhand, 736 Seiten; 24,00 Euro

Dan Jones – Spiel der Könige

Klug, brutal und machtbewusst: Das Haus Plantagenet herrschte vom Ende der normannischen Könige über die Zeit der Kreuzzüge und des Schwarzen Todes bis zum Beginn des Hundertjährigen Krieges über England und halb Frankreich. Eleonore von Aquitanien, die berühmteste Frau des Mittelalters, war gleich zweimal Königin. Richard Löwenherz zog in den heiligen Krieg gegen Sultan Saladin. Unter seinem hinterhältigen Bruder Johann Ohneland entstand die Magna Carta, die bis heute Teil der britischen Verfassung ist. Und unter Heinrich III. trat zum ersten Mal das englische Parlament zusammen. Der letzte König der Hauptlinie der Dynastie, Richard II., war die Vorlage für Shakespeares gleichnamiges Drama, ein Förderer der Künste und ein politischer Versager.

Der schicke Brite Dan Jones, Historiker und Journalist, hatte 2019 mit „Die Templer“ bereits einen ganz starken Auftritt. Nun lässt C. H. Beck ein Frühwerk aus dem Jahr 2012 folgen, „Spiel der Könige“. Das als reales „Game of Thrones“ angesehen wird. Und dies kann man nur bestätigen. Dan Jones selbst schreibt, er hätte viel intensiver und länger über die Plantagenets schreiben können. Er aber wollte ein Buch, das man auch noch in den Händen halten kann. Und das „Spiel der Könige“ werden Sie sicher nicht aus der Hand legen, bevor sie alles über die Plantagenets erfahren haben. Eine historische Geschichte, fesselnd präsentiert wie eine Netflix-Serie! Dan Jones lässt eine Dynastie lebendig werden, die wie keine andere Stoff für Sagen, Legenden und Dramen geboten hat, deren Erbe aber bis heute höchst real ist.

C. H. Beck, 686 Seiten; 29,95 Euro