Mai 27, 2020

Kolumne 13.04.2020

BuchKolumne der Woche vom 13.04.2020 – Nr.608

Bei denglers-buchkritik.de kannst Du jeden Montag neue Rezensionen und Buchkritiken lesen und Dir Tipps und Anregungen für neuen Lesestoff holen – egal ob Roman, Krimi, Science-Fiction oder Thriller.

John GrishamDie Wächter

Daumen hoch grün
die-waechter

In Seabrook, Florida wird der junge Anwalt Keith Russo erschossen. Der Mörder hinterlässt keine Spuren. Es gibt keine Zeugen, keine Verdächtigen, kein Motiv. Trotzdem wird Quincy Miller verhaftet, ein junger Afroamerikaner, der früher zu den Klienten des Anwalts zählte. Miller wird zum Tode verurteilt und sitzt 22 Jahre im Gefängnis. Dann schreibt er einen Brief an die Guardian Ministries, einen Zusammenschluss von Anwälten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, unschuldig Verurteilte zu rehabilitieren. Cullen Post übernimmt seinen Fall. Er ahnt nicht, dass er sich damit in Lebensgefahr begibt.

John Grisham kann es immer noch – einen Thriller über das amerikanische Rechtssystem schreiben, der mit tiefen Einblicken zu überzeugen weiß und bei dem die Spannung nie verloren geht. Wenn ich in den USA leben würde, und ich es nicht schon wissen würde, wie das Recht dort allzu oft mit Füßen getreten wird, dann würde mir dieser Roman richtig große Angst machen. Da könnte man dann gar von einem ganz realen Horrorroman sprechen. Polizisten, Richter, Staatsanwälte, alle können es passend gegen einen auslegen, und wenn man in diesem Rechtssystem erst einmal drinnen ist, gibt es kaum mehr ein Entrinnen. Und am Ende kommen noch zahlreiche privatisierte Gefängnisse, die oft alles noch schlimmer machen. Mit „Die Wächter“ wandelt John Grisham auf den Spuren seiner ganz großen Bestseller aus der Anfangszeit seiner beeindruckenden Schriftstellerkarriere!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Random House Audio. Das Dreamteam Grisham/Brauer wieder im Hörbucheinsatz! Perfekt, wie nicht anders zu erwarten. 24,00 Euro.

Heyne, 447 Seiten; 24,00 Euro

Sasha FilipenkoRote Kreuze

Alexander ist ein junger Mann, dessen Leben brutal entzweigerissen wurde. Tatjana Alexejewna ist über neunzig und immer vergesslicher. Die alte Dame erzählt ihrem neuen Nachbarn ihre Lebensgeschichte, die das ganze russische 20. Jahrhundert mit all seinen Schrecken umspannt. Nach und nach erkennen die beiden ineinander das eigene gebrochene Herz wieder und schließen eine unerwartete Freundschaft, einen Pakt gegen das Vergessen.

Eine Geschichte mit Licht und Schatten! Die Thematik, derer sich der junge weißrussische Autor Sasha Filipenko annimmt ist bedrückend und es wert gelesen und gefühlt zu werden. Aber das mit dem Fühlen ist Sasha Filipenko nicht ausreichend gelungen. Weder bekam ich einen richtigen Zugang zu den Figuren, noch schafft er es, die schrecklichen Ereignisse so zu vermitteln, dass sie einem auch richtig nahekommen. Es bleibt an der Oberfläche. Und auch die oft konfuse Erzählweise, ein guter Lektor wäre hier dringend nötig gewesen, machen den Text nicht einfacher. „Rote Kreuze“ bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Diogenes, 281 Seiten; 22,00 Euro

Dora HeldtMathilda oder Irgendwer stirbt immer

Dora Heldt_ Mathilda

Mathilda liebt ihr Dorf Dettebüll in Nordfriesland, seine Einwohner und ihre Familie. Bis auf Ilse, ihre Mutter. Ilse ist – im Gegensatz zu Mathilda – eine Ausgeburt an Boshaftigkeit und Niedertracht. Veränderungen sind Mathilda ein Gräuel, und so kämpft sie seit vierzig Jahren um Harmonie in der Familie. Doch dann gerät Mathilda und mit ihr ganz Dettebüll in einen Strudel von Ereignissen, die den Frieden in ihrem Dorf gründlich aus den Angeln heben: Dubiose Männer in dunklen Anzügen interessieren sich plötzlich für die endlosen Wiesen von Dettebüll. Unruhe macht sich breit unter der Dorfbevölkerung. Und noch bevor Mathilda sich auf all das einen Reim machen kann, gibt es die erste Tote: Ilse kommt bei einem tragischen Unfall ums Leben. Und sie wird nicht die einzige Tote bleiben.

Dora Heldt, Deutschlands Bestseller-Autorin Nummer eins, kann es auch spannend, warmherzig und humorvoll, der Beweis dafür: „Mathilda oder Irgendwer stirbt immer“. Nicht ihr erster Roman wo sie diesen Genremix überzeugend vermittelt. „Böse Leute“ und „Wir sind die Guten“ waren schon sehr erfolgreich. In Mathilda und die Bewohner von Dettebüll verliebt man sich geradezu, so schön ausgestaltete hat Dora Heldt ihre Charaktere. „Mathilda und Irgendwer stirbt immer“ verspricht wieder eines ganz gewiss: sehr gute Unterhaltung und entspannte Lesestunden!

dtv, 464 Seiten; 16,90 Euro

Markus Heitz Die Meisterin – Der Beginn

Die Meisterin – Der Beginn

Seit Jahrhunderten bemüht sich die Heilerin Geneve Cornelius um Neutralität in der ewigen Fehde ihrer Familie mit der Scharfrichter-Dynastie der Bugattis. Doch dann wird ihr Bruder im Hinterhof eines Londoner Pubs brutal enthauptet. Ein Racheakt, der den uralten Zwist zwischen den Scharfrichter-Familien Bugatti und Cornelius anfachen soll – so scheint es zumindest. Denn zur gleichen Zeit häufen sich in Geneves Heimatstadt Leipzig unheimliche Vorfälle. Die Anderswelt mit ihren mystischen Kreaturen ist in Aufruhr. Die unsterbliche Heilerin ahnt, dass ihr eine schwere Entscheidung bevorsteht.

Markus Heitz setzt seine Leser wieder unter Feuer! „Die Meisterin“ – höllisch spannend mit vielen teuflisch guten Ideen. Markus Heitz packt wieder sein ganzes schriftstellerisches Repertoire aus. Er ist einer der deutschen Fantasy-Autoren der ersten Stunde und hat sich spätestens mit seiner „Zwergen“-Saga unsterblich gemacht. „Die Meisterin“ ist ein sehr vielversprechender Auftakt – die Fortsetzung wird schnellstens erwartet!

Knaur, 480 Seiten; 14,99 Euro

Ingrid Noll – In Liebe Dein Karl

Die ganze Palette der Ingrid Noll in Kurzgeschichten: ihr krimineller Witz, ihre warmherzige Lebenserfahrung, ihre bodenständige Beobachtungsgabe. Ein Brief an ihre verstorbene Mutter, die Rolle ihres Vaters. Wie sie sich in ihr Enkelkind verliebte. Ihre Kindheit in China. Wie sie sich ihre letzten 24 Stunden wünschen würde und was sie am Altwerden nervt.

Ingrid Noll, die Altmeisterin des deutschen Kriminalromans, gibt sich wieder die Ehre! Mit ihren letzten Romanen konnte sie mich nicht überzeugen, zu uninspiriert und mit zu wenig Spannung. Mit ihrem neuen Buch „In Liebe Dein Karl“ widmet sie sich nun der Kurzgeschichte – und das ist ihr richtig gut gelungen! Fast jede Geschichte bringt Überraschendes hervor und weiß zu unterhalten. Und die persönlichen Erzählungen bringen Ingrid Noll dem Leser näher. Ein Buch, das am Ende ganz anders ist, als man es erwartet!

Diogenes, 323 Seiten; 24,00 Euro