Juli 13, 2020

Kolumne 04.05.2020

BuchKolumne 4.05.2020 Nr. 611

Bei denglers-buchkritik.de kannst Du jeden Montag neue Rezensionen und Buchkritiken lesen und Dir Tipps und Anregungen für neuen Lesestoff holen – egal ob Roman, Krimi, Science-Fiction oder Thriller.

Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Es ist Zeit für die Wahrheit! Ein Schriftsteller, er heißt Eshkol Nevo, beantwortet eine Reihe von Leserfragen. Eine Aufgabe, die er sonst mit Routine erledigt. Aber das Leben dieses Mannes ist aus den Fugen geraten: Seine Ehe droht in die Brüche zu gehen, seine Tochter distanziert sich von ihm, eine politisch fragwürdige Auftragsarbeit beschädigt seinen Ruf, sein bester Freund liegt im Sterben. Zum ersten Mal blickt er ehrlich und schonungslos auf sein Leben. Es ist Zeit für die erhellende, traurige, nackte Wahrheit – über Liebe, Familie, Freundschaft. Über sich selbst.

Ein ganz außergewöhnlicher Roman! Der israelische Autor Eshkol Nevo geht in „Die Wahrheit ist“ das Wagnis ein, einen Roman zu schreiben, der durchgängig als eine Art Interview geführt wird. Daran muss man sich als Leser erstmal gewöhnen, doch das geschieht ganz schnell, denn das, was der Autor im Buch von seinem Leben zu erzählen hat, lässt es nicht zu, nicht immer weiterlesen zu wollen. Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass die meisten Antworten des Fragenkatalogs nicht mit 2 -3 Sätzen beantwortet werden, was normal wäre, sondern jeweils auf mehreren Seiten. Daher weicht der Roman von einem „normalen“ Interview dann doch schon sehr weit ab. Egal. Denn was der Schriftsteller von seinem Leben, der Liebe, von Familie und Freundschaft, seinem Land und seiner Arbeit zu berichten hat ist durchgängig spannend zu lesen.

dtv, 430 Seiten; 22,00 Euro

Matthias Platzek – Wir brauchen eine neue Ostpolitik

Charlie Berg hat ein schwaches Herz und die feine Nase eines Hundes. Das einzige, was ihn seine Eltern gelehrt haben: Zwei Künstler sollten nie Kinder bekommen! Es sind die frühen 90er, Charlie will ausziehen, nicht mehr der Depp der Familie sein, der alles zusammenhält, während Mutter am Theater die Welt verstört und Vater wochenlang bekifft im Aufnahmestudio sitzt. Die Zivistelle im Leuchtturm ist zum Greifen nah – da läuft alles aus dem Ruder: Auf der Jagd mit Opa trifft ein Schuss nicht nur den Hirsch, sondern auch Opa. Und Charlies heimliche große Liebe Mayra, seine Videobrieffreundin aus Mexiko? Hat nichts Besseres zu tun, als den Ganoven Ramón zu heiraten.

Auf dieses Buch hatte ich mich sehr gefreut! Die Beschreibung zum Buch klang richtig gut. Ich erwartete einen Roman im Stil der jungen amerikanischen Autoren, die in diesen breitgefächerten Romanen oft sehr gute Werke abliefern. Zudem war das Cover einladend und auch der Titel machte neugierig. Es war angerichtet für eine große Geschichte mit über 700 Seiten, die mich in ihren Bann ziehen würde. Dachte ich. Doch Sebastian Stuertz, animiert hauptberuflich Grafiken für Film und Fernsehen, hat mit „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ einen fast durchgängig langweiligen Roman geschrieben. Vom richtigen Aufbau eines Romans hat Sebastian Stuertz leider keine Ahnung. Er hat Figuren entworfen, die es durchaus wert sind, erkundet zu werden, aber sie bewegen sich in einer Geschichte mit so vielen Belanglosigkeiten und ohne durchgängigen Spannungsaufbau.

Propyläen, 254 Seiten; 22,00 Euro

Noah Martin: Raffael – Das Lächeln der Madonna

Raffael Sanzio gilt schon mit zwanzig Jahren als neuer Stern am Himmel der Renaissance. Doch es sind unruhige Zeiten in den italienischen Stadtstaaten. Der Maler führt ein rastloses Leben, lernt Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci kennen, verliebt sich in die junge Bäckerin Margherita Luti und ist doch ständig auf der Flucht vor den Mächtigen. Als Papst Julius II. ihn nach Rom ruft, um seine Gemächer neu zu gestalten, verstrickt Raffael sich immer tiefer in die Machtkämpfe einer der blutigsten, spannendsten und faszinierendsten Epochen der europäischen Geschichte.

Ein historischer Roman, bei dem keine Sekunde Langeweile aufkommt! Noah Martin schafft es mit Detailtreue zu überzeugen, genauso wie mit lebendigen Figuren und einem hohen Maß an Spannung! Man lernt das Genie Raffael genauso gut kennen wie die Epoche der Renaissance. Aber dabei belässt er es nicht. Der Roman hat noch eine zweite Erzählebene, in der Cesare Borgias brutale Eroberungspolitik eine gewichtige Rolle spielt. Noah Martin ist mit diesem Roman ein Geniestreich gelungen! Er schildert darin die Jahre von 1492 bis 1520. Und in diesem großen Zeitrahmen lässt er auch viel passieren. „Raffael – Das Lächeln der Madonna“ zaubert dem Leser ein Lächeln aufs Gesicht, weil er so gut unterhalten wird!

Droemer, 640 Seiten; 22,00 Euro

Steven Levy: Facebook – Weltmacht am Abgrund

Vom Start-up zur Weltmacht: Die dramatische Firmengeschichte von Facebook zeigt, wie aus dem Konzern das international einflussreiche Tech-Imperium werden konnte, von dem es heute heißt, es bedrohe die Demokratie. Das sich gegen immer lautere Stimmen behaupten muss, die fordern, der Konzern habe zu viel Einfluss und gehöre zerschlagen. Das mit über 1,7 Milliarden täglichen Zugriffen von weltweiten Nutzern über enorme Daten-Vorräte und eine Macht verfügt, die ihresgleichen sucht. Eine Macht, für die der Konzern heute immer deutlicher zur Rechenschaft gezogen wird.

Wer schon immer einmal wissen wollte, wie Facebook mit seinen bekannten Diensten WhatsApp und Instagram zu einem der einflussreichsten Unternehmen der Welt wurde, dem sei das Buch von Steven Levy mit Nachdruck empfohlen! Der Journalist blickt auf die Geschichte des Unternehmens und seinen Lenker Mark Zuckerberg und die umtriebige Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, gewährt einen tiefen Einblick in die Konzernstruktur und erzählt wie Facebook im letzten Jahrzehnt die Welt verändert hat. Spannend, informativ und tiefgründig. Ein Meilenstein!

Droemer, 687 Seiten; 26,00 Euro

Alexandra Cedrino – Die Galerie am Potsdamer Platz

Die junge Kunststudentin Alice zieht nach dem Tod ihrer Mutter in die Hauptstadt. Sie sucht Anschluss an ihre Familie, einstmals angesehene Kunsthändler, die sie nie kennengelernt hat. In der pulsierenden Kunstszene Berlins fühlt sie sich sofort zu Hause und entdeckt bald ihr Talent als Fotografin. Und sie verliebt sich in den Deutsch-Iren John. Trotz der Widerstände ihrer Großmutter plant sie gemeinsam mit ihren Onkeln, die einst legendäre Galerie der Familie am Potsdamer Platz wiederzueröffnen. Dabei begegnet sie dem Kunstkenner Erik, Erbe einer spektakulären Kunstsammlung. Doch ist er wirklich daran interessiert, ihr zu helfen? Es sind unruhige Zeiten, und der Aufstieg der Nationalsozialisten droht bald ihre Liebe, die Galerie und ihre gesamte Familie in den Abgrund zu reißen.

Alexandra Cedrino stammt aus der Kunsthändler-Familie Gurlitt. Sie wuchs zwischen Bildern und Büchern auf. Diese Leidenschaft und diese Kenntnis lässt sie auch in ihrem Debütroman „Die Galerie am Potsdamer Platz“ einfließen. Der erste Teil einer Trilogie. An Alice Waldmanns Weg hängt man sich schnell dran. Der Autorin gelingt es auch gut, dass Berlin der 1930er einzufangen. An was es etwas fehlt ist die Spannung und die Klarheit, aber da es der Debütroman und der erste Teil der Trilogie ist, ist hier noch genügend Entwicklungspotenzial. Und das gibt die Geschichte her. Die kann man in den nächsten beiden Bänden richtig tiefgehend und spannend ausbauen. Mal schauen, ob das Alexandra Cedrino gelingt. „Die Galerie am Potsdamer Platz“ ist einen Lesebesuch wert!

HarperCollins, 382 Seiten; 20,00 Euro