November 28, 2022

Kolumne vom 19.9.2016

Kolumne vom 19.09.2016 – Nr. 422


Edgar Rai

daumen rauf

Etwas bleibt immer

Etwas bleibt immer

Spätsommer an der Côte d’Azur, eine verwaiste Luxusvilla am Meer und der junge Housesitter Nino, der nicht ohne Grund die Einsamkeit sucht – doch dann kündigen sich kurzfristig die Hausherren Ralf und Bettina Breuer an. Sie wollen ihren Jahresurlaub dort verbringen. Das bringt den jungen Mann aus dem Gleichgewicht, denn er ist nicht alleine, in ihm wohnt noch eine Person. Und die übernimmt immer wieder sein Handeln. Dann setzt sich Frau Breuer auch noch in den Kopf, Nino zu verführen und sie will Sex mit ihm haben. Als dann auch noch weitere Gäste, ein Ehepaar, in der Villa eintreffen, wird alles noch komplizierter.

„Etwas bleibt immer“ hat starke Anleihen an das großartige Film-Meisterwerk „Der Swimmingpool“ mit Romy Schneider und Alain Delon. Edgar Rai baut diese Geschichte aber dann doch um einige Bausteine um. Die Figuren und die Story sind verändert, aber die Geschichte spielt auch in Frankreich. Manch einer wird sagen, da hat der Autor aber gut kopiert, aber ich finde, er erzählt eine ganz neue Geschichte, auch wenn ich auf jeder fünften Seite „Der Swimmingpool“ vor Augen hatte. Mich hat „Etwas bleibt immer“ sehr angesprochen. Die Spannung baut sich ganz langsam auf, kommt dann in der zweiten Hälfte des Buches so richtig zum laufen. Der Roman ist auch ein intelligentes Psychogram einer schizophrenen Persönlichkeit.

Berlin Verlag, 222 Seiten; 18,00 Euro


Katja Kessler

daumen runter

Das muss Liebe sein

Das muss Liebe seinWer heute in Deutschland vor den Traualtar tritt, wird mit 35-prozentiger Wahrscheinlichkeit in den nächsten 25 Jahren geschieden. Nur mal angenommen, Sie gingen zu Douglas, dort gäbe es eine Zaubercreme gegen Falten. Allerdings würde die Verkäuferin Sie warnen: “Diese Creme macht mit 35-prozentiger Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen in den nächsten 25 Jahre die Nase abfällt.” Würden Sie diese Creme dennoch kaufen? Ganz bestimmt nicht! Werden Sie mit dem gleichen Risiko dem Mann, den Sie lieben, das Jawort geben? Ganz bestimmt! Gratulation. Richtig so! Verlobt, verliebt, verheiratet – und dann? Die Autorin denkt, dass sie Bescheid weiß.

Ein leidliches Buch über die Liebe und die Ehe. Katja Kessler will immer so gezwungen lustig sein, dass das dann oft schon lächerlich ist. Aber wirklich zum lachen ist das nicht. Die eine oder andere Weisheit einer normalen Ehe gibt es dann tatsächlich noch in dem Buch, und dazu ein paar Statistiken zur Ehe, aber das war’s dann auch. „Das muss Liebe sein“ ist eine sehr subjektive Betrachtung der Ehe und auf keinen Fall eine, die man ernst nehmen kann. Ein Satz zeigt eigentlich den ganzen Wert des Buches: „Ein Störfaktor in der Ehe und der größte Schmerz überhaupt heißt: Mann.“ Frau Kessler würde sich am liebsten selbst heiraten, weil sie so toll, und ihr Mann so scheiße ist. Was soll man dazu noch sagen? Das Buch ist also nicht witzig und hat auch sonst keine große Werthaltigkeit. Ja, wenn man das betrachtet bleibt nicht mehr viel übrig von den 352 Seiten.

Lübbe, 352 Seiten; 14,99 Euro


Arne Dahl

daumen rauf

Sieben minus eins

Sieben minus eins Als er die Blutspuren in dem labyrinthischen Kellerverlies findet, ist sich Kriminalkommissar Sam Berger sicher: Das unerklärliche Verschwinden der jungen Frau steht mit früheren Fällen in Verbindung, es muss weitere Opfer desselben Täters geben. Nur fehlt von denen jede Spur. Mit seiner waghalsigen Theorie von einem Serientäter steht Sam Berger alleine da und gerät bald von mehreren Seiten unter Beschuss. Allan Gudmundsson, sein Chef, hat wenig Verständnis für Bergers riskante Alleingänge und droht, ihn zu feuern. Dann entdeckt Sam Berger Spuren. Spuren, die nur er lesen kann, gelegt von einem Menschen, der ihn allzu gut zu kennen scheint.

Arne Dahl ist einer DER europäischen Top-Thriller-und-Krimiautoren! Und das nun schon seit über einem Jahrzehnt. Ein Bestseller folgt dem nächsten. Nun legt er mit „Sieben minus eins“ eine neue Krimi-Serie um das Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom vor. „Sieben minus eins“ ist ein fein ausgearbeiteter psychologischer Kriminalroman, eher doch ein Thriller, der nicht mit Schauwerten des Genres geizt! Sam Berger ist ein Ermittler mit Ecken und Kanten, mit nicht zu wenigen, daher stößt man sich als Leser auch immer wieder an ihm, lässt ihn aber nie fallen. Molly Blom bietet auch Interessantes, aber Berger steht im Vordergrund. Das Ermittlerduo macht Lust auf mehr.

Piper, 414 Seiten; 16,99 Euro


Hugo Claus

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Der Kummer von Belgien

Der Kummer von BelgienBelgien ist zur Zeit des Zweiten Weltkriegs weniger ein Land denn ein Zustand, in dem sich auch der kleine Louis wiederfindet. Mit drei Mitschülern hat er einen Geheimbund geschlossen, in dem sie verbotene Bücher lesen, bis ihn seine Mutter nach dem deutschen Überfall auf Polen aus dem Internat nach Hause holt. Sein Zuhause, das sind die Gassen um den Grote Markt, die väterliche Druckerei und vor allem der Familientratsch am Küchentisch. Jede Denunziation, jede opportunistische Versuchung, sich mit den »Germanen« gegen die Wallonen zu verbünden, jede Episode dieser Jahre erlebt Louis hautnah mit.

Ganz großartige Weltliteratur! Der Belgier Hugo Claus (1929 -2008) hat „Der Kummer von Belgien“ 1983 geschrieben. Nun erscheint dieses Werk der Weltliteratur, das mit „Die Blechtrommel“ und „Hundert Jahre Einsamkeit“ verglichen wurde, in einer edlen Hardcoverausgabe. Berührend und aufwühlend ist dieser Roman, aber man kann sich auch das eine oder andere Schmunzeln nicht verkneifen.

Klett-Cotta, 823 Seiten; 34,95 Euro


Catherine Banner

daumen rauf

Die langen Tage von Castellamare

Die langen Tage von Castellamare

Castellamare, eine winzige Insel fünf Meilen vor der Küste Siziliens. Schauplatz einer Jahrhundertgeschichte, von 1914 bis 2009. Als der Arzt Amedeo Esposito aus Florenz auf die Insel kommt, wird er misstrauisch beäugt. Er jedoch liebt seine neue Heimat und beginnt, ihre alten Legenden zu sammeln und aufzuschreiben. Ein Skandal kostet ihn seine Stelle. Um bleiben zu können, übernimmt er zusammen mit seiner Frau die einzige Bar auf der Insel. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, denn die Bar soll ein Ort der Wunder sein. Sie wird der Mittelpunkt der Familie und der Insel.

Eine Insel, seine Bewohner und der Leser, den es auch auf Castellamare verschlägt und der während der Lektüre ein Teil der Familie Espeseto wird. Die Engländerin Catherine Banner, die in Italien lebt, hat mit „Die langen Tage von Castellamare“ einen wunderbaren Roman geschrieben bei dem man immer mitfühlt. Mit einer Träne im Auge verlässt man am Ende Castellamare wieder.

List, 475 Seiten; 18,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Miroslav Nemec

Die Toten von der Falkneralm

Die Toten von der Falkneralm

Miroslav Nemec, den viele als Ivo Batic aus dem Münchner „Tatort“ kennen, soll bei einem „Mörderischen Wochenende“ aus einem Krimi lesen und über „Mord in Fiktion und Wirklichkeit“ diskutieren. Und so fährt er an einem Freitag im August in das Berghotel „Falkneralm“, zu dem nur eine einsame Steilbahn führt. Doch das Wochenende wird alles andere als erfreulich: Nicht nur kommt ein gewaltiger Gewittersturm auf, plötzlich kommen nacheinander auch drei Gäste zu Tode. Unfall oder Mord? Eine Verkettung unglücklicher Umstände, wie die Berchtesgadener Polizei meint. Doch Nemec und ein anderer Gast, die Polizeimeisterin Bergending aus Augsburg, beginnen zu zweifeln, ob wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Ein Krimi-Vergnügen a la Agatha Christie, das einen durchweg unterhält! Der sehr beliebte „Tatort“-Kommissar Miroslav Nemec spielt sich in diesem Krimi selbst. Das ist gewagt, und hätte auch nach hinten losgehen können. Doch Miroslav Nemec erzählt humorig von sich selbst, seiner Familie, den Dreharbeiten mit dem Udo, und was er so über seine Berühmtheit und seine Fans denkt. Und dann gibt es da noch den Kriminalfall, der nicht neu ist aber so wie Nemec ihn erzählt, durchaus Pfiff hat. Miroslav Nemec darf als Miroslav Nemec literarisch gerne wiederkommen! Das Hörbuch liest der Schauspieler selbst. Was anderes wäre auch gar nicht vorstellbar gewesen. Miroslav Nemec macht mit seiner weichen und charmanten Stimme aus diesem Hörbuch auch einen Hörgenuss!

Auch als Hardcover erhältlich bei Knaus, 19,99 Euro.

Der Hörverlag, 4 CDs, 284 Minuten; 19,99 Euro


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