Juni 28, 2022

Kolumne 30.05.2022 Nr. 719

BuchKolumne 30.05.2022 Nr. 619

Jill Lepore – Die geheime Geschichte von Wonder Woman
Sophie Andresky – Vögelwild
Natalie Buchholz – Unser Glück
Pierre Lagrange – Trügerische Provence
Natalie Livingstone – Die Frauen der Rothschilds

 Jill Lepore – Die geheime Geschichte von Wonder Woman

Jill Lepore - Die geheime Geschichte von Wonder Woman

Für „Die geheime Geschichte von Wonder Woman“ hat Jill Lepore Archive durchforstet, Interviews geführt, Tagebücher gelesen und sich durch Gerichtsprotokolle gearbeitet. Das Ergebnis ist eine Kulturgeschichte, in der der exzentrische Psychologe, Erfinder (dem wir auch den Lügendetektor verdanken) und Bigamist William Moulton Marston, eine aufregende Amazone und die Vorkämpferinnen des amerikanischen Feminismus die Bühne bevölkern. Die Autorin zeigt, wie die Kämpfe, Hoffnungen und Rückschläge der Frauenrechtsbewegung hineingewoben sind in die Abenteuer einer Superheldin, die nicht nur bösen Fieslingen, sondern auch dem Patriarchat tapfer die Stirn bietet..

Jill Lepore hat bei uns 2019 mit ihrem Buch „Diese Wahrheiten – Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein beeindruckendes Buch hat sie aber bereits 2014 veröffentlicht: „Die geheime Geschichte von Wonder Woman.“ Es erzählt die Geschichte von Wonder Woman und dechiffriert zugleich in einer engagierten Spurensuche die darin versteckte Geschichte des Feminismus. Popkultur und Frauenbewegung in einer Geschichte, die in atemberaubender Weise erzählt ist, das bietet dieses Buch. Die Geschichte von William Moulton Marston wurde auch schon 2017 in „Professor Martson & The Wonder Woman“ verfilmt. Ein toller Film! Genauso wie dieses Buch. Wonder Woman, erfunden von einem Mann, und durch und durch eine starke Wunderwaffe für den damals erstarkenden Feminismus. Was Martson im Sommer 1942 schrieb, sagt sehr viel aus: „Die einzige Hoffnung für die Zivilisation ist die größte Freiheit, Entwicklung und Gleichberechtigung der Frauen auf allen Gebieten menschlicher Aktivitäten. Bei Kindern und jungen Menschen einen Maßstab für starke, freie, mutige Weiblichkeit zu setzen und die Vorstellung zu bekämpfen, dass Frauen den Männern unterlegen seien, und Mädchen und junge Frauen zu Selbstbewusstsein und Leistungen im Sport, in der Arbeitswelt und in den freien Berufen anzuregen, die sämtlich von Männern monopolisiert sind.“ Das war 1942! Viel hat sich seither getan, aber irgendwie lesen sich Auszüge davon, als ob diese erst gestern aufgeschrieben worden wären. Traurig, sehr traurig! Hätte Martsons Aussage damals massive Spuren in allen Gesellschaften der Welt hinterlassen, um nun nur zwei aktuelle Beispiele zu nennen, hätten wir ein aufstrebendes und freies Afghanistan und garantiert keinen Krieg in der Ukraine. Sondern viel mehr Frieden und Wohlstand auf der Welt. Wonder Woman schwingt die Peitsche und zwingt Sie dazu, dieses Buch zu lesen! Sie werden es garantiert nicht bereuen.

C. H. Beck, 549 Seiten; 29,95 Euro

 Sophie Andresky – Vögelwild

Sophie Andresky - Vögelwild

Nach Mareis vögelfreiem Jahr ohne Tabus und Regeln kommt nun ihre Nichte Louise zum Zug: Ein Jahr Auszeit und nichts als Sex. Ihren prüden Ex hat sie abserviert und einen Traumjob in den Südtiroler Bergen ergattert. Als Mädchen für alles soll sie einem freizügigen Galeristenpaar zur Hand gehen. Sie steht Modell, trainiert die Hausherrin und assistiert bei der einen oder anderen Orgie. Und hat nebenbei Sex en masse. Das wird der Sommer ihres Lebens, und er wird heiß und feucht.

Sophie Andresky ist in Deutschland bekannt für ihre erotischen, oft wilden Romane! Wer also reichlich Sex sucht, der wird auch in „Vögelwild“ fündig. Ob einem das gefallen muss, wie die Autorin dort die Protagonisten zu Werke gehen lässt? Nicht unbedingt. Erotik ist nicht gleich Erotik. Und wie man es von der Autorin kennt, wird es hier eben oft und wild getrieben. Das hätte man auch schöner um- und beschreiben können. Die Geschichte hat sexuelle Höhepunkte, aber ansonsten mangelt es der Geschichte an diesen. Fesselnde Spannung sucht man hier vergebens. Eine Lektüre für den Gehirndurchzug. Rein und dann auch gleich wieder raus.

Heyne, 416 Seiten; 12,00 Euro

    Natalie Buchholz – Unser Glück

Natalie Buchholz - Unser Glück

Es ist die Chance ihres Lebens: Coordt und Franziska, junge Eltern in München, können mit ihrem kleinen Sohn in eine große, bezahlbare Altbauwohnung in bester Lage ziehen. Doch das Angebot hat einen Haken: Sie sind nicht allein. Verlockt von der Aussicht auf Immobilienbesitz, der jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten liegt, lassen sich Coordt und Franziska auf einen Pakt ein, der ihre Liebe auf eine harte Probe stellt. Das Leben in der neuen Wohnung beschleunigt und vertieft bereits vorhandene Risse in ihrer Beziehung. Die einmalige Gelegenheit entpuppt sich als Beziehungsfalle. Ausweg ungewiss.

Die junge deutsche Autorin Natalie Buchholz hat mit „Unser Glück“ einen Roman geschrieben, der zeigt, wie zerbrechlich unser Glück in den Wirren des Beziehungs-Alltags sein kann. Sie geht unter anderem den alltäglichen Kampf in Großstädten nach bezahlbaren Wohnraum nach. Was ist man bereit zu tun, wenn man großzügiger und in besserer Lage wohnen könnte? Mit dem jungen Paar Coordt und Franziska hat sie zwei Protagonisten erschaffen, die wunderbar ein normales Paar in unserer Gesellschaft abbilden. So kann man sich schnell in die Charaktere hineinversetzen. Und es zeigt sich, wie bei vielen Paaren, wie massiv unterschiedlich die beiden sind, was immer wieder für reichlich Zündstoff sorgt, wenn nicht einer nachgibt. Oft ist es Coordt, der zurücksteckt, damit Franziska nicht explodiert, denn Franziska ist oft sehr aufbrausend. „Unser Glück“ zeigt auch, das, wenn man als Paar gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet, und das Ziel dann erreicht ist, sich das Glück nicht automatisch einstellt. Denn die Menschen und ihre oft schwierigen Eigenheiten und Verhaltensweisen ändern sich durch das erreichte Ziel nicht. „Unser Glück“ ist ein mitreißender und so ehrlicher Beziehungsroman, und zugleich im Kleinen ein Gesellschaftsroman unserer Zeit!

Penguin, 220 Seiten; 20,00 Euro

Pierre Lagrange – Trügerische Provence

Pierre Lagrange - Trügerische Provence

Mitten in der Konzertsaison in der Provence verschwinden plötzlich namhafte Musikerinnen. Die Ermittlungskommission unter Leitung von Caterine Castel und Alain Theroux tappt im Dunkeln. Es gibt keine Hinweise oder Forderungen im Zusammenhang mit der Entführung. Obwohl Ex-Commissaire Albin Leclerc mitten in den eigenen Hochzeitsvorbereitungen steckt, kann er es mal wieder nicht lassen: zusammen mit seinem Mops Tyson nimmt er die Spur auf. Als es zu einer weiteren Entführung kommt, und auch die kostbaren Instrumente verschwinden, stellt sich für ihn die Frage, ob in der Provence ein Wahnsinniger unterwegs ist. Die Ermittlungen bringen Albin Leclerc in allergrößte Gefahr.

„Trügerische Provence“ ist der 7. Fall für den Ex-Commissaire Albin Leclerc. Pierre Lagranges Provence-Buchreihe ist eine Mischung aus Krimi, Urlaubsbuch und einem Provence-Führer! Zudem fehlt es nie an Witz und Spannung. Von Albin Leclerc & Co. kann man als LeserIn nicht die Finger lassen! Auch der neue Fall vereint wieder alles, was man an der Reihe so liebt.

Scherz, 351 Seiten; 16,00 Euro

  Natalie Livingstone – Die Frauen der Rothschilds

Natalie Livingstone - Die Frauen der Rothschilds

Ihre Dinnerpartys waren legendär, sie haben Wahlkämpfe choreographiert, sich für soziale Reformen eingesetzt, an der Börse gehandelt und wissenschaftlich geforscht. Hinter den Kulissen hielten sie die Fäden in der Hand, aber in Erscheinung traten immer nur ihre Männer: die Frauen der mächtigen Rothschilds. Beginnend mit Gutle Rotschild, der Mutter der Dynastie, beschreibt das Buch die Lebensgeschichten der bislang unterschätzen Seite der Familie.

„Die Frauen der Rothschilds – Das unterschätzte Geschlecht der mächtigsten Dynastie der Welt“ ist ein echtes Wow-Buch! Die Biographien dieser charismatischen Frauen lässt die vielseitig talentierte Natalie Livingstone in ihrem Buch ganz neu aufleben. Entstanden ist nicht nur eine Würdigung, sondern ein völlig neuer Blick auf 200 Jahre europäischer Geschichte. Ich war sehr angetan und gefesselt von der Lektüre! Zu den spannenden Geschichten der zahlreichen Frauen gibt es im Mittelteil noch einen sehr edlen Bildteil. Die Hauptkapitel beziehen sich auf die unterschiedlichen Frauen: „Teil 1: Gutle, Hannah, Henriette“, „Teil 2: Charlotte, Hannah Mayer, Louise, „Teil 3: Constance, Emma, Hannah, Blanche“ und „Teil 4: Rózsika, Dolly, Miriam, Nica, Rosie“.

Quadriga, 554 Seiten; 26,00 Euro