September 27, 2022

Kolumne 29.08.2022 Nr. 732

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BuchKolumne 29.08.2022 Nr. 732

Kawai Strong Washburn – Haie in Zeiten von Erlösern
John Niven – Die F*ck-it-Liste
Lucy Foley – Abendrot
Katrin Eigendorf – Putins Krieg
Barbara Yelin / Miriam Libicki / Gilad Seliktar – Aber ich lebe

 Kawai Strong Washburn – Haie in Zeiten von Erlösern

Nainoa ist sieben Jahre alt, als er von einem Ausflugsboot in den Pazifik fällt und bald von mehreren Haien umkreist wird. Alle befürchten das Schlimmste, doch der größte Hai trägt ihn sanft im offenen Maul zu seiner Mutter zurück – eine Legende ist geboren. Nainoas Familie gehört nicht zu den Reichen auf Hawaii, und als die Zuckerrohrindustrie zusammenbricht, haben sie mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Was sie als Gunstbeweis der alten hawaiianischen Götter gedeutet haben, weicht mit der Zeit der harschen Realität, alle drei Kinder gehen aufs amerikanische Festland, um ihren Weg zu machen, aber die Sehnsucht nach ihrer Heimat und auch die magischen Kräfte, die sie dorthin zurückziehen, sind stärker.

„Haie in Zeiten von Erlösern“ ist 2021 mit dem PEN/Hemingway Award ausgezeichnet worden. Ein Roman, der zudem schon für sehr viel Aufmerksamkeit und hymnische Besprechungen gesorgt hat. „Haie in Zeiten von Erlösern“ beißt literarisch sofort zu! Die sprachliche Finesse, die Kawai Strong Washburn in seinem Debütroman ins Buch zaubert, verzaubert einen. Hawaii und seine Kultur, seine Geschichte, seine Menschen, man lernt alles wie auf einer großen Welle, die man surft, kennen. Es schwingt auch immer ein leiser Humor mit. Ein Beispiel: „Es wurde bei uns eine Art Gebet, Vater unser, der du bist im Verzug, geheiligt werde deine Zahlung“. Weil Nainoas Eltern immer nahe am finanziellen Abgrund stehen. Das ist die eine Seite des Romans, die andere zeigt auch düstere Züge. Was heißt es, wenn man mit so jungen Jahren plötzlich als eine Art Heiler angesehen wird wie Nainoa? Was macht das aus einem? Wie gehen die Geschwister damit um, wie die Eltern, die gerne profitieren vom Kult über Nainoa. „Haie in Zeiten von Erlösern“ ist ein vielschichtiger Roman, der einerseits die hawaiianische Kultur zeigt, aber auch, dass man im Paradies auch für sein Geld arbeiten muss, es ist ein Entwicklungs- und Familienroman und zugleich zeigt es auch ein Bild der hawaiianischen und amerikanischen Gesellschaft. Ein Roman, der begeistert!

Luchterhand, 444 Seiten; 22,00 Euro

 John Niven – Die F*ck-it-Liste

Amerika in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, ist jetzt seine Tochter Ivanka an der Macht. Das Land ist tief gespalten, die Jahre populistischer Politik haben ihre Spuren hinterlassen. Derweil erhält Frank Brill, ein anständiger Zeitungsredakteur in einer Kleinstadt, der gerade in den Ruhestand getreten ist, eine folgenschwere Diagnose: Krebs im Endstadium. Anstatt sich all die Dinge vorzunehmen, die er schon immer machen wollte, erstellt er eine sogenannte F*ck-it-Liste. In seinem Leben musste er wiederholt Tiefschläge erleiden, nun beschließt er sich an den Menschen zu rächen, die für diese Tragödien verantwortlich zeichneten.

Der Brite John Niven hat mit Romanen wie „Kill Your Friends“, „Coma“ und „Gott bewahre“ Kultstatus erlangt. Mit einem Augenzwinkern schlägt er literarisch mit einem Baseballschläger um sich! Das zeichnet John Niven aus. So geht er auch in seinem neuen Buch zu Werke. John Niven ist kein Trump-Fan, aber wer in der westlichen Welt, der auch nur etwas politisches Verständnis hat, ist das schon. Daher ist dieses Buch für alle Trump-Nicht-Freunde ein durchaus wunderbares Buch. John Niven schlägt wieder zu. Aber der Inhalt der Story ist ansonsten sehr mager, da hat man von John Niven schon so viel Besseres gelesen. Rache, Blut, Tod, so lässt sich „Die F*ck-it-Liste auch kurz zusammenfassen. Große Spannung gibt es nicht. John Niven kann es eben so viel besser, daher fällt dieser Roman in seiner Vita sehr ab.

Heyne, 316 Seiten; 12,00 Euro

   Lucy Foley – Abendrot

Ein einsames Haus am Ende einer verwinkelten Seitengasse im Pariser Stadtviertel Montmartre: Pleite und nur mit einem einzigen Koffer in der Hand steht Jess vor der Tür ihres Bruders, der versprochen hat, sie für ein paar Wochen bei sich wohnen zu lassen. Doch sie findet seine Wohnung leer vor – es scheint, als habe er sie überstürzt verlassen. Die Nachbarn machen keinen Hehl daraus, dass Fremde in diesem Haus nicht willkommen sind. Je länger ihr Bruder verschwunden bleibt, desto mehr fühlt Jess sich beobachtet in dem alten Gebäude mit seinen geheimen Durchgängen und vielen verschlossenen Türen. Immer unerbittlicher wächst in ihr der Verdacht, dass dieser Ort ein schreckliches Geheimnis verbirgt. Und auch unter den Nachbarn suchen sich lang begrabene Feindseligkeiten ihren gefährlichen Weg ans Licht. Dann macht Jess eine unfassbare Entdeckung.

Lucy Foleys Thriller sind reihenweise Bestseller! Mit „Neuschnee“ und „Sommernacht“ gelang es ihr, und nun folgt „Abendrot“. „Abendrot“ bietet einiges: Eine beängstigende Atmosphäre, ein vorzügliches Setting, undurchschaubare Charaktere, rasende Spannung. Alfred Hitchcock hätte seine Freude daran gehabt. Die Spannung vibriert auf den Seiten, sie ist spürbar. So viele Geheimnisse, so viel Andeutungen, so baut man einen guten Thriller auf. Lucy Foley versteht das Schriftstellerhandwerk. „Abendrot“ braucht dabei keine rasende Erzählweise, ganz langsam gelingt es der Autorin, Seite für Seite, die LeserInnen BewohnerInnen des Hauses im Pariser Stadtviertel Montmartre werden zu lassen.

Penguin, 475 Seiten; 15,00 Euro

Katrin Eigendorf – Putins Krieg

Katrin Eigendorf erzählt hier vom Krieg, den Putin mit aller Härte führt, vor allem gegen die Bevölkerung. Von ihren Begegnungen mit Menschen, die von einem Tag auf den anderen alles verloren haben, von Familien, die zerrissen wurden, von Kindern, die ihre Kindheit verloren haben. Es sind Begegnungen, die immer wieder an die Schmerzgrenze gehen, auch für eine Reporterin. Putins Narrativ vom Krieg gegen eine faschistische Regierung in Kyiw, vom Eintreten für Russlands Sicherheit ist eine zynische Lüge. Sein Krieg zeigt überdies die ganze Schwäche eines autoritären Regimes. Ein System, das Kinder bombardiert und Menschen aushungert, das die Wahrheit nicht duldet, ist gescheitert. Noch nie war es Katrin Eigendorf wichtiger, vor Ort zu sein und zu zeigen, worum es in der Ukraine wirklich geht: um den Kampf eines Volkes für Freiheit und Demokratie – auch in Europa.

Die ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf berichtet von den Krisenherden dieser Erde! Dafür wurde sie 2022 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ihre Berichte aus Afghanistan waren starke und eindringliche journalistisch Arbeit, genauso wie die aus der Ukraine. „Putins Krieg“ von Katrin Eigendorf ist ein Buch, das jeder lesen sollte, der hinter die kurzen Meldungen in den Nachrichten blicken will. Ein Buch, dass durch die geschilderten Schicksale der Menschen, sehr traurig macht! Einige Berichte sind u. a.: „Odesa: Furcht und Widerstand“, „Butscha, Irpin, Borodjanka: Trauma und Wahrheit“, „Butscha: Die Geschichte von Hanna Polonska“, „Charkiw: Finsternis und Trost“ und „Dnipro: Gewissheit und Größe“.

S. Fischer, 254 Seiten; 24,00 Euro

 Barbara Yelin / Miriam Libicki / Gilad Seliktar – Aber ich lebe

Emmie Arbel überlebte als kleines Mädchen die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen. David Schaffer entkam dem Genozid in Transnistrien, weil er sich nicht an die Regeln hielt. Die Brüder Nico und Rolf Kamp versteckten sich in den Niederlanden dreizehn Mal vor ihren Mördern. Zusammen mit den Überlebenden haben drei bekannte ZeichnerInnen deren Geschichten erzählt, die unvergesslich vor Augen führen, was der Holocaust für Kinder bedeutete – und nicht nur für sie.

Ein Graphic Novel über den Holocaust ist ein gewagtes Experiment. Dank der drei ausgezeichneten KünsterInnen Barbara Yelin, Mirian Libicki und Gilad Seliktar wurde aus dem Experiment ein Stück Buchkunst mit ergreifenden Geschichten über das Unfassbare. Ein Graphic Novel, das Schulpflichtlektüre werden sollte! Die drei sehr unterschiedlich gezeichneten Geschichten sind: „Aber ich lebe“ von Barbara Yelin“, „Jenseits der Regeln“ von Miriam Libicki und „Dreizehn Geheimnisse“ von Gilad Seliktar..

C. H. Beck, 175 Seiten; 25,00 Euro