April 11, 2021

Kolumne 29.03.2021 Nr. 658

BuchKolumne 29.03.2021 Nr. 658

Björn Kern – Solikante Solo
Susanne Fröhlich / Constanze Kleis – Fröhlich mit Abstand
Christoph Wortberg – Trauma – Kein Entkommen
Oliver Meiler – Agromafia
Friedrich Mülln – Soko Tierschutz

 Björn Kern – Solikante Solo

Solikante Solo

Ruth und Jann, so gegensätzlich wie Stadt und Land. Während er in Solikante nach einem abgeschiedenen Zufluchtsort sucht, sehnt sie sich nach Lebensfreude und der Weltläufigkeit des multikulturellen Lebens in Berlin: Dorfkrugtresen versus Großstadtnacht. Das Ende der Beziehung scheint besiegelt. Doch dann zeigt sich, dass das Leben als Singles alles noch schlimmer macht.

„Solikante Solo“ ist ein moderner, offener und ehrlicher Ehe- und Beziehungsroman, von einer jungen deutschen männlichen Stimme, von der man diese Art Romane bitte gerne noch viel öfter lesen möchte! Björn Kern erzählt in einem forschen Stil das Beziehungs- und Eheleben von Ruth und Jann, beide haben die Vierzig überschritten und wollen eigentlich mehr Ruhe in ihr Leben einkehren lassen. Ruth möchte unbedingt in der Großstadt Berlin leben und dort zusammen mit ihrer Tochter Sisal alles aufsaugen, sie hasst das Landleben. Jann will unbedingt auf dem Land leben, er hasst das Stadtleben. Diese Konstellation sorgt in einer Beziehung ja schon für gehörig viel Sprengstoff, doch die beiden trennt noch so viel mehr. Lebensanschauung und wie man das Leben gestaltet. Björn Kern hat den Roman spannend aufgebaut, er beginnt mit der Zeit nach dem großen Ende, und lässt die LeserInnen erst danach nach und nach in die Zeit davor blicken. Danach wechselt er weiter von Gegenwart und Vergangenheit. Wird sich am Ende alles fügen oder alles noch zerstörerischer? Lassen Sie sich überraschen. „Solikante Solo“ hat mich nicht mehr losgelassen!

Fischer, 330 Seiten; 16,00 Euro

 Susanne Fröhlich / Constanze Kleis – Fröhlich mit Abstand

Fröhlich mit Abstand

Wenn unser Alltag alles außer alltäglich ist: In außergewöhnlichen Situationen und Krisen sind wir zurückgeworfen auf uns selbst. Wir stellen uns Fragen, für die sonst oft kaum Zeit blieb: Ist der Mann an meiner Seite der Richtige? Waren die Kinder schon immer so? Wieso stehen wieder so viele Frauen am Herd? Und seit wann bin ich eigentlich wie meine Mutter? Denn was bleibt, wenn sich alles ändert? Wenn man nichts machen kann, außer weiter? Dann zeigt sich deutlich: Unser Alltag ist alles andere als der Langweiler, für den wir ihn immer hielten. Er besitzt mehr Glamour als gedacht, bietet Halt, gerade wenn draußen in der Welt alles aus den Fugen gerät. Er ist voller Sensationen und die Summe aller kleinen Dinge, die uns ausmachen – der eigentliche Held unseres Lebens.

Susanne Fröhlich legt neben ihrem neuen Bestseller „Abgetaucht“, der tolle Unterhaltung bietet, ein weiteres Buch vor. Zusammen mit Constanze Kleis ist sie „Fröhlich mit Abstand“. Während des ersten Corona-Lockdowns erzählen die beiden Damen von ihrem Alltag. Das der Alltag das Wunderbarste ist, was wir haben, daran besteht kein Zweifel. Er gibt uns Halt und Sicherheit im Leben. Darüber zu lesen, dass muss schon sehr, sehr gut gemacht sein, um einen auf Dauer begeistern zu können. Das hat mich dieses Buch nicht. Die Themen sind omnipräsent und oft selbst so gelebt, daher muss man das in dieser Form nicht unbedingt lesen. Susanne Fröhlichs Teil am Buch hat etwas mehr unterhalten, aber nicht zu vergleichen mit ihren Andrea-Schnidt-Romanen. Man kann fröhlich Abstand von diesem Buch nehmen und hat nichts verpasst.

Knaur, 255 Seiten; 14,99 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Beide Autorinnen lesen selbst. Der Teil von Susanne Fröhlich macht als Hörbuch bedeutend mehr Spaß, als wie im Buch. Constanze Kleis ist nicht zwingend eine gute Hörbuchsprecherin. 19,95 Euro.

Susanne Fröhlich / Constanze Kleis – Fröhlich mit Abstand – Hörprobe 5:45 Min.

    Christoph Wortberg – Trauma – Kein Entkommen

Trauma – Kein Entkommen

Zwei Tote, der eine ertrunken in einem See, der andere erstickt in einem Kühlschrank. Die Parallelen zwischen den Fällen sind frappierend: Hier wie dort stirbt ein schwer traumatisierter Mann unter Umständen, die an jenes Erlebnis erinnern, das die Traumatisierung ausgelöst hat. Handelt es sich wirklich um Suizide, wie es die Obduktion nahelegt und der Psychoanalytiker Dr. Hanning bestätigt? Genau das bezweifelt die Münchner Mordermittlerin Katja Sand. Doch je tiefer Katja gräbt, desto mehr wird sie von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. .

Schnell merkt man, da versteht jemand sein Handwerk. Ein rasanter Stil, klar aufgebaut, Charaktere, die sofort jedes Thriller-Herz für sich erwärmen, und eine Story, die mit psychologischer Tiefe überzeugt! Christoph Wortberg, u. a. seit viele Jahren Drehbuchautor für den Kölner „Tatort“, merkt man das über Jahre geschulte Können an. Katja Sand hat schnell etwas Magisches, so nüchtern, klar und desillusioniert, hier spielt eine Ermittlerin die Hauptrolle, die keine „Superheldenkräfte“ hat. Dazu noch Mutter eines pubertierenden Teenager-Mädchens, da gibt es noch so viel zu erforschen. Auch ihr Kollege Rudi Dorfmüller ist Christoph Wortberg gut gelungen. Der Titel ist ebenso gut gewählt, denn ein Trauma haben irgendwie fast alle Figuren in diesem Buch zu verarbeiten. Die Reihe ist als Trilogie aufgebaut. Die zweiten Teile der „Trauma“-Trilogie „Kein Vergessen“ folgt im August 2021

dtv, 351 Seiten; 16,90 Euro

    Oliver Meiler – Agromafia

Agromafia

Der größte Exportschlager Italiens ist seine Küche. Der Anteil der Mafia an diesem Geschäft: 25 Milliarden Euro jährlich. Sie kontrolliert nicht selten gesamte Lieferketten, vom Anbau bis zum Endprodukt. Und durch die Coronakrise hat sich ihr Einfluss noch vergrößert. Die Leidtragenden sind die Bauern und Händler – aber auch die Käufer italienischer Lebensmittel: wir. Oliver Meiler hat mit Richtern der nationalen Anti-Mafia-Behörde und von der Mafia bedrohten Journalisten und Herstellern vor Ort gesprochen.

„Mafia im 21. Jahrhundert: Tomaten sind das neue Kokain.“ Was einen vielleicht beim ersten Lesen schmunzeln lässt, ist so gar nicht lustig. Das Buch nimmt einen mit auf eine Reise durch die Essenslandschaften Italiens, zeichnet die Wege von Olivenöl, Mozzarella und Co. bis zu uns nach und deckt die mafiösen Strukturen dahinter auf. Was man da während der Lektüre erfährt ist erschreckend. „Agromafia“ ist ein Buch, dass Sie bei Ihrem nächsten Supermarkt-Besuch im Kopf bei sich tragen werden! Die Hauptthemen sind: „Wie Italien mit seinem Essen die Welt eroberte und die Mafia sich auf ihre Ursprünge besann“, „Sizilien: Geblendet von der Sonne des Südens“, „Kalabrien: Im Schatten des rauen Bergs“, „Kampanien: Die Versuchung am Fuß des Vesuvs“, „Rom: Dolce Vita oder – Der Glanz süßerer Zeiten“, „Emilia: Im Nebel langer Winter“ und „Über die Alpen: Wie Deutschland, die Schweiz und Österreich sich ins italienische Essen verliebten – und dabei auch die Mafia kennenlernten“.

dtv, 347 Seiten; 20,00 Euro

  Friedrich Mülln – Soko Tierschutz

Soko Tierschutz

Tierschutz geht uns alle an – das ist das Credo von Friedrich Mülln, dem Gesicht der deutschen Tierschutz-Aktivisten. Es gibt kaum einen Skandal um den Tierschutz in Deutschland, der nicht von ihm und der SOKO Tierschutz aufgedeckt wurde. Jetzt berichtet er erstmals von seinen Undercover-Recherchen mit versteckter Kamera, Nachtsichtgeräten und anderen Hilfsmitteln und erzählt von seinen nächtlichen Einsätzen bei Mastbetrieben und Großschlachtereien. Es geht um Massentierhaltung von Schweinen und Rindern, um die Fleisch-Industrie, um ausländische Pelztier-Farmen und ihre Exporte nach Deutschland, um das Lebendrupfen bei Gänsen für schicke Daunenkleidung und andere Verstöße gegen das Tierwohl und das Tierschutzgesetz.

Tiere, die fühlen und denken können, und unter katastrophalen Zuständen leben, eher vegetieren müssen, nur um diese dann zu töten, dass „wir“ etwas auf dem Teller haben, ich kann das schon lange nicht mehr gutheißen. Daher esse ich zu 99 % kein Fleisch mehr. Auch aus diesem Hintergrund war ich sehr gespannt, was Friedrich Mülln alles zu berichten hat. Dieses Buch ist ein Horror-Schocker! Wer nach diesem Buch noch entspannt Fleisch essen kann – Guten Appetit. Die Hauptthemen sind u. a.: „Das Indien-Desaster“, „Die Hölle der Schweine“, „Im Klub der Affenmörder“, „Fred and Red in Amerika“, „Feldzug gegen Wiesenhof“, „Von Kadavartaxis und kranken Kühen“, „Papa und die Hölle von Frau Holle“, „Bio-Branch: Setzen, Sechs!“ und „Einsatz im Reich der Mitte – blutige Märkte und der Ursprung der Bommel“.

Droemer, 272 Seiten; 18,00 Euro