März 1, 2021

Kolumne 28.12.2020 Nr. 645

BuchKolumne 28.12.2020 Nr. 645

John Katzenbach – Der Bruder
Judith Zander – Johnny Ohneland
Amity Gaige
Unter uns das Meer
Daniel Leese
Maos langer Schatten
Barton Gellman
Der dunkle Spiegel

John Katzenbach – Der Bruder

Für die junge Architektur-Studentin Sloane Connolly ist es ein schwerer Schlag, als ihre exzentrische Mutter spurlos verschwindet. Sloane hat sonst niemanden, ist fast völlig isoliert aufgewachsen. Zur selben Zeit erhält sie über einen Anwalt ein merkwürdiges Angebot: Ein reicher Mäzen möchte, dass Sloane Denkmäler für sechs Personen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, entwirft. Allerdings sind alle sechs bereits verstorben, und das nicht an Altersschwäche. Sloane nimmt den Auftrag an, um sich von der Sorge um ihre Mutter abzulenken – und ahnt nicht, auf was für ein perfides Spiel sie sich einlässt.

Ein Psychothriller, der einen keine Sekunde ruhen lässt! Sloane auf ihrem Weg zu folgen ist ungeheuer spannend. Die Rätsel, die Sloane gestellt werden, werden auch dem Leser gestellt. Hauptfigur und Leser wandeln auf gleichen Pfaden. Warum mussten diese Menschen sterben, für die Sloane ein Denkmal errichten soll? Was wird Sloane in Erfahrung bringen? Und was hat das am Ende alles mit ihrer Mutter zu tun? Geschickt werden zwei Handlungsstränge aufgebaut, die dann tatsächlich zusammenführen, so unwahrscheinlich das zu Anfang auch sein mag. Der Rest bleibt ein Geheimnis. John Katzenbach versteht es, seine LeserInnen immer unter Strom zu halten, so elektrisierend-spannend sind seine Psychothriller!

Droemer, 668 Seiten; 14,99 Euro

Judith Zander – Johnny Ohneland

Joana Wolkenzin weiß früh, dass sie anders ist. Sie liest stundenlang und lernt Songtexte auswendig; später verliebt sie sich in Jungs und in Mädchen. Im vorpommerschen Niemandsland der Neunziger gibt sie sich einen neuen Namen: Johnny. Aber bringt ein neuer Name auch neues Glück? Als die Mutter über Nacht die Familie verlässt, kreisen Johnny, ihr Bruder Charlie und ihr Vater auf wackligen Bahnen um eine leere Mitte. Schließlich macht Johnny sich auf die Suche nach einem Leben und einer Erzählung, die ihren eigenen Vorstellungen entsprechen, in Deutschland, Finnland und Australien.

Die Deutsche Judith Zander hat mit ihrem letzten Roman „Dinge, die wir heute sagten“ Aufmerksamkeit erreicht. Auf ihren neuen Roman „Johnny Ohneland“ hatte ich mich sehr gefreut. Ein Entwicklungsroman der besonderen Art! Sowohl die Hauptfigur wie Judith Zanders Sprache nimmt einen immer wieder gefangen. Es gibt Szenen in dem Buch, die möchte man gar zweimal, dreimal lesen, so schön sind sie beschrieben. Aber Judith Zander beherrscht auch das Ausufernde, sie beschreibt dann Dinge und Nebensächlichkeiten so intensiv, dass man bei diesen Szenen wieder die Lust auf „Johnny Ohneland“ verliert. Ein Roman, wie das Leben, mal wunderschön, mal grausam, mal voller Liebe und dann wieder total selbstverliebt.

dtv, 527 Seiten; 25,00 Euro

Amity Gaige – Unter uns das Meer

Juliet arbeitet an ihrer Dissertation und lebt mit den beiden Kindern und ihrem Mann Michael ein Vorstadtleben. Michael gelingt es, sie für seinen großen Traum zu begeistern: ein Jahr auf hoher See auf einer Segelyacht zu verbringen. Auf hoher See steht zuerst das Familienleben ganz oben, bevor immer mehr andere Aspekte die Bootstour aufwühlen. Die vierköpfige Familie steuert in der Karibik dem dramatischen Finale entgegen.

„Unter uns das Meer“ wurde von Autorenkollegen hymnisch gelobt. Großteils kann ich das Lob nachvollziehen, aber es wäre am Ende auch noch eine etwas bessere Geschichte möglich gewesen. Vor allem liegt das auch an der Erzählweise von Amity Gaige. Juliet erzählt in der Gegenwart, ihren Mann Michael „hört“ man durch sein Tagebuch, das die Vergangenheit auf dem Boot erzählt, und aus dem Juliet nach und nach mehr erfährt. Einerseits hat diese Erzählweise einen gewissen Drive, aber Amity Gaige verrät auch zu früh zu viel, da wäre ein deutlich größerer Spannungsbogen möglich gewesen. Aber die Geschichte, wie eine Ehe Schiffbruch erleiden kann, wie sich die Ehe, die Liebe, die Leidenschaft über die Jahre abnutzen kann, darüber schreibt Amity Gaige intensiv und anschaulich. Aber es wäre auch hier ein noch tieferer Blick möglich gewesen. Etwas weniger maritime Geschichten und etwas mehr aus dem Eheleben von Juliet und Michael hätten der Geschichte noch besser zu Gesicht gestanden.

Eichborn, 388 Seiten; 22,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei Lübbe Audio. Eindringlich gelesen von Daniela Bette-Koch und Michael-Che Koch. 20,00 Euro.

Amity Gaige – Unter uns das Meer – Hörprobe – 4:25 Min

Daniel Leese – Maos langer Schatten

Die Massenkampagnen des „Großen Vorsitzenden“ Mao Zedong hatten horrende Opferzahlen gefordert und die Volksrepublik China an den Rand eines Bürgerkriegs geführt. Unter seinen Nachfolgern begann die Kommunistische Partei ein großangelegtes Experiment historischer Krisenbewältigung. Millionen politisch Verfolgte wurden rehabilitiert, Entschädigungszahlungen geleistet und Täter vor Gericht gestellt. Das Ziel bestand darin, einen Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen und alle Energien auf die wirtschaftliche Reformpolitik zu lenken. Aber die Schatten der Vergangenheit ließen sich nicht so einfach bannen.

Gestützt auf eine Vielzahl bislang unbekannter Dokumente entwirft der Freiburger Sinologe Daniel Leese ein breit angelegtes Panorama der chinesischen Politik und Gesellschaft in der kritischen Umbruchphase zwischen 1976 und 1987. Wer sich für Chinas Geschichte interessiert, bevor der phänomenale wirtschaftliche Aufstieg zur Weltmacht gelang, dem sei dieses Buch empfohlen. Eine fesselnde Lektüre! Die Hauptthemen sind: „Revolution und historische Gerechtigkeit“, „Recht und Politik“, „Klassenjustiz und Staatsverbrechen“, „Das politische Vermächtnis Mao Zedongs“, „Ordnung aus dem Chaos schaffen“, „Die Revision ungerechter, falscher und fehlerhafter Fälle“, „Shanhou: Autoritäre Krisenbewältigung“ und „Fehler und Verbrechen“.

C. H. Beck, 606 Seiten; 38,00 Euro

Barton Gellman – Der dunkle Spiegel

„Verax“ – unter diesem Namen kontaktierte ein geheimnisvoller Informant Barton Gellman. Der Journalist konnte nicht ahnen, dass sich dahinter Edward Snowden verbarg – und der größte Überwachungsskandal aller Zeiten. Nun erzählt Gellman von Snowdens Leak bis zum heutigen Überwachungskapitalismus des Silicon Valley die ganze Geschichte. Gegen den Widerstand von Geheimdiensten der ganzen Welt gelingt es ihm, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Als sein Rechner vor seinen eigenen Augen gehackt wird, ist ihm klar: Hier sind Mächte am Werk, die kaum zu kontrollieren sind. Doch wer spioniert uns aus und warum?

Der dreifache Pulitzer-Preisträger Barton Gellman legt mit „Der dunkle Spiegel“ eine Gesamtdarstellung der globalen Überwachung vor. Es ist ein Spionage-Thriller, Insider-Bericht, investigative Reportage – und ein Zeugnis der unersetzlichen Rolle des echten Journalismus, der in Zeiten von Fake-News und vielen Halbwahrheiten im Netz so dringend nötig ist. „Der dunkle Spiegel“ gibt Antworten auf Fragen, die man eigentlich gar nicht wissen wollen würde! Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie nichts mehr sehen wie zuvor.

S. Fischer, 544 Seiten; 25,00 Euro