März 1, 2024

Kolumne 27.11.2023 Nr. 797

     

     BuchKolumne 27.11.2023 Nr. 797

Daniel Kehlmann – Lichtspiel
Sofia Slater– Die Einladung
Alex Schulman
– Endstation Malma
Tess Gerritsen
– Spy Coast – Die Spionin
Florian Schroeder
– Unter Wahnsinnigen

Daniel Kehlmann – Lichtspiel

Einer der Größten des Kinos, vielleicht der größte Regisseur seiner Epoche: Zur Machtergreifung dreht G. W. Pabst in Frankreich; vor den Gräueln des neuen Deutschlands flieht er nach Hollywood. Aber unter der blendenden Sonne Kaliforniens sieht der weltberühmte Regisseur mit einem Mal aus wie ein Zwerg. Nicht einmal Greta Garbo, die er unsterblich gemacht hat, kann ihm helfen. Und so findet Pabst sich, fast wie ohne eigenes Zutun, in seiner Heimat Österreich wieder, die nun Ostmark heißt. Die barbarische Natur des Regimes spürt die heimgekehrte Familie mit aller Deutlichkeit. Doch der Propagandaminister in Berlin will das Filmgenie haben, er kennt keinen Widerspruch, und er verspricht viel. Während Pabst noch glaubt, dass er dem Werben widerstehen, dass er sich keiner Diktatur als der der Kunst fügen wird, ist er schon den ersten Schritt in die rettungslose Verstrickung gegangen.

Daniel Kehlmann ist ein Magier der Sprache! Mit Romanen wie „Die Vermessung der Welt“ und „Tyll“ hat er sich in die Herzen und Hirne der LeserInnen geschrieben. Und das weltweit. Daniel Kehlmann, ein deutscher Autor von Weltrang! Und solch eine Geschichte, die dies bestätigt, erzählt er auch in seinem neuen Roman „Lichtspiel“. Der Titel passt. Das Buch ist wie eine Lichtgestalt in dunkler Zeit. Es erzählt nicht nur die Geschichte von G. W. Papst, sondern auch die Geschichte des Films, des alten Hollywoods, aber natürlich auch die erneute Zeit in Deutschland unter den Nazis. Eine Geschichte, die gleich auf mehreren Ebenen äußerst ansprechend ist. Die Magie des Films, aber auch die Kraft der Bilder, die in die Köpfe der Menschen gepflanzt werden, haben in Lichtgestalt“ ihren Auftritt. Ein Roman wie ein Film, wie eine geschichtliche Lehrstunde, ein packendes Drama, ein literarisches Ereignis!

Rowohlt, 477 Seiten; 26,00 Euro

Sofia Slater – Die Einladung

Auf einer abgelegenen schottischen Insel trifft eine Gruppe von Fremden zu einer vermeintlich glamourösen Silvesterparty ein. Doch statt des erwarteten herrschaftlichen Anwesens finden sie ein verfallenes Herrenhaus vor, von Festvorbereitungen keine Spur. Unklar ist auch, wer das Fest organisiert und die Einladungen verschickt hat. Die Gäste beschleicht das ungute Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Doch das nächste Boot zum Festland kommt erst nach den Feiertagen wieder vorbei, die Handys haben keinen Empfang, und die Gruppe ist von der Welt abgeschnitten. Am nächsten Morgen wird eine von ihnen tot aufgefunden, und unter den verbliebenen Gästen macht sich die Angst breit.

In diesem Thriller-Herbst gibt es gleich zweimal „Die Einladung“. Einmal von Sebastian Fitzek. Ein Thriller-Meisterstück! Und dann gibt es da noch „Die Einladung“ von Sofia Slater. Die Storyline ist frappierend ähnlich, auch wenn das Setting ein ganz anderes ist. Und wenn man das Buch dann mal gelesen hat, weiß man auch, dass es mit der Geschichte von Sebastian Fitzek nicht mithalten kann. Die Story ist das alte und gern genommene Agatha-Christie-Motiv. Hier eine abgelegene Insel, ein Herrenhaus, unruhig werdende Gäste, man kommt vorerst nicht mehr von der Insel herunter, und dann ist einer der Gäste tot. Fertig ist die Storyline. Da kann man viel daraus machen, aber Sofia Slater schafft es nur in Ansätzen auf den gut 250 Seiten zu überzeugen. Zu wenig atmosphärisch, wenig einnehmende Figuren und die großen Spannungsüberraschungen bleiben aus.

Goldmann, 267 Seiten; 16,00 Euro

  Alex Schulman – Endstation Malma

Ein Zug fährt durch eine Sommerlandschaft. An Bord sind ein Ehepaar in der Krise, ein Vater mit seiner kleinen Tochter sowie eine Frau, die das Rätsel ihres Lebens lösen will. Sie alle fahren nach Malma, einen kleinen Ort, wenige Stunden von Stockholm entfernt, umgeben von Wäldern. Und keiner von ihnen weiß, wie ihre Schicksale verwoben sind und ob das, was sie in Malma erwartet, ihrem Leben nicht eine neue Wendung geben wird.

Der Schwede Alex Schulman ist in seiner Heimat einer der ganz Großen. Auch international hat er Spuren hinterlassen. Sein Roman „Die Überlebenden“ wurde in 30 Sprachen übersetzt. Nun ist sein neuer Roman erschienen: „Endstation Malma“ ist eine Geschichte, die Sie entführen wird in das wahre Leben. Die Hauptfiguren werden konfrontiert mit den Problemen des Alltags, der Familie, einer Beziehung. All diese Geschichten, die eine großen bilden, erzählt Alex Schulman mit großer Intensität und ungemeiner Spannung. Denn nach und nach merkt man, wie die Figuren, die einzelnen Geschichten zusammenhängen. Und der Autor schafft es, aus einer angehenden großen Liebesgeschichte ein perfekt inszeniertes Drama zu machen. Applaus. Eine emotionale, literarische Zugreise, die Sie so schnell nicht wieder vergessen werden!

dtv, 316 Seiten; 24,00 Euro

Tess Gerritsen – Spy Coast – Die Spionin

Über Maggie Bird kann man einiges erzählen: Sie züchtet Hühner, ist eine zuvorkommende Nachbarin und lebt ein ruhiges Leben im idyllischen Purity in Maine. Die scheinbar durchschnittliche Sechzigjährige besucht regelmäßig einen Buchclub, wo sie mit ihren ebenfalls pensionierten Freunden Martinis trinkt. Sie kann hervorragend mit einem Gewehr umgehen. Und sie spricht nie über ihre Vergangenheit. Als eines Tages eine tote Frau in ihrer Auffahrt liegt, ist Maggie sofort klar: Dies ist eine Nachricht aus der „guten alten Zeit“. Vor sechzehn Jahren arbeitete sie für die CIA, und nun scheint die Vergangenheit sie eingeholt zu haben. Zusammen mit ihren Freunden aus dem Buchclub – alles ehemalige Spione wie sie – nimmt Maggie die Ermittlungen auf, denn sie alle wissen: Für die lokale Polizei ist dieser Fall eine Nummer zu groß.

Tess Gerritsen ist eine Heldin, eine Heldin unter den Thriller-Autorinnen! Denn ihr ist die großartige Reihe, um Detective Jane Rizzoli & Gerichtsmedizinerin Maura Isles zu verdanken. Als Bücher Bestseller, als Fernsehserie ein ebenso großer Erfolg. Und nun startet Tess Gerritsen mit einer neuen Reihe, die um den „Martini-Club“. „Spy Coast – Die Spionin“ ist der erste Band. Wow! Tess Gerritsen in Höchstform. Tolle Charaktere, die schon mit Band 1 die Reihe prägen, eine ausgetüftelte Story und Spannung bis zum Ende.

Limes, 459 Seiten; 24,00 Euro

    Florian Schroeder – Unter Wahnsinnigen

„Unter Wahnsinnigen“ ist eine Zustandsbeschreibung unserer Zeit. Wie gerne würden wir leicht in Freund und Feind trennen, liken oder bashen. Aber so einfach ist der Mensch nicht. Schroeder folgt seinem Drang und seiner Neugier, das Böse zu verstehen. Auf dem Pfad des Bösen trifft er einen Holocaust-Leugner im Gefängnis, begegnet einem Sexualstraftäter auf seinem Weg nach draußen, erlebt einen Mann, der ein Doppelleben geführt hat, ist mit der Letzten Generation unterwegs und besucht NATO-Soldaten in Litauen, die sich darauf vorbereiten, dem Bösen zu begegnen. Seine Recherchen führen ihn zu Psychologen und Kriminologen, zu den Tätern und Opfern, zu Philosophen und Aktivisten – und immer wieder zu sich selbst und seiner eigenen Geschichte. Er trifft einen Teil von jener Kraft, die nur das Gute will und so das Böse schafft.

Florian Schroeder ist ein kluger Kopf! Ein Mann, der viel weiß, der einem zum Nachdenken bringt und auch zum Lachen. Sein neues Buch „Unter Wahnsinnigen“ trifft genau den Nerv der Zeit! Florian Schroeder besucht die Abgründe dieser Welt und zeigt, dass sie nur unser Spiegel sind, in dem wir uns selbst erkennen können. Die Hauptkapitel sind: „Krieg – Putin, der geliebte Feind“, „Rohe Gewalt – Männer und das Böse“, „Lauter Lügen – Ein Mann, zwei Frauen und ein Doppelleben“, „Die Letzte Generation – Der Feind auf der Straße“, „Sexueller Missbrauch – Die Strafe nach der Strafe“, „Rechtsextreme – Fünf Jahre mit Martin Sellner und Horst Mahler“, „Im Wahn – Eine Frau und ihre Schizophrenie“ und „Künstliche Intelligenz – Die Überwindung des Menschen“. Lesen, staunen, nachdenken!

dtv, 299 Seiten; 24,00 Euro