November 30, 2020

Kolumne vom 27.01.2020

Kolumne vom 27.01.2020 – Nr.597


Holly Jackson

daumen rauf

A Good Girl’s Guide to Murder

A Good Girls Guide to Murder

Eigentlich ist der Fall abgeschlossen: Vor fünf Jahren wurde die Schülerin Andie Bell von ihrem Freund Sal Singh ermordet. Die Polizei ist sich sicher, dass es so war. Die ganze Stadt ist sich sicher. Alle – außer Pippa. Für ein Schulprojekt will sie den Fall noch einmal aufrollen. Bewaffnet mit ihrem Laptop, einer Diktiergerät-App und viel Mut beginnt Pippa, Fragen zu stellen. Doch bald merkt sie, dass nicht alle wollen, dass die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit gelüftet werden.

Ungewöhnlich, überraschend, faszinierend! Holly Jackson schafft es mit ihrem „A Good Girl’s Guide to Murder“ einen sofort und durchgängig in ihren Bann zu ziehen. Mit ihrer unkonventionellen Erzählweise gibt sie der Langeweile niemals eine Chance. Das Buch besteht aus romanhaften Zügen, Protokollen, Interviews und anderen Berichten. Der sympathischen Pippa folgt man nur allzu gerne wie sie versucht die Wahrheit zu finden. Holly Jackson gibt dem Leser immer fleißig Stoff um selbst mitzurätseln, was denn nun wirklich passiert ist. „A Good Girl’s Guide to Murder“ ist sehr gut investierte Lesezeit!

ONE, 480 Seiten; 15,00 Euro


Ulrich Tukur

daumen runter

Der Ursprung der Welt

Der Ursprung der Welt cover

Das ist nicht mehr die Welt von Paul Goullet: Er, der alte Bücher und Bilder liebt, die Schönheit, den Traum und die Phantasie, findet sich in einer Zeit, in der in Deutschland das Chaos herrscht. Um dem zu entkommen, reist er nach Paris, aber auch Frankreich hat sich in einen Überwachungsstaat verwandelt. Bei seinen Spaziergängen durch die Stadt stößt Goullet plötzlich auf etwas Unerhörtes: ein altes Photoalbum, dessen Bilder offenbar ihn selbst zeigen, inmitten eleganter Damen und Herren aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Fasziniert setzt er sich auf die Fährte seines Doppelgängers und folgt ihr nach Südfrankreich. Verstörende Visionen und Traumbilder beginnen ihn zu verfolgen, immer wieder scheint er die Zeit zu wechseln und sich in den Mann aus dem Photoalbum zu verwandeln. Und die Hinweise mehren sich, dass dieser ein furchtbares Geheimnis hat.

Das Schauspieler auch mal Autor sein wollen ist nicht neu. Der bekannte deutsche Schauspieler Ulrich Tukur veröffentlicht mit „Der Ursprung der Welt“ nicht sein erstes Buch. Ulrich Tukur ist ein sehr guter und vielseitiger Schauspieler, als Autor lässt er dieses Talent und diese Klasse vermissen. „Der Ursprung der Welt“ ist ein sehr selbstverliebtes Buch, denn der Autor verliert den Leser aus den Augen und schreibt mehr für sich selbst. Er verfängt sich in vielen Nebensächlichkeiten und wirren Erzählsträngen, lässt die Spannung dadurch praktisch komplett vermissen. Auch die Figuren konnten mich nicht packen. Um einen wirklich guten Roman zu schreiben, dafür muss Ulrich Tukur noch viel lernen.

Der Ursprung der Welt Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Ulrich Tukur liest seine Geschichte selbst. Als Hörbuch kommt etwas mehr Schwung in die Geschichte, aber das liegt nur an der sympathischen Stimme des Schauspielers. Man lauscht mehr seiner Stimme als der Geschichte. 24,95 Euro. Hörprobe 4:53 Min.

S. Fischer, 301 Seiten; 22,00 Euro


Reinhard Kleindl

daumen rauf

Die Klamm

Die KlammZuerst erhält die Wiener Mordermittlerin Anja Grabner eine rätselhafte Botschaft. Wenig später verschwindet eine Familie, und niemand will etwas gesehen haben. Ein Detail lässt Anja und ihrem Kollegen keine Ruhe. Im Haus der Verschwundenen fand man tote Ameisen – genau wie bei einer anderen Familie, die vor einigen Jahren in dem einsamen Bergdorf Klamm nach tagelanger Qual grausam ermordet wurde. Ist der Täter von damals erneut dem Blutrausch verfallen? Anja begibt sich in Klamm auf die Suche nach der Wahrheit und steht bald vor dunklen Abgründen …

Der Österreicher Reinhard Kleindl hat mit seinem ersten Thriller „Stein“ um Ermittlerin Anja Grabner auf sich aufmerksam gemacht. Nun folgt der zweite Fall „Die Klamm“. Nach den Ereignissen im ersten Buch und zuvor muss die schöne, große und schlaue Anja Grabner erst wieder in die Mordkommission zurückfinden. Ein nicht ganz einfacher Weg. Zudem erwartet ihren Kollegen Kaspar Deutsch und sie ein ziemlich undurchsichtiger Fall. „Die Klamm“ ist rätselhaft, fesselnd, atmosphärisch dicht und rasant erzählt! Was will man mehr von einem guten Thriller erwarten. Anja Grabner darf gerne weiterermitteln – und am besten, relativ schnell!

Goldmann, 442 Seiten; 10,00 Euro


George Eliot

daumen rauf

Middlemarch

Middlemarch

Die Grenzen des Dorfes sind die Grenzen unserer Welt. Das akzeptieren vielleicht die restlichen Bewohner von Middlemarch, aber nicht Dorothea und Tertius. Wieso sollte einer jungen Frau der Zugang zu Wissen und Geist verschlossen bleiben, wenn die alten Männer damit nur Schindluder treiben? Und warum sollte ein junger Arzt nicht neue Methoden anwenden dürfen, wenn man dadurch Menschenleben retten kann? Neugier ist Pflicht für Dorothea und Tertius. Und um ihre Pflicht zu erfüllen, setzen sie vieles aufs Spiel.

„Middlemarch“ ist der berühmteste Roman von Mary Ann Evans, die unter dem männlichen Pseudonym George Eliot auftrat, um als schreibende Frau wahrgenommen zu werden. Er gilt bis heute als Höhepunkt englischer Romankunst des 19. Jahrhunderts. Ein Roman mit viel Realismus und Witz, auffallenden Charakteren und viel Verständnis von der Autorin für ihre Figuren und deren Zeit, in der sie wandeln! „Middlemarch“ ist ein süffiges Meisterwerk seiner Zeit! Bei der Neuauflage von Rowohlt handelt es sich um die Neuübersetzung von Melanie Walz.

 
Middlemarch dtv

Zeitgleich ist auch die alte Übersetzung von Rainer Zerbst in einer schicken Neuauflage bei dtv erschienen. 1.150 Seiten, 28,00 Euro.

Rowohlt, 1.263 Seiten; 45,00 Euro


Udo Lielischkies

daumen rauf

Im Schatten des Kreml

Im Schatten des Kreml

Udo Lielischkies kennt Russland wie nur wenige ‒ seit Wladimir Putin 1999 an die Macht kam, berichtete er für die ARD aus dem riesigen Land. In seinem Buch schreibt er über die Politik des Kreml, das Leben in der atemlosen Metropole Moskau, vor allem aber ‒ mit viel Empathie ‒ über beeindruckende Menschen in den Weiten der russischen Provinz: Den kämpferischen Landarzt im Ural, den todesmutigen Reporter in Togliatti, die Bauern im südlichen Krasnodar, denen Agrarkonzerne die Ernte stehlen, und den gefangenen Soldaten im Tschetschenienkrieg.

Wer das heutige Russland besser verstehen will, der sollte unbedingt Udo Lielischkies‘ „Im Schatten des Kreml“ lesen! Ein Buch, das Russland aus vielen unterschiedlichen Winkeln zeigt und dem Leser so ein besseres Verständnis für Einzelheiten und Zusammenhängen gibt. Die Hauptthemen sind u. a.: “Helsinki: Das Rätsel im Geheimnis”, “Tschetschenien: Ein Krieg als Steigbügel für den neuen Mann im Kreml”, “Moskwa! Moskwa!: Arche Noah und Disneyland”, “Beslan: Wer Gewalt sät”, “Die Medien: Zwischen Gleichschaltung und Lebensgefahr”, “Justiz: Im Zweifel für den Staatsanwalt“,“ Wirtschaft: Der große Raubzug”, “Die Opposition: Leere Klappstühle im Regen” und “Das Gesundheitswesen: Jeder stirbt für sich allein”.

Droemer, 496 Seiten; 24,99 Euro


Hörbuch der Woche

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Richard David Precht

Sei du selbst

Sei du slebst mp3

Das 19. Jahrhundert revolutioniert die Philosophie! Während aus der Industrialisierung die bürgerliche Gesellschaft hervorgeht, verlieren die Philosophen den Boden unter den Füßen. Ist es überhaupt noch möglich, ein geschlossenes System der Welt zu errichten? In einer Welt ohne Gott und ohne natürliche Ordnung? Vor allem die Naturwissenschaften fordern die Philosophie heraus und beanspruchen die alleinige Deutungshoheit über Wahrheit und Sinn. Denker wie Auguste Comte, John Stuart Mill, Herbert Spencer, Ernst Mach und Charles Sanders Peirce versuchen die Philosophie methodisch auf das Niveau der Physik und der Biologie zu bringen. Doch genau dagegen rührt sich Protest. Für ihre Gegenspieler Arthur Schopenhauer, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche ist die Philosophie gerade keine Wissenschaft, sondern etwas ganz anderes: eine Haltung zum Leben!

Richard David Precht führt seine vierteilige Philosophie-Reihe mit Band 3 „Sei du selbst“ mit dem 19. Jahrhundert fort. Die Geschichte der Philosophie, die man wahrlich staubtrocken erzählen kann, so lebendig und spannend zu erzählen, wie Richard David Precht das macht, davor kann man nur den philosophischen Hut ziehen! Durch sein Erzählen und seine Herangehensweise an die Philosophiegeschichte bekommen nun sicher auch Leser Zugang zum Thema, die sich bisher vielleicht nicht so dafür interessiert haben. Das ist schon ein großes Lob wert! Und für Kenner der Philosophiegeschichte wird Prechts Aufschlüsselung des Jahrhunderts auch mit einigen Aha-Effekten verbunden sein. Bodo Primus hat eine sehr einnehmende Stimme und gibt dem manchmal nicht leichten Stoff einen sehr angenehmen Ton. Da macht das Zuhören Freude! Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine vollständige Lesung. Hörprobe 4:09 Min.

Sei du slebst

 

Auch als Hardcover erhältlich bei Goldmann, 24,00 Euro.

Der Hörverlag, 2 MP3 CDs, 1.183 Minuten; 24,00 Euro


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