Dezember 9, 2022

Kolumne 25.01.2016

Kolumne vom 25.01.2016 – Nr. 388


Margaret MacMillandaumen rauf

Die Friedensmacher

Die Friedensmacher

Wie der Kriegsausbruch 1914 war auch das Kriegsende 1918 ein Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts. Der Zusammenbruch der vier größten Reiche Europas führte zur folgenreichen Neuordnung des Kontinents im Versailler Friedensvertrag von 1919. In dem Buch geht es um das Geschehen rund um die Vertragsverhandlungen: die Differenzen der Siegermächte, die Rachegelüste der Franzosen, die Annexionswünsche der Engländer, die missachteten Erwartungen der Kolonialvölker, die demütigende Behandlung der Deutschen, das Geschacher um den Nachlass der Verlierer, schließlich der »Diktatfrieden«, der Deutschland die Alleinschuld am Kriegsausbruch aufbürdete.

Ein beachtliches und aufschlussreiches Werk! Margaret MacMillan hat ein ausführliches Buch über den Versailler Friedensvertrag verfasst. Es zeigt am Ende, wie ein Friedensvertrag der Vorbote für einen weiteren Krieg sein kann. Bei dem Vertrag ging es aber um noch so viel mehr als um einen Friedensvertrag, ein schier unglaubliches Spektrum an Themen wurde in diesen sechs entscheidenden Monaten verhandelt, dessen Entscheidungen tatsächlich bis zum heutigen Tag reichen. Es ging um Armeen, Kriegsflotten, Eisenbahnen, Wirtschaft, Reparationszahlungen, Ideologien, Ländergrenzen, Geschichte und um viele Länder und Einzelpersonen und deren Interessen. Margaret MacMillan porträtiert die handelten Personen sehr fein, so dass man ein gute Vorstellung von ihnen, ihrem Denken und Handeln bekommt. Trotz der Dicke des Buches wird es nie langweilig und es bleibt immer spannend, weil Margaret MacMillan Geschichte sehr anschaulich darbietet. Das Buch ist in England bereits 2001 erschienen und gilt als Standardwerk zu dem Thema.

Propyläen, 733 Seiten; 34,00 Euro


Barbara Vinedaumen runter

Kindes Kind

KindeskindUm sich teure Londoner Mieten zu sparen, ziehen die Geschwister Grace und Andrew kurzerhand zusammen, als sie das Stadthaus ihrer Großmutter erben. Doch im Erwachsenenalter sind enge Geschwisterbeziehungen nicht mehr so einfach. Als Andrews Lover einzieht, gerät alles durcheinander. Grace flüchtet sich in die Welt der Literatur – und stößt dabei auf ein eigenartiges Geschwisterpaar. Fasziniert liest sie ein Manuskript, das noch in den 1950er Jahren niemand zu publizieren wagte. Ein Schwuler gibt sich als Ehemann seiner Schwester aus, die mit fünfzehn ein Kind erwartet.

Ruth Rendell, alias Barbara Vine, war über Jahrzehnte eine der englischen Ikonen der Kriminalliteratur. Leider verstarb sie, Jahrgang 1930, 2015. Dieser Roman erschien noch 2013 vor ihrem Tod in England. Leider hat Barbara Vine mit “Kindes Kind” keinen letzten großen Wurf gelandet. Die Geschichte ist sehr zäh, langweilig und uninspiriert. Sie ist aufgeteilt in zwei Geschichten. Einmal die reale, die in 2011 spielt, und einmal die Geschichte in der Geschichte, die 1929 spielt. Doch keine von den beiden Geschichten reißen das Ruder herum.

Diogenes, 363 Seiten; 24,00 Euro


Tilmann Lahmedaumen rauf

Die Manns – Geschichte einer Familie

Die Manns  Geschichte einer FamilieThomas Manns literarisches Werk beherrscht die Familie. Seine Frau Katia hält ihm den Rücken frei und die Kinder vom Hals. Der schöne Sohn Klaus will als Schriftsteller so berühmt sein wie der Vater. Erika, die älteste Tochter, liebt so leidenschaftlich, wie sie hasst. Der scheue Golo sucht sein Glück fern der Familie. Michael will ein großer Musiker werden und kämpft gegen seinen Jähzorn und die hohen Ansprüche der Familie. Der Liebling des Vaters, Elisabeth, redet mit Tieren und rettet die Welt. Und alle lästern über Monika. Die Geschwister experimentieren in der Liebe und mit Drogen, verschleudern das Geld der Eltern – und werden zu ernsthaften Gegnern Hitlers. Wohin das Schicksal sie auch trägt: Die Manns halten zusammen. Und sie verraten einander.

Tilmann Lahme erzählt sehr lebendig und voller kleiner und großer Momente von der Familie Mann. Man bekommt von jedem der Personen ein deutliches Charakterbild. Von den widerspenstigen Kindern, von der Wirtschaftskrise und dem Geldverdienen, von der Literatur und den Erfolgen, von den Möglichkeiten der Liebe und dem grausamen Krieg, der aus der Ferne wahrgenommen wird, vom Leben in Amerika und vom Leben nach Hitler. Der Zeitrahmen des Buchs behandelt hauptsächlich die Jahre von 1922 bis 1952. Das Buch über die “Manns” hat so viele Facetten wie das Meer. Mal ist es ruhig und einladend, dann wird es stürmischer und ungemütlich bis der tosende Sturm aufzieht und einen mit einer großen Welle übermannt. Und dann ist es wieder ruhig. “Die Manns” von Tilmann Lahme zeigen ein Stück deutsche Geschichte – lebendig, düster, spannend, literarisch.

S. Fischer, 479 Seiten; 24,99 Euro


Jennifer Donnellydaumen rauf

Straße der Schatten

Straße der Schatten1890, New York City. Für Josephine Montfort, die aus einer wohlhabenden New Yorker Handelsfamilie stammt, scheint das Leben vorgezeichnet: Nach der Schule eine arrangierte Ehe, Kinder und ein ruhiges, häusliches Leben. Aber Josephine hat andere Pläne: Sie möchte als Journalistin auf das Leben der weniger Privilegierten aufmerksam machen. Dann stirbt ihr Vater durch seine eigene Waffe. Josephine glaubt nicht an einen Unfall. Mit dem Journalist Eddie Gallagher geht sie auf eine gefährliche Spurensuche.

Jennifer Donnelly ist eine ganz großartige Geschichtenerzählerin! Bei Werken wie ihrer “Rosentrilogie” klebte man an jeder Seite. Historischer Erzählstoff der besten Sorte! Das ist auch ihr neuer Roman “Straße der Schatten”. Spätestens auf der zweiten Seite hat Jennifer Donnelly einen gefangen und lässt einen bis zur letzten Seite nicht mehr los. Story, Figuren, Dialoge, sie kann mit allem außerordentlich überzeugen.

Pendo, 446 Seiten; 19,99 Euro


Johann Haridaumen rauf

Drogen – Die Geschichte eines langen Krieges

Drogen  Die Geschichte eines langen Krieges

Der Krieg gegen die Drogen gilt inzwischen als gescheitert, der Handel mit Drogen ist ein blühendes Geschäft, alle Maßnahmen gegen den Konsum sind weitgehend erfolglos. Woran liegt das? Der Autor erzählt die Geschichten derjenigen, deren Leben vom immerwährenden Kampf gegen Drogen geprägt ist: von Dealern, Süchtigen, Kartellmitgliedern, den Verlierern und Profiteuren.

Ein beeindruckendes und erschreckendes Werk! Es zeigt, wie die Drogen in die Welt gesetzt wurden, wie der Kampf gegen dieses große Übel Millionen Menschen das Leben gekostet hat und wie der Kampf geführt wird. Die Opfer sind vielfältig: Drogenkonsumenten, die, die bei der Polizei und in der Politik gegen die Verbreitung der Drogen kämpfen, die, die die Drogen verbreiten und verkaufen und Unschuldige auf allen Seiten. Der britische Autor Johann Hari erzählt kleine Geschichten aus der großen Welt der Drogen. Jede hat es in sich!

S. Fischer, 438 Seiten; 24,99 Euro


Hörbuch der Wochedaumen rauf

Wolfgang Hohlbein

Mörderhotel

Mörderhotel

230 Menschen gehen auf sein Konto: Herman Webster Mudgett, Jahrgang 1860, den unglaublichsten Serienmörder aller Zeiten. In Chicago errichtet er eigens ein Hotel, um seine Taten zu begehen. Ein Hotel, in dem es Falltüren, verborgene Räume, Geheimgänge, einen Foltertisch, ein Säurebad und eine Gaskammer gibt. Seine Opfer erleichtert er um ihr Geld und verkauft ihre Leichen an Mediziner. Niemand weiß, was im Kopf dieses Menschen vor sich geht. Bis die Polizei ihm auf die Spur kommt und eine gnadenlose Jagd beginnt …

Wolfgang Hohlbein ist immer noch der erfolgreichste Autor der Gegenwart. Das ist auch seinem unbändigen Schreibaustoß geschuldet. In der Zeit, in der andere Autoren ein Buch mit 400 Seiten schreiben, schreibt Wolfgang Hohlbein drei Bücher mit 600 Seiten. Doch er kann natürlich auch etwas. Wolfgang Hohlbein ist ein begnadeter Geschichtenerzähler! Mit “Mörderhotel” weicht er wieder von seinem Standardgenre, der Fantasy, ab. Die Story verspricht etwas mehr als sie hält. Man denkt, man bekommt einen harten Serienkillerroman zu lesen und zu hören, aber es ist dann doch nur zu einem Drittel solch ein Roman. Mehr ist es ein Entwicklungsroman, aber ein teuflischer. Blutige Unterhaltung ist einem trotzdem sicher. Der gefragte Synchron- und Hörbuchsprecher Volker Niederfahrenhorst schafft Theateratmosphäre. Seine Lesung ist abwechslungsreich und stimmungsvoll. So hilft er über manch Länge in der Geschichte hinweg.

Auch als Hardcover erhältlich bei Lübbe, 22,00 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 443 Minuten; 19,99 Euro


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