Januar 28, 2021

Kolumne 23.11.2020 Nr. 640

BuchKolumne 23.11.2020 Nr. 640

Stephenie Meyer – Biss zur Mitternachtssonne
Andreas Eschbach – Eines Menschen Flügel
Jean-Paul Dubios – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
Jenn Lyons – Der Name aller Dinge – Drachengesänge 2
Susan Arndt – Sexismus – Geschichte einer Unterdrückung

Stephenie Meyer – Biss zur Mitternachtssonne

Die Geschichte von Bella und Edward ist weltberühmt! Doch bisher kennen Leser*innen nur Bellas Blick auf diese betörende Liebe gegen jede Vernunft. In Biss zur Mitternachtssonne erzählt nun endlich Edward von ihrer ersten Begegnung, die ihn wie nichts zuvor in seinem Leben auf die Probe stellt, denn Bella ist zugleich Versuchung und Verheißung für ihn. Der Kampf, der in seinem Innern tobt, um sie und ihre Liebe zu retten, verleiht dieser Geschichte einen neuen, dunkleren Ton.

Stephenie Meyer wagt den nostalgischen Blick zurück, als alles begann mit Bella und Edward, nur dieses Mal aus Edwards Sicht, was ein leidenschaftlicher, gänsehautverursachender, mystischer Love-Romance-Trip wird, der einen bis aufs Blut gefangen nimmt, ohne Möglichkeit Edward zu entkommen! Edwards Gefühls- und Gedankenkampf um Zurückhaltung, Begehren, Verlangen, Hingabe und Liebe zu folgen ist faszinierend. Bella aus Edwards Sicht zu erleben ist ein neues und aufregendes Erlebnis, ihre anfängliche Schüchternheit, ihre Aufgewecktheit, ihre Neugier, ihr angstlose Zugehen auf Edward und seine dunkle Seite. Erlebe in „Biss zur Mitternachtssonne“ die erste Liebe von Bella und Edward, einem der berühmtesten Liebespaare der Literatur- und Filmgeschichte, noch einmal ganz neu!

Carlsen, 843 Seiten; 28,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei Silberfisch. Oliver Kube verleitet einen, vollkommen in Edwards Erzählung abzutauchen! 30,00 Euro.

Stephenie Meyer – Biss zur Mitternachtssonne – Hörprobe: 5 Min.

  Andreas Eschbach – Eines Menschen Flügel

Eine ferne Zukunft auf einem fernen, scheinbar paradiesischen Planeten – doch der Schein trügt. Etwas Mörderisches lauert unter der Erde. Daher haben die Siedler ihre Kinder gentechnisch aufgerüstet, sodass sie fliegen können. Es gibt jedoch weitere Rätsel: Noch nie haben die Menschen die Sterne gesehen. Der Himmel ist immer bedeckt, als würde sich dahinter etwas verbergen. Den Himmel, so heißt es, kann man nicht erreichen. Oder doch? Owen, einem Außenseiter, gelingt es – mit tödlichen Folgen.

Andreas Eschbach ist einer der genialsten Autoren Deutschlands! Das ist unbestreitbar. Sein letztes Werk „NSA“ hat die Leser sehr begeistert. Aber auch so einem genialen Geist wie Andreas Eschbach galoppieren manchmal die Pferde davon. So geschehen in seinem neuesten Werk „Eines Menschen Flügel“. Der Plot hört sich, wie für Andreas Eschbach schon normal, mehr als vielversprechend an. Doch die Umsetzung ist mehr als ein Flügelschlag von genial entfernt. Sehr viel mehr! In die Welt, die Andreas Eschbach erschaffen hat, hätte man wahrlich eine spektakuläre Geschichte einpflanzen können. Aber der Autor verliert sich in so vielen Nebensächlichkeiten, dass man schon bald den Überblick verliert. Noch schlimmer wird es bei den Charakteren. Alle heißen irgendwie ähnlich und sehen, für mich, auch noch irgendwie ähnlich aus. Was macht die Figuren aus, jede einzelne, darauf verwendet Andreas Eschbach zwar Zeit, es bleibt aber nicht nachhaltig im Gedächtnis. Auch bleibt die Spannung auf der Strecke, da der Autor manches nicht fertigdenkt, und durch vorgenanntes, einfach auch keine Spannung entstehen kann. „Eines Menschen Flügel“ ist abgestürzt!

Lübbe, 1.257 Seiten; 26,00 Euro

   Jean-Paul Dubios – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Warum sitzt ein unauffälliger Mensch wie Paul Hansen im baufälligen Gefängnis von Montréal? Der in Frankreich aufgewachsene Sohn eines dänischen Pastors und einer Kinobesitzerin hatte schon einiges hinter sich, bevor er seine Berufung als Hausmeister in einer exklusiven Wohnanlage in Kanada fand. Ein Vierteljahrhundert lang lief alles rund – die Heizungsanlage ebenso wie die Kommunikation, bis Paul eines Tages die Sicherung durchbrennt. Nun erträgt er mit stoischer Ruhe seinen Zellengenossen Patrick, einen Hells-Angels-Biker. Paul hat viel Zeit zum Nachdenken – Zeit für Lebenslektionen und unerwartetes Glück.

Jean-Paul Dubios‘ Geschichte fließt dahin wie ein ruhiger Fluss, bei dem immer wieder tosende Stromschnellen auftauchen, um dann wieder in ruhiges und sanft fließendes Gewässer zu gelangen. „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ hallt auf jeder Seite nach! Sein Held Paul Hansen ist einer wie du und ich. Er erzählt seine Lebensgeschichte, abwechselnd mit seinem neuen Alltag im Gefängnis, in dem er zwei Jahren im geschlossenen Vollzug einsitzen muss, wegen einer Tat, die der Leser nicht sogleich erfährt. Das Leben von Pauls Eltern ist geprägt von den Umbrüchen der 1960er und 1970er Jahre, aber auch davon, dass seine französische Mutter ein Programmkino betreibt, und sein Vater ein dänischer Pastor ist, was Konfliktpotenzial birgt. Aber auch als Erwachsener und Hausmeister hat er es nicht immer einfach. Pauls Zellenmitbewohner ist ein Hells-Angels-Rocker, der wegen Mordes einsitzt, der gerne malt, ungeniert aufs Klo geht, vorm Zahnarzt Panik hat, vor Mäusen und Ratten noch viel mehr, den man aber nicht dumm kommen darf, sonst kracht es. Auch das Leben, wie es Paul in jungen Jahren begegnet, beschreibt er knapp und pointiert: „die hier geboren wurden, aufwuchsen, lernten, flirteten, vögelten, heirateten, sich absicherten, arbeiteten, geschieden wurden, Kontakte knüpften, wieder vögelten, alterten, husteten und starben.“ Der Roman wurde 2019 mit dem renommierten „Prix Goncourt“ ausgezeichnet.

dtv, 252 Seiten; 22,00 Euro

   Jenn Lyons – Der Name aller Dinge – Drachengesänge 2

Kihrin ist ein junger Mann, der von allen gejagt wird. Seit er den Schellenstein zerstört und im Land Quur die Dämonen freigelassen hat, muss er vor dem Zorn eines ganzen Kaiserreichs fliehen, vor allem aber vor seinem alten Feind, dem Zauberer Relos Var. Auf seiner Flucht begegnet er einer geheimnisvollen Joratin namens Janel Theranon, die behauptet, ihn zu kennen. Janel glaubt, dass Relos Var eines der mächtigsten Artefakte der Welt in seinem Besitz hat – einen Eckstein, er heißt „Der Name aller Dinge“. Wenn sie Recht hat, dann kann niemand mehr verhindern, dass der alte Zauberer sich holt, was er will. Und er will Kihrin.

Die Amerikanerin Jenn Lyons hat mit dem ersten Teil ihrer „Drachengesänge“-Saga „Der Untergang der Könige“ bereits viele Fans gewonnen. Nun ist der zweite Teil „Der Name aller Dinge“ erschienen. Spektakulär, faszinierend, absolut magisch! Jenn Lyons‘ „Drachengesänge“ wirken nach, auch nachdem man die 900 Seiten gelesen hat. 900 Seiten klingt viel, ist aber viel zu wenig. Jenn Lyona hätte auch 1.500 Seiten vom zweiten Teil ihres Epos schreiben dürfen.

Klett-Cotta, 904 Seiten; 25,00 Euro

   Susan Arndt – Sexismus – Geschichte einer Unterdrückung

Nicht wenige übersehen alltäglichen Sexismus oder leugnen ihn; und wird er kritisiert, stößt das auf Widerstand und Vorwürfe, zu moralisch oder politisch korrekt zu sein. Viele ziehen es inzwischen vor, sich gar nicht mehr zu äußern. Es gibt aber keine neutrale Position gegenüber Sexismus. Denn Sexismus ist ein umfassendes Denk- und Herrschaftssystem, das sich in die DNA unserer Gesellschaft eingeschrieben hat. Das Buch identifiziert als seinen Kern das Postulat der binären Zweigeschlechtlichkeit. Es ermöglicht patriarchalische Herrschaft und legt die Grundlagen für die Diskriminierung von Frauen* sowie von homosexuellen, inter*sexuellen und trans*-geschlechtlichen Personen. Auch Männer* werden durch Sexismus als Individuen normiert und können dabei gebrochen werden.

Zwar ist Sexismus spätestens seit #Aufschrei und #MeToo wieder in aller Munde. Doch meist wird bloß hitzig aneinander vorbei diskutiert statt auf der Grundlage von Wissen zu argumentieren. Susan Arndt breitet dieses Wissen in ihrem Buch „Sexismus – Geschichte einer Unterdrückung“ vielfältig aus. Wer fundiert über Sexismus in unserer Gesellschaft diskutieren will, dem sei dieses Buch empfohlen! Es wird manch einem die Augen öffnen. Die Hauptthemen sind: „Von Sexismus und anderen Begriffen“, „Das Drei-Säulen-Fundament des Sexismus: Frau ist nicht Mann: Erfindung des biologischen und sozialen Geschlechts und deren juristische Verankerung“, „Manifestation des Sexismus“, Bewegung und Strategie gegen Sexismus“ und „Kann es eine Welt ohne Sexismus geben. Kein Resümee“.

C. H. Beck, 416 Seiten; 26,00 Euro