Juni 14, 2021

Kolumne 22.03.2021 Nr. 657

657

BuchKolumne 22.03.2021 Nr. 657

Peter James – Der absolute Beweis
Naoise Dolan – Aufregende Zeiten
Takis Würger / Noah Klieger – Noah
Hanne Hippe – Die Geschichte einer unerhörten Frau
Markus Torgeby – Unter freiem Himmel

Peter James – Der absolute Beweis

Der absolute Beweis

Fast hätte Investigativ-Reporter Ross Hunter den Anruf nicht entgegengenommen, der so nachhaltig sein Leben verändern sollte. Doch die Stimme von Dr. Harry F. Cook war so eindringlich, dass er sich ihr nicht entziehen konnte. Der Wissenschaftler behauptete, er habe den eindeutigen Beweis für die Existenz Gottes gefunden. Und Ross Hunter sei ein seriöser Reporter, der seine Botschaft in die Welt tragen sollte. Doch wie würden die Konsequenzen aussehen? Was würde der Vatikan dazu sagen? Die Moslems? Die Hindus? Aber auch für die Atheisten hätte das enorme Konsequenzen, ganz zu schweigen von den Evangelikalen, den Predigern, deren Heilsversprechen ihnen großen Reichtum bescherten. Als Ross Hunter weiter recherchiert, wird ihm schnell klar, dass es einige Menschen gibt, die die Existenz Gottes nicht bewiesen haben möchten und deshalb auch vor Mord nicht zurückschrecken.

Ein elektrisierender Thriller, der einen die „Wahrheit“ über Gott verrät! Peter James, der diese Geschichte 29 Jahre mit sich herumgetragen hat, geht in die Vollen. Bestseller-Autor Lee Child schreibt: „Sensationell – der beste Was-wäre-wenn-Thriller seit dem Da Vinci Code“. Soweit würde ich jetzt nicht gehen, denn der „Da Vinci Code“ war schon sehr Außergewöhnlich, aber „Der absolute Beweis“ hat mich mit den offenen Fragen und der forschen Erzählweise doch elektrisiert. Peter James konzentriert sich auch sehr auf seine Figuren, wobei Ross Hunter eine große Präsenz mit viel Leben ausstrahlt. Das macht es noch einfacher, mit ihm dem großen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ebenso geht er in die Tiefe mit dem, was der Glaube für die Menschen bedeutete, und das der Glaube mit Tatsachen so gar nicht zurechtkommt. „Der absolute Beweis“ – das absolute Thriller-Erlebnis!

Scherz, 592 Seiten; 16,99 Euro

 Naoise Dolan – Aufregende Zeiten

Naoise Dolan aufregende zeiten

Ava ist 22 und hat keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anstellen soll. Doch dann trifft sie Julian. Einen Banker. Einen Banker, der gerne Geld für sie ausgibt. Und plötzlich findet sie sich im Gästezimmer seiner Wohnung wieder und trinkt Clos Vougeot, spricht über schwankende Kurse und hat Sex. Ihre Einkommensunterschiede sind groß, und sie bewahren die selbsternannte Linke und Feministin Ava vor unangenehmen Fragen. Oder macht es sie vielleicht zu einer schlechten Feministin, dass er für alles zahlt?
Das wird sie herausfinden, sobald es vorbei ist. Julian verreist für längere Zeit – und Edith tritt auf den Plan. Edith, die ihr zuhört, wenn sie spricht, und ihr Freesien und Tulpen schenkt. Aber dann kehrt Julian doch unerwartet nach Hongkong zurück.

„Aufregenden Zeiten“ von der jungen irischen Schriftstellerin Naoise Dolan hat in der englischen Presse teils hymnische Besprechungen bekommen. Ich war sehr gespannt und voller Vorfreude. „Aufregende Zeiten“ – der Titel ist Programm, denn als LeserIn hat man währende der Lektüre aufregende Lesemomente! In einer schnoddrigen und modernen Sprache erzählt, trifft die Autorin den Puls der Zeit. Doch das war es dann mit dem Positiven, denn weder konnten mich die Figuren richtig packen noch die Geschichte, da nützen auch einige Absätze und Seiten nichts, die richtig glänzen. Der Geschichte fehlt es an erzählerischer Klarheit und einem festen Konstrukt. Nach einem Drittel der Geschichte wusste ich immer noch nicht, was ich mit den Figuren und der Geschichte anfangen soll. Und viel besser wird es danach auch nicht. Die „Aufregenden Zeiten“ sind immer wieder vorhanden, aber es reicht dann eben nur für aufregende Lesemomente und nicht für aufregende Lesestunden.

Rowohlt, 318 Seiten; 20,00 Euro

   Takis Würger / Noah Klieger – Noah

Noah

Noah Klieger war 13, als er sich während der deutschen Besatzung Belgiens einer jüdischen Untergrundorganisation anschloss und half, jüdische Kinder in die Schweiz zu schmuggeln. Noah Klieger war 16, als er im Morgengrauen als Häftling in Auschwitz ankam, bei Minusgraden. Noah Klieger hatte noch nie geboxt, als am Tag seiner Ankunft im Konzentrationslager gefragt wurde, ob sich Boxer unter den Häftlingen befänden und seine Hand nach oben ging. Die tägliche Sonderration Suppe für die Mitglieder der Boxstaffel von Auschwitz ließ ihn lange genug überleben. Noah Klieger war 20, als die Konzentrationslager befreit wurden. Er hat drei Todesmärsche und vier Konzentrationslager überlebt in einer Zeit, in der ein Wort, eine gehobene Hand oder ein Schritt den Tod bedeuten konnten oder das Leben. Auch in den dunklen, eiskalten Stunden fand er Hoffnung, fand er Kämpfer für den Widerstand gegen die Deutschen, fand er Verbündete, die mit ihm Kartoffeln stahlen, fand er einen Arzt, der ihm das Leben rettete, fand er List und Glück und einen letzten Laib Brot.

Ich verneige mich vor Noah Klieger! Wie auch vor allen anderen Holocaust-Überlenden. Was sie Unmenschliches durchleben mussten, aber mit einem unbändigen Lebensmut die KZ’s überlebt haben. Ich habe schon sehr viele Bücher von Holocaust-Überlebenden gelesen, jedes Mal aufs Neue bin ich zu tiefst erschüttert. Noah Kliegers Geschichte klingt unglaublich und mich hat es während der Lektüre so oft durchgeschüttelt, ich habe den Schmerz, das Trauma gespürt, aber auch, dass er niemals aufgab. Auch nach Auschwitz. Und dann, als er sich ein neues, später so glorreiches Leben aufgebaut hat. Die Geschichte, vor allem während der Zeit in Auschwitz zeigt immer wieder kleine Hoffnungsschimmer, bevor dieser dann schlagartig mit dem Tod erstickt wird, wie z. B.: „Er (Mengele) ließ einen Kindergarten einrichten und orderte Milch und Grießbrei mit Zucker und Butter dorthin. Manchen Kindern ließ er die Augäpfel aus den Köpfen schneiden, weil ihm die Farbe der Regenbogenhaut gefiel.“ Oder auch der Tod, der nur eine Sekunde von einem entfernt sein konnte: „… die Menschen starben im Schlaf … die Menschen starben, wenn ein Kapo morgens beim Zählappell Lust hatte, einen Juden totzuschlagen … die Menschen starben nach Gas in Selektionen, die immer und überall stattfinden konnten …“. Takis Würger erzählt Noah Kliegers Geschichte in einer knallhart nüchternen Sprache, so dass der Schrecken noch mehr aus den Wörtern heraussticht. „Noah – Von einem, der überlebte“ ist ein zeitgeschichtliches Dokument, dass alle immer daran erinnern soll, zu welcher Bestie der Mensch werden kann. Und das so etwas nie wieder geschehen darf.

Penguin, 189 Seiten; 20,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei Random House Audio. Präsent gelesen von Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras und Anna Thalbach. 20,00 Euro.

Takis Würger / Noah Klieger – Noah – Hörprobe 10:00 Min.

    Hanne Hippe – Die Geschichte einer unerhörten Frau

Die Geschichte einer unerhörten Frau

Verheiratet, zwei wohlgeratene Kinder, perfekte Ehefrau und Mutter: Gussy Fink führt ein Leben, wie man es in den Fünfzigerjahren von einer Frau erwartet. Doch das ändert sich, als sie feststellt, dass ihr Mann Hermann in dubiose Geschäfte verwickelt ist und sie hintergangen hat. Für Gussy liegt nicht nur ihre Ehe, sondern auch ihre Zukunft in Scherben. In ihrer Verzweiflung wagt die eigentlich schüchterne Frau einen kühnen Schritt – sie reicht die Scheidung ein. Aus der angepassten Mustergattin wird eine von der Gesellschaft argwöhnisch beobachtete Außenseiterin. Doch Gussy ist entschlossen, für ein neues und selbstbestimmtes Leben zu kämpfen.

„Die Geschichte einer unerhörten Frau“ ist ein unerhört guter, ein unerhört spannender und ein unerhört bunter Roman! Hanne Hippe gelingt mit ihrer „unerhörten Frau“ ein großartig eingefangenes Stimmungs- und Gesellschaftsbild im Deutschland der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre. Gussy Finks Leben, und wie es auf den Fugen gerät, ist spannend und detailreich gestaltet. Nach wenigen Seiten ist man schon auf Gussys Seite und weicht ihr nicht mehr von derselben, man will unbedingt wissen, wie es so weit kam und wie sie nun ihr Leben in Angriff nehmen will. Hanne Hippe erzählt aber in einem weiteren Strang auch von Hermanns neuem Leben in der DDR. Und auch ein Kindermund kommt immer wieder zu Wort und schildert aus ihrer Sicht, wie sich alles entwickelt hat.

Goldmann, 428 Seiten; 20,00 Euro

  Markus Torgeby – Unter freiem Himmel

Unter freiem Himmel

Im Freien schlafen, umgeben von Bäumen, Dunkelheit und angenehmer Kälte. Dabei hoch zu den Sternen blicken und sehen, wie sich die Atemluft wie eine feine Wolke vor den Augen kräuselt. Vielleicht verpassen wir ja etwas, wenn wir immer nur in temperierten Räumen mit vier Wänden und einer Decke liegen. Markus Torgeby war ein erfolgreicher Langstreckenläufer, als er der Zivilisation den Rücken kehrte, in den Wald zog und fortan unter freiem Himmel schlief. Eine Erfahrung, die sein Leben und seinen Blick auf die Welt veränderte.

Der Natur die Hand reichen, mit der Natur verschmelzen, die Natur als etwas ganz Großes sehen. Mit diesem Buch kommt man diesen Sätzen näher und kann es vielleicht auch selbst ausprobieren. So wie der Schwede Markus Torgeby es getan hat. „Unter freiem Himmel – Eine Anleitung für ein Leben in der Natur“ gibt ein Einblick für dieses Leben. Kurz und knackig verfasst, mit inspirierenden Fotos unterlegt. Einige der Themen sind: „Herausforderungen annehmen“, „Feuer machen“, „Kleider trocknen“, „Wolle“, „Fußbekleidung“, „Schlafsack“, „Unterlage“, „Axt“, „Messer“, Auf Bäume klettern“, „Saft“, „essbare Pflanzen“, „Sein Geschäft im Freien verrichten“ und „Brennholz trocknen“.

Heyne Hardcore, 192 Seiten; 24,00 Euro