Dezember 5, 2020

Kolumne 19.10.2020 Nr. 635

BuchKolumne 19.10.2020 Nr. 635

Max Bentow – Der Mondscheinmann
André Aciman – Find me – Finde mich
André Hille – Das Rauschen der Nacht
Dani Atkins– Wohin der Himmel uns führt
Alicia Keys
– More Myself – Mehr ich selbst

Max Bentow – Der Mondscheinmann

Lilienblüten auf dem Boden, Kerzen brennen und erhellen die Umrisse einer toten Frau, geschminkt und frisiert. Das Einzige, was die perfekte Inszenierung stört, sind die vielen Schnecken, die leise über das morbide Stillleben gleiten. Dies ist das Bild, das sich Kommissar Nils Trojan und seinem Team bietet, als sie in einer Berliner Wohnung eintreffen. Wenig später wird ein zweites Opfer im Wald aufgefunden, und wieder ist der Tatort inszeniert wie ein Andachtsraum. Trojan stürzt sich in die Ermittlungen und merkt zu spät, dass sein Gegner ein Spiel mit ihm spielt – ein Spiel, das so sanft wie eine Klaviersonate beginnt und mit dem sicheren Tod endet.

Will man einen erstklassigen Psychothriller eines deutschen Autors lesen, dann muss man zu einem Buch von Max Bentow greifen! „Der Mondscheinmann“ ist der achte Fall für den Berliner Kommissar Nils Trojan. Er hatte schon einige harte Fälle zu lösen, musste private Tiefen umschiffen, und nun lässt ihn der „Mondscheinmann“ nicht zur Ruhe kommen. Weinbergschnecken spielen in der Geschichte eine tragende Rolle. Aber von Schneckengeschwindigkeit kann bei der Story wahrlich nicht die Rede sein. Es geht Schlag auf Schlag. Max Bentow gönnt einem keine Atempause! Bis zum packenden Finale, das ein klein wenig an das von „Das Schweigen der Lämmer“ erinnert.

Goldmann, 414 Seiten; 15,00 Euro

André Aciman – Find me – Finde mich

Samuel ist auf dem Weg nach Rom, um seinen Sohn Elio zu besuchen, der dort als Pianist lebt. Seit der Trennung von seiner großen Jugendliebe Oliver ist Elio keine längere und ernsthafte Beziehung eingegangen. Oliver hingegen hat in New York geheiratet, ein bürgerliches Leben als Collegeprofessor begonnen, eine Familie gegründet. Doch insgeheim wartet er auf die Begegnung mit einem Menschen, die ihn so erschüttert und bewegt wie einst die mit Elio. Und Samuel begegnet auf seiner Reise einem Menschen, der ihm nach dem Ende seiner Ehe zeigt, was es bedeutet zu lieben.

Die Fortsetzung des Bestsellers „Call me by your name“. Zu diesem fand ich schon nicht so den Zugang, als dass er mich gefesselt hätte. Auch wenn er einige schöne Momente zu bieten hatte. Nun also die Fortsetzung „Find me“. Die Beschreibung hört sich eigentlich noch relativ vielversprechend an. Die Geschichte soll uns ausführlich verraten, was von der großen Liebe geblieben ist. Doch leider erfährt man das nur am Rande, denn der Roman ist überladen mit unwichtigen Nebengeschichten, öden Dialogen und einem großen Maß an Langeweile. Wenn man den Vorgänger mochte, findet man hier natürlich etwas, aber nicht das, was man wirklich sucht. André Aciman ist vom Weg abgekommen, und hat nicht das gefunden, was man sich als Leser von diesem Buch erwartet hat.

dtv, 295 Seiten; 22,00 Euro

André Hille – Das Rauschen der Nacht

Eigentlich müssten Jonas und Birte glücklich sein. Sie haben ein Haus auf dem Lande, zwei fröhliche Kinder und gehen liebevoll miteinander um. Aber als Schäden am Haus auftreten und Jonas‘ Start-up-Unternehmen kriselt, nistet sich die Angst vor dem Absturz in ihrem Dasein ein. Jonas hat das Gefühl, nicht mehr in der Gegenwart zu leben, sondern nur noch in einer Endlos-Schleife von Erwartungen, und scheut nicht länger das Risiko.

André Hille gelingt es, intensiv und trotzdem zügig erzählt, ein Familienleben von heute zu skizzieren. Familie, Arbeit, Haus, alles frisst so viel Lebenszeit von einem weg, so dass man sich fragt, wo man selbst dabeibleibt. Das fragt sich auch Jonas. Überall gibt es Baustellen, alles belastet einen, zerrt an den Nerven, laugt einen nach und nach aus. Man funktioniert nur noch. „Das Rauschen der Nacht“ ist also ein hunderttausendfaches Abbild von dem, was in unserem Land, auf der ganzen Welt, mit den Menschen passiert. Jonas` Blick geht immer wieder mal zurück, in die Jugendzeit, dort wo vieles noch so einfach und unbeschwert war. Da stand einfach nur Leben auf dem Programm, das war nun vorbei. Man musste er immer für die Kinder und den Job da sein, dazu kommen noch die Probleme mit dem Haus, nichts war mehr einfach, schon gar nicht die Zweisamkeit, wenn sie denn überhaupt noch mal stattfand. Bewegend, nüchtern, ehrlich – das ganz normale Leben fesselnd erzählt!

Blessing, 253 Seiten; 22,00 Euro

Dani Atkins – Wohin der Himmel uns führt

Beths Ehemann Tim ist tot. Doch es gibt noch eine letzte Möglichkeit, dass ein Teil von ihm weiterlebt. Ein letzter gemeinsamer Embryo ist in einer Klinik für künstliche Befruchtung eingefroren. Doch dann ändert ein Anruf der Klinik einfach alles. Seit acht Jahren ist der kleine Noah das ganze Glück seiner Eltern Izzy und Pete und das Einzige, was die beiden noch zu verbinden scheint. Sie wundern sich nur hin und wieder, dass er keinem von ihnen ähnlich sieht. Als Beth und Izzy aufeinandertreffen, geraten ihre jeweiligen Welten ins Wanken. Ein Ereignis vor acht Jahren bringt sie auf eine Weise zusammen, die keine von ihnen je für möglich gehalten hätte. Und sie müssen sich beide der Frage stellen: Wie viel Liebe braucht es, um ein Kind loszulassen?

„Dani Atkins = große Gefühle, große Dramen, großartige Unterhaltungsliteratur! Das bewies sie zuletzt auch in „Das Leuchten unserer Träume“ und „Sag ihr, ich war bei den Sternen“. Nun ist ihr neuer Roman „Wohin der Himmel uns führt“ erschienen. Und sie bestätigt, was man von ihr kennt. Ein Roman, der einen durchschüttelt, traurig und glücklich zugleich macht und der einen auch selbst immer wieder zum Hinterfragen verleitet, wie man selbst in dieser oder jener Situation gehandelt hätte.

Knaur, 429 Seiten; 10,99 Euro

Alicia Keys – More Myself – Mehr ich selbst

Die legendäre Pop-Ikone Alicia Keys hat die Welt mit ihren von Herzen kommenden Texten, ihrem außergewöhnlichen Stimmumfang und Klavierkompositionen in ihren Bann gezogen – doch abseits des Rampenlichts hat die Ausnahme-Künstlerin mit privaten Tragödien gekämpft. Die herausfordernde Beziehung zu ihrem Vater, der Wunsch, es immer allen Recht zu machen, der Verlust ihrer Privatsphäre und die bedrückenden Erwartungen an weibliche Perfektion: Seit Beginn ihrer Karriere hatte Alicia Keys ihren eigenen Wert in Frage gestellt und mit den auferlegten Klischees von Weiblichkeit und Sexualisierung von Frauen im Pop-Business gehadert: „Ich war nie ich selbst, sondern habe mich immer angepasst.“

Alicia Keys hat eine ungewöhnliche, mitreißende und intime Autobiographie geschrieben! Sie lässt Stationen ihres noch jungen Lebens Revue passieren, aber sie geht auch immer wieder darauf ein, wie sie einen Weg gefunden hat, sich selbst zu finden. Somit ist „More Myself“ nicht nur eine spannende Autobiographie einer Ausnahmekünstlerin, sondern auch ein Buch über das Suchen und Finden im Leben, ein Buch, das einen auch selbst einen Weg aufzeigen kann. Ganz der Titel: „More Myseld – Mehr ich selbst“.

Knaur, 345 Seiten; 20,00 Euro