Juni 28, 2022

Kolumne 20.06.2022 Nr. 722

BuchKolumne 20.06.2022 Nr. 722

Stewart O’Nan – Ocean State
Karin Kalisa – Fischers Frau
Maggie Shipstead – Kreiseziehen
Max Korn – Talberg – 2022
John Scheid / Nicolas Guillerat – Rom verstehen

Stewart O’Nan – Ocean State

Westerly, eine Arbeiterstadt in Rhode Island, dem kleinsten Bundesstaat der USA. Die Highschool-Schülerin Birdy wird umgebracht – sie hatte sich in den Falschen verliebt. Die Täterin: ihre Mitschülerin Angel. Beide verband die Liebe zu Myles, Sohn wohlhabender Mittelschichtseltern mit einem traumhaften Sommerhaus am Meer, und die Hoffnung, der Perspektivlosigkeit der eigenen Herkunft auf diesem Wege zu entkommen. Die Vorgeschichte und die Folgen des Mordes werden aus wechselnden Perspektiven erzählt. Da ist Angel, die Täterin, Carol, ihre alleinerziehende Mutter, die mit den beiden Töchtern in einem verfallenden Haus am Fluss lebt, und Birdy, das Opfer.

Ich verfolge Stewart O’Nans Schriftstellerkarriere von Anfang an. „Engel im Schnee“ erschien auf Deutsch 1997. Schon damals war ich begeistert von seiner feinen literarischen und zugleich modernen Art des Erzählens. Und nun über zwei Jahrzehnte später genieße ich immer noch jedes seiner Bücher. Alle seine Romane habe ich gelesen und war immer wieder aufs Neue angetan. So unterschiedliche Geschichten hat erzählt. Mit „Ocean State“ kehrt er wahrlich wieder zu seinen Anfängen mit „Engel im Schnee“ und „Die Speed Queen“ zurück. Schnörkellos und klar in der Sprache, kompromisslos und nüchtern stellt er die Alltagsheldinnen seiner Geschichte dar. Auch wenn es keine spannungsgeladene Literatur ist, so ist sie trotzdem absolut fesselnd, wie sich das Drama immer mehr zuspitzt. Als LeserIn denkt man sich, nein, handle nicht so, sondern anders, aber es kommt, wie es kommen muss. Im letzten Kapitel „Am anderen Ende von Provicence“ verschenkt Stewart O’Nan dann auf sechs Seiten einen ganzen Roman bzw. weitere 250 Seiten, die er diesem Buch hätte noch schenken können. Wagen Sie die literarische Reise zum „Ocean State“!

Rowohlt, 251 Seiten; 24,00 Euro

 Karin Kalisa – Fischers Frau

Südliche Ostsee, 1928: Ein dreijähriges Fangverbot macht die Fischer arbeitslos – statt hinaus aufs Meer zu fahren, setzen sie sich an Webstühle und knüpfen Teppiche, die die Welt der See zeigen – oder der Welt die See, wie man es nimmt. Ein österreichischer Tapisserist lehrt sie die Knoten, auf die es ankommt: Senneh und Smyrna. Die „Perser von der Ostsee“ entwickeln sich europaweit zum Verkaufsschlager. Fast einhundert Jahre später wird der zurückgezogen lebenden Kuratorin Mia Sund ein sehr seltsames Exemplar auf den Tisch gelegt: In seinem Flor irrlichtern Hunderte von Grüntönen, segeln Koggen unter mysteriösen Flaggen, tanzen kleine Wellen in den Augen der Fische und eine ornamentale Borte entpuppt sich als vieldeutige Chiffre. Zum ersten Mal nach zwölf Jahren beantragt Mia eine Dienstreise und macht sich quer durch Europa auf die Suche nach der Knüpferin und ihrer Botschaft, die die alte Erzählung vom Fischer und seiner Frau auf den Kopf stellt.

Karin Kalisa schreibt sehr intensive Romane. Zuletzt erschienen sind „Bergsalz“ und „Radio Activity“ Über „Radio Activity“ schrieb ich 2019: „In einem unverwechselbaren Ton erzählt Karin Kalisa in ‘Radio Activity’ eine Geschichte, die einen berührt, nahe geht, nachdenken lässt, einen mitnimmt auf eine ganz besondere Reise! Karin Kalisa hat zu ihrem unverwechselbaren Ton auch Figuren erschaffen, die einen ans Herz wachsen. ‘Radio Activity’ wird keinen Leser kalt lassen!“ So war ich gespannt, was mich bei „Fischers Frau“ erwarten würde. Die Geschichte hörte sich wieder sehr eigen und spannend an. Leider waren meine Erwartungen dann aber doch zu hoch. Mias Geschichte ist bewegend, aber wie Karin Kalisa diese erzählt, wird sie auch schnell langweilig. Die Geschichte kommt nicht voran. Der Teil aus der Vergangenheit ist für mich viel zu kurz geraten und auch wenig inspiriert erzählt. Was hätte eine Lucinda Riley nur aus dieser Grundidee gemacht. Einen ganz fantastisches Leseabenteuer! Karin Kalisa ist das nur in Ansätzen gelungen.

Droemer, 250 Seiten; 22,00 Euro

    Maggie Shipstead – Kreiseziehen

Marian Graves ist ein Wildfang von Kindesbeinen an. Im heimatlichen Montana sucht sie stets das nächste Abenteuer und scheut keine Gefahr. Besonders angetan hat es ihr das Fliegen – sie träumt davon, über den Wolken zu schweben. Aber um ihr Ziel zu erreichen, muss sie Hindernisse meistern und Opfer bringen. 1950 startet Marian den Versuch, als erste Person die Erde in der Längsachse zu umrunden. Doch in der Antarktis verschwindet sie und lässt nur ein Logbuch zurück. 2014 verkörpert die skandalerschütterte Hollywoodschauspielerin Hadley Baxter die Rolle der zum Mythos gewordenen Marian Graves und begibt sich auf die ganz eigene Spurensuche dieser ungewöhnlichen Frau.

Der junge Amerikanerin Maggie Shipstead hat schon mit den beiden Romanen „Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit“ und „Dich tanzen zu sehen“ auf sich aufmerksam gemacht. Lange ist es her, seit ihrer letzten Veröffentlichung. Wenn man nun ihren neuen Roman „Kreiseziehen“ in der Hand hält, kann man das durchaus verstehen. Es erwartet einen über 850 Seiten Lesegenuss! Maggie Shipstead versteht es, ihre Charakter genau auszuloten. Der überwiegende Teil des Romans spielt von 1909 bis 1950. Hätte sie dem anderen Erzählstrang um Hollywoodschauspielerin Hadley Baxter auch noch etwas mehr Platz gegönnt, hätte der Roman weit über 1.000 Seiten umfasst. Ich hätte sie sehr gerne gelsen. Maggie Shipstead zieht mit ihrem Roman „Kreiseziehen“ ganz große Kreise, in jede Gehirnwindung ihrer LeserInnen! Ein Roman, wie ein großes Fest des Lesens. Eine Geschichte, so prächtig und süffig, dass sie literarisch abhebt und davonfliegt!

dtv, 862 Seiten; 28,00 Euro

    Max Korn – Talberg – 2022

Talberg ist ein kleiner abgelegener Ort am äußersten Rand der deutschen Provinz. Fernab der großen Zentren und im Schatten eines gewaltigen Berges gelegen, scheint sich hier über die Jahrzehnte hinweg das Böse immer wieder zu sammeln. Ein schweres Unwetter legt die Überreste eines Toten frei. Handelt es sich bei der Leiche um die Knochen des Hirscher-Buben, der vor fast hundert Jahren spurlos aus dem Ort verschwand? Oder handelt es sich um das Opfer eines Mörders, der heute noch in Talberg lebt? Die Ermittlungen führen den Dorfpolizisten Adam Wegbauer tief in die eigene Familiengeschichte.

Max Korn ist das Pseudonym des deutschen Bestseller-Autors Oliver Kern, der unter seinem anderen Pseudonym Luis Sellano die erfolgreichen Lissabon-Krimis geschrieben hat. Nun widmet er sich der Krimi-Trilogie „Talberg“. Inspiriert wurde er von den Geschichten und Legenden des kleinen Ortes Thalberg im Bayerischen Wald, in der Oliver Kern ein Teil seiner Jugend verbracht hat. Los ging es mit „Talberg – 1935“, es folgte „Talberg 1977“ und nun liegt der Abschlussband „Talberg – 2022“ vor. Die Talberg-Trilogie ist weit mehr als eine Krimi-Trilogie. Es vereint die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts komprimiert auf einen kleinen Ort, ist zugleich Gesellschaftsroman und Drama. Alle drei Bücher habe ihre Stärken und Schwächen, wobei die Stärken bei weitem überwiegen. Tauchen Sie ein in die Geschichte von Talberg und machen Sie sich auf zahlreiche dunkle Geheimnisse gefasst!

Heyne, 361 Seiten; 15,00 Euro

  John Scheid / Nicolas Guillerat – Rom verstehen

Mit dem Wandel der Republik zum Kaiserreich und dem Gewinn der Vorherrschaft im Mittelmeerraum steigt Rom zur Supermacht in der Antike auf. Wie ist eine Gesellschaft hinter einer solchen Machtexpansion politisch organisiert? Wer dient wem und wer hat welche Rechte? Wie ist Rom wirtschaftlich aufgestellt? Und warum ist die Armee zu Land und zur See derart schlagkräftig?

Der Althistoriker John Scheid und der Infografiker Nicolas Guillerat erzählen die Geschichte des alten Rom anhand von mehr als 100 detailreichen Infografiken. Anschaulich erklären sie die legislativen, administrativen und sozialen Strukturen und Entwicklungen sowie das immense Potenzial der Kriegsmacht. Es gibt ja schon zahlreiche Bücher über die Geschichte Roms. Doch dieses Buch bringt die Geschichte des alten Roms auf ein modernes und für alle verständliches Niveau. Wer sich nicht zu viel mit Lesen aufhalten will, der findet in den Infografiken detaillierte Darstellungen und Aussagen, wie Rom strukturiert war. Dazu gibt es noch kurze und erläuternde Texte. Das alte Rom verstehen in moderner Ausstattung! Die Hauptthemen sind: „Gebiet und Bevölkerung des Römischen Reichs“, „Verwaltung, Verehrung, Versorgung“ und „Die römische Militärmacht“.

dtv, 127 Seiten; 26,00 Euro