Mai 24, 2022

Kolumne 18.04.2022 Nr. 713

BuchKolumne 18.04.2022 Nr. 713

Karl Ove Knausgård – Der Morgenstern
Francis Spufford – Ewiges Licht
Tracy Wolff
– Crush
Frauke Scheunemann
– Der Tote im Netz
Desmond Shum
– Chinesisches Roulette

 Karl Ove Knausgård – Der Morgenstern

Karl Ove Knausgård_Der_ Morgenstern

Es ist Sommer in Norwegen. Ewas scheint aus den Fugen geraten zu sein. Krabben spazieren an Land, Ratten tauchen an überraschenden Stellen auf, eine Katze kommt unter seltsamen Umständen ums Leben. Kurzum: Die Tiere verhalten sich wider ihre Natur. Diese klein wirkende Ereignisse werden von neun Leben flankiert. Da ist der Literaturprofessor Arne, der mit seiner Familie die Tage im Sommerhaus verbringt, an sich selbst zweifelt und mit seinem Nachbarn Egil über den Glauben an Gott diskutiert. Da ist die Pastorin Kathrine, die plötzlich merkt, dass sie ihre Ehe als Gefängnis empfindet. Da ist der Journalist Jostein, der auf einer exzessiven Trinktour von den mysteriösen Morden an Mitgliedern einer Death Metal Band hört, während seine Frau Turid in einer psychiatrischen Anstalt als Nachtwache arbeitet. Ihnen allen unerklärlich ist das Auftauchen eines neuen Sterns am Himmel, den auch die Wissenschaft nicht wirklich erklären kann. Ist er der Vorbote von etwas Bösem oder im Gegenteil die Verheißung von etwas Gutem?

Karl Ove Knausgård ist ein literarischer Gott! Seine Bücher haben mich schon immer total verzaubert. „Der Morgenstern“ tut das auch. Er erzählt darin von den einfachen Menschen mit ihren einfachen Alltagsgeschichten, und er macht das so ausgesprochen gut, das ich sprichwörtlich bei jedem Wort an seinem Lippen hing. Jede Seite ist ein Genuss! Es bedarf schon eines großen literarischen Könnens, das total Unspektakuläre literarische total spektakuläre wirken zu lassen. Das tut der Norweger Karl Ove Knausgård auf ungeheuer eindringliche Art. Einfache Leben, einfache Dinge, dazu die wichtigen Themen der Menschheit, werden durch Karl Ove Knausgård zu etwas ganz Großem. Das Buch hat gut 900 Seiten. Viel zu wenig! Es hätten auch gerne 2.000 Seiten sein dürfen. Karl Ove Knausgård hat mich wieder einmal umgehauen!

Luchterhand, 892 Seiten; 28,00 Euro

 Francis Spufford – Ewiges Licht

Francis Spufford-Ewiges Licht

Am 25. November 1944 schlägt eine deutsche V2 in ein Londoner Kaufhaus ein. 168 Menschen verlieren binnen Sekundenbruchteilen ihr Leben, die meisten sind Frauen und Kinder. Die Geschichte macht aus dem Epitaph für die Getöteten einen Anfang. Sie erzählt von ungelebten Leben: Da sind die Zwillingsschwestern Jo und Val. Val, die Lebenslustige, verliebt sich in den Falschen, landet im Gefängnis und tut ein Leben lang Buße. Jo, die Hochbegabte, geht nach Amerika, aber für eine Frau ist in der Musikindustrie nur die Rolle als Freundin des Stars vorgesehen. Vern, der von keinem Geliebte, macht Geschäfte, er triumphiert und scheitert und geht dabei über Leichen. Alecs Leben verläuft in den vorbestimmten Bahnen seiner Klasse – bis der Umbruch der Thatcherjahre alle Gewissheiten zerschlägt. Und dann ist da Ben, der Bedrohteste von allen, sein Lebensleid scheint beinahe unerträglich, aber am Ende wartet auf ihn großes Glück.

Ein Roman, dessen Geschichte mich ungeheuer angesprochen hat! Ich wollte unbedingt erfahren, wie der Engländer Francis Spufford diese ambitionierte Geschichte umgesetzt hat. Da das Buch auch noch für den „Booker Prize“ nominiert war, habe ich wirklich Großes erwartet. Doch ich habe nur etwas ganz Kleines zu lesen bekommen. Die Idee der Geschichte ist so toll, was hätte man daraus für einen überwältigend Roman machen können. Ein Karl Ove Knausgård hätte daraus ein Epos des Lebens gemacht. Francis Spufford erzählt aber nur einen sehr schmalen Episodenroman. Der im Jahr 1944 beginnt, fortgesetzt wird über die Jahre 1949, 1964, 1979, 1994, und im Jahr 2009 endet. Vor allem Jo, Val Vern und Alec werden hier in sehr kurzen Episoden in den Jahren vorgestellt und sogleich auch wieder verabschiedet. Die Zeitsprünge sind so groß und die Einblicke in die Leben der vier Hauptfiguren so klein, dass kein Leseerlebnis aufkommt, sondern eher Lesefrust. Den ganzen Lobpreisungen kann ich mich somit nicht anschließen, denn die eigentlich großartige Geschichte ist sehr bescheiden umgesetzt.

Rowohlt, 374 Seiten; 22,00 Euro

    Tracy Wolff – Crush

Tracy Wolff-crush

Als Grace sich in Jaxon Vega verliebte und in seine gefährliche Welt eintauchte, wurde ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt: Jaxon ist der mächtige Sohn der herrschenden Vampirfamilie und auch Grace ist nicht, wer sie ihr ganzes Leben zu sein glaubte. Wenn sie in dieser Welt überleben will, muss Grace ihre neuen Fähigkeiten schnellstens meistern. Doch ihre Liebe zu Jaxon und das Leben ihrer Freunde sind in Gefahr. Beide zu retten, wird ein Opfer verlangen, von dem Grace nicht weiß, ob sie es zu erbringen bereit ist.

Die Amerikanerin Tracy Wolff hat bereits über 65 Romane verfasst, darunter auch zahlreiche Bestseller. Nun entführt Tracy Wolff ihre LeserInnen in die Katmere Academy. „Crave“ war der erste Band der Reihe. „Die Chroniken der Katmere Academy“ haben das Zeug dazu, das „Twilight“ des neuen Jahrzehnts zu werden! Diese Aussage von mir gilt noch mehr nach dem mitreißenden zweiten Band „Crush“. Ich liebe dieses Buch! Ich liebe die „Katmere-Academy“-Reihe! Es geht wieder weiter mit vielen Überraschungen, reichlich Leidenschaft, Blut und düsteren Momenten. Ein monströses Buch, das einen nicht mehr aus seinen Fangzähnen lässt! Die Fangzähne haben sich nach „Crush“ noch tiefer in den Hals ihrer LeserInnen gegraben. Wie „Crave“ ist auch „Crush“ ein echter Lese-LeckerBISSEN! Im Herbst 2022 wird die Reihe mit „Covet“ fortgesetzt. Man kann es kaum erwarten.

dtv, 779 Seiten; 20,00 Euro

 Frauke Scheunemann – Der Tote im Netz

Frauke Scheunemann-Der Tote im Netz

Im Seebad Heringsdorf auf Usedom herrscht Aufruhr: Bäderland-Radio, der kleine Ostsee-Lokalsender, soll von einem größeren Konkurrenten geschluckt werden. Radioreporterin Franziska Mai ist zwar der Liebe wegen auf die Insel gezogen, aber nun gilt es, ihren Job zu retten. Ihre Idee: ein neues Format, bei dem die Usedomer alles auf den Tisch bringen können, was ihnen unter den Nägeln brennt. Und Franziska versucht zu helfen. Aber bald geht es nicht mehr um Nachbarschaftsstreitigkeiten, sondern um den Mord an einem Fischer, der tot in sein eigenes Netz gewickelt im Hafen von Zeglin gefunden wird – in seine Brust das Wort „Rache“ eingeritzt. Franziska wittert ihre Chance und mischt sich in die Ermittlungen ein. Und kommt nicht nur Kommissar Kay Lorenz ins Gehege, sondern auch dem Mörder gefährlich nahe.

Frauke Scheunemann, Teil des Bestseller-Duos Anne Hertz und erfolgreiche Autorin der charmanten „Dackel Herkules“-Reihe“, wagt sich nun aufs Krimi-Parkett. Und das macht sie mit viel Hingabe, Lokalkolorit und Verve. Einst selbst für das Radio aktiv und Liebhaberin der Insel Usedom lässt sie genau diese Kenntnisse in ihren ersten Krimi um Radioreporterin Franziska Mai und Kommissar Kay Lorenz einfließen. Im „Der Tote im Netz“ werde auch Sie sich verfangen!

Scherz, 363 Seiten; 14,99 Euro

  Desmond Shum – Chinesisches Roulette

Desmond Shum-Chinesisches Roulette

Wann ist man wirklich mächtig? Wenn auf dem Konto eine Milliarde liegt? Wenn die Ehefrau mit der Frau des Premiers beim Shoppen große Geschäfte macht? Desmond Shum wächst in Shanghai und Hongkong auf. Nach dem Studium in den USA stürzt er sich ins Beijinger Businessleben mit dem Blickwinkel eines Outsiders und den richtigen Connections. Er scheffelt mit Immobilientransaktionen Geld. Ehefrau Whitney pflegt Beziehungen zu Ehefrauen wichtiger politischer Akteure. Und doch sind Desmond Shum die Hände gebunden, als Whitney, Multimilliardärin wie er, spurlos verschwindet. Wem aber konnte Whitney Duan gefährlich werden? Was wusste sie über Staatspräsident Xi Jinping – oder was außer Ärger mit der Staatsführung könnte hinter ihrem plötzlichen Verschwinden sonst stecken?

Ein Augenzeugenbericht aus der neureichen Wirtschaftselite Chinas: Die Hintergründe der „Explosion“ des chinesischen Kapitalismus in den 2000er Jahren, erzählt von einem, der mit verstrickt war und mitverdient hat. Selten hat es jemand gewagt, so offen über das zu schreiben, was in China Macht bedeutet. Ein Blick auf die chinesische Elite, exzessive Bereicherung und den Widerstreit von Kapitalismus und kommunistischer Partei. Ein Roulette-Spiel könnte nicht spannender sein als dieses Buch! „Chinesisches Roulette“ zeigt offen, wie es wirklich um Chinas Macht- und Geldapparat bestellt ist. Desmond Shaun wuchs in Shanghai und Hongkong auf und lebt heute in England. Er weiß wovon er spricht. Er hat den Gang nach oben und nach unten miterlebt. Sein Blick auf China ist schockierend. Einiges wusste man ja schon vorher, doch was man in diesem Buch erfährt, übersteigt alles noch einmal um ein Vielfaches.

Droemer, 301 Seiten; 22,00 Euro