Juni 27, 2022

Kolumne 18.01.2016

Kolumne vom 18.01.2016 – Nr. 387


Eric-Emmanuel Schmitt daumen rauf

Die Liebenden vom Place d’Arezzo

Die Liebenden vom Place dArezzo

Ein anonymer Liebesbrief bringt Unruhe in das elegante Brüsseler Viertel rund um den Place d’Arezzo. Alle haben ihn erhalten: Der Banker, der seiner Familie verheimlicht, dass er sich von anderen Männern angezogen fühlt. Der hochrangige Politiker, der notorisch jede halbwegs attraktive Frau anmacht. Die sexsüchtige Diane, die sich mit Unbekannten zu sadomasochistischen Sitzungen trifft und einmal, gut geknebelt und verpackt, von ihrem Liebhaber zurückgelassen wird, um Stunden später von ihrem Ehemann erlöst zu werden. Aber es gibt auch die verschrobene alternde Dame, die ein telepathisches Verhältnis zu ihrem Papagei unterhält, oder die glücklich Liebenden, die einander bereits gefunden haben, oder sich noch finden werden,

“Ich wollte Dir nur sagen, dass ich Dich liebe. Unterzeichnet: Du weißt schon, wer.” Das ist der Liebesbrief, der alles in Gang bringt. “Die Liebenden vom Place d’Arezzo” ist eine Geschichte über die Liebe, die Leidenschaft, die Erotik in all ihren wunderschönen und verrückten Spielarten. Treue, Zärtlichkeit, Sehnsucht, Untreue, der einfach Liebesakt, der verspielte, der schmutzige, gleichgeschlechtlich, oder auch überhaupt keine Liebe. Doch die Sehnsucht nach der Liebe ist immer da, auch wenn man es sich nicht eingestehen will. Der französische Bestsellerautor Eric-Emmanuel Schmitt hat für diesen Roman viele Figuren entworfen, und trotzdem hat jede von ihnen einen starken Ausdruck, Tiefe und das gewisse Etwas. Ein literarischer Roman über die Liebe, der das Knistern nicht sein lassen kann – zur Freude des Lesers. “Die Liebenden vom Place d’Arezzo” hat etwas von dem weltweiten Kinoerfolg “Tatsächlich Liebe” – weniger lustig, dafür umso dramatischer und ein Stück radikaler.

S. Fischer, 768 Seiten; 24,99 Euroo


Tom Clancy / Mark Greaneydaumen runter

Der Campus

Der CampusDominic Caruso, Neffe von Präsident Jack Ryan, ist Agent bei der Geheimorganisation Campus, die gänzlich inoffiziell operiert. Der Mordanschlag auf seinen israelischen Freund und dessen Familie deutet auf eine undichte Stelle bei den Geheimdiensten hin. Die Suche nach Hintermännern führt ihn zu Ethan Ross, einem Mitarbeiter im Weißen Haus mit Zugang zu hochsensiblen Daten. Ross wähnt sich zwar einen Whistleblower mit hehren Absichten, aber die von ihm weitergegebene Festplatte enthält Daten, um sämtliche am Geheimdienstoperationen zunichtezumachen und die westliche Welt ins Chaos zu stürzen. Wer hat die Daten schon in Händen? Weltverbesserer? Terroristen? Die Russen? Die Iraner?

Der große Tom Clancy verstarb im Oktober 2013, aber sein Name auf dem Buchcover lebt weiter, auch wenn der Roman von Mark Greaney verfasst wurde. Auch Clancys Figuren leben weiter, aber leider nicht so, wie man das von einem Tom Clancy gewohnt war. Bei “Der Campus” dreht es sich nicht um einen Campus, das ist schon mal etwas fragwürdiger Titel, sondern um eine Geheimorganisation. Der Roman ist vom Thema her absolut aktuell, nur kann er voll auch nur damit überzeugen. Große Spannung, zahlreiche Wendungen, starke Charaktere, nein, das gibt es in “Der Campus” alles nicht. Es ist gefällig geschrieben, ja, aber das war es dann auch schon.

Heyne, 557 Seiten; 22,99 Euro


Richard Pricedaumen rauf

Die Unantastbaren

Die UnantastbarenBilly Graves ist ein ruheloser Cop in New York City. Energy-Drinks und Zigaretten halten ihn wach, während er in den frühen Morgenstunden die Blocks abfährt. Ihn erwarten menschliche Schicksale Tag ein Tag aus. Kleine und große Kriminelle, jeder fordert ihn heraus. Wie seine vier Kollegen hat auch er einen »Unantastbaren«, einen skrupellosen Mörder, den er nie dingfest machen konnte. Als einer der Unantastbaren tot aufgefunden wird, beginnt Billy, seine engsten Vertrauten zu verdächtigen.

Richard Price verfügt über die literarische Coolness. Klar, kompromisslos, dramatisch, so schreibt er. Er schildert alles in so nüchternen Bildern, weit weg von der Detective-Romantik. Nicht jeden Tag wartet ein großer Fall auf den Ermittler. Da gibt es die ganz kleinen Fälle, und die richtig großen. Von der fehlenden Olympiamedaille bis hin zum blutüberströmten Mordopfer ist alles dabei. Von reihenweise Cops die rausgeworfen werden, weil sie betrügen oder Unschuldigen etwas antun, oder von denen, die den Job einfach nicht mehr schaffen, weil sie das ganze Elend selbst in die absolute Leere treibt. Die arbeiten dann später in ganz normalen Jobs. Richard Price schildert den Polizeialltag auf New Yorks Straßen mit dreckiger Ehrlichkeit.

Auch als Hörbuch erhältlich bei DAV. David Nathan und Oliver Rohrbeck unterstreichen die schmutzige Coolness des Romans. Eine kraftvolle Lesung. 24,99 Euro

S. Fischer, 426 Seiten; 24,99 Euro


Neal Stephensondaumen rauf

Amalthea

AmaltheaNach der Explosion des Mondes wütet über Jahrtausende ein Meteoritensturm, der die Erdoberfläche in eine unbewohnbare Wüstenei verwandelt. Um die Menschheit vor der Auslöschung zu bewahren, schickten die Nationen der Erde eine Flotte von Archen ins All. Doch das Leben im Weltraum fordert einen hohen Tribut, und die meisten Menschen sterben, bis schließlich nur noch sieben Frauen übrig sind, um eine neue Zivilisation zu begründen. 5000 Jahre später existieren zwei Völker: die Nachfahren derer, die die Katastrophe auf der Erde überlebt haben, sind primitive Siedler; die sieben Stämme der Nachkommen der Sieben Urmütter von der Raumstation hingegen hochkultiviert ― und sie machen sich auf, die Erde zu kolonialisieren …

Neal Stephenson ist bekannt für seine wuchtige Erzählweise. Diese kommt auch in seinem neuen Roman wieder voll zum tragen. “Amalthea” schlägt ein wie ein Asteroid! Sagenhaft, wie Neal Stephenson einen über 1.000 Seiten so faszinieren kann, mit seinem Einfallsreichtum und seiner unbändigen Erzählkunst.

Manhattan, 1056 Seiten; 29,99 Euro


Peter Henningdaumen rauf

Die Chronik des verpassten Glücks

Die Chronik des verpassten Glücks

Richard Warlo hatte seinen Ziehvater Pawel Król geliebt. Fasziniert von dessen Stärke und Verwegenheit genoss er es, wenn in der Hanauer Ankergasse die Polen zu Besuch kamen und geredet, gesungen und getrunken wurde. 25 Jahre nach Pawels Tod stößt Richard auf alte Fotos, die Pawel als jungen Mann in SS-Uniform zeigen. Sein polnischer Ziehvater ein Nazi? Wer war der Mann, der ihn wie einen Sohn erzog und ihn die Poesie des Wagnisses lehrte? Richard macht sich auf den Weg nach Polen – in die Vergangenheit seines Vaters.

Die Lektüre von “Die Chronik des verpassten Glücks” ist ein großes Glück für den Leser! Eine Geschichte voller großer Geheimnisse, Gefühle, Erwartungen. Eine deutsch-polnische Familiengeschichte, die einen mitreißt und in eine dunkle Vergangenheit führt. Der Roman arbeitet auf und will den gut dargestellten Figuren ihre Fragen beantworten. Ob das gelingt? Ein Roman, der einem viel zu bieten hat.

Luchterhand, 444 Seiten; 19,99 Euro


Hörbuch der Wochedaumen rauf

Ethan Cross

Ich bin der Schmerz

Ich bin der Schmerz

Die Medien nennen ihn den “Anstifter”, und das Spiel, das er spielt, ist besonders perfide: Zuerst entführt er die Familie eines unbescholtenen Mannes, bevor er diesem befiehlt, einen anderen unbescholtenen Mann zu töten. Weigert sich der Erpresste, werden seine Lieben zerstückelt. Auf der Jagd nach dem Killer erhalten Marcus Williams und sein Team Hilfe von Marcus’ Bruder, dem Serienkiller Francis Ackerman jr. Denn dieser weiß, wer hinter dem Anstifter steckt: sein Vater. Der, der ihn zu dem gemacht hat, was er ist: dem absolut Bösen … .

Nach “Ich bin die Nacht” und “Ich bin die Angst” ist “Ich bin der Schmerz” nun der dritte Band um den Serienkiller Francis Ackerman jr. Schon die ersten beiden Bände des Amerikaners bereiteten einem schlaflose Nächte. Doch mit dem dritten Band übertrifft er sich nochmals selbst. Ein psychologisch intensiver und wendungsreicher Thriller, der einem bis zum Ende den Hals zudrückt! Der aus Fernsehproduktionen bekannte Thomas Balou Martin liefert erneut eine erschreckend intensive Lesung ab. So fiebert man noch mehr bei der psychisch aufreibenden Story mit.

Auch als Taschenbuch erhältlich bei Bastei Lübbe, 10,99 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 444 Minuten; 16,99 Euro


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