Mai 24, 2022

Kolumne 13.12.2021 Nr. 695

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BuchKolumne 13.12.2021 Nr. 695

Jussi Adler-Olsen – Natrium Chlorid
Jo Nesbø – Eifersucht
Peter Stamm – Das Archiv der Gefühle
Philipp Kohlhöfer – Pandemien
Patrick Roberts – Die Wurzeln des Menschen

Jussi Adler-Olsen – Natrium Chlorid

An ihrem 60. Geburtstag begeht eine Frau Selbstmord. Ihr Tod führt zur Wiederaufnahme eines ungeklärten Falls aus dem Jahr 1988, der Marcus Jacobsen mit seinem besten Ermittler Carl Mørck zusammengeführt hat. Carl, Assad, Rose und Gordon ahnen nicht, dass der Fall das Sonderdezernat Q an die Grenzen bringt: Seit drei Jahrzehnten fallen Menschen einem gerissenen Killer zum Opfer, der tötet, ohne dass ihm ein Mord nachgewiesen werden kann. Er wählt Opfer und Todeszeitpunkt mit Bedacht und Präzision. Dreißig Jahre lang konnte niemand ihn stoppen. Und während die Corona-Maßnahmen die Ermittlungsarbeiten zusätzlich erschweren, bewegt der alte Fall sich auf Carl zu wie eine Giftschlange, die Witterung mit ihrer Beute aufgenommen hat

Ein neuer Thriller aus der Feder von Jussi Adler-Olsen ist immer ein Fest! So auch sein aktueller Thriller „Natrium Chlorid“. Ein Thriller, der einen keine Sekunde loslässt! Man rätselt von Anfang an mit, was es denn mit den Morden und vor allem dem Salz auf sich hat. Jussi Adler-Olsen lässt einen daran teilhaben, wie ein übersteigertes Moraldenken in mörderische Katastrophen führen kann. Als LeserIn steht man aber auch immer wieder im Konflikt und denkt, was hat dieser Mensch Gutes getan und was Böses. Was wäre gerecht? Ambivalent. Dazu gibt es wieder reichlich Scharmützel unter den Hauptfiguren, was auch immer wieder für ein Schmunzeln sorgt. Aber das reicht noch nicht, denn Carl Mørck wird eines Verbrechens beschuldigt, und, obwohl er ermittelt, will man ihm so schnell wie möglich die Handschellen anlegen. Und der dänische Bestsellerautor lässt auch die Corona-Pandemie in seine Geschichte mit einfließen. Er bildet die Realität ab. Jussi Adler-Olsens Bücher um das Sonderdezernat Q gehören mittlerweile schon zu den modernen Klassikern der Thriller-Literatur!

dtv, 528 Seiten; 25,00 Euro

Jo Nesbø – Eifersucht

Der Athener Ermittler Nikos Balli, ein Spezialist für das Mord-Motiv Eifersucht, ist seit dem Verlust seiner großen Liebe ein Getriebener. Auf der Insel Kalymnos soll er einen Vermissten finden, Julian. Er und sein Zwillingsbruder Franz waren in dieselbe Frau verliebt, Helena, Tochter eines Gastwirts der Insel. Es kam zum Streit, und seitdem hat man Julian nicht mehr gesehen. Sein Handtuch wurde am Strand gefunden, ist der junge Mann beim morgendlichen Schwimmen ertrunken? Balli ermittelt und stößt auf immer mehr Beweise, dass Franz seinen Bruder ermordet hat – aber dann wird Julian gefunden, gefesselt und entkräftet in einer Höhle. Doch wo ist Franz? Balli muss all sein Gespür aufbringen, seine eigene schmerzvolle Erfahrung nochmals durchleben, um den Kampf der Zwillinge um Helena zu stoppen.

Kriminalromane vom skandinavischen Bestsellerautor Jo Nesbø sind eigentlich immer ein echter Leckerbissen für Freunde des Genres. Doch sein neues Buch „Eifersucht“ ist eher ein dürftiger Nachtisch. Das Thema, das Jo Nesbø behandelt, wäre allerdings sehr interessant für einen großen Kriminalroman gewesen, doch die sieben Kurzgeschichten in diesem Buch konnten mich nicht so recht überzeugen. Wobei die titelgebende Geschichte „Eifersucht“ die längste (120 Seiten) und Beste ist. Die anderen sechs Kurzgeschichten sind wahrlich kurz und verbreiten wenig Spannung. Und auch das Personal bleibt blass.

Ullstein, 268 Seiten; 22,99 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei Hörbuch Hamburg. Das Hörbuch ist bedeutend besser als das Buch! Die Geschichten werden zwar nicht spannender, aber fesselnder, und das liegt an den Stimmen, die diese Kurzgeschichten eingelesen haben: Oliver Siebeck, Sascha Rotermund, Uve Teschner, Heike Warmuth, Oliver Kube, Julian Mehen und Nils Nelleßen. 23,00 Euro.

Peter Stamm – Das Archiv der Gefühle

Die Sängerin Fabienne heißt eigentlich Franziska, und es ist vierzig Jahre her, dass sie eng befreundet waren und er ihr seine Liebe gestand. Fast ein ganzes Leben. Seitdem hat er alles getan, um Unruhe und Unzufriedenheit von sich fernzuhalten. Er hat sich immer mehr zurückgezogen und nur noch in der Phantasie gelebt. Er hat sein Leben versäumt. Aber jetzt taucht Franziska wieder auf. Gefährdet das seine geschützte Existenz, oder nimmt er diese zweite Chance wahr?

Der Schweizer Peter Stamm gehört mit seinen kleinen literarischen Geschichten zu den herausstechenden deutschsprachigen Literaten! Auch weil er nun schon weit über ein Jahrzehnt hinweg konstant hohe Qualität zu Papier bringt. Das trifft auch auf seinen neuen kleinen Roman „Das Archiv der Gefühle“ zu. Ich habe mich schnell mit dem Ich-Erzähler verbunden gefühlt, nicht weil ich sein Leben teile, aber Peter Stamm brachte ihn mir mit einfachen Sätzen, einfach Taten ganz nah. Das Archiv der Zeitungen im Keller kann man auch als Metapher verstehen. Sein Leben, das er nicht gelebt hat, und es doch trotzdem weiterlief, ist ebenso ein Abbild unserer Gesellschaft. Viele leben ein Leben, ohne dass sie wirklich richtig leben. Wenn man dann, an einem gewissen Punkt zurückblickt, fragt man sich, in welchem Archiv waren meine wirklichen Gefühle verborgen? Und wird es am Ende mit Franziska vielleicht doch noch was? Lassen Sie sich überraschen. Peter Stamm ist immer lesenswert!

S. Fischer, 192 Seiten; 22,00 Euro

Philipp Kohlhöfer – Pandemien

Wir leben in einer Welt der Viren. Ein einziger erfolgreicher Übersprung irgendwo auf der Welt genügt, um eine neue Pandemie auszulösen. Vor dem Hintergrund von Covid-19 spannt Philipp Kohlhöfer einen weiten Bogen und erzählt, wie Pandemien entstehen und welche gesellschaftlichen und individuellen Folgen sie haben. Denn Seuchen sind immer persönlich. Selbst die größte Krankheitswelle fängt klein an: mit dem Übersprung des Erregers. Irgendwer ist immer Patient 0.

„Pandemien“ liest sich wie ein klaustrophobischer Thriller, dessen Auswirkungen wir nun am eigenen Leib erfahren müssen! Wer verstehen will, wie Pandemien entstehen und wie wir als Gesellschaft darauf reagieren sollten und können, der sollte Philipp Kohlhöfers extrem spannendes Buch lesen. Die Hauptthemen sind: SARS-CoV-2. PCR. Schweinegrippe: Kreuzimmunität. Spanische Grippe.“, „Ebola. SARS. R-Wert.“, „Masern. Impfen. Herdenimmunität. Cholera. Nipah.“, „HIV. Pocken. Verschwörungen.“ und „Hanta. Hendra. Neue Viren. Die Zukunft“. Und noch eine kleine Suchaufgabe: Wer findet den Fehler im Inhaltsverzeichnis?

S. Fischer, 544 Seiten; 25,00 Euro

Patrick Roberts – Die Wurzeln des Menschen

Das Schicksal der Menschheit ist schon immer mit dem der Tropenwälder verbunden. Der Anthropologe und Archäologe Patrick Roberts schildert, wie die Wälder entstanden und das Aussehen unseres Planeten entscheidend prägten. Erst durch sie fanden Amphibien den Weg an Land, entwickelten sich neue Pflanzen- und Tierarten – und schließlich der Mensch. Das Buch zeigt, welch bedeutende Rolle die Tropenwälder bei unserer Evolution spielten und dass die Wurzeln des „Anthropozäns“ weiter zurückreichen als 6000 Jahre, da der Mensch schon damals die Wälder in größerem Stil veränderte. Und er warnt eindrücklich vor den Folgen der Zerstörung dieses für uns so wichtigen Ökosystems.

Von der „Pandemie“ zu den „Wurzeln des Menschen“. Ohne die Tropenwälder geht für uns Menschen das Licht aus. Zerstören wir diese, zerstören wir uns. Daher ist die Geschichte von den „Wurzeln des Menschen“ so spannend und lehrreich. Nicht nur, dass der Klimawandel uns dann richten wird, sondern vielleicht schon die nächste Pandemie. Denn zerstören wir die „Kammern“, in denen die Viren „gespeichert“ werden, werden auch diese uns vielleicht richten. Die Hauptthemen sind: „Und es ward Licht: die Anfänge der Welt, wie wir sie kennen“, „Eine tropische Welt“, „Dinosaurier und die Wälder von Gondwana“, „Baumhäuser für die ersten Säugetiere“, „Die Blätterwiege unserer Vorfahren“, „Die tropischen Ursprünge unserer Spezies“, „Der Wald wird bewirtschaftet“, „Verlorene Inselparadiese?“, „Städte im Dschungel“, „Europa und die Tropen im Zeitalter der Entdeckungen“, „Die Globalisierung der Tropen“, „Ein tropischer Anthropozän“, „Ein Haus in Flammen“ und „Wir alle tragen Verantwortung“.

dtv, 495 Seiten; 26,00 Euro