Mai 14, 2021

Kolumne 12.04.2021 Nr. 660

660

BuchKolumne 12.04.2021 Nr. 660

Juli Zeh – Über Menschen
Julia Phillips – Das Verschwinden der Erde
James McBride – Der heilige King Kong
Akram El-Bahay  – Lias und der Herr der Wellen
Lisa Jackson – Paranoid

   Juli Zeh – Über Menschen

Juli Zeh - Über Menschen

Dora ist mit ihrer kleinen Hündin Jochen-der-Rochen aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist dürftig. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist?

Juli Zeh schreibt derzeit die besten deutschen Gesellschaftsromane! Im neuen Roman der deutschen Bestseller-Autorin hält auch Corona und die Alltagswirklichkeit ihren literarischen Einzug. Juli Zeh schreibt von Menschen und wie sie nicht nur Corona, sondern auch die Klimakrise bis zum normalen Alltagswahnsinn verändern, fordern, überfordern. Wenn plötzlich AfD-Wähler und Nazis freundlicher sind als Klimaaktivisten, dann stimmt mit der Welt und den Menschen etwas nicht mehr. So sieht Dora die große Welt im Kleinen bei sich auf dem Land. Weg von der Stadt lernt sie das Leben, sich und die Menschen ganz neu kennen. Juli Zeh schreibt überragend gut. Ich habe Dora neben mir gesehen und ihr Leben hautnah verfolgt. „Über Menschen“ ist ein Buch über Menschen wie du und ich. Ein Roman, der den Zeitgeist trifft und viele Wahrheiten in ein literarisches Gewand packt. Juli Zeh ist mit „Über Menschen“ ein großer deutscher Gesellschaftsroman und zugleich eine kleine intime Geschichte gelungen. Genial! Das Buch liefert so viele Erkenntnisse. Nur zwei davon: „Astronauten sind die nettesten Menschen auf der ganzen Welt“ und, „Das berauschende Gefühl von Freiheit, das sich einstellt, wenn man beschlossen hat, auf alles zu scheißen“.

Luchterhand, 416 Seiten; 22,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei der Hörverlag. Ganz stark gelesen von Anna Schudt, der Dortmunder „Tatort“-Kommissarin! 22,00 Euro.

  Julia Phillips – Das Verschwinden der Erde

Julia Phillips - Das Verschwinden der Erde
An einem Sommertag an der Küste Kamtschatkas verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Das Verbrechen erinnert an einen Vorfall nur Monate zuvor in der indigenen Bevölkerung. Wie eine düstere Wolke hängt der ungelöste Fall fortan über Kamtschatka und beeinflusst das Leben ganz unterschiedlicher Frauen in einer gespaltenen, männerdominierten Gesellschaft. Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr.
 
Die Story hörte sich sehr spannend und dramatisch an, dazu ein „Spiegel“-Bestseller und bereits in der 3. Auflage. Das Buch hatte mein Interesse geweckt. Doch als ich las, dass die üblichen Verdächtigen aus den Feuilletons das Buch über alles lobten, schwante mir schon nichts Gutes. Das sollte sich bestätigen. Die junge Amerikanerin Julia Phillips hat viel gewollt und dabei nur Mäßiges erreicht. Der Anfang kann noch überzeugen, doch schon bald wird einem klar, dass die Autorin von dem spannenden und dramatischen Aufbau einer Geschichte nichts versteht. Da muss die Autorin noch sehr viel lernen, auch wenn das Buch in 25 Ländern erscheint und daher ein großes Verlagsecho ausgelöst hat. Der Roman hat Atmosphäre, ja, aber das ist nur ein Teil einer guten Geschichte. Das Zusammenhanglose dieser Geschichte und das unstete Personal machten die Lektüre nicht einfacher. „Das Verschwinden der Erde“ wird sehr bald aus meinen Gedanken wieder verschwunden sein.
 

dtv, 372 Seiten; 22,00 Euro

  James McBride – Der heilige King Kong

James McBride - Der heilige King Kong

Die ruhigen Tage scheinen gezählt in der kleinen Baptistengemeinde „Five Ends“ im Süden Brooklyns. An einem warmen Septembertag im Jahr 1969 tritt der alte Diakon Cuffy Lampkin, genannt „Sportcoat“, mit einer Waffe auf den zentralen Platz seines Sozialbauviertels, hält sie vor aller Augen dem hiesigen Drogendealer ins Gesicht – und drückt ab. Ausgerechnet King Kong, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Wie konnte es dazu kommen? Schnell zeigt sich, dass sich die Schicksale aller Gemeindemitglieder – der Afroamerikaner wie der Latinos, der abgehalfterten Mafiosi wie der korrupten Cops – in dieser unvorstellbaren Tat überkreuzen. Und dass himmlische Gerechtigkeit und Strafe manchmal eine ziemlich irdische Angelegenheit sind.

James McBride ist ein großartiger Autor! Vor 15 Jahren begeisterte er mich schon mit seinem „Das Wunder von St. Anna“. Weitere interessante Bücher folgten. Und nun hat er „Der heilige King Kong“ geschrieben. Was für ein Werk. Sprachlich haut es einen da echt aus den Schuhen! Jede Seite ist ein neues Erlebnis. Die Dialoge, Zucker! James McBride spielt mit der Sprache und holt raus was geht. Da stehen dann so Sätze wie: „… einer sündhaft versoffenen, Körperöffnungen genüsslich leer leckenden Liebesaffäre schweißnass aufeinander klatschende Körper mit ihrem zeitweisen Freund …“. Nur ein Beispiel von vielen. Zu dem sprachlichen Erlebnis kommt noch eine spannende, dramatisch und humorvolle Geschichte mit unvergesslichen Charakteren. „Der heilige King Kong“ ist wahrlich ein heiliges Buch im großen Büchermarkt! In Amerika als eines der besten Bücher des Jahres gekürt und es gehört zu Barak Obamas Lieblingsbücher 2020.

btb, 444 Seiten; 22,00 Euro

 Akram El-Bahay – Lias und der Herr der Wellen

Lias-Herr der Wellen

Als Lias das Haus seiner Großtante Hermine betritt, spürt er sofort, dass hier etwas anders ist. Das Haus scheint ihn regelrecht zu rufen, zu locken. Doch was für ein Geheimnis verbirgt sich hinter den alten Mauern? Als Lias versucht, dem Rätsel auf die Spur zu kommen, führt ihn jeder Raum des Hauses in neue fantastische Welten – die Buchwelten seiner Großtante. Um das Geheimnis zu lüften, wagt er sich auf eine Reise, die ihm alles abverlangen wird und die ihn auch zum Herrn der Wellen führt.

Akram El-Bahay gehört zu Deutschlands fantastischsten Autoren! Seine Fantasy-Romane für Jung und Alt sind immer ein Lese-Highligth! Wer das Fantasy-Genre liebt, der wird auch die Bücher von Akram El-Bahay lieben. Sein neuester Roman „Lias und der Herr der Welten“ bestätigt das erneut. Magisch, fantastisch, überraschend – ein Fantasy-Roman, so ereignisreich wie eine Wundertüte!

Ueberreuter, 348 Seiten; 16,95 Euro

  Lisa Jackson – Paranoid

Lisa Jackson - Paranoid

Es sollte nur Spaß sein: ein harmloses Ballerspiel mit Platzpatronen. Doch als die 17-jährige Rachel auf ihren Halbbruder Luke schießt, wird dieser von einer tödlichen Kugel getroffen. War sie tatsächlich die Schützin? Der Fall kann nie ganz aufgeklärt werden. 20 Jahre später fühlt sich Rachel noch immer schuldig, und letztlich ist an diesem Trauma auch die Ehe mit ihrer großen Liebe, Detective Cade Ryder, zerbrochen. Doch dann werden Rachels damalige Entlastungszeuginnen kurz nacheinander brutal ermordet, sie selbst erhält ominöse Droh-Botschaften. Als auch noch Rachels Tochter entführt wird, ist klar: Jemand hat beschlossen, für Lukes Tod blutige Rache zu nehmen. Doch weshalb erst jetzt – und was ist damals wirklich geschehen?

Die amerikanische Weltbestseller-Autorin Lisa Jackson lässt in ihrem Tun nicht nach, ihre LeserInnen immer wieder zu begeistern! Ihr neuer Thriller, der der „Stand-Alone“-Reihe zuzuordnen ist, ist wieder der beste Beweis. Dass die Story aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt ist, verleiht ihr zusätzlich ein höheres Spannungspotenzial. Auch wenn dieses von Lisa Jackson nicht ganz ausgeschöpft wird. Auch hat sie es mit mancher Figurenzeichnung etwas übertrieben. Doch Lisa Jackson schafft es trotzdem, die LeserInnen bei der Stange zu halten. „Paranoid“ ist ein Thriller mit Überraschungseffekt!

Knaur, 560 Seiten; 14,99 Euro