Dezember 9, 2022

Kolumne 11.04.2016

Kolumne vom 11.04.2016 – Nr. 399


Garth Risk Hallbergdaumen rauf

City on Fire

City on Fire - deutsche Ausgabe

New York City, Neujahr 1977. Ein Schneesturm zieht über die Stadt, Feuerwerk erleuchtet den Himmel und im Central Park fallen Schüsse. Die Ereignisse der Nacht bringt unterschiedliche Menschen zusammen: Die schwerreichen Erben William und Regan Hamilton-Sweeney, Mercer, der am großen amerikanischen Roman schreibt, die Punk-Kids Sam und Charlie aus der Vorstadt, den besessenen Magazin-Reporter Richard und den Cop Larry. Sie alle leben und lieben hier, in der großen Stadt, die Bankrott und gefährlich ist und zugleich vor Energie platzt. Als dann am 13. Juli 1977 die Lichter ausgehen, gerät New York City in den Ausnahmezustand – und nach dem Stromausfall ist kein Leben wie zuvor.

Der junge Amerikaner Garth Risk Hallberg wurde für seinen ersten Roman „City on Fire“ in seiner Heimat groß gefeiert. Und das zu recht, denn dies ist ein Roman, der viele andere überragt. „City on Fire“ ist ein episches Meisterwerk! Garth Risk Hallberg beschreibt darin Figuren, die zum greifen sind. Er schafft es auch, das Gefühl einer Generation, eines Jahrzehnts, der 1970er, zum Leben zu erwecken. Er porträtiert eine Stadt, die einem die Sinne raubt. Garth Risk Hallberg hat eine elegante Sprache, die einen fordert, aber auch glücklich macht. Man saugt die Sätze nur so in sich auf. Kristallklare Literatur im XXL-Format! Der Roman erinnert an die große Zeit eines Tom Wolfe. „City on Fire“ – Reader on Fire.

S. Fischer, 1076 Seiten; 25,00 Euro


Hubertus Meyer-Burckhardtdaumen runter

Meine Tage mit Fabienne

Meine Tage mit FabienneFrüher war es ein Geschäft für Saiteninstrumente, nun ist es eines für elegante Hüte. Kannstatt hat schon immer eine höfliche Distanz zu den Mietern im Erdgeschoss bevorzugt. Für ihn, der seine Umgebung am liebsten über den Hörsinn wahrnimmt, ist das Wohnhaus eine wohlkomponierte Symphonie. Als Fabienne, eine lebensfrohe Elsässerin und Hutmacherin, dort einzieht, bereichert sie Kannstatts besondere Hausmusik mit ganz neuen Tönen. Mit ihrem Hutgeschäft und noch mehr mit ihrem Temperament mischt sie die sechs Parteien des Hauses auf, insbesondere jedoch Kannstatts Leben …

Hubertus Meyer-Burckhardt ist der Gastgeber der NDR-Talkshow, „Meine Tage mit Fabienne“ sein dritter Roman. Die Geschichte hörte sich sehr vielversprechend an, aber die Umsetzung ist nur in Teilen gelungen. Die Story ist nicht so lang und dazu nicht großzügig gesetzt, und in dieser Kürze gab es dann auch noch viel Leerlauf und nicht wenige Längen. Da ist noch unheimlich viel Luft nach oben. Die Charaktere haben durchaus Charme, aber durch die anderen negativen Punkte kommen diese zu wenig zur Geltung und reißen es dann auch nicht mehr heraus. „Meine Tage mit Fabienne“ hätten so schön sein können, aber sie sind doch so langweilig geworden.

Lübbe, 219 Seiten; 18,00 Euro


Dora Heldtdaumen rauf

Böse Leute

Böse LeuteEine Einbruchserie schreckt Sylt auf. Häuser älterer, alleinstehender Frauen sind die Tatorte. Die Polizei ist ratlos. »Ungehörig« findet das der frisch verrentete Ex-Hauptkommissar Karl Sönnigsen und bietet sich an, den ehemaligen Kollegen unter die Arme zu greifen, was ihm prompt ein Hausverbot seines Nachfolgers einbringt. Karl ist verärgert. Mit seinem Freund Onno, Chorschwester Inge und Strohwitwe Charlotte stellt Karl ein Ermittlerteam auf die Beine. Und schon bald verfolgt das findige Rentnerquartett eine erste heiße Spur. Aber auch die neu eingetroffene Polizistin Maren und die hinzugezogene Kommissarin Anna Petersen ermitteln.

Dora Heldt goes Kriminalroman! Das kriminalistische Debüt von Deutschlands erfolgreichster Autorin von Unterhaltungsromanen ist gelungen. Der Roman lebt vor allem durch seine lebendigen Figuren. Die Polizistin Maren, die von Münster nach Sylt zurückkehrt, die Senioren-Gruppe und auch über die Unsympathen freut man sich zu lesen. Der Kriminalfall entwickelt sich langsam, aber es bleibt immer interessant. Eine weitere Hauptrolle spielt Sylt, und auch von der Insel liest man immer wieder gerne. Dora Heldt kennt sie ja mittlerweile wohl fast so gut, wie den Inhalt ihrer Handtasche. In „Böse Leute“ tanzen sympathische Figuren federleicht durch die spannende Story. Eine schöne Sommer-Lektüre.

Auch als Hörbuch erhältlich bei GoyaLIT. Dora Heldt greift auch bei ihrem ersten Kriminalroman selbst zum Mikro. Wie immer präsentiert sie eine gute Lesung! 16,99 Euro.

dtv, 443 Seiten;14,90 Euro


Lucinda Rileydaumen rauf

Helenas Geheimnis

Helenas GeheimnisViele Jahre sind vergangen, seit Helena Beaumont als junge Frau einen wunderbaren Sommer auf Zypern verbracht, und dort ihre erste große Liebe erlebt hat. Nun kehrt sie zum ersten Mal zurück in das schöne alte Haus, um dort mit ihrer Familie die Ferien zu verbringen. Unbeschwerte Tage sollen es werden, doch Helena allein weiß, dass die Idylle bedroht ist – denn es gibt Ereignisse in ihrer Vergangenheit, die sie ihrem Mann und ihren Kindern stets eisern verschwiegen hat. Wie lange aber kann sie die Fassade der glücklichen Familie noch aufrechterhalten?

„Helenas Geheimnis“ war ein „verschollenes“ Manuskript. Lucinda Riley hat den Roman größtenteils bereits vor 10 Jahren geschrieben und letztes Jahr dann fertiggestellt. Man merkt ihm an, dass er anders ist, als die Romane, die man von der Bestseller-Autorin ansonsten gewohnt ist. Er kommt nicht an ihre Romane wie „Der Lavendelgarten“ oder die aktuelle „Die-Sieben-Schwestern-Reihe“ heran. Doch es ist ein Riley. Und einem Roman von Lucinda Riley kann man einfach nur sehr, sehr schwer widerstehen.

Auch als Hörbuch erhältlich bei der Hörverlag. Lucinda-Riley-Stammvorleserin Simone Kabst liest gewohnt gefühlvoll. 12,99 Euro.

Goldmann, 601 Seiten; 9,99 Euro


Verschiedene Autorendaumen rauf

Dada-Almanach

Dada-Almanach

Zürich 1916: Im von Exilanten gegründeten «Cabaret Voltaire» spielt sich Unerhörtes ab. Erwachsene Frauen und Männer stülpen sich skurrile Papprollen über den Kopf, geben Urlaute von sich, hampeln wie Maschinen herum und proklamieren im Brustton der Überzeugung Nonsens. DADA ist geboren! Diese Auswahl feiert die Geburtsstunde des Dadaismus und lässt die bekannten Haupt- und Oberdadaisten zu Wort kommen, wartet aber auch mit so manchem Ingenium an der Peripherie auf.

Ein verrückt-schönes Buch, das zeigt, was mit Texten alles möglich ist und wie gekonnt man diese Texte setzen kann. Der „Dada-Almanach – Vom Aberwitz ästhetischer Contradiction“ schreit sie laut hinaus, die Lautgedichte. Die Texte lassen einen schwelgen im großen Buchstaben-Wunderland.

Manesse, 175 Seiten; 39,95 Euro


Hörbuch der Wochedaumen rauf

Klüpfel / Kobr

In der ersten Reihe sieht man Meer

In der ersten Reihe sieht man Meer

Im Morgengrauen ging’s los, eingepfercht auf der Rückbank der vollbeladenen Familienkutsche. Zehn Stunden Fahrt an die Adria, ohne Klimaanlage und Navi, dafür mit Modern Talking aus dem Kassettenradio. Am Strand ein Duftgemisch aus Tiroler Nussöl und Kläranlage, und statt Cappuccino gab’s warme Limo. Willkommen zurück im Urlaubsparadies der 80er Jahre. Darin findet sich Familienvater Alexander Klein wieder, als er über einem Fotoalbum einnickt und als pickliger Fünfzehnjähriger erwacht – dazu verdammt, die Italien-Premiere seiner Jugend noch einmal zu erleben.

Einen zum brüllen komischer Nostalgietrip in die 1980er! „In der ersten Reihe sieht man Meer“ hat ruhige Momente und einige, über die man sinniert, aber am meisten hat er von denen, über die man einfach nur laut lachen muss. In den 1980ern war alles so schrecklich-schön besser und die Welt noch eine heile Welt. Dieses heimelige Lebensgefühl bringen einem das Bestseller-Autorenduo Klüpfel/Kobr auf äußerst charmante Art näher. Man hätte niemand besseren finden können, als Deutschlands Comedian-King Bastian Pastweka, um diese Geschichte vorzulesen. Doch einfach nur vorlesen tut Bastian Pastewka diese Geschichte nicht. Er lebt sie, und so wird fast schon jeder Satz zum komödiantischen Highlight. Er gibt jeder Figur eine eigene Stimme und man ist als Hörer begeistert von so viel sprachlicher Vielfalt.

Auch als Hardcover erhältlich bei Droemer, 19,99 Euro.

Osterwold Audio, 7 CDs, 499 Minuten; 19,99 Euro


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