Juni 28, 2022

Kolumne 06.06.2022 Nr. 720

BuchKolumne 06.06.2022 Nr. 720

Edgar Wallace – Der Frosch mit der Maske
Torrey Peters – Detrans Ition, Baby
Miranda Cowley Heller
– Der Papierpalast
Donna Leon
– Milde Gaben
Peter Vajkoczy
– Kopfarbeit

Edgar Wallace – Der Frosch mit der Maske

Der Frosch mit der Maske-Edgar Wallace

Eine Verbrecherorganisation terrorisiert ganz London und sorgt mit ihren mörderischen Anschlägen fast täglich für Schlagzeilen. Ihr Erkennungszeichen ist ein auf das linke Handgelenk tätowierter Frosch. Anführer ist „der Frosch mit der Maske“, ein stets maskiert auftretender Mann, der allseits Angst und Schrecken verbreitet. Scotland Yard versucht zwar, Agenten in die Froschbande einzuschleusen – meist jedoch mit tödlichem Ende. Als der erfahrene und hochintelligente Inspector Elk den Fall übernimmt, ist er überrascht, wie weit die Macht des Mannes mit der Froschmaske reicht.

Heute bekommen ja viele Autoren und Buchreihen den Stempel „Kult“ aufgedrückt. Bei einigen stimmt es, bei anderen nicht. Doch bei einem trifft das zu 100 % zu: bei Edgar Wallace! Seine Kriminalromane bereichern nun schon viele Generationen. Ich habe meinen ersten Edgar-Wallace-Film mit acht Jahren gesehen, und mich gegruselt bis zum geht nicht mehr. Und meinen ersten Edgar-Wallace-Krimi habe ich mit vierzehn gelesen. Ich war sehr erfreut darüber, dass der Goldmann Verlag, der Heimatverlag der Edgar-Wallace-Krimis, nun „Der Frosch mit der Maske“ neu aufgelegt hat. Leicht sprachlich überarbeitet. Die Edgar-Wallace-Krimis haben auch nach 100 Jahren nichts von ihrem Reiz verloren. „Der Frosch mit der Maske“ – ein Krimi-Klassiker durch und durch! Hoffentlich bleibt es nicht die letzte Neuauflage eines Edgar-Wallace-Krimis beim Goldmann Verlag.

Goldmann, 398 Seiten; 11,00 Euro

Torrey Peters – Detrans Ition, Baby

Reese und Amy sind ein glückliches Paar, zwei Transfrauen in New York, mit dem Traum von einer Familie. Doch dann entscheidet sich Amy, wieder als Mann zu leben, und die Liebe zerbricht. Als drei Jahre später Amesʻ Chefin Katrina unerwartet von ihm schwanger wird, fasst Ames einen Plan: Warum ziehen sie das Kind nicht gemeinsam groß, zu dritt?
 
„Einer der meist gefeierten Romane des Jahres“. So heißt es über Torrey Peters Debütroman „Detrans Ition, Baby“. Und wahrlich ist dieser Roman ein echtes Erlebnis, aber nicht immer eins, welches man auch wirklich erleben will. „Detrans Ition, Baby“ ist eine Mischung als zarter und intensiver Gefühlsliteratur und zugleich ein derber, total überfrachteter und in vielen Stellen auch langweiliger Roman. Man erfährt viel über das Leben von Transfrauen, ein für viele verborgenes Leben. Doch alleine dieses derzeit gesellschaftlich aktuelles Thema macht noch keinen guten Roman. Es geht auch viel um Sex. Sex kann ja eine schöne Sache sein, doch Torrey Peters’ Beschreibungen sind oft schon sehr derb. Will man das wirklich alles wissen? fragte ich mich während der Lektüre. Nein! Die Figuren konnten mich zwar auf die Reise in ein besonders Leben mitnehmen, aber auch nur zeitweise.
 

Ullstein, 462 Seiten; 24,00 Euro

   Miranda Cowley Heller – Der Papierpalast

Der Papierpalast - Miranda Cowley Heller

Elle Bishop, 50, glücklich verheiratet, steht vor einer großen Entscheidung: Bleibt sie bei ihrem Ehemann oder verlässt sie ihn und ihre Familie für ihren Jugendfreund, mit dem sie eine unvergessliche Nacht verbracht hat. Sie hat nur einen Tag Zeit, um herauszufinden, wer sie im Leben sein will und mit wem sie es verbringen möchte. Im Papierpalast, dem Sommerhaus der Familie, steht sie vor der Frage, welche Art des Glücks sie wählen wird.

Die Amerikanerin Miranda Cowley Heller weiß, wie man gute Geschichten erzählt! Für HBO entwickelte sie Serien, darunter so grandiose wie „Die Sopranos“, „Six Feet Under“ und „Deadwood“. Nun ist sie unter die Schriftstellerinnen gegangen. Mit großem Erfolg. „Der Papierpalast“ war ein Nr.-1-New-York-Times- Bestseller. Und auch bei uns ist der Roman eingeschlagen. Natürlich wird aus diesem Buch auch eine Serie werden. Eine Geschichte, wie ein nie endender Sommer! Traumwandlerisch gut erzählt. Miranda Cowley Heller wandelt hier auf den Spuren eines Richard Ford. Liebe, Ehe, Familie, Glück, Unglück, Drama, Trauer. Im „Papierpalast“ befindet sich sehr viel. Die seriengleiche Erzählweise lässt einen nicht mehr vom Haken! Miranda Cowley Heller – gelernt ist gelernt. Sie erzählt in der Gegenwart und blickt dann immer wieder in Streifzügen zurück. Beginnend 1966 (bzw. 1952) bis ins Jahr 1999. Auch warum „Der Papierpalast“ Papierpalast heißt, ist eine interessante Anekdote. Lernen Sie ihn kennen, den „Papierpalast“, und Sie werden ihn so schnell nicht wieder vergessen!

Ullstein, 446 Seiten; 23,99 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei Hörbuch Hamburg. Die erfahrene Hörbuch-Sprecherin Vera Teltz verleiht Elle Bishop eine starke Stimme! 24,00 Euro.

Miranda Cowley Heller – Der Papierpalast- Hörprobe 8:10 Min.

     Donna Leon – Milde Gaben

Elisabetta Foscarini, Jugendfreundin von Brunetti und immer noch eine Schönheit, taucht eines Tages in der Questura auf. Ob Brunetti verdeckt ermitteln könne, wer die Familie ihrer Tochter bedroht? Konkrete Tathinweise fehlen. Wer sollte auch einer Tierärztin Böses wollen und einem Buchhalter, der für eine wohltätige Stiftung gearbeitet hat? Schon will Brunetti das Ganze als übertriebene mütterliche Sorge abtun, da kommt es zu einem Überfall, der menschliche Abgründe offenbart.

Nach „Flüchtiges Begehren“ ermittelt der in Deutschland so beliebte Commissario Brunetti in „Milde Gaben“ in seinem 31. Fall. Italienisches Flair, Brunettis Charme und Spürsinn und ein heikler Fall, der aktuelle Roman bietet alles, was man sich von der Reihe wünscht. Donna Leon unterhält ihre LeserInnen wieder in bester Manier! Nicht jeder Fall, der mittlerweile einunddreißig, konnte mich überzeugen, der 31. hat mich dagegen gut unterhalten. „Milde Gaben“ – ein spannendes Lesegeschenk!

Diogenes, 344 Seiten; 25,00 Euro

   Peter Vajkoczy – Kopfarbeit

Prof. Dr. Peter Vajkoczy ist Direktor der Klinik für Neuro-Chirurgie an der Berliner Charité. Bis zu hundert Patienten aus aller Welt betreut er auf seinen drei Stationen und führt mit seinem Team bis zu fünf, sechs Operationen pro Tag durch – meist geht es um Schlaganfälle, Gehirntumore, Bypässe und Störungen an der Wirbelsäule. Diese Operationen sind körperlich anstrengend, oft zermürbend lang und hochkompliziert. Und alles spielt sich im Mikrobereich ab: Der Operateur sieht das, was er tut, nur durch ein Mikroskop in bis zu vierzigfacher Vergrößerung und näht mit Fäden, die nur wenige hundertstel Millimeter Durchmesser haben. Auch wenn oft behauptet wird, es seien Wunder, die Prof. Vajkoczy und sein Team vollbringen – es ist vor allem das routinierte Zusammenspiel von jahrelang geschulten Spezialisten, modernster Technologie und der Bereitschaft, auch neue Wege zu gehen, um Heilung möglich zu machen. Doch all dies ist keine Garantie, dass das gewünschte Ziel erreicht wird. Geht etwas schief, ist die Gefahr groß, dass Patienten nur mit schweren Behinderungen oder im schlimmsten Fall gar nicht überleben.

Prof. Dr. Peter Vajkoczy erzählt offen und ehrlich, wie er und sein Team mit den Herausforderungen seiner Arbeit umgehen, wie schwierigste Operationen geplant und ausgeführt werden, was ihn als Neuro-Chirurgen antreibt und was er fühlt, wenn er scheitert – und wenn sein Plan gelingt. Prof. Dr. Peter Vajkoczy ist ein sehr charismatischer Mann. Wenn er spricht, wenn er erzählt, muss man ihm folgen. So ist es auch in seinem Buch „Kopfarbeit“. Eine faszinierende und außergewöhnliche Lektüre, die lange Zeit fest im Kopf verankert bleibt, auch wenn man die letzte Seite gelesen hat! Die Hauptkapitel sind: „Gefahr im Kopf – Die Psychologie der schwierigen Entscheidung“, „Verräterische Symptome – Wenn der Tumor Hirnnerven verdrängt“, „Small Talk unterm Messer – Hirn-OPs im Wachzustand“, „Kampf gegen einen Koloss – Operationsmarathon mit Hindernissen“, „Überall Blut – Arbeiten gegen die Uhr“, „Tumor, Gigant im Kreuz – Lebensqualität oder Lebensverlängerung“, „Takt und Respekt – Vom Überbringen schlechter Nachrichten“, „Alles auf eine Karte – Operation bei schlechter Prognose“, „Verantwortung riskieren – Wenn Bekannte zu Patienten werden“, „Zwischen OP-Saal und Labor – Neue Lösungen finden“, „Zu Besuch in Japan – Auf den Spuren einer seltenen Krankheit“ und „Zweimal querschnittsgelähmt – Ein Mädchen gibt nicht auf“.

Droemer, 330 Seiten; 22,00 Euro