Mai 24, 2022

Kolumne 04.04.2022 Nr. 711

BuchKolumne 04.04.2022 Nr. 711

Gisa Klönne – Für diesen Sommer
Hanya Yanagihara – Zum Paradies
Julia Schoch
– Das Vorkommnis
Michael Borgolte
– Die Welten des Mittelalters
Gwen Bailey
– Glücklicher Hund

Gisa Klönne – Für diesen Sommer

Einst schien das Glück der Familie Roth so selbstverständlich wie der Flug der Leuchtkäfer in den Sommernächten im Garten. Jetzt ist Vater Heinrich alt und allein. Ausgerechnet Franziska, die Tochter, mit der er sich überworfen hat, soll für ihn sorgen. Ihr Lebenstraum ist gescheitert – genau wie Heinrich das stets prophezeit hatte. Doch auch sein Konzept ging nicht auf. Er, der stets alles kontrollieren wollte, muss das Loslassen lernen. Die ungewohnte Nähe schürt die nie gelösten Konflikte von Neuem. Zugleich erwachen Erinnerungen an die hellen Tage. Wie damit leben, dass all das unwiederbringlich vorbei ist?

Gisa Klönne ist bekannt für ihre erfolgreiche Krimi-Reihe um Kommissarin Judith Krieger. Aber sie hat auch schon sehr gute Einzelromane verfasst. Zählt darunter auch ihr neuer Roman „Für diesen Sommer“? Ja! Gisa Klönne zeichnet darin nicht nur das Bild einer Vater-Tochter-Beziehung, sondern noch so viel mehr. Familie, Geschwister, Freundschaften, Liebschaften, all diesen Beziehungen geht sie nach. Die Figuren beschreiten den Pfad der Versöhnung von Vergangenheit und Gegenwart. Das wehmütige, aber auch kritische Zurückblicken auf die Kindheit, auf die Jugend, auf das langsame Älterwerden, auf Liebe, Verlust und Tod. „Für diesen Sommer“ ist eigentlich der falsche Titel. „Ein ganzes Leben“ würde die Geschichte besser beschreiben. Wie war das damals? Franziska und Heinrich blicken mit ganzen anderen Emotionen und Eindrücken zurück. Heinrich sah und sieht in seiner Tochter Franziska immer die, die nicht das machte, was in seinen Augen gut für sie gewesen wäre. Seine Tochter Monika dagegen war sein Sonnenschein. Sie hat immer alles richtig gemacht. So lange, bis sie nicht mehr konnte. Franziska sieht in ihrem Vater den oft herzlosen und mürrischen Mann, der sie nie für gut genug hielt und sie das auch spüren ließ. Aber es gibt auch schöne Erinnerungen. Gisa Klönne erzählt äußerst fesselnd, da sie zwischen den Hauptfiguren, und deren Leben, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zügig hin und her springt. „Für diesen Sommer“ – ein Sommer, der literarisch in Erinnerung bleibt!

Kindler, 448 Seiten; 22,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Nina Petri und Wolf-Dietrich Sprenger lesen abwechselnd und äußerst anspruchsvoll! 19,95 Euro.

Gisa Klönne – Für diesen Sommer – Hörprobe – 15:55 Min.

Hanya Yanagihara – Zum Paradies

1893, in einem Amerika, das anders ist, als wir es aus den Geschichtsbüchern kennen: New York gehört zu den Free States, in denen die Menschen so leben und so lieben, wie sie es möchten – so jedenfalls scheint es. Ein junger Mann, Spross einer der angesehensten und wohlhabendsten Familien, entzieht sich der Verlobung mit einem standesgemäßen Verehrer und folgt einem charmanten, mittellosen Musiklehrer. 1993, in einem Manhattan im Bann der AIDS-Epidemie: Ein junger Hawaiianer teilt sein Leben mit einem deutlich älteren, reichen Mann, doch er verschweigt ihm die Erschütterungen seiner Kindheit und das Schicksal seines Vaters. 2093, in einer von Seuchen zerrissenen, autoritär kontrollierten Welt: Die durch eine Medikation versehrte Enkelin eines mächtigen Wissenschaftlers versucht ohne ihn ihr Leben zu bewältigen – und herauszufinden, wohin ihr Ehemann regelmäßig an einem Abend in jeder Woche verschwindet.

Die amerikanische Autorin Hanya Yanagihara hat mich mit ihrem zweiten Roman „Ein wenig Leben“ begeistert. Sie hat damit die Latte für ihre dritten Roman sehr hochgelegt. „Zum Paradies“ heißt er und wurde natürlich sofort zum Bestseller. Es gab viel hymnisches Lob auch für dieses Buch. Ich kann mich dem aber nicht anschließen. „Zum Paradies“ vereint drei Geschichten in fiktiven Welten mit hohem Anteil homosexuellen Bezugs in einem Buch. Keine der drei Geschichten konnte mich durchgehend überzeugen. Es gab immer wieder Passagen in dem fast 900 Seiten dickem Buch, die spannend geschrieben waren. Aber es gibt keinen roten Faden, der zum Paradies führt. So irrt man etwas verloren durch diese drei Geschichten, in denen Hanya Yanagihara wichtige Themen anspricht, diese aber nicht packend in eine wirklich gute, zusammengehörige Geschichte gepackt hat. Auch konnte mich das Personal nicht begeistern, so wie bei ihrem Vorgängerbuch. Langatmig, mit spannenden und schönen Zwischenpassagen, gelangt man ganz langsam zum Paradies.

Claassen, 890 Seiten; 30,00 Euro

Julia Schoch – Das Vorkommnis

Das Vorkommnis

Eine Frau wird von einer Fremden angesprochen, die behauptet, sie hätten beide denselben Vater. Die überraschende Begegnung bleibt flüchtig, löst in ihr aber eine Welle von Emotionen aus. Fragen drängen sich auf, über Ehe und Mutterschaft, über Adoption und andere Familiengeheimnisse, über Wahrheit überhaupt.

Julia Schoch hat schon einige feinfühlige literarische Romane geschrieben. Mit ihrem neuen Roman „Das Vorkommnis“ macht sie in dieser Tradition weiter. „Das Vorkommnis“, Biographie einer Frau, ist der erste Teil einer Trilogie. Sie erzählt davon, wie ein planbares Leben, in dem man sich eingerichtet und nach allen Seiten abgesichert hat, durch ein Vorkommnis, ins Wanken gebracht wird. Eigentlich nicht denkbar für die Erzählerin des Romans. Doch der Erkenntnis, noch eine Schwester zu haben, wirft viel, was sie zu Wissen geglaubt hat und zu fühlen im Stande war, über den Haufen. Beruf, Arbeit, Familie und auch das Eheleben. Sie sieht plötzlich Dinge, die sie vorher nicht gesehen hat. Sie denkt sich neu, sozusagen. Julia Schorch schreibt schöne, traurige und nachdenkliche Sätze. Darunter fällt auch die Erkenntnis über ihre Ehe und die Familie: „Was ihn und mich zusammengebracht hatte, war unsere Vergangenheit. Wir hatten einen Koffer mit Erfahrungen, aus dem wir lebten. Der Inhalt des Koffers passte uns beiden und wärmte uns, über Jahre“, und, „Wie von Geisterhand geführt, finden sich jeden Morgen und Abend in derselben Wohnung dieselben Menschen ein. Man trifft sich zu verschiedenen Mahlzeiten, jeder in seine Träume und Gedanken vertieft, morgens verschwinden alle in irgendeine Art von Anstalt oder Institution, abends tauscht man sich über die Erlebnisse des Tages aus und sucht seine zugewiesenen Schlafplätze auf, man sieht sich gelegentlich nackt, in den Ferien steigen alle in ein Auto, den Zug oder ein Flugzeug und reisen gemeinsam an einen vorher festgelegten Ort. Je länger ich darüber nachdachte, desto absurder erschien es mir.“ „Das Vorkommnis“ ist ein besonderes literarisches Vorkommnis!

dtv, 191 Seiten; 20,00 Euro

Michael Borgolte – Die Welten des Mittelalters

Die globalisierte Welt der Gegenwart mit ihren Orientierungskrisen erfordert eine Neubestimmung auch des Mittelalters jenseits eurozentrischer Blickverengungen. Anders als heute war die mittelalterliche Welt noch nicht global vernetzt. Sie war geprägt von zahlreichen Lebenswelten, die sich inselartig über den Globus verteilten, von Amerika bis China, im Nordmeer und Pazifik, unterschiedlich verdichtet in Europa und Afrika. Doch diese Inseln waren nicht alle isoliert. Es entstanden zahlreiche wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Verbindungen von einer Intensität und Weite, die der Antike noch unbekannt waren.

„Die Welten des Mittelalters – Globalgeschichte eines Jahrtausends“ ist ein mächtiges, fesselndes und lehrreiches Megawerk! Auf fast 900 Seiten erzählt Michael Borgolte faszinierend und informativ über das Mittelalter. Das Mittelalter, das vielen aus historischen Romanen meist als europäisches Mittelalter bekannt ist, erfährt hier nun, mit einem weiten Blick über den Tellerrand hinaus, viel mehr über diese Zeit in der Geschichte. Die Hauptthemen sind: „Die beiden Amerikas“, „Die Welten des Pazifiks“, „Afrika“, „Asien“, „Europa“, „Beziehungsnetze der Religionen“ und „Der Fernhandel“.

C. H. Beck, 1.102 Seiten; 48,00 Euro

 Gwen Bailey – Glücklicher Hund

Es gibt eine einfache Formel zur erfolgreichen Hundeerziehung: je besser die Beziehung zum Hund, desto weniger Stress gibt es im Alltag. Wer einen harmonischen, vertrauensvollen Kontakt zum Hund aufbaut, die dem Tier Selbstvertrauen vermittelt, schafft beste Voraussetzungen für ein möglichst langes, schönes Hundeleben. Dieses Buch zeigt, wie sich das auf ganz natürliche und sanfte Weise erreichen lässt. Körperliche und geistige Fitness sind dabei ebenso Thema wie die Ernährung, der Umgang mit Präventivmedizin und die psychische Verfassung des Tieres. Man lernt von der Welpen Erziehung bis zu häufigen Krankheiten vieles kennen.

Hunderatgeber gibt es ja viele auf dem Buchmarkt. Als Hundebesitzer kann man aber nie genug davon bekommen, wenn die Ratgeber informativ und schön aufgemacht sind. Das trifft auf den Ratgeber „Glücklicher Hund“ von Gwen Bailey zu. Es enthält keine ausufernden Texte, sondern knackige und informative, angereichert mit einer Vielzahl wunderschöner Fotos von tollen Hunden. Für diesen Hunderatgeber gibt es ein lautes: Wuff! Die Hauptthemen sind: „Bewegung“, „Gesundheit“, „Gesunde Ernährung“, „Trinken“, „Sexualverhalten und Kastration“; „Kooperation und einfühlsamer Umgang“, „All you need is Love“, „Führung“, „Schlaf und Erholung“, „Spielen“, „Leben ohne Angst“ und „Training für den Kopf“.

Dorling Kindersley, 224 Seiten; 19,95 Euro