Oktober 2, 2022

BuchKolumne 09.03.2020 – Nr.603

BuchKolumne der Woche vom 09.03.2020 – Nr.603

Bei denglers-buchkritik.de kannst Du jeden Montag neue Rezensionen und Buchkritiken lesen und Dir Tipps und Anregungen für neuen Lesestoff holen – egal ob Roman, Krimi, Science-Fiction oder Thriller.

Anna Burns – Milchmann

Daumen hoch grün
Milchmann

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als „interessant“ – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein.

Anna Burns Stil ist wie eine Rose – wunderschön, literarisch duftend, aber auch kratzbürstig und stachelig! Die Schönheit von Anna Burns Sprache ist ein literarischer Hingucker, man riecht und schmeckt was sie schreibt, man sieht es groß vor sich -ich, man fühltes, ist gefesselt von so viel Klarheit, Witz und kreativer Sprachgewandtheit. Konzentrieren muss man sich bei der Lektüre allerding schon, denn in diesem Buch gibt es unter anderem keine Namen. Dafür gibt es den Vielleicht-Freund, Schwager Eins, Zwei und Drei, Schwester Eins, Zwei und Drei, Älteste Freundin, Lehrerin, Chefkoch und noch einige mehr und natürlich den Milchmann. „Milchmann“ wurde mit wichtigen literarischen Preisen ausgezeichnet: Man Booker Prize 2018 (Fiction), National Book Critics Circle Award 2018 (Fiction) und dem Orwell Prize 2019.

Tropen, 450 Seiten; 25,00 Euro

Dirk Kurbjuweit – Haarmann

Ein Krebspatient im Endstadium springt dem Tod von der Schippe, ein HIV-Patient gilt als medizinisches Wunder, und zwei Frauen müssen damit leben, dass sich ihr eigener Körper gegen sie wendet. Unser Immunsystem ist unser körpereigenes Verteidigungssystem, der Schlüssel zu unserer Gesundheit – und Entscheider über Leben und Tod. Der Autor will die Fragen beantworten: Wieso erkranken weltweit immer mehr Menschen an Autoimmunerkrankungen? Worin liegt der bahnbrechende Erfolg der Immuntherapie? Was ist das Mikrobiom? Und was passiert, wenn die körpereigene Abwehr nicht mehr funktioniert?

Der amerikanische Journalist Matt Richtel hat ein Buch über unser Immunsystem geschrieben. Darauf habe ich mich gefreut, denn ich dachte, da erfährt man auf gut 500 Seiten alles über unser Immunsystem. Doch das war ein großer Irrtum. An den Hauptthemen des Buches erkennt man schon, das nur ein kleiner Teil des Buches sich wirklich intensiv mit dem Immunsystem befasst: „Teil 1: Leben im Gleichgewicht“, „Teil 2: Das Immunsystem und das Fest des Lebens“, „Teil 3: Bob“, Teil 4: Linda und Meredith“, „Teil 5: Jason“ und „Teil 6: Heimkehr“. Das Buch ist mehr eine Lebensgeschichte von unterschiedlichen Personen, die manchmal durchaus spannend sind und berühren, ja, aber die in diesem Buch nur hätten einen kleinen Teil einnehmen dürfen. „Starke Abwehr“ – schwache Leistung!

HarperCollins, 490 Seiten; 22,00 Euro

Alix Ohlin – Robin und Lark

Robin und Lark

Robin und Lark, zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: die ältere klug, fleißig und still, die jüngere wild, impulsiv und eine begnadete Pianistin. Doch die ungleichen Mädchen verbindet ein starkes Band, nicht zuletzt entstanden durch die Nachlässigkeit der Mutter. Als Lark Montreal verlässt, um in den USA aufs College zu gehen, verlieren sie jedoch beinahe vollständig den Kontakt – bis Robin eines Tages urplötzlich vor Larks Tür steht. Gemeinsam ziehen sie nach New York, wo Lark studiert und Robin das berühmte Musikkonservatorium Juilliard besucht. Sie wohnen zusammen, sind sich so nah wie lange nicht mehr. Bis wieder eine Schwester die andere verlässt: Robin verschwindet plötzlich von einer Konzertreise in Schweden. Fünf Jahre sehen sich die Schwestern nicht wieder.

Eine besondere Geschichte über zwei besondere Schwestern! Das die Schwestern zu etwas ganz Besonderem werden, liegt am flüssigen Stil der Autorin. Sie lässt gar nicht zu, dass einem langweilig wird und verleiht beiden Schwestern eine Tiefe, die beachtlich ist ohne dabei ausschweifend zu werden. Man geht ihren mal schwierigeren, mal einfacheren, aber immer anziehenden Weg mit. Man erlebt sie als junge Mädchen bis hin zur reifen Frau. Vor allem das Verhältnis zu ihrer Mutter Marianne, der ihre beiden Töchter meist vollkommen egal waren, prägt das Leben der beiden. Die Kanadierin Alix Ohlin erzählt mit viel Elan und man gewinnt schnell Sympathie für Robin und Lark. Die beiden Schwestern wachsen einem ans Herz.

Frank Kodiak – Das Fundstück

Das Fundstück

Kommissar Olav Thorn ahnt nichts Gutes, als er zu einem bizarren Fund an den Bremer Busbahnhof gerufen wird: Im Gepäckraum eines Reisebusses aus Dortmund ist ein Koffer zurückgeblieben – mit grauenvollem Inhalt. Noch bevor die Ermittlungen in Bremen richtig in Gang kommen, erreicht den Kommissar eine Nachricht aus Berlin: Auch am dortigen Busbahnhof ist ein Koffer mit Leichenteilen aufgetaucht. Thorn und seine Berliner Kollegin Leonie Grün tragen fieberhaft Puzzlestück für Puzzlestück zusammen, doch der Killer ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und er ist noch lange nicht am Ende seiner Reise angelangt.

Frank Kodiak ist das Pseudonym des deutschen Bestsellerautors Andreas Winkelmann. Nach „Stirb zuerst“ und „Nummer 25“ folgt nun der dritte Thriller „Das Fundstück“. Wer Frank Kodiak liest, weiß was er bekommt: Einen fesselnden Thriller, der einem keine Ruhe gönnt! Auch die Ermittler Olav Thorn und Leonie Grün können überzeugen. „Das Fundstück“ – ein blutiges Killerszenario erster Güte!

Knaur, 349 Seiten; 9,99 Euro

Christoph Ribbat – Die Atemlehrerin

Eine Dame mit leichtem deutschem Akzent unterrichtet Achtsamkeit in New York City: wie man bewusst atmet, den Körper erspürt und den Stress der Großstadt überlebt. Ihr Studio ist ein Geheimtipp für Sängerinnen, Tänzerinnen und verkrampfte Büromenschen. Ihre Schülerinnen meinen, sie sei ganz und gar entspannt. Aber ihre eigene, schmerzhafte Vergangenheit hält sie vor ihnen geheim.

Die Atemlehrerin erzählt die Geschichte der Carola Joseph. Die Gymnastiklehrerin, 1901 geboren, lebt, arbeitet, forscht in Berlin, heiratet, heißt nun Carola Spitz, und verlässt die Stadt erst, als es fast schon zu spät ist. Sie wird zu einem jüdischen Flüchtling unter Zehntausenden, etabliert sich als „Carola Speads“ in Manhattan und lehrt, als sie 98 Jahre alt ist, noch immer in ihrem Studio am Central Park. Eine spannende, entspannte und mitreißende Geschichte! Das Leben der Carola Spitz atmet den Hauch der Geschichte. Die Hauptthemen sind: „Das Studio der Körperlichen Umerziehung“, „Wandervogel“, „Mehr als ein Guru“, „Die Liste der jüdischen Gymnastiklehrerinnen“ und „Blumen von Charlotte“.

Suhrkamp, 191 Seiten; 22,00 Euro