März 2019

Aktuelle Kolumne vom 25.03.2019 - Nr.553


Nicoletta Giampietro

daumen rauf

Niemand weiß, dass du hier bist

giampietro niemand weiss dass du hier bist

Siena, 1942. Der zwölfjährige Lorenzo soll den Krieg bei seinem Großvater und seiner Tante überstehen. Noch ist es in der Toskana friedlich. Auf den weiten Plätzen der verwinkelten Stadt freundet er sich mit Franco an, der seine glühende Verehrung für den Duce teilt. Die Begeisterung bekommt erste Risse, als er Daniele kennenlernt. Daniele ist Jude. Als die Deutschen die Stadt besetzen und beginnen, jüdische Familien zu deportieren, kann Lorenzo nicht zusehen. Doch seine Entscheidung bringt nicht nur seine Freundschaft mit Franco in Gefahr, sondern auch seine Familie und ihn selbst.

„Niemand weiß, dass du hier bist“ ist eine Geschichte, die mich erschüttert, berührt und mitgerissen hat. Die Welt des Krieges durch die Augen des 12-jährigen Lorenzo zu sehen ist eine besondere Art auf die Geschehnisse zu blicken. Er ist so überzeugt vom Krieg seines Landes mit den Deutschen, versteht aber nur gewisse Dinge. Für ihn ist es zu Anfang eine Art Spiel, bei dem Italien gewinnen wird. Erst nach und nach begreift er, dass die Kriegshandlungen schlimme und ganz reale Konsequenzen haben. Kinderaugen zu verblenden war damals möglich und ist es auch heute. Somit schlägt die Geschichte auch einen Bogen zur Gegenwart. Denn auch heute werden Kinder und Jungendliche für Krieg und Gewalt eingenommen. Doch es bleibt die Hoffnung auf das Gute im Menschen. So auch bei Lorenzo, der eine andere Haltung zu den Faschisten einnimmt, als es für ihn ganz persönlich wird. Wenn plötzlich Freundschaft ins Spiel kommt, ist es nicht mehr entscheidend welchen Glauben oder auch welche Hautfarbe du hast. Freundschaft steht über der Ideologie. Ein Buch, das Mut macht!

giampietro niemand weiss dass du hier bist hoerbuch
Auch als Hörbuch erhältlich bei Osterwold Audio. Markus Hoffmann vermittelt die Stimmung des Romans mit Gefühl und Eindringlichkeit in seiner Stimme. 22,00 Euro. Hörprobe

Piper, 414 Seiten; 22,00 Euro


Prof. Dr. med. Sven Gottschling

daumen runter

Wer heilt hat recht

Wer heilt hat recht

Sven Gottschling repräsentiert eine neue Generation von Medizinern: den Patienten gegenüber offen und zugewandt setzt er sich für die Therapieform ein, die wirklich hilft. Zum Wohle seiner Patienten überschreitet er dabei auch die starren Grenzen der konventionellen Schulmedizin und wendet alternative Heilmethoden an. Doch was hilft wirklich? Was ist Scharlatanerie? Was Geldmacherei? Als anerkannter Schmerztherapeut, macht Gottschling den Praxistest: Von Akupunktur und Hypnose über Bachblüten und Bioresonanz bis hin zur aktuell viel diskutierten Cannabis-Therapie.

Ein Buch, an dem sich die Geister scheiden. Da gibt es die eine Seite, die das, was Herr Dr. Gottschling schreibt, als ausgewogen bezeichnen, aber viel mehr wird doch kritisiert, dass das Buch viel zu wenig der Naturheilkunde und anderen Therapieformen eine wirkliche Chance gibt. Und das Dr. Gottschling mit sehr erhoben Zeigefinger schreibt. „Wer heilt hat recht“ ist daher schon fast eine Streitschrift. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass bei mir Homöopathen kläglich versagt haben, im gleichen Zug aber auch die Schulmedizin. Aber das war nun „nur“ ein Schmerzfeld, daher würde ich nun weder die eine noch die andere Seite als schlecht bezeichnen. Dem Buch hätten mehr Ausgewogenheit und weniger erhobener Zeigefinger gutgetan. Es gibt ja mittlerweile Kliniken, leider noch sehr wenige, wo beide Therapieformen sich ergänzen. Das wäre der richtige Ansatz, um den Patienten alle möglichen Formen der Heilung zu ermöglichen. Aber nicht mit Herrn Prof. Dr. med. Sven Gottschling.

Fischer, 315 Seiten; 16,99 Euro


Tom Perrotta

daumen rauf

Mrs Fletcher

Mrs FletcherMit zarten 46 Jahren kann’s das doch noch nicht gewesen sein! Gerade war Eve Fletcher noch alleinerziehende Mutter. Jetzt probiert ihr Sohn Brendan am College aus, was es heißt, ein Mann zu sein, und auch, was es nicht heißt. Aber sind Mütter nicht auch nur Frauen? Also umsortieren, neu aufstellen, was wagen – aber wie? Während Eve und Brendan jeder für sich mal mehr, mal weniger glorreiche Abenteuer bestehen, steuern sie unbeirrbar auf eine schicksalhafte Novembernacht zu, die ihr ehemals so geordnetes Vorstadtleben aus den Angeln zu heben droht.

Wird Mrs Fletcher der nächste HBO- Serienhit? 2019 läuft die Serieadaption an. Das Buch hat auf jeden Fall das Zeug dazu, auch ein länger andauernder Serienhit zu werden. Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Eve und Brendan erzählt. So bekommt man zwei ganz unterschiedliche Leben, zwei ganz unterschiedliche Geschichten in „Mrs Fletcher“ geboten. Einmal das aufregend neue Collegeleben und dann das nicht weniger aufregende Leben von Eve, die sich nach der länger zurückliegenden Scheidung und dem Auszug von Brendan nun erstmal selbst finden muss. Sex ist eines der Mittel der Selbstfindung. „Mrs Fletcher“ hat mich geflasht! Tom Perrotta erzählt in einem leichten Ton, wie schwierig es ist, sich dem Leben auf unterschiedliche Weise neu zu stellen. Ein Buch über Freunde, Familie und Sex.

dtv, 413 Seiten; 22,00 Euro


Theo Sommer

daumen rauf

China First

China First

In immer mehr Zukunftssparten wie erneuerbare Energien oder Elektromobilität übernimmt China die Führung. Das Seidenstraßen-Projekt stellt wichtige Handelswege unter chinesische Kontrolle. Außenpolitisch trumpft China immer mehr auf, in Asien auch militärisch. Der neue starke Mann Xi Jinping hat sich eine Machtfülle gesichert, wie sie nicht einmal Mao hatte. Er perfektioniert den Überwachungsstaat mit digitaler Gesichtserkennung und einem an Orwell gemahnenden "Sozialkreditsystem". Auch hier spielt China eine beängstigende Vorreiterrolle. Das chinesische Jahrhundert hat begonnen. Es kommt jetzt darauf an, es zu verstehen und sich zu behaupten.

Theo Sommer, 20 Jahre lang Chefredakteur der ZEIT, ist ein Kenner Chinas. Er versteht das Land, die Menschen, die wirtschaftliche Entwicklung, und was das alles für uns bedeutet. Wer punktgenau über das aktuelle China informiert sein will, der sollte „China First“ lesen. Diese vier Hauptthemen sind enthalten: „China erwacht“, „Wirtschaftliche Supermacht mit Plan“, „Chinas neue Weltpolitik“ und „“Gefährliche Spannungsfelder“.

C. H Beck, 480 Seiten; 26,00 Euro


Ben Rhodes

daumen rauf

Im Weißen Haus

Im Weißen Haus

Mit 29 Jahren und einem Sack voll Hoffnung stößt Ben Rhodes 2007 zum Team von Barack Obama und wird zu einem seiner engsten Vertrauten. Er ist mittendrin, als das Atomabkommen mit dem Iran ausgehandelt wird, als die Annäherung an Kuba eingeleitet wird, als die Entscheidung fällt, in Syrien nicht zu intervenieren, und als die Wahl von Donald Trump das Projekt Obama jäh beendet.


Ben Rhodes, stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater unter dem Präsidenten, vermittelt uns ein intimes Bild von Barack Obama, das einem Aufschluss über den charismatischen Mann, seine Taten, seine politischen Entscheidungen und ihn als Mensch gibt. Wenn man sieht, wie Nachfolger Donald Trump das Weltgefüge mit Füßen tritt, erscheint einem dieses Buch fast schon wie aus einem anderen Jahrhundert. Die Schwerpunktthemen sind: „Hoffnung 2007 – 2010“, „Frühling 2011 – 2012“, „Veränderung 2013 – 2014“ und „Was Amerika groß macht 2015 – 2017“.

C. H. Beck, 576 Seiten; 28,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Andreas Eschbach

Perry Rhodan – Das größte Abenteuer

Perry Rhodan Das größte Abenteuer

Cape Kennedy, 1971: Nach dem katastrophalen Scheitern der Apollo-Missionen unternehmen die Amerikaner einen letzten verzweifelten Versuch, das Rennen zum Mond zu gewinnen. Der Name des Raumschiffs: Stardust. Der Name des Kommandanten: Perry Rhodan. Mit diesem bahnbrechenden Ereignis startete die Serie Perry Rhodan. Und wurde zur erfolgreichsten Fortsetzungsgeschichte der Welt. Doch erst jetzt erfahren wir, wie alles wirklich begann: Perry Rhodans Jugend, seine politischen Eskapaden, seine Abenteuer als Testpilot und die geheime Geschichte der bemannten Weltraumfahrt.

Perry Rhodan gehört zu den größten Kultfiguren der Science-Fiction-Literatur! Die mittlerweile über 3.000 umfassende Heftreihe und zahlreiche Bücher machten aus ihm einen literarischen Helden für viele Generationen. Der deutsche Bestsellerautor Andreas Eschbach hat auch einige der Heftromane geschrieben (die oft besser sind, als ihr Ruf), und kehrt jetzt sozusagen zu den Anfängen seiner Schriftstellerkarriere zurück und erzählt das Leben des Perry Rhodan, bevor er der Held wurde, als den ihn heute alle kennen. Man erfährt von seiner Familienbiographie, das Leben und Streben seiner Eltern, seiner Schulzeit, seiner Jungend in einem sich verändernden Amerika, der harten Ausbildungszeit in West Point, seine Weiterbildung als Pilot bis hin zu dem Mann, als den in die literarische Welt kennt. Andreas Eschbach vermittelt aber auch noch viel geschichtliches Wissen, wie die Kennedy-Ära oder die Abläufe bei der NASA seinerzeit. Andreas Eschbach schreibt die „Biographie“ von Perry Rhodan so beeindruckend, das man zeitweise denkt, es handelt sich tatsächlich um eine real existierende Person und alles was im Buch passiert sei auch in Wirklichkeit geschehen. Dafür ein extra Lob an den Autor! Die Lesung kann nicht ganz mit der Größe der Geschichte mithalten. Uve Teschner liest souverän und präzise. Aber ein David Nathan oder Tobias Kluckert wären bessere Stimmen für dieses große Abenteuer gewesen. Die Fans wird besonders freuen, da es sich um eine ungekürzte Lesung handelt. Fast 30 Stunden erwarten einen.

Perry Rhodan Das größte Abenteuer Cover

Auch als Hardcover erhältlich bei TOR, 25,00 Euro.

Argon Hörbuch, 4 MP3 CDs, 1.740 Minuten; 29,95 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 18.03.2019 - Nr.552


Andrew Roberts

daumen rauf

Feuersturm

Andrew Roberts Feuersturm

Der Autor folgt der Frage, warum die Achsenmächte den Krieg verloren: tatsächlich durch strategische Fehler und aus ideologischer Verblendung oder wegen der Übermacht der Alliierten? Im Mittelpunkt steht die Militärgeschichte mit ihren Operationen und Schlachten zu Land, zu Wasser und in der Luft sowie dem Wettlauf der Rüstungsproduktion und Informationsbeschaffung. Alle Kriegsschauplätze - in Europa, Afrika und Asien, im Atlantik und Pazifik - werden gleichberechtigt dargestellt.

Ich habe schon zahlreiche sehr gute Bücher über den Zweiten Weltkrieg gelesen und auf denglers-buchkritik.de besprochen. Dieses Buch reiht sich hier nahtlos ein und übertrifft sogar viele. Andrew Roberts ist mit „Feuersturm“ ein fulminanter Wurf gelungen! Er verdichtet die wichtigsten Ereignisse und die wichtigsten Kriegsschauplätze des Zweiten Weltkriegs auf gut 900 Seiten, was alleine schon eine Kunst ist, aber er verliert dabei nie an Detailschärfe und ganz gewiss schreibt er weder tröge noch trocken. „Feuersturm“ liest sich wie ein fesselnder Geschichtskrimi! Das Buch ist in drei Schwerpunktthemen unterteilt: „Angriff“, „Wechseljahre“ und „Vergeltung“. Alle drei haben nahezu den gleichen Seitenumfang.

C. H. Beck, 896 Seiten; 39,95 Euro


Maggie Stiefvater

daumen runter

Wie Eulen in der Nacht

Wie Eulen in der Nacht

Wem nur noch ein Wunder helfen kann, der findet stets seinen Weg in die Wüste Colorados und zur außergewöhnlichen Familie Soria. Doch die Wunder der Sorias sind unberechenbar und wer sie aus eigener Kraft nicht vollenden kann, zahlt einen hohen Preis. Auch Daniel Soria bewirkt diese Wunder mit der Ernsthaftigkeit und Hingabe, die es braucht. Doch dann bricht er die wichtigste Regel seiner Familie: Er mischt sich in ein Wunder ein. Dadurch entfesselt er eine Magie, die seinen Tod bedeuten könnte.

Schon in jungen Jahren wurde Maggie Stiefvater mit ihrer „Nach-dem-Sommer“-Trilogie eine international gefeierte Bestsellerautorin. Sie ließ weitere Bestseller folgen. Bei ihrem Talent und Ideenreichtum war ich auf ihren neuen Roman gespannt. Bei „Wie Eulen in der Nacht“ überzeugt vollkommen das Cover, aber das war’s dann fast auch schon. Maggie Stiefvaters Fantasie kommt auch in dieser Geschichte wieder zum tragen, aber bei weitem nicht so, wie in ihrem anderen Romanen. Zudem ist die Geschichte langweilig und zäh und auch zu den Figuren habe ich keinen Zugang bekommen. Als der Roman etwas an Spannung und Tiefe gewann, war er dann mit seinen nicht einmal 300 Seiten auch schon wieder zu Ende.

Knaur, 298 Seiten; 14,99 Euro


Dan Jones

daumen rauf

Die Templer

Die TemplerJerusalem 1119. Eine kleine Gruppe von Rittern sucht nach dem Ersten Kreuzzug nach einer neuen Aufgabe und gründet die „Arme Ritterschaft Christi und dessalomonischen Tempels zu Jerusalem“, um Jerusalem-Pilger zu beschützen. Schon bald beginnt ein wundersamer Aufstieg: Die neuartigen Kriegermönche werden zur militärischen Eliteeinheit, die für die Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land kämpft. Landgüter in Europa, horrende Lösegelder und Tribute sorgen für sprudelnde Einnahmen. Die „arme Ritterschaft“ wird zum Bankhaus, von dem Kaufleute und Könige in Orient und Okzident abhängig sind. Doch der sagenhafte Reichtum weckt Begehrlichkeiten. Es beginnt die Zeit der Verfolgung.

Eine sehr spannende Reise auf die man sich mit Dan Jones begibt. Die Geschichte der Templer ist fesselnd und für ein Sachbuch mit hohem erzählerischem Tempo erzählt. Staunend verfolgt man den Weg der einstigen Pilger bis zu den geachteten und gefürchteten Kriegsmönchen. Das Buch bietet Geschichtsstunden voller Spannung und großer Wissensvermittlung! Die vier Hauptthemen des Buches sind: „Pilger (um 1102 – 11 44)“, „Soldaten (1144 – 1187)“, „Bankiers (1189 – 1260)“ und zum Abschluss „Ketzer (1260 – 1314)“.

C. H. Beck, 508 Seiten; 28,00 Euro


Masha Gessen / Misha Friedman

daumen rauf

Vergessen

Vergessen

Der sowjetische Gulag war eine der größten Tötungsmaschinen in einem Jahrhundert der Tötungsmaschinen. Niemand war sicher. Die Autorin und der Fotograf sind quer durch Russland gereist, zu den Orten des Schreckens, haben mit Menschen gesprochen und Schicksale rekonstruiert. Bewusst geworden ist ihnen dabei vor allem eines: Der Terror des Gulag ist nicht etwa vergessen. Man hat sich nie richtig an ihn erinnert.

Die Russin Masha Gessen, die in New York City lebt, hat bereits zahlreiche Bücher über Russland verfasst, darunter auch eine gefeierte Putin-Biografie. Ihr neuestes Werk, zusammen mit dem Fotografen Misha Friedmann, in den Sowjetunion geboren und auch in New York City lebend, zeigt eine ganz besonders schreckliche Geschichte aus Russlands Vergangenheit: das Gulag. Das Gulag damals und die Gedanken heute an diesen grausamen Ort, das und noch mehr wird in „Vergessen“ aufgearbeitet. Ein Buch mit großer Intensität, das einen nicht selten einen Schauer des Schreckens über den Rücken jagt. Die eindringlichen Fotos verstärken das Gefühl noch. Das Buch ist in drei Bereiche gegliedert: „Sandarmoch“, „Perm-36“ und „Kolyma“.

dtv, 160 Seiten; 25,00 Euro


Jenny-Mai Nuyen

daumen rauf

Die Töchter von Ilian

Die Töchter von Ilian

Vier magische Artefakte bestimmen das Schicksal der Welt: Ein Becher, um die Vergangenheit zu bewahren. Eine Flöte, um mit Tieren zu sprechen. Ein Spiegel, um sich selbst zu erkennen. Eine Sternenscheibe, um die Zukunft zu sehen. Werden sie verschenkt, steigert sich die Macht der Artefakte, werden sie behalten, nimmt diese ab. Doch die magischen Artefakte sind verschollen. Die Weisen Frauen, die einst friedvoll mit ihnen regierten, sind in die Wälder geflohen, und Kriegsfürsten herrschen über Menschen, Zwerge und Elfen. Die Zeit ist gekommen, dass die Töchter aller Völker sich erheben, um die Macht zurückzugewinnen.

Jenny-Mai Nuyens Erfolge „Nijura – Das Erbe der Elfenkrone“ und „Das Drachentor“ hallen immer noch nach. Ihr neuestes Buch reiht sich in ihre frühen Erfolge ein. „Die Töchter von Illian“ ist magisch, anziehend, mit einer spannenden Welt und eben solchen Charakteren ausgestattet. 650 Seiten pure Magie! Jenny-Mai Nuyen gehört zu den talentiertesten deutschen Fantasy-Autorinnen! Immer noch. Mit „Die Töchter von Ilian“ stellt sie das nun wieder eindrucksvoll unter Beweis.

TOR, 650 Seiten; 16,99 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Jojo Moyes

Nächte, in denen Sturm aufzieht

Nächte in denen Sturm aufzieht hörbuch

Liza McCullen hat in dem kleinen beschaulichen Örtchen Silver Bay an der Küste Australiens ein Zuhause gefunden für sich und ihre Tochter Hannah. Die unberührten Strände, der Zusammenhalt in der kleinen Gemeinde und die majestätischen Wale, die in der Bucht leben, bedeuten ihr alles. Täglich fährt sie mit ihrem Boot raus aufs Meer und bietet Walbeobachtungstouren an für die wenigen Touristen, die sich nach Silver Bay verirren. Als der Engländer Mike Dormer anreist und sich in der Pension von Lizas Tante einquartiert, gerät das beschauliche Leben in Gefahr. Der gutaussehende Fremde passt nicht nach Silver Bay, und niemand ahnt, dass er Pläne schmiedet, die den kleinen Fischerort für immer verändern könnten.

„Nächte, in denen Sturm aufzieht“ ist eine Neuveröffentlichung des 2008 erschienen Buches „Dem Himmel so nah“. Das war zu einer Zeit, als Jojo Moyes noch nicht die Weltbestsellerautorin war, die sie heute ist. Damals fand das Buch eher weniger Leser, heute ist es ein Nr.-1-Bestseller. Daran ist ersichtlich, dass nicht immer die Qualität der Geschichte zählt. Obwohl diese, auf diese Geschichte bezogen, keinesfalls als schlecht anzusehen ist. „Nächte, in denen Sturm aufzieht“ hat mich gefesselt! Das lag vor allem an dem Ort, an dem es spielt und an den schönen Figurzeichnungen. Alle machen eine gute Entwicklung durch. Während des Hörens des Hörbuchs lebte ich mit in Silver Bay, sah das Meer und die Wale und Delfine vor mir. Allerdings ist dieses Werk von der Dramatik natürlich nicht mit so einem Werk wie „Ein ganzes halbes Jahr“ zu vergleichen. Auch ist die Storyentwicklung vorhersehbar. Doch ich fühlte mich wohl in Silver Bay. Luise Helm liest zugleich zart und frisch, wie eine umschmeichelnde Brise am Meer. Hörprobe

Nächte in denen Sturm aufzieht



Auch als Paperback erhältlich bei Rowohlt Polaris, 16,99 Euro.

Argon Hörbuch, 7 CDs, 540 Minuten; 19,95 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 04.03.2019 - Nr.550


Simon Beckett

daumen rauf

Die ewigen Toten

Die ewigen Toten cover

Nur Fledermäuse verirren sich noch nach St. Jude. Das Krankenhaus im Norden Londons, seit Jahren stillgelegt, soll in Kürze abgerissen werden. Doch dann wird auf dem staubigen Dachboden eine Leiche gefunden, eingewickelt in eine Plastikhülle. Die Tote, das sieht David Hunter sofort, liegt schon seit langer Zeit hier. Durch das trockene und stickige Klima ist der Körper teilweise mumifiziert. Als beim Versuch, die Leiche zu bergen, der Boden des baufälligen Gebäudes einbricht, entdeckt der forensische Anthropologe ein fensterloses Krankenzimmer, das nicht auf den Plänen verzeichnet ist. In diesem Zimmer befinden sich zwei Personen, die lebendig eingemauert wurden und qualvoll starben.

Simon Beckett ist zurück, und er ist besser denn je! Gleich zu Anfang kommt wieder dieses Gänsehautgefühl wie bei den ersten Seiten von „Die Chemie des Todes“ auf. Und schon hat man sich wieder im Thrillernetz von Simon Beckett verfangen. „Die ewigen Toten“ ist ein Thriller bei dem man wieder viel über die Toten lernt. Wie aus einem lebenden Menschen ein sich zersetzender Toter wird. Keiner kann das besser beschreiben als Simon Beckett. Die besondere Gruselatmosphäre, die bei den David-Hunter-Büchern mitschwingt, lässt auch in „Die ewigen Toten“ grüßen. Auch die Figur des David Hunter entwickelt sich spannend weiter. Sein Privatleben bietet auch in diesem Roman wieder reichlich fesselnden Stoff. „Die ewigen Toten“ reiht sich nahtlos ein in die Hall of Fame der besten Thriller!

Die ewigen Toten


Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Johannes Steck, eine Stimme, ein Mann für die großen Geschichten! 29,95 Euro Hörprobe

Wunderlich, 478 Seiten; 22,95 Euro


Peter F. Hamilton

daumen runter

Befreiung

Befreiung

Das 22. Jahrhundert: Die Menschen haben Raumschiffe zu mehreren Sternen ausgesandt und begonnen, Planeten zu Terraformen. Durch Portalsysteme miteinander verbunden, können Reisende in Nullzeit zwischen den Welten hin- und herspringen. Bei der Erforschung des Alls stoßen die Menschen im Jahr 2150 auf ein gigantisches, außerirdisches Schiff. Es gehört den Olyix, einer uralten Rasse, die sich auf einer epischen Reise bis zum Ende der Zeit befindet. Doch die Olyix sind nicht so friedlich gesinnt, wie sie vorgeben. Ihre Mission ist geheim, unerbittlich – und gefährlich für die gesamte Menschheit.

Peter F. Hamilton ist einer der Großmeister der Science-Fiction-Literatur! Seine Bücher sind fast immer großartige Werke. Fast immer. „Befreiung“ ist der erste Teil der „Salvation“-Saga. Ich war sehr gespannt auf das neueste Werk des Briten Hamilton. Die Story verspricht eine große Saga zu werden. Doch der erste Teil ist nicht so gelungen, da der Autor hier in vielen Bereichen zu sehr ins Detail geht, wo es eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Er schafft so wohl sehr viel Nähe zu dieser fremden Welt, doch die Spannung bleibt dabei auf der Strecke. Trotzdem freue ich mich auf den zweiten Teil der Saga, die viel Potential hat. Peter F. Hamilton muss dieses in den nächsten Teilen nur richtig nutzen.

Piper, 654 Seiten; 20,00 Euro


Lew Tolstoi

daumen rauf

Auferstehung

Auferstehung Lew TolstoiRussland Mitte des 19. Jahrhunderts: Vor vielen Jahren hat der Fürst Nechljudow die junge Maslowa verführt. Jetzt ist er Geschworener, sie aber sitzt als Prostituierte auf der Anklagebank. Und Nechljudow erkennt: Er allein trägt die Schuld an ihrem Elend. Wie soll er mit diesem Wissen weiterleben? Betroffen folgt er Maslowa nach Sibirien in die Verbannung.


Ich bin ein großer Verehrer von den Werken von Lew Tolstoi. „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, Romane für die Ewigkeit. „Auferstehung“ wird als der große unbekannte Roman in Lew Tolstois Vita gesehen. Dtv bringt dieses so großartige Werk nun in einer schönen Taschenbuchausgabe heraus, und das auch noch neu übersetzt! „Auferstehung“ stellt große Fragen des Lebens, eine Geschichte über Schuld und Sühne, und ein Buch über das Herz Russlands. Es zeigt das Russland vor der Revolution und wie hart das Leben war. Lew Tolstoi breitet die Figuren und das Land fächerartig für den Leser auf. Man hört während des Lesens den Herzschlag der Geschichte.

dtv, 717 Seiten; 14,90 Euro


P. D. James

daumen rauf

Ein Spiel zuviel

Ein Spiel zuviel

Die junge ledige Mutter Sally Jupp hat eine Stelle als Hausangestellte im Herrenhaus von Martingale bei den Maxies bekommen. Pflichtbewußt erledigt Sally ihre Arbeit, doch hinter dieser Maske aus Tüchtigkeit und Ergebenheit versteckt sie ihre wahren Gefühle: Abneigung und Verachtung - was den meisten auf Martingale jedoch verborgen bleibt. Eines Morgens wird Sally ermordet aufgefunden. Ein komplizierter Fall für Kommissar Adam Dalgliesh von Scotland Yard, der den Täter im Familienkreis der Maxies vermutet, denn da brodelt es vor Hass und Eifersucht.

P. D. James ist eine Ikone des britischen Kriminalromans! Ihre Krimis sind mittlerweile Klassiker. P. D. James (1920 – 2014) hat mir ihre Reihe um Kommissar Adam Dalgliesh unvergessene Werke erschaffen. Der Droemer Verlag bringt diese Reihe nun in einer schönen neuen Auflage heraus. Den Anfang machen „Ein Spiel zuviel“ (Erstauflage 1962), „Eine Seele von Mörder“ (1963) und „Ein unverhofftes Geständnis“ (1967).

Droemer, 336 Seiten; 12,00 Euro


Nariman Hammouti-Reinke

daumen rauf

Ich diene Deutschland

Ich diene Deutschland

Neonazis und sadistische Offiziere: So sieht das Bild aus, das viele von der Bundeswehr malen. Natürlich gibt und gab es Skandale, die scharf zu verurteilen sind – aber die Autorin weiß: Das ist nicht das ganze Bild, sondern nur ein Bruchteil dessen, was die Bundeswehr ausmacht. Wie wäre es, wenn man sich einmal ohne ideologische Scheuklappen mit dem auseinandersetzt, was die Bundeswehr tut? Woran es liegt, dass Soldaten eine solche Verachtung entgegenschlägt? Und wo liegt die gesellschaftliche Verantwortung jedes Einzelnen?

Nariman Hammouti-Reinke wurde 1979 als Kind marokkanischer Eltern in Gehrden bei Hannover geboren. Sie ist Soldatin und Muslima und sagt, dass es „die höchste Form der Integration ist, dass ich in der Bundeswehr diene und bereit bin, für Deutschland zu sterben“. Was für eine Aussage, was für eine starke Frau! Ein Buch, das sich gleich unter mehreren Gesichtspunkten brandaktuellen, gesellschaftlichen Themen annimmt: Bundeswehr, Migration und das dann auch noch in Kombination. Ein ungeschönter und ehrlicher Blick auf die Bundeswehr, der zeigt, das Deutschland trotz Mängel stolz auf seine Truppe sein kann!

Rowohlt Polaris, 255 Seiten; 14,99 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Tana French

Der dunkle Garten

Der dunkle Garten mp3

Toby Hennessy, 28, führt ein unbeschwertes Leben in Dublin. Bis er eines Nachts in seiner Wohnung brutal zusammengeschlagen wird. Toby überlebt nur knapp, kann sich nicht mehr auf seine Erinnerungen verlassen. Er flüchtet sich in das „Efeuhaus“ – das alte Anwesen der Familie, wo er sich um seinen sterbenden Onkel Hugo kümmern soll. Doch der dunkle Garten des Hauses birgt ein schreckliches Geheimnis.

Die irische Bestsellerautorin Tana French macht es einem mit ihrem neuen Spannungsroman nicht ganz einfach. Man braucht als Leser und Zuhörer Geduld, denn die Spannung baut sich nur sehr langsam auf. Dafür bietet Tana French sehr eindringliche Charakterzeichnungen. Allem voran natürlich Toby Hennessy. Um den sich die Frage rangt: Hat er nun mit allem etwas zu tun oder nicht? Und das wird dann in einem sehr überraschenden Schluss aufgeklärt. Überhaupt gewinnt die Geschichte immer mehr an Qualität, umso länger sie dauert. „Der dunkle Garten“ kann mit einer starken Hauptfigur und einer geheimnisvollen Geschichte aufwarten! Die Lesung gestaltet Robert Frank sehr vielschichtig. Er drückt neben Toby Hennessy auch anderen Figuren stimmlich den Stempel auf. Sehr gut gelungen ist ihm auch die Interpretation des Detective Rafferty.Hörprobe

Der dunkle Garten

 

Auch als Paperback erhältlich bei Scherz, 16,99 Euro.

Argon Hörbuch, 3 MP3 CDs, 1.020 Minuten; 19,95 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 11.03.2019 - Nr.551


Pierre Lemaitre

daumen rauf

Die Farben des Feuers

Die Farben des Feuers cover

Als der berühmte französische Bankier Marcel Péricourt im Jahr 1927 verstirbt, steht seine Tochter Madeleine, deren Exmann nach einem landesweiten Skandal im Gefängnis sitzt, plötzlich völlig allein an der Spitze eines Bankimperiums – in einer Epoche, in der es Frauen nicht einmal gestattet war, selbst einen Scheck zu unterschreiben. Während Gustave Joubert, der Prokurist der Bank, Charles Pericourt, Madeleines verschwenderischer Onkel, und André Delcourt, ihr Liebhaber mit dichterischen Ambitionen, um die junge Erbin und ihren Sohn schwirren wie Motten um das Licht, zeichnen sich am Horizont bereits die Vorboten des Zweiten Weltkriegs ab. Im Schatten von Börsenskandalen und politischen Wirrnissen arbeiten die Neider auf das Verderben der Familie hin. Doch für Madeleine ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Um ihres Sohnes willen beginnt sie ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.

Mit spitzer Zunge, einem Augenzwinkern und viel Drama erzählt Pierre Lemaitre von charakterlich starken und schwachen Figuren in einer Zeit des großen Wandels, in einer Zeit, in der die Welt nach und nach aus den Fugen geriet. Er zeigt auch ein Bild Frankreichs zu jener Zeit, dass einem das Land, das Denken der Menschen und die politischen Verhältnisse nahebringt. „Die Farben des Feuers“ lodern literarisch lichterloh! Eine Geschichte, die so ganz anders war, als ich sie erwartet hatte. Doch mit jeder Seite aufs Neue hat mich Pierre Lemaitre gefesselt, vor allem mit der Entwicklung seiner vielschichtigen Figuren.

Die Farben des Feuers mp3
Auch als Hörbuch erhältlich bei DAV. Torben Kessler gibt den bedeutenden Charakteren eine bedeutende Stimme. Eine abwechslungsreiche Lesung! 24,00 Euro. Hörprobe

Klett-Cotta, 479 Seiten; 25,00 Euro


Lincoln Child

daumen runter

Der Luna-Effekt

Der Luna Effekt

Ein scharrendes Geräusch, ein fauliger Geruch. Das ist das Letzte, was David Palmer wahrnimmt, ehe er stirbt. Kurz darauf wird die Leiche des Wanderers am Fuß des Desolation Mountain aufgefunden, abgelegt in einer Vollmondnacht und bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt. Wie der Enigmatologe Jeremy Logan erfährt, ist Palmer nicht der erste Tourist, der in den dunklen Wäldern des Adirondacks Nationalparks auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Für die Einheimischen liegt auf der Hand, wer für die Morde verantwortlich ist: Die sonderbare Blakeney-Familie, um die sich seit Jahren Gerüchte ranken. Von dunklen Ritualen ist die Rede, von verdorbenem Blut - und von Werwölfen. Aber dann entdeckt Logan ein Labor mitten im Wald. Und stößt auf ein Geheimnis, das ebenso unglaublich wie gefährlich ist ...

„Der Luna-Effekt“ ist der 5. Fall für Enigmatologe Jeremy Logan, dem Experten für unerklärliche Phänomene. Von Lincoln Child, mit Douglas Preston zusammen, ist man ja meist einen 500 Seiten starken Pendergast-Thriller gewöhnt. „Der Luna-Effekt“ ist da eher ein Büchlein dagegen, mit nur 300 Seiten. Gegenüber Aloysius Pendergast konnten mich die Figur des Jeremy Logan, und auch seine Fälle, bisher nicht durchweg begeistern. „Der Luna-Effekt“ ist nun ein ganz schwacher Auftritt in dieser Thriller-Reihe, obwohl die Grundidee der Geschichte eine sehr gute ist. Richtige Spannung sucht man vergebens, auch macht fast das komplette Personal keine gute Figur und dazu hat die kurze Geschichte auch noch etliche Länge und ist vorhersehbar.

Wunderlich, 313 Seiten; 19,95 Euro


Lars Kepler

daumen rauf

Lazarus

Lazarus CoverHat Jurek Walter überlebt? Der gefährlichste Serienmörder Schwedens wurde vor Jahren für tot erklärt. Er war bei einem dramatischen Polizeieinsatz von mehreren Kugeln getroffen in den Fluss gestürzt. Seine Leiche wurde jedoch niemals gefunden. Als nun der Schädel von Joonna Linnas toter Ehefrau in der Wohnung eines Grabschänders entdeckt und eine perfide Mordserie aus ganz Europa gemeldet wird, ahnt Joona Linna das Unvorstellbare: Der Albtraum ist nicht zu Ende, und der grausame Serienmörder droht, alle lebendig zu begraben, die Joona lieb sind. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Lars Kepler lässt einen keine Sekunde ruhen! Das schwedische Ehepaar, das sich hinter Lars Kepler verbirgt, setzt ihre außergewöhnliche Thrillerreihe um Joonna Linna fort. Der Leser hat mit der Figur schon sehr spannende Fälle erleben und traurige und intensive Momente durchleben dürfen. Genau dieses Erfolgsrezept setzt Lars Kepler auch in ihrem neuen Buch fort. „Lazarus“ ist ein Thriller mit hoher Schlagzahl und über 600 Seiten lang mit einem hohen Spannungsgrad. „Lazarus“ ist ein weiteres Highlight der faszinierenden Thriller-Reihe!

Lazarus mp3
Auch als Hörbuch erhältlich bei Lübbe Audio. „Tatort“-Kommissar Wolfram Koch liest gewohnt stark! Er vermittelt den Thrill in seiner Lesung. 22,00 Euro. Hörprobe  - 10Min.

Lübbe, 637 Seiten; 22,00 Euro


Kate Atkinson

daumen rauf

Deckname Flamingo

Deckname Flamingo

Im Jahr 1940 gerät die 18-jährige Julia Armstrong eher unfreiwillig in die Welt der Spionage. Ihr Auftrag ist, Gesprächsprotokolle von Treffen britischer Nazi-Sympathisanten zu erstellen - Gespräche, die sie heimlich belauschen kann, da ein Agent des MI5 in die Gruppe eingeschleust wurde. Ihre Arbeit ist ebenso furchteinflößend wie langweilig, und als der 2. Weltkrieg vorbei ist, hofft sie, dass all dies für immer der Geschichte angehört. Doch zehn Jahre später - Julia ist inzwischen Redakteurin beim BBC-Schulfunk - beginnt ihre Vergangenheit sie einzuholen. Alte Rechnungen sind zu begleichen, und Julia muss einsehen, dass jede klitzekleine Handlung große Konsequenzen hat.

Die britische Bestsellerautorin Kate Atkinson hat bisher zahlreiche Romane verfasst, bei denen sie ihr breit gefächertes Können zeigte. Einen Spionageromane hätte ich nun aber nicht unbedingt von ihr erwartet. Kann das gut gehen? Ja, kann es! „Deckname Flamingo“ ist kein gewöhnlicher Spionagekrimi, sondern einer, bei dem auch der Witz nicht zu kurz kommt. Trotzdem hat er den nötigen Ernst und die Spannung kommt auch nicht zu kurz. „Deckname Flamingo“ – fabulös!

Droemer, 327 Seiten; 19,99 Euro


Frank Biess

daumen rauf

Republik der Angst

Republik der Angst

Das Buch erzählt die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte kollektiver Ängste. Die Furcht vor Vergeltung in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Angst vor einem Atomkrieg und kommunistischer Infiltration in den fünfziger Jahren und dann vor Arbeitslosigkeit durch Automatisierung und vor autoritären politischen Tendenzen, schließlich die apokalyptischen Ängste der achtziger Jahre: Immer waren die politischen Debatten und die deutsche Politik von Angst geprägt, nicht zuletzt von der Angst vor der vermeintlichen Allgegenwart des Faschismus.

Ein Deutschland, das von Angst geprägt ist. In den letzten Jahren konnte man dieses Bild des Landes wieder vermehrt erkennen. Doch war es jemals anders? Wird es jemals anders sein? Frank Bliess erzählt auf eine spannende Weise eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Die Hauptthemen sind: „Vergeltungsangst“, „Moralische Angst“, „Kriegsangst“, „Moderne Angst“, „Demokratische Angst“, „Revolutionäre Angst“, „Allgegenwärtige Angst“, „Apokalyptische Angst“ und „German Angst“.

Rowohlt, 613 Seiten; 28,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Jürgen von der Lippe

Nudel im Wind

Nudel im Wind mp3

Neulich sagte meine Frau zu mir: „Warum schreibst Du nicht endlich mal was mit Niveau? Ich würde gerne mal eine welthaltige, vielschichtige Romanhandlung von Dir lesen, ein Panoptikum an Figuren, eine ausgebuffte Mischung aus Action und Reflexion, Gesellschaftskritik und psychologischem Tiefgang, vielleicht sogar auch eine raffiniert eingebaute Krimihandlung, meinetwegen gern auch mit ein bisschen geschmackvoll beschriebenem Sex gewürzt, mach doch, Du kannst das!“ Und ich setzte mich an mein Notebook und schrieb: „Ich möchte Ihnen eine ziemlich unglaubliche Geschichte erzählen. Ich weiß, das ist kein glücklicher Anfang für ein Buch, das seine Leser vom ersten Satz an in den Schwitzkasten nehmen und bis zum letzten Wort nicht mehr rauslassen soll. ‹Sie hatten ihm die Kehle durchgeschnitten und ihn dann im Urinal ausbluten lassen› ist da schon ein anderes Kaliber, aber in der Welt der sinnlos waltenden rohen Kräfte bin ich nicht so zu Hause wie in der Psyche der Sanftmütigen, Unscheinbaren mit ihren kleinen liebenswerten Macken. Menschen wie Gregor und sein Hund Waldmeister…“

Wenn es einen deutschen Komiker gibt, der seit Jahrzehnten Kultstatus genießt, dann ist das Jürgen von der Lippe! In seinen Live-Programmen zündet er immer noch einen Witz nach dem anderen. Und nun, endlich will man meinen, versucht er seinen großartigen Witz auch in einen Roman zu packen. „Nudel im Wind“ ist der erste Roman von Jürgen von der Lippe und er zeigt leider, dass auch für ihn als Autor die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ein Bühnenprogramm ist dann doch was anderes als ein Roman. Die Geschichte ist etwas konfus konzipiert, aber darin liegt am Ende auch der Reiz. Einige Gags zünden, andere wieder gar nicht. Der Roman alleine, bei dem es vorwiegend um eine Speck-weg-Show geht, so nur Mittelmaß. Beim Hörbuch sieht es da anders aus. Jürgen von der Lippe macht mit seiner genialen Sprachkunst aus seinem mittelmäßigen Roman ein viel besseres Hörbuch. Hier schmunzelt man über Passagen, die man im Buch weit weniger lustig gefunden hatte. Hörprobe

Nudel im Wind cover

Auch als Hardcover erhältlich bei Penguin, 18,00 Euro.

Random House Audio, 5 CDs, 378 Minuten; 18,00 Euro


Denglers-buchkritik.de