Mai 24, 2022

Kolumne 27.12.2021 Nr. 697

BuchKolumne 27.12.2020 Nr. 697

Charles Seife – Stephen Hawking: Genie des Universums
Aimee Molloy – Das Therapiezimmer
An Yu
Unter Wasser atmen
Dave Grohl
Der Storyteller
Stuart Cosgrove
Cassius X – Die Entstehung einer Legende

Charles Seife – Stephen Hawking: Genie des Universums

In seiner Doktorarbeit von 1965 wies Hawking nach, dass der Urknall, aus dem das Universum entstand, ein unendlich kleiner Punkt sein muss, für den die Gesetze der Physik nicht gelten. Dieses „Singularitätstheorem“ beflügelte seine Karriere. Anschließend gelangen ihm spektakuläre Entdeckungen über Schwarze Löcher und die Frühzeit des Universums, die die Kollegen verblüfften. Aufgrund von amyotropher Lateralsklerose begannen seine Kräfte zu schwinden; seit den achtziger Jahren war er vollständig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Glücklicherweise war er eine internationale Berühmtheit und Autor des Bestsellers „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von 1988 geworden; denn nur ein reicher Mann konnte sich die Armee von Betreuern leisten, die es ihm ermöglichten, zu Hause zu leben, zu arbeiten, zu kommunizieren, Kontakte zu pflegen und die Welt zu be- reisen. Die Öffentlichkeit und die Medien ignorierten weithin seine Entdeckungen, waren aber besessen von seiner Behinderung, seinem Privatleben und seinen „Äußerungen“. Jeder Skandal trug zur Legende bei.

Die erste Biographie dieses großartigen Genies, das alleine ist schon unglaublich! Charles Seife, Professor für Journalismus an der New York University, wendet in dieser Biographie einen besonderen Kniff an, er erzählt Hawkings Lebensgeschichte rückwärts. Beginnend mit: „Gleich neben Newton (2018)“, „Kräusewellen (2014 – 2017)“, „Modelle (2012 – 2014)“, „Großer Entwurf (2008 – 2012)“, „Zugeständnisse (2004 – 2007)“, „Grenzen (1998 – 2003)“, „Information (1995 – 1997) „,Bilder (1990 – 1995)“, „Blitzschlag (1987 – 1990)“, „Zündung (1981 – 1988)“, „Inflation 1977 – 1981)“, „Schwarzer Schwan (1974 – 1979)“, „Schwarzer Körper (1970 – 1974)“ „Schwarzes Loch (1965 – 1969)“, „Singularität (1962 – 1966)“. Und sie endet mit: „Urstoff (1942 – 1962)“. Spannend und klug erzählt. Eine Biographie, die dem Genie Stephen Hawking gerecht wird! Charles Seife erschafft auch viele kluge und bleibende Aussagen über Stephen Hawking, wie z. B. diese: „Die Öffentlichkeit verehrte Hawking, ohne genau zu wissen, warum. Für Einstein stand die Relativitätstheorie, für Newton das Gravitationsgesetz; die überwiegende Mehrheit von Hawkings Verehrern hatte dagegen kaum eine Ahnung, wofür Hawking seinen Ruf verdiente.“

C. H. Beck, 488 Seiten; 28,00 Euro

Aimee Molloy – Das Therapiezimmer

Der Psychotherapeut Sam und seine Frau Annie ziehen aus New York in die verschlafene Kleinstadt, in der Sam aufgewachsen ist. Dort arbeitet Sam fast rund um die Uhr in seiner Praxis im Souterrain mit seinen Klientinnen, während Annie zu viel Zeit allein verbringt. Sam ahnt nicht, dass durch einen Lüftungsschacht all seine Therapiesitzungen im Obergeschoss zu hören sind: die Frau des Apothekers, die sich scheiden lassen möchte. Die Malerin mit dem enttäuschenden Liebesleben. All diese Geschichten mit anzuhören, ist unwiderstehlich. Doch dann taucht die betörende junge Französin in dem grünen Mini Cooper auf. Und Sam geht eines Tages zur Arbeit, um nicht wieder zurückzukehren.

Aimee Molloy stand mit ihrem ersten Thriller „Die Mutter“ monatelang auf der „New-York-Times“-Bestsellerliste. Auch mich hatte „Die Mutter“ überzeugt. Nun legt Aimee Molloy nach mit „Das Therapiezimmer“. Die Story hörte sich sehr vielversprechend an und Aimee Molloy konnte mich zu Anfang auch richtig packen. Ein psychologischer Thriller wie er sein soll! Mit Wendungen die verblüffen. Auch die besondere Erzählweise mit den Hauptfiguren hatte was. Doch nach und nach verflachte die Story und die Spannung verirrt sich im Lüftungsschacht. „Das Therapiezimmer“ schöpft sein Potenzial nicht aus.

Rowohlt Polaris, 332 Seiten; 14,00 Euro

An Yu – Unter Wasser atmen

Eines Herbstmorgens findet Jia Jia ihren Mann leblos in der halbvollen Badewanne. Neben ihm liegt die Zeichnung einer rätselhaften Kreatur: halb Fisch, halb Mann. Obwohl der Tod ihres Mannes das Ende einer unglücklichen Ehe und den Beginn einer neuen Freiheit bedeutet, lässt Jia Jia diese Zeichnung nicht mehr los. Der Fischmann verfolgt sie in ihrem einsamen Alltag in der Millionenmetropole Peking und in ihren Träumen. Um seine Bedeutung zu entschlüsseln, begibt Jia Jia sich auf eine Spurensuche, die wertvolle Begegnungen mit sich bringt und sie bis ins Landesinnere Tibets führt – und in die Tiefen ihres eigenen Bewusstseins.

Die Chinesin An Yu entführt die LeserInnen mit ihrem nüchternen, eleganten und anziehenden Ton! Mit Jia Jia erlebt man die gelebte und gefühlte Einsamkeit der großen Städte wie Peking. Man geht mit Jia Jia auf eine Reise, die ein wenig Trauer, viel Neuaufbruch und das Bearbeiten der Vergangenheit für einen bereithält. „Unter Wasser atmen“ ist Literatur zum Einatmen! An Yu erschafft Sätze, die einem länger im Kopf bleiben, wie: „Die Berührungen seiner Hände drang wie Wasser in ihre Poren“, oder „Kein stürmisches Meer der Liebe, wie sie es so oft in Romanen gelesen hatte, eher ein ruhiger See, der nie über die Ufer trat“, oder „Und jetzt hatte sie sich auch noch so schnell mit einem anderen Mann eingelassen, wie Moos, das sich an fremde Pflanzen heftet, um zu überleben“, oder „Der Mond sah aus wie ein kreisrunder Anhänger an einer Kette aus drei Sternen“. Oder ganze Absätze: „Warum fragten Menschen einander eigentlich, wie es ihnen ging? ‘Wie geht es dir’ war doch eine Frage, die in den meisten Fällen eine unehrliche Antwort nach sich zog. Diese Frage war ein Erlebnis schrecklicher Einsamkeit, als hätte ihr jemand einen viel zu kleinen Stein in die Hand gedrückt, um damit einen tiefen, reißenden Fluss zu überqueren“.

dtv, 223 Seiten; 20,00 Euro

Dave Grohl – Der Storyteller

„Es gibt einen roten Faden, der sich durch alles zieht, was ich tue: das Geschichtenerzählen. Ob in Liedern, Filmen oder auf Instagram, ich habe immer das Bedürfnis, Momente aus meinem Leben zu teilen.“ Das sagt Dave Grohl, der ein Weltstar auf den Musikbühnen ist, und der auch erzählen kann. Von den Geschichten seines Lebens handelt sein Buch: von einschneidenden Erlebnissen in Kindheit und Jugend, vom Aufbruch aus der Familie in die Welt der Musik, von eindrücklichen Begegnungen, einem Auftritt im Weißen Haus oder auch einem partysprengenden Feuerwerk bei einer Familienfeier.

Dave Grohl, Drummer von Nirvana, Band Leader der Foo Fighters und erfolgreicher Solokünstler, hat mit „Der Storyteller – Geschichten aus dem Leben und der Musik“ niedergeschrieben. Rock zum Lesen! Die Hauptkapitel sind: „Das Setting (u. a. Die DNA lügt nicht, Mein Sandi-Herzschmerz, Tracey ist ein Punkrocker)“, „Die dramatische Steigerung (u. a. Klar will ich dein Hund sein, Jeder Tag ist ein leeres Blatt Papier, Wir waren umzingelt und es gab keinen Ausweg, Die Kluft), „Der Moment (u. a. Er ist von uns gegangen, Der Heartbreaker, Sweet Virginia)“, „Cruising“ (u. a. Über die Brücke nach Washington, Trunkenheit am Steuer in Down Under Swing-Tanz mit AC/DC)“ und „Leben (u. a. Gutenachtgeschichten mit Joan Jett, Der Vater-Tochter-Ball)“.

Ullstein, 463 Seiten; 22,99 Euro

Stuart Cosgrove – Cassius X – Die Entstehung einer Legende

„Cassius X“ handelt von der Verbindung zwischen Malcolm X, Soulsänger Sam Cooke und Cassius Clay, der kurz darauf zum Islam konvertierte und als Muhammad Ali in die Geschichte eingehen wird. Im Jahre 1963 trafen sie sich in Miami, als Cassius dort trainierte, wo er ein Jahr darauf seinen legendären Kampf gegen Sonny Liston führen wird.

Der preisgekrönte schottische Journalist Stuart Cosgrove verbindet die Biografien dreier Legenden aus Sport, Soul und Politik, deren Wege sich an einem entscheidenden Wendepunkt der amerikanischen Geschichte kreuzen. „Cassius X – Die Entstehung einer Legende“ ist eine beeindruckende Mischung aus Sport, Musik und Gesellschaftskritik! Das darin Muhammad Ali, Sam Cooke und Malcolm X die Hauptrollen spielen, zu einer Zeit, das Jahr 1963, in dem sich auch das Attentat auf John F. Kennedy ereignete, ist extrem aufregend und ich habe es mit großer Begeisterung gelesen. Stuart Cosgrove zeigt einen faszinierenden Einblick in diese geschichtlich pulsierende Zeit.

Heyne Hardcore, 399 Seiten; 24,00 Euro