Kolumne vom 26.10.2015 - Nr. 375


Javier Mariasdaumen rauf

So fängt das Schlimme an

So fängt das Schlimme an

Juan ist jung, lebenshungrig und filmbesessen. Sein größter Wunsch erfüllt sich, als ihm der berühmte Filmemacher Eduardo eine Assistenz anbietet. Juan gehört schon bald zur Familie, wird Zeuge der unglücklichen Ehe von Eduardo und Beatriz und schließlich Beatriz' Geliebter. Jahre später schaut Juan zurück au die Turbulenzen dieser Zeit, als Spaniens Demokratie ihren Anfang nahm, das Leben pulsierte, das Verlangen nach Freiheit, Sex und Drogen unendlich war. Wer war die geheimnisvolle Beatriz? Und was verheimlicht Eduardo bis heute? Welche Antworten findet er? Was er weiß, ist, dass es keine Gerechtigkeit gibt und jede Wahrheit aus der Lüge kommt.

Den Romanen des Spaniers Javier Marias wohnt eine ganz eigene, geheimnisvolle Melodie inne. "So fängt das Schlimme an" ist eine literarische Abenteuerreise in unendliche Gefühlswelten. Es geht um Franco und den Bürgerkrieg, das politische Spanien, über die Ehe, die Liebe und die Lust, die Erotik, Freundschaft, Loyalität und der Welt des Films. Javier Marias Sprache macht süchtig! Ansprechende Literatur, für die man sich Zeit nehmen muss. Ein Buch, das man nach dem Lesen der letzten Seite gleich wieder von vorne lesen möchte. Javier Marias ist ein Künstler der Worte, und diese Kunst genießt man gerne weit mehr als einmal. Und eins ist der Roman gewiss nicht: einerlei – das Wort, das Javier Marias weit mehr als fünfzig Mal in dem Buch verwendet.

S. Fischer, 639 Seiten; 24,99 Euro


Elke Pistordaumen runter

Treuetat

TreuetatKommissarin Verena Irlenbusch kümmert sich um ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter, als ihr Dokumente über die Nazivergangenheit ihres Großvaters in die Hände fallen. Sie ist geschockt und stellt sich ganz neue Fragen zu ihrer Familiengeschichte. Gleichzeitig ermittelt sie mit ihrem Kollegen Christoph Todt in drei scheinbar miteinander verbundenen Mordfällen. Die beiden stehen vor einem schwierigen Rätsel: Wer ist in diesem Spiel Opfer und wer Täter?

Elke Pistor hat mit ihrem Debütkrimi "Vergessen" um die Kommissarin Verena Irlenbusch einen starken Eindruck hinterlassen. Nun der zweite Fall "Treuetat". Wie schon im ersten Fall ist das Privatleben der Hauptfiguren sehr dominierend. Hier noch etwas mehr als im Vorgänger. Das bremste den Kriminalfall aus. Bei etwas über 300 Seiten kommt so der Krimi zu kurz. Spannung ist trotzdem gegeben, da das Privatleben der Figuren auch seine Momente hat, und auch der Fall mit einigen Höhen aufwarten kann, aber am Ende ist man nicht so zufrieden. Für Krimileser, die viele Spannungsmomente lieben, ist "Treutat" dann eher ein Langeweiler. Trotzdem ist man gespannt auf den nächsten Fall. Vielleicht ist dort dann etwas mehr Krimi zu finden.

Ullstein, 328 Seiten; 9,99 Euro


Karl Lauterbachdaumen rauf

Die Krebs-Industrie

Die Krebs-IndustrieKrebs wird in den nächsten Jahren zu einer unserer größten Herausforderungen – menschlich wie gesundheitspolitisch. Fast jeder zweite Deutsche wird im Alter betroffen sein, Wissenschaftler gehen von 40 Prozent mehr Krebsfällen bis 2030 aus. Dennoch herrscht bei dieser Volkskrankheit enorme Unaufgeklärtheit – von der viele profitieren: der graue Markt für obskure Mittel, die Krankenhäuser mit ihrer lukrativen Vorsorgepraxis und die Pharmaindustrie, für die Krebsmedikamente, deren Preise sie selbst festlegt, der größte Wachstumszweig sind.

Ein wichtiges und erhellendes Buch! Es schreckt auf, es rüttelt auf, es macht Vorschläge, gibt Hinweise, berichtet von Fortschritten und Niederschlägen. Danach sehen Sie den Krebs und seine Industrie, die immer größer werden wird, in einem anderen Licht. Sie werden nach der Lektüre viel mehr wissen. Das ist gutes Wissen, aber es macht auch Angst. Kompakt und solide geschrieben. Karl Lauterbach schreibt: welche Arten von Krebs es gibt; welche Behandlungsmethoden es bisher gibt; welche Medikamente auf den Markt kommen sollen; das bestehende Medikamente das Leben der Patienten meist nur um wenige Monate verlängern, sie aber natürlich eingesetzt werden, und den Menschen wertvolle Lebenszeit schenken; über den aktuellen Stand der Krebsforschung; wie die Medikamente gegen Krebs weltweit die Gesundheitssysteme ausreizen werden, da die Behandlung sehr, sehr teuer ist; wie Pharmafirmen den Markt der Krebsmedikamente bestimmen; wie unkoordiniert die Behandlung der Krebspatienten in Deutschland noch ist; was zu tun wäre, um allen Patienten die gleichen Überlebenschancen zu geben. Und noch einiges mehr.

Rowohlt Berlin, 287 Seiten; 19,95 Euro


Max Bentowdaumen rauf

Das Dornenkind

Das DornenkindDer Fund von drei Todesopfern, in deren Haut geheimnisvolle Botschaften geritzt wurden, stellt die Berliner Kriminalpolizei vor ein Rätsel. Während der Ermittlungen bekommt Kommissar Nils Trojan den Anruf einer Frau, die behauptet, die Tochter des "Federmannes" zu sein. Der Serienmörder war Trojan vor vier Jahren schwerstverletzt entwischt. Und die Tochter schwört, dass ihr Vater am Leben ist. Für Trojan wird es unangenehm, denn der "Federmann" wird nicht eher ruhen, bis er ihn vernichtet hat.

Max Bentow macht sich auf, der Thomas Harris der deutschen Thriller-Literatur zu werden! Das schrieb ich über den Autor. Und er legt in dieser Art nach. Mit einem Schmunzeln las ich das erste Kapitel. Diese Szene erinnert an eine aus "Das Schweigen der Lämmer" von Thomas Harris. Doch es geht auch spannend weiter. "Das Dornenkind" ist die Fortsetzung von Max Bentows Debütbestseller "Der Federmann". "Das Dornenkind" ist für Max-Bentow-Fans ein Muss! Ein Thriller, der es in sich hat und mit einigen faustdicken Überraschungen aufwartet.

Auch als Hörbuch erhältlich bei der Hörverlag. Axel Milberg, u. a. der Kieler "Tatort"-Kommissar, spricht die Lesung wieder sehr eingängig. Wie schon die Max-Bentow-Thriller zuvor. 14,99 Euro.

Goldmann, 444 Seiten; 14,99 Euro


Nick Harkawaydaumen rauf

Tigerman

Tigerman

Giftiger Regen, ein unterirdisch brodelndes toxisches Gemisch, das an die Oberfläche drückt – das Ökosystem der Insel Mancreu ist dank skrupelloser Chemiekonzerne komplett verseucht. Die internationale Gemeinschaft beschließt die Zerstörung der Insel, was allerlei Gesindel auf der Jagd nach schnellem Profit anzieht. Eine echte Herausforderung für Ordnungshüter Lester Ferris. Und dann ist da noch der Junge, der Lester ans Herz gewachsen ist. Er hat sich geschworen, ihn zu beschützen – und muss zu einem außergewöhnlichen Helden werden.

 

Nach dem skurrilen und fantastischen "Der goldene Schwarm" der nächste verrückt gute Roman des Engländers Nick Harkaway. Im "Tigerman" geht's rund! Auf jeder Seite erwarten einen neue kuriose Ideen. Das Buch ist eine literarische Wundertüte, die großen Spaß macht, und nicht wenige sehr ernste Untertöne zu bieten hat.

Knaus, 444 Seiten; 16,99 Euro


Hörbuch der Wochedaumen rauf

Jill Alexander Essbaum

Hausfrau

Jill Alexander Essbaum-Hausfrau

Wohin geht eine Frau, wenn es keinen Weg zurück gibt? Anna Benz, eine Amerikanerin Ende dreißig, lebt mit ihrem Schweizer Ehemann Bruno und ihren drei kleinen Kindern in einem Postkarten-Vorort Zürichs. Von außen betrachtet führt sie ein komfortables, abgesichertes Leben; im Inneren bricht sie auseinander. Sie will nicht nur dieses Leben führen und sucht nach Möglichkeiten, ihr Leben etwas aufregender zu gestalten. Sie lernt die Sprache und sie hat einen Liebhaber. Zufrieden ist sie deswegen noch lange nicht.

Anna rutscht ab – in den Haushalt. Für manch eine Frau die Erfüllung, für Anna wird es immer mehr zum blanken Horror. Nur Haus und Kinder, nicht mit ihr. Für Anna spielt Sex eine sehr wichtige Rolle, und den holt sie sich dann auch – wenn auch nicht beim Ehemann. Der Roman geizt nicht mit Sexszenen. Die Texanerin Jill Alexander Essbaum leuchtet die Gefühle und Gedanken von Anna bis ins kleinste Eck aus. Man lebt, liebt und leidet mit ihr. Doch Anna ist kein zartes Mauerblümchen, sondern eine sehr schwierige Frau. "Hausfrau" ist eine kraftvolle Lektüre! Jill Alexander Essbaum macht aus dem Alltagsleben einen Spannungsroman. Eva Mattes veredelt jedes Hörbuch! Sie liest mit Gefühl und Hingabe, und gibt der Figur der Anna so ein Gesicht.

Auch als Hardcover erhältlich bei Eichborn, 22,00 Euro.

Lübbe Audio, 8 CDs, 628 Minuten; 19,99 Euro


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