August 16, 2022

Kolumne 27.06.2022 Nr.723

BuchKolumne 27.06.2022 Nr. 723

Suzanne Simard – Die Weisheit der Wälder
Clare Sestanovich – Objekte des Begehrens
Petra Hucke – Vom Gehen und Bleiben
Ian Rankin – Ein Versprechen aus dunkler Zeit
Wolfgang M. Heckl – Die Welt der Technik in 100 Objekten

 Suzanne Simard – Die Weisheit der Wälder

Die Forstwissenschaftlerin Suzanne Simard nimmt uns mit in ihre Welt, ins Zentrum des Waldes, und zeigt, dass Bäume viel mehr sind als bloße Rohstofflieferanten: Lebendige Wesen mit hochspezialisierten Aufgaben, die soziale Strukturen bilden und über ein Geflecht aus unterirdischen Netzwerken miteinander kommunizieren. Sie lernen, passen ihr Verhalten an die Bedingungen ihrer Umwelt an, erkennen Nachbarn, haben Erinnerungen und sogar einen Sinn für Zukunft. Sie konkurrieren miteinander und unterstützen sich gegenseitig auf erstaunlich hochentwickelte Weise – Eigenschaften, die normalerweise menschlichen Gesellschaften zugeschrieben werden. Im Zentrum von Simards Forschungen stehen die „Mutterbäume“: alte, mächtige und geheimnisvolle Bäume, welche die anderen um sie herum versorgen, verbinden und beschützen.

Der Wald hat ein Gehirn. Jeder Baum ist ein Lebewesen. Allein dies sollte ihren Blick in Zukunft schärfen und jeden Baum, jeden Wald mit anderen Augen sehen, spüren und erleben lassen. „Die Weisheit der Wälder“ ist so eine begeisternde Geschichte, die mich staunen und viel lernen ließ und mir Wohlfühlmomente in stürmischen Zeiten schenkte! Suzanne Simard zeigt auf, das Bäume so viel mehr sind. Ich beschäftige mich nun auch schon seit einigen Jahren intensiv mit Bäumen und habe in diesem Buch noch einmal einiges Neues hinzugelernt. Auch was man über Suzanne Simards Leben erfährt, ist mit reichlich spannenden Momenten versehen. Zum Ende hin gibt uns diese engagierte Frau und Kämpferin für die Bäume über ihre „Lieblingswesen“ noch einmal Eindringliches mit auf dem Weg: „Wenn wir sie als empfindsame Wesen begreifen, wird sich unsere Empathie, unsere Liebe zu Bäumen, Pflanzen und Wäldern auf natürliche Weise vertiefen, und dann werden wir auch neue Lösungen finden“. Um die Natur, den Planeten, uns selbst zu retten vor dem Untergang. Die Bäume spielen dabei eine immens wichtige Rolle!

btb, 538 Seiten; 24,00 Euro

 Clare Sestanovich – Objekte des Begehrens

Das Buch erzählt z. B. von Iris, die nach einem One-Night-Stand schwanger wird, abtreibt und sehr viel später zufällig dem ahnungslosen Vater ihres ungeborenen Kindes wieder begegnet. Von einer namenlosen Mittzwanzigerin, die in einer WG wohnt, und eines Nachmittags ohne ersichtlichen Grund ihrem alten High-School Englischlehrer eine E-Mail schreibt. Von Debbie, die beim Blick auf die Passwörter ihres Ehemanns realisiert, dass ihre Ehe vollkommen geheimnislos geworden ist.

„Mit bestechender Präzision und unheimlich klug lotet Clare Sestanovich in ihrem Debüt die Innenwelten unterschiedlichster Frauen aus und erzählt von ihrer unbestimmten Sehnsucht nach dem richtigen Leben.“ Das schreibt der Verlag über das Buch. Dem kann ich mich nicht anschließen. Der Titel des Buches „Objekte des Begehrens“ verspricht viel, doch der Titel kann nicht mit den 11 Erzählungen auf den etwas über 200 Seiten mithalten. Die Geschichten sind: „Verkündung“, „Vorsatz“, „Bedingungen“, „Objekt des Begehrens“, „Alte Hoffnung“, „Sicherheitsfragen“, „Luftschloss“, „Wünsche und Bedürfnisse“, „Brenda“, „Jetzt wissen Sie, was Sache ist“ und „Eingewöhnung“. Die junge Amerikanerin Clare Sestanovich trifft teilweise einen eleganten Ton, nur den Geschichten fehlt einfach die Tiefe. Die Erzählungen reißen immer wieder nur eigentlich gute Grundideen an, aus denen man mehrere gute Romane hätte machen können. Aber so, in der dargebrachten Form, holen einen die Storys nicht richtig ab.

Claassen, 238 Seiten; 22,00 Euro

  Petra Hucke – Vom Gehen und Bleiben

Vischnanca ist klein und wunderschön am sonnigen Hang gelegen. Aber die Natur birgt Gefahr: der Berg über dem Dorf droht abzurutschen. Das betrifft alle: die junge Bäuerin Ria ist hier zu Hause, hat ihren Hof als Biobetrieb zukunftsfähig gemacht. Die deutsche Familie Blom ist neu ins Dorf gezogen und liebt alles daran – die Natur, den Garten am Haus, die gute Nachbarschaft. Doch jetzt muss die Dorfgemeinschaft abstimmen und steht vor der Entscheidung: „Bleiben oder gehen?“ Ria und die Menschen um sie herum müssen sich fragen, wie sie leben wollen und was ihnen wirklich wichtig ist.

Ein Roman unserer Zeit und trotzdem eine Geschichte, die komplett zeitlos ist und den Einklang bzw. den Missklang zwischen Menschen und Natur zeigt! Aber eigentlich ist er auch ein Gesellschaftsroman im Kleinen, der nicht in der großen Stadt spielt, sondern in einem kleinen Dorf in den Schweizer Bergen. Ein Mikrokosmos, der zeigt, wie die Menschen untereinander sind, zur Natur, wie sie zu Heimat und dem Verlassen der selbigen stehen. Petra Hucke lässt die Hauptpersonen abwechselnd auftreten und treibt die Geschichte so spannend voran bis zum Höhepunkt. „Vom Gehen und Bleiben“ ist ein Roman, der ihnen nur eine Wahl lassen wird: bleiben, bis sie die letzte Seite gelesen haben!

Krüger, 429 Seiten; 20,00 Euro

   Ian Rankin – Ein Versprechen aus dunkler Zeit

Mitten in der Nacht erhält John Rebus einen Anruf seiner Tochter Samantha. Ihr Ehemann Keith ist verschwunden. Völlig aufgelöst bittet sie ihren Vater um Hilfe. Rebus vermutet das Schlimmste, denn aus langjähriger Polizeiarbeit weiß er: Falls Keith etwas zugestoßen sein sollte, wird der erste Verdacht auf Samantha fallen. Besorgt macht Rebus sich auf in die kleine schottische Küstenstadt Naver. Doch ein guter Polizist und ein guter Vater zu sein, gestaltet sich schwieriger als erwartet, und bald muss sich der rastlose Ermittler aus Edinburgh fragen: Könnte das der erste Fall seiner Karriere sein, bei dem die Wahrheit besser nicht ans Licht käme?

Einen Kriminalroman von Ian Rankin zu lesen ist wie einen echten und edlen in Eichfässern gereiften, schottischen Whiskey zu genießen! Er mundet immer und hinterlässt ein wohliges Gefühl von Spannung. „Ein Versprechen aus dunkler Zeit“ ist der 23. Band aus der Inspector-Rebus-Reihe. Und in diesem Band wird es für Rebus persönlich und kompliziert. Die Hauptfigur ist er leider nicht. Aber etwas Rebus ist besser, als gar kein Rebus. „Ein Versprechen aus dunkler Zeit“ erstreckt sich über 500 Seiten, die einen ganz schnell vereinnahmen und einen nicht mehr loslassen. Ein starker Auftritt, Mr. Rankin!

Goldmann, 508 Seiten; 22,00 Euro

  Wolfgang M. Heckl – Die Welt der Technik in 100 Objekten

Was uns ein Mikroskop aus dem 17. Jahrhundert über den Aufbruch in eine neue Zeit berichten kann, wie auf der Pariser Weltausstellung von 1900 gezeigte Teerfarbstoffe die Entstehung der modernen Malerei beeinflussten und was eine aus alten Safttüten gefertigte Umhängetasche über das Anthropozän verrät – der Band beschreibt all diese Dinge nicht nur, sondern erschließt uns mit ihrer Betrachtung immer auch ein Stück Welt- und Technikgeschichte. Jedes der hier versammelten Objekte wird auf mehreren Ebenen vorgestellt: was zu seiner Erfindung führte; für welche Zeit es geschaffen wurde; wie es die Beziehung des Menschen zur Wirklichkeit und nicht zuletzt diese Wirklichkeit selbst verändert hat; wie sein Lebenslauf aussah und schließlich auch, auf welchen Wegen es in das Deutsche Museum fand.

Detaillierte Fotos und interessante Texte zu den Objekten lassen diese für die LeserInnen lebendig werden. „Die Welt der Technik in 100 Objekten“ ist wie ein Besuch im Museum! Nur kann man diesen Museums-Besuch gemütlich von zuhause aus auf dem Sofa genießen. Das Buch hat zudem einen großen Lerneffekt! Stöbern Sie durch mehrere Jahrhunderte Wissenschafts- und Technikgeschichte. Die Hauptkapitel sind: „Preziosen der Frühen Neuzeit und die Verwandlung der surinamischen Insekten (von 1482 bis 1719)“, „Ikonen der Aufklärung und der Geheimcode der Sterne (von 1764 bis 1814)“, „Der Einzug der Maschinen und ein Schutzpocken-Impfungs-Zeugniß (von 1817 bis 1855)“, „Die Elektrifizierung der Welt und die Mona Lisa der Automobilgeschichte (von 1863 bis 1891)“, „Der durchleuchtete Mensch und der Siegeszug der neuen Verkehrsmittel (von 1892 bis 1907)“, „Elektronentanz und ein Staubkorn mit Bedeutung (von 1909 bis 1922)“, „Aufbruch ins atomare Zeitalter und die neuen Rechenmaschinen (von 1923 bis 1945)“, „Alltagshelfer im Wirtschaftswunder und Bilder aus der Nanowelt (von 1952 bis 1988“ und „Umhängetasche aus Safttüten und andere Objekte mit Zukunft (von 1991 bis 2021)“.

C. H. Beck, 686 Seiten; 39,95 Euro