Dezember 9, 2022

Kolumne 18.04.2016

Kolumne vom 18.04.2016 – Nr. 400


David Mitchelldaumen rauf

Die Knochenuhren

Die Knochenuhr

An einem Sommertag des Jahres 1984 begegnet die junge Holly Sykes einer alten Frau, die ihr im Tausch für “Asyl” einen kleinen Gefallen tut. Jahrzehnte werden vergehen, bis Holly Sykes genau versteht, welche Bedeutung die alte Frau dadurch für ihre Existenz bekommen hat. Die Geschichte folgt den Wendungen von Holly Sykes’ Leben von einer tristen Kindheit am Unterlauf der Themse bis zum hohen Alter an Irlands Atlantikküste, in einer Zeit, da Europa das Öl ausgeht. Es geschehen merkwürdige Dinge: Besuche von Leuten, die sich aus dem Nichts materialisieren, Zeitlöcher und andere kurze Aussetzer der Gesetze der Wirklichkeit. Denn Holly – Tochter, Schwester, Mutter, Hüterin – ist zugleich die unwissende Protagonistin einer mörderischen Fehde, die sich in den Schatten und dunklen Winkeln unserer Welt abspielt.

David Mitchell, Autor des großen Bestsellers „Der Wolkenatlas“ der auch bombastisch für das Kino verfilmt wurde, hat ein neues bombastisches Werk geschrieben: „Die Knochenuhren“. Jedes Umblättern wird zum Ereignis- Der literarische Zauberer David Mitchell hat einen schon auf der ersten Seite vollkommen verzaubert! Man liest und liest und liest und schon sind hunderte von Seiten Geschichte. Mit Holly Sykes ist David Mitchell eine Figur gelungen, der man auf jeder Seite folgen will, so verrückt und wild es auch zugehen mag. Auch wenn der Roman aus mehreren einzelnen Geschichten besteht, Holly Sykes bleibt das verbindende Element. Ein Geniestreich. „Die Knochenuhren“ ist literarische, dramatische, kunterbunte, geheimnisvolle, mitfühlende, verheißungsvolle, spannende und intelligente Fantasy!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Kübler Hörbuch. Der großartige Geschichtenvorleser Johannes Steck liest auch den neuen fantastischen Roman von Genie David Mitchell ganz großartig! 24,99 Euro.

Rowohlt, 808 Seiten; 19,80 Euro


Maggie Mitchelldaumen runter

The Other Girl

The Other GirlLois und Carly May sind zwölf, als sie entführt und in einer abgelegenen Jagdhütte für zwei Monate eingesperrt werden. In diesem Sommer, unter dem wachsamen Blick des Entführers, gehen sie eine Freundschaft ein, die sie für immer verbinden wird. Aber nach ihrer Befreiung dürfen sie sich nicht mehr sehen und verlieren den Kontakt. Zwanzig Jahre später. Lois ist Professorin für Literatur und hat unter Pseudonym einen Roman über ihre Entführung geschrieben. Carly May kämpft in L. A. um Filmrollen, bis sie ein Drehbuch in die Hände bekommt, dass genau ihre Geschichte erzählt. Ihr wird die Rolle der Ermittlerin angeboten. Zufall? Es gibt nur eine Person, mit der sie jetzt sprechen will: Lois. Doch die ist nicht so leicht aufzuspüren.

Wieder ein Roman, von dem ich mir sehr viel versprochen hatte. Die Grundstory klang nach einem Thriller, auch wenn Roman auf dem Cover steht. Ich war sehr gespannt. Der Roman war leider sehr spannungsarm. Er hat viele gute Ansätze, aber leider verliert sich die Amerikanerin Maggie Mitchell in zu vielen Nebensächlichkeiten. Diese beschreibt sie ausschweifend und verliert so immer wieder die Hauptstory aus dem Blick. „The Other Girl“ wird vorwiegend aus zwei Blickwinkeln erzählt, der von Lois und der von Carly May. Das würde den Roman im Grunde spannend machen, da auch beide sehr unterschiedlich sind. Aber wie geschrieben, verliert Mitchell immer wieder den roten Faden. Trotzdem ist „The Other Girl“ eingeschränkt lesenswert, da es interessant ist, die beiden Frauen und ihre Geschichte kennenzulernen.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Hörbuch Hamburg. Christiane Marx und Britta Steffenhagen holen stimmlich alles raus, was in der Geschichte drin ist. Das Hörbuch ist angenehm zu hören. 19,99 Euro.

List, 377 Seiten; 14,99 Euro


Nina Ohlandtdaumen rauf

Nebeltod

NebeltodEin grauer Novembertag in Nordfriesland. Hauptkommissar John Benthien von der Flensburger Kripo bearbeitet einen bizarren Fall: Bei Niebüll wurde ein Mann auf die Gleise gefesselt und vom Zug überrollt. Wenig später erhält die Polizei ein Foto des Opfers mit der Aufschrift SCHULDIG. Ein Racheakt, vermutet Benthien. Die Ermittlungen führen ihn auf die Insel Föhr, in eine exzentrische Künstlerkommune. Dort schlägt der Mörder erneut zu. Wer steckt hinter den Morden? Ist es einer der Künstler? Und privat hat Benthien ebenfalls Sorgen: In seinem Haus auf Sylt scheint etwas nicht mit rechten Dingen zuzugehen.

„Nebeltod“ ist nach „Küstenmorde“ und „Möwenschrei“ der dritte Fall für John Benthien und sein Team. Die ersten beiden Fälle wussten schon zu überzeugen, der neue ist noch besser. Ein Nordsee-Krimi á la Carte! Nina Ohlandt legt zahlreiche Spuren und hält den Leser immer bei der Stange. Die zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren im Ermittlerteam sind etwas ungewöhnlich, da ja meist nur ein Kommissar oder zwei ermitteln, doch Nina Ohlandt gibt jeder Figur ein eigenes Gesicht. Auch die Umgebung nimmt eine große Rolle ein, und die schildert die Autorin auch exquisit. Die einzelnen Zitate, zu Beginn eines jeden Kapitels, über das, was Tiere für die Menschen sein sollen, eine zu schützende Spezies, gehen einem richtig nah.

Bastei Lübbe, 510 Seiten; 9,99 Euro


Mo Asumangdaumen rauf

Mo und die Arier

Mo und die ArierWie fühlt sich Fremdenhass auf der eigenen Haut an? Die afrodeutsche TV-Moderatorin Mo Asumang wagt ein journalistisches Experiment. Entschlossen sucht sie die offene Konfrontation mit rechten Hasspredigern – unter 3000 Neonazis auf dem Alex, bei einem rechten Star-Anwalt, unter braunen Esoterikern, auf einer Neonazi-Dating-Plattform, ja sogar bei Anhängern des Ku-Klux-Klan in den USA. Sie begegnet Menschen, die sie hassen – und entlarvt sie dadurch.

Schonungslos ehrlich! Ein zu großen Teilen fast unglaublicher Tatsachenbericht aus der braunen und verquerten Welt der anders Denkenden. Man erfährt von einem gedanklichen Sumpf, in dem die stecken geblieben sind, denen die mutige Mo Asumang begegnet. „Mo und die Arier“ ist ein hoch aktuelles Buch! Leider war es das auch schon vor einiger Zeit, ist es heute und wird es auch noch in der Zukunft sein. Das ist das eigentlich Bestürzende

Fischer, 272 Seiten; 14,99 Euro


Angela Bajorekdaumen rauf

Wer fast nichts braucht, hat alles: Janosch – die Biografie

Wer fast nichts braucht, hat alles: Janosch - die Biographie

Oh, wie schön ist Panama, Tigerente und der kleine Bär ― Janosch ist der bekannteste deutsche Kinderbuchautor. Sein Werk umfasst über 300 Bücher, übersetzt in 40 Sprachen. Über ihn selbst weiß man nur wenig. 1931 im oberschlesischen Hindenburg (heute Zabrze) geboren, haben die Gewalterfahrung zu Hause und in der Jesuitenschule ihn zu einem Traumsucher gemacht und zu einem zwischen Humor und Sarkasmus schwankenden Eigenbrötler. Er ist ein durch Krankheiten gezeichneter und dennoch optimistischer Mensch, ein Mann, der nach einem aufregenden Leben heute große Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt.

Janosch nicht zu mögen ist unmöglich! Seine Geschichten waren ein treuer Begleiter für die vergangene Generation, sind es heute, und werden es auch für die nächsten Generationen sein. Doch wer ist dieser Mann, hinter diesen großartigen Geschichten? Feinfühlig, pointiert und klug ist Angela Bajorek dem Mann hinter den Geschichten auf der Spur. Eine Biografie, die einen nicht mehr loslässt!

Ullstein, 316 Seiten; 22,00 Euro


Hörbuch der Wochedaumen rauf

Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit

Vom Ende der Einsamkeit

Jules und seine Geschwister Marty und Liz sind verschieden, doch ein tragisches Ereignis prägt alle drei. Als sie noch Kinder waren, verloren sie ihre Eltern durch einen Unfall. Sie gehen auf dasselbe Internat, verlieren sich aber später aus den Augen. Der einst so selbstbewusste Jules schließt eine Freundschaft mit der geheimnisvollen Ava, doch erst Jahre später wird er begreifen, was sie ihm bedeutet – und was sie ihm immer verschwiegen hat. Als Erwachsener begegnet er Ava wieder. Es sieht so aus, als könnten sie die verlorene Zeit zurückgewinnen und ein tolles Leben zusammenführen. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan …

Benedict Wells hat mit seinem Romanen „Becks letzter Sommer“ einen großen Hall hinterlassen. Dieser wurde sogar mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt. Nun liegt sein neuer Roman vor. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Entwicklungsroman, ein Roman über das Leben und seine unplanbaren, und oft sehr hinterhältigen Wege, ein Roman über die Liebe, die Nähe, wie schwierig es ist, beides zuzulassen. Ein Roman, der einen mit seiner Energie mitreißt, einen aber auch in ein tiefes Tal der Tränen stürzt, bei dem was alles geschieht. Doch am Ende bildet er Leben ab. Robert Stadlober, eines der jungen deutschen Gesichter unter den deutschen Schauspielern, liest mit viel Esprit. Er weiß die fröhlichen und die traurigen Momente richtig einzufangen.

Auch als Hardcover erhältlich bei Diogenes, 22,00 Euro.

Diogenes Hörbuch, 6 CDs, 455 Minuten; 24,99 Euro


Denglers-buchkritik.de