Juni 28, 2022

Kolumne 13.06.2021 Nr. 721

BuchKolumne 13.06.2022 Nr. 721

Dror Mishani – Vertrauen
Tobias Friedrich – Der Flussregenpfeifer
Eva Almstädt
– Akte Nordsee: Am dunklen Wasser
Brooke McAlary
– Care
Dan McCrum
– House of Wirecard

  Dror Mishani – Vertrauen

Dror Mishani Vertrauen

In einem Vorort von Tel Aviv wird vor einem Krankenhaus ein Neugeborenes gefunden. Am selben Tag verschwindet ein Tourist und lässt sein Gepäck im Hotelzimmer zurück. Inspektor Avi Avraham hat genug von Bagatellfällen und häuslichen Dramen. Deshalb stürzt er sich gleich in den rätselhaften Vermisstenfall. Doch bald merkt er, dass auch das Private Sprengstoff birgt – und gerät in ein Labyrinth aus Gewalt und Täuschung, dass ihn bis nach Paris führt und nicht nur mit dem Mossad in Konflikt bringt.

Der israelische Bestsellerautor Dror Mishani hat mich 2019 mit seinem gefeierten Buch „Drei“ auch begeistern können. Damals schrieb ich: „’Drei’ ist ein intensiver Beziehungsroman, eine Art Beziehungskrimi, und er zeigt eine Seite des gesellschaftlichen Bildes Israels.“ In seinem neuen Buch „Vertrauen“ geht er wieder andere Wege. Mit Avi Avraham kehrt ein alter Bekannter zurück. Den Inspektor lässt Dror Mishani nun schon viele Jahre immer wieder ermitteln. In „Vertrauen“ hat er gleich zwei Fälle zu bearbeiten, bei einem hilft ihm seine Kollegin. Das Aussetzen eines Babys bringt nach und nach einen hochexplosiven Fall ans Licht. Doch das ist noch nicht alles. Auch mit dem Mossad muss sich Avi Avraham befassen. Der Inspektor wollte mal wirklich interessante Fälle. Nun hat er sie. Ein Kriminalroman, bei dem man wieder einiges über die israelische Gesellschaft lernt und zugleich spannend unterhalten wird!

Diogenes, 351 Seiten; 20,00 Euro

  Tobias Friedrich – Der Flussregenpfeifer

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Ulm, im Mai 1932: Mit nicht viel mehr als etwas Proviant und dem kühnen Plan, nach Zypern zu paddeln, lässt Oskar Speck sein Faltboot zu Wasser. In sechs Monaten will er zurück sein. Aber alles kommt anders. Gepackt von sportlichem Ehrgeiz, begleitet von Jazzmusik und Mark Twains weisem Witz, gejagt von den Nationalsozialisten, die aus dem Faltbootfahrer einen deutschen Helden machen wollen, fährt der schweigsame Einzelgänger von Zypern aus immer weiter in die Welt. Ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Gili, die sich, wie er, den Widrigkeiten der Zeit entgegenstellen muss. Doch das Schicksal gibt Oskar eine letzte Chance.

„Der Flussregenpfeifer“ ist Tobias Friedrichs literarisches Debüt. Der Roman basiert auf der wahren Geschichte des Hamburgers Oskar Speck, der über sieben Jahre lang mit seinem Faltboot 50.000 Kilometer zurücklegte. Ein echter Abenteuerroman aus deutscher Feder! Das ist er einerseits, aber anderseits geht „Der Flussregenpfeifer“ im literarischen Meer unter wie ein Sack Steine. Die Idee, aus der Geschichte von Oskar Speck einen spannenden Abenteuerroman zu machen, ist gut, die Umsetzung dagegen in weiten Teilen fehlgeschlagen. Tobias Friedrich beginnt rasant, verliert sich dann aber in vielen unnützen Nebenschauplätzen. Oskar Speck und seine Reise verliert immer mehr an Fahrt. Was am Anfang noch gefesselt hat, wird immer langweiliger. Tobias Friedrich hat viel recherchiert, was sehr lobenswert ist, aber aus der sorgfältigen Recherche ist kein richtig guter Roman geworden.

C. Bertelsmann, 512 Seiten; 24,00 Euro

    Eva Almstädt – Akte Nordsee: Am dunklen Wasser

eva almstädt am dunklen wasser

Fentje Jacobsen entspricht nicht dem klassischen Bild einer Rechtsanwältin. Sie betreibt ihre Kanzlei vom Bauernhof ihrer Großeltern in Nordfriesland aus. Dort rauben ihr die beginnende Demenz der Oma, eine renitente 14-jährige Nichte und der leichtsinnige Bruder den letzten Nerv. Als Fentje beauftragt wird, einen jungen Mann zu vertreten, der des Mordes an seiner Freundin verdächtigt wird, stößt sie auf einen alten, sehr ähnlichen Fall. Fast zeitgleich verschwinden zwei Schülerinnen aus einem nahen gelegenen Internat. Bei ihren Nachforschungen lernt sie den weltgewandten, ehrgeizigen Journalisten Niklas John kennen. Trotz unterschiedlicher Ziele beginnen sie gemeinsam zu ermitteln.

Die deutsche Bestsellerautorin ist bekannt für ihre Ostsee-Krimireihe um die Lübecker Kommissarin Pia Korittki. Nun schlägt sie ein neues Kapitel auf, an der Nordsee. Mit „Am dunklen Wasser“ startet sie die „Akte Nordsee“ rund um die Rechtsanwältin Fentje Jacobsen und den Journalisten Niklas John. Mit Fentje Jacobsen und Niklas John sind ihr zwei sehr unterschiedliche und auf ihre Art sympathischen Hauptfiguren gelungen. Und gleich der erste Fall hat es in sich. Eine erhängte Lehrerin, jung und engagiert war sie. Selbstmord oder Mord? Das gilt es herauszufinden. Doch es passiert noch so viel mehr, was am Ende in der ersten Akte Nordsee zu lesen sein wird. Eva Almstädt, öffnen Sie schnell die zweite Akte Nordsee!

Lübbe, 414 Seiten; 11,99 Euro

 Brooke McAlary – Care

Brooke McAlary Care

Was würde passieren, wenn wir alle ein wenig sorgsamer, achtsamer und aufmerksamer wären – den Mitmenschen, der Umwelt und uns selbst gegenüber? Niemand kann allein die Welt retten, aber wenn sich im Kleinen jeder mehr in CARE übt, ändert sich viel. Ob es der Blickkontakt mit der Supermarktkassiererin ist, oder eine Wertschätzung für den Apfel, bevor wir ihn verspeisen. Wie bereichernd es doch ist, weniger auf unsere Handys und mehr in die Gesichter der Mitmenschen zu schauen. Wie gut es uns tut, wenn wir der Welt mit Fürsorge, Verantwortung und Menschlichkeit begegnen.

Brooke McAlary konnte mich bereits 2018 mit ihrem Buch „Slow“ überzeugen. Damals schrieb ich: „Wenn man in unserer schnelllebigen Gesellschaft der Langsamkeit wieder etwas mehr Raum gibt, kann das kleine Wunder bewirken. Sich wieder den kleinen Dingen zugetan fühlen, wie einen Samen in die Erde stecken und ihn zum Leben zu erwecken, oder schöne Filmabende, oder lebendige Waldspaziergänge.“ Ihr neues Buch „Care“ widmet sie sich nun dem Miteinander. In einer pandemischen Welt (hoffentlich bald nicht mehr) und einer, in der Kriege herrschen, umso wichtiger. Achtsamkeit und das Verbindende sehen, das macht uns glücklicher und die Welt zu einem schöneren und besseren Ort. Die Hauptthemen sind: „Sich verbinden“, „Güte“, „Ehrfurcht“, „Natur“, „Schöpferisch sein“, „Bewegung“, „Spielen“, „Ausruhen“ und „Heilen.“

Lübbe, 303 Seiten; 20,00 Euro

  Dan McCrum – House of Wirecard

House of Wirecard Dan McCrum

Der Financial-Times-Journalist Dan McCrum hat getan, wofür eigentlich Wirtschaftsprüfer und Finanzaufsicht zuständig sind: Er hat den größten Betrug der DAX-Geschichte aufgedeckt. Die Geschichte klingt filmreif: Wirecard, neben SAP das einzige deutsche Tech-Vorzeigeunternehmen, wird gehypt und übertrifft sogar den Börsenwert der Deutschen Bank. Der bargeldlose Zahlungsverkehr von Onlinegeschäften und Kreditkarten scheint ein überzeugendes Geschäftsmodell, eine Banklizenz eröffnet weitere Möglichkeiten. Aufgrund der kritischen Berichterstattung von Dan McCrum erstattet die deutschen BaFin, wegen des Verdachts auf Aktienmanipulation, Anzeige gegen ihn und eine Financial-Times-Kollegin. Als die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young feststellt, dass fast zwei Milliarden Euro auf philippinischen Treuhandkonten gar nicht existieren, stürzt die Aktie des Konzerns innerhalb von wenigen Tagen von € 104 auf € 1,28.

Wer sich nur etwas mit dem Börsengeschehen beschäftigt, der kennt den Fall „Wirecard“. Vielleicht waren Sie auch selbst investiert. Die einen haben wahrscheinlich viel Geld mit der Wirecard-Aktie verdient, die anderen sehr wahrscheinlich sehr viel Geld verloren. Wirecard hat über den Dax und die deutsche Börse Schockwellen gebracht. Dan McCrum wurde zu Anfang nicht geglaubt, schlimm ist mit ihm umgegangen worden. Nun erzählt er in „House of Wirecard“ seine, die wirkliche Geschichte über diesen dramatischen Fall eines deutschen Börsen-Highflyers. Ein Buch für jeden, der sich für die Börse und deren dunklen Seiten interessiert!

Econ, 458 Seiten; 25,00 Euro