Dezember 6, 2021

Kolumne 04.10.2021

BuchKolumne 04.10.2021 Nr. 685

Hans-Ulrich GrimmDumm gegessen!
Margherita Giovanni Adria Mortale – Bittersüßer Tod
Kira Jarmysch
DAFUQ
Max Bentow Der Eisjunge
George OrwellReise durch Ruinen

      Hans-Ulrich Grimm – Dumm gegessen!

Hans-Ulrich Grimm-Dumm gegessen

Was haben Tiefkühlpizza, Superfood und Vegetarismus/Veganismus mit Demenz und Alzheimer zu tun? Neueste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Das menschliche Gehirn schrumpft – es ist heute weniger leistungsfähig und altert schneller als in früheren Zeiten. Damit steigt die Gefahr, an Alzheimer und Demenz zu erkranken. Der entscheidende Grund dafür ist unsere Ernährung, sagt der Nahrungskritiker Hans-Ulrich Grimm. Und zwar nicht nur die klassische Ernährung. Auch Vegetarismus und Veganismus schaden langfristig unserem Gehirn. Das Buch zeigt, warum das so ist und in welchen Nahrungsmitteln die Gefahren lauern. Der Autor weiß, welche Ernährung wir brauchen, um bis ins hohe Alter ein fittes Gehirn nutzen zu können, und er sagt uns auch, welche Rolle Superfood dabei spielt.

Für jemand, der sich schon viel mit seiner täglichen Ernährung auseinandergesetzt hat, für den wird Hans-Ulrich Grimms neues Aufklärungsbuch in Sachen gesundes Essen nicht voller neuer Erkenntnisse sein. Aber für alle anderen, sei dieses Buch dringend für eine Lektüre empfohlen! „Dumm gegessen!“ zeigt, wie sich die Menschen nach und nach dumm essen. Der Titel ist wahrlich Programm! Der Autor zeigt zahlreiche fundierte Beispiele auf, bei denen es einem Angst und Bange werden kann, sollte man sich falsch ernähren. Man setzt sein schönes und einzigartiges Leben aufs Spiel. Die richtige Ernährung ist für den ganzen Körper essenziell, aber in diesem Buch soll es vorwiegend um das Gehirn gehen, das alles andere ja erst am Laufen hält. Und daher sollte man sein Gehirn nur mit dem richtigen „Treibstoff“ füttern, um es auch ganz lange fit zu halten. Essen Sie sich nicht weiter „dumm“, sondern geben Sie Ihrem Gehirn das, was es braucht, um Sie lange am Laufen zu halten. Denn man hat nur ein schönes Leben!

Droemer, 285 Seiten; 20,00 Euro

    Margherita Giovanni – Adria Mortale – Bittersüßer Tod

Adria Mortale – Bittersüßer Tod

Sommer 1958. Für die deutschen Touristinnen Sonja und Elke ist es das große Abenteuer: Mit ihrem Roller fahren die jungen Frauen nach Italien in den Urlaub. In einem kleinen Dorf an der Adriaküste steigen sie in der Pension von Federica Pellegrini ab. Ein paar Tage später wird der Lehrer des Ortes tot aufgefunden, mit dem Elke zuvor geflirtet hat. Die beiden fürchten, unter Mordverdacht zu geraten. Zum Glück nimmt Federica sich des Falles an und ermittelt auf eigene Faust. Sehr zum Missfallen von Commissario Garibaldi, der anreist, um herauszufinden, wer den Mann aus dem Weg räumen wollte. Und Garibaldi ist nicht der Einzige, dem Federica auf die Füße tritt.

Was für ein schönes und einladendes Cover. Wenn man ein Faible für die 1950er und 1960er Jahre hat, und dazu noch eine Kriminalgeschichte in dieser Zeit verankert serviert bekommt, kann eigentlich nichts mehr passieren, um sich gut unterhalten zu fühlen. Leider gelingt das Margherita Giovanni, das Pseudonym der der Autorin Brigitte Pons, trotz der Vorschusslorbeeren doch nur begrenzt. Was stimmt ist die Atmosphäre. Die Autorin nimmt einen mit in eine aufregend unspektakuläre Zeit. Das ist schön zu lesen. Doch der Kriminalfall entpuppt sich als Eintagsfliege. Die Spannung surrt nur leise dahin und ist schneller wieder tot als man gucken kann. „Bittersüßer Tod“ – bittersüße Lektüre!

Lübbe, 382 Seiten; 12,90 Euro

    Kira Jarmysch – DAFUQ

Kira Jarmysch-DAFUQ

Zehn Tage Auszeit könnten Anja Romanowa gerade recht sein, um ein paar Dinge in ihrem 28-jährigen Leben mit sich zu klären. Etwa ein verwirrendes Dreiecksverhältnis oder ihren missglückten Berufsstart im russischen Außenministerium. Nur verbringt Anja diese Zeit unfreiwillig mit fünf anderen jungen Frauen: Da ist Maja, die in „Brust- und Po-Tuning“ investiert, um reichen Männern zu gefallen, Natascha, die das echte Straflager kennt, oder Irka, die die Alimente für ihre Tochter nicht gezahlt hat. Sie sind zusammen im Moskauer Gefängnis, wegen Ordnungswidrigkeiten. Anja selbst verbüßt eine zehntägige Strafe, weil sie zu einer Demonstration gegen Regierungskorruption aufgerufen hat. Sechs Leben prallen aufeinander, in denen sich das heutige Russland spiegelt: Armut und Reichtum, Freiheitsgeist und Putin-Gläubigkeit, traditionelle Rollen und fluide Identitäten – die eine träumt von Buchweizen, die andere vermisst Bali. Und in alldem wird Anja einen Entschluss fassen.

Der Debütroman der Russin Kira Jarmysch „DAFUQ“ erschien im Herbst 2020 in einem regimekritischen russischen Verlag. Seit 2014 arbeitet Kira Jarmysch auch als Sprecherin von Alexej Nawalny. Der Backround des Romans spricht schon mal für sich, aber auch die Geschichte, die das heutige Russland aus einer speziellen weiblichen Sicht zeigt. Sehr aufschlussreich, berührend, komisch, tragisch, erschütternd, hip und modern. Anja und die anderen Frauen in ihrem täglichen Arrest-Trott zu verfolgen und dabei ihren Gedanken über Russland und ihr Leben in einem so korrupten und unfreien Land zu verfolgen ist überraschend und fesselnd.

Rowohlt Berlin, 416 Seiten; 22,00 Euro

    Max Bentow – Der Eisjunge

Max Bentow-Der Eisjunge

Nils Trojan ist eben zurück von seiner Auszeit auf einer Insel, da wird er schon an einen neuen Tatort gerufen. Im ersten Moment glaubt er, in einen absurden Albtraum geraten zu sein: Es sieht aus, als würde ein Tier über dem Opfer kauern, denn der Mörder hat das Fell eines Rehs über die getötete junge Frau drapiert. Wenig später ereignet sich der zweite Mord, und wieder sind Mensch und Tier auf makabre Weise ineinander verschlungen. Aber was will der Täter mit seiner grausamen Botschaft mitteilen? In einem verlassenen Haus im Umland von Berlin stößt Trojan auf eine Fährte – und erkennt zu spät, dass er in eine mörderische Falle geraten ist.

Sie wollen Thriller lesen, die sich vor Sebastian Fitzeks nicht verstecken müssen, dann müssen Sie zu Max Bentows Büchern greifen! Seine Psychothriller um den Berliner Ermittler Nils Trojan sorgen immer für mächtig viel Spannung und menschliche Abgründe. „Der Eisjunge“ ist der 9. Fall für Nils Trojan. Und Max Bentow erfüllt wieder alle Erwartungen, die man in ihn steckt. „Der Eisjunge“ wird in Ihren Händen gefrieren und erst wieder auftauen, wenn sie die letzte Seite gelesen haben.

Goldmann, 411 Seiten; 16,00 Euro

    George Orwell – Reise durch Ruinen

George Orwell-Reise durch Ruinen

Zwischen März und November 1945 folgte George Orwell als Kriegsberichterstatter den alliierten Streitkräften durch Deutschland und Österreich. Seine Reportagen schildern frei von Triumph oder Hass, welche Zerstörung der Krieg über Städte, Länder und Menschen gebracht hat. Er berichtet von einfachen Leuten, befreiten Kriegsgefangenen, vom Schicksal der Displaced Persons und von festgenommenen Nazis. Vor Ort wandelt sich die Perspektive: Aus Monstern werden zuweilen armselige Menschen. Immer wieder reflektiert er das Tauziehen zwischen Ost und West um die Mitte Europas und die große Herausforderung, die mit dem Ende des Krieges für die Welt gerade erst begonnen hat

Wer kennt ihn nicht, den zeitlosen Klassiker „1984“ von George Orwell oder auch seine bahnbrechende „Farm der Tiere“. Nun lernt man ihn von einer ganz anderen Seite kennen. Dieses Buch ist eine kleine literarische Sensation! Die Neuentdeckung von George Orwells Reportagen aus Deutschland und Österreich (zwischen März und November 1945) erzeugen in wenigen Worten erschütternden und aufklärende Bilder. Auch sein Artikel zu Hitlers „Mein Kampf“ ist im Lichte der Erstveröffentlichung (21. März 1940) einer mit viel Strahlkraft. In diesem Buch erscheinen die Reportagen und Artikel erstmals geschlossen in deutscher Übersetzung, mit einem Nachwort von Volker Ullrich. Die einzelnen Reportagen sind: „Die Auswirkung der Besatzung auf die französische Perspektive“, „Ordnung schaffen im Chaos von Köln“, „Zukunft eines zerstörten Deutschlands“, „Alliierte stehen vor Ernährungskrise in Deutschland“, „Bayerische Bauern ignorieren den Krieg“, „Die Deutschen zweifeln immer noch an unserer Einheit“, „Jetzt steht Deutschland der Hunger bevor“, „Die Gefahr getrennter Besatzungszonen“, „Hindernisse für eine gemeinsame Verwaltung in Deutschland“, „Das unsichere Schicksal der Displaced Persons“ und „Rache ist sauer“. Dazu Artikel zu Deutschland von 1940 – 1945: „Mein Kampf von Adolf Hitler“, „Order of the Day von Thomas Mann“ und „Die Weltlage 1945“.

C. H. Beck, 109 Seiten; 16,00 Euro