September 21, 2020

Kolume 22.06.2020

BuchKolumne 22.06.2020 Nr. 618

Taffy Brodesser–Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten
Martha Grimes – Inspektor Jury und die Tote am Strand
Pietro Bellini – Signora Commissaria und die dunklen Geister
Patrick Stegemann / Sören Musyali – Die rechte Mobilmachung
Philip Schlaffer – Hass. Macht. Gewalt.

Taffy Brodesser – Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Taffy Brodesser–Akner-Fleishman

Gerade entdeckt Toby Fleishman mit 40 Jahren ein aufregendes neues Leben als heiß begehrter Single, als seine Exfrau Rachel mitten in der Nacht die gemeinsamen Kinder bei ihm ablädt und verschwindet. Solly und Hannah haben Terminkalender wie Topmanager, im Job häufen sich die Probleme – und bei den Frauen, die er über Dating-Apps trifft, findet er statt Trost und Nähe nur unverbindlichen Sex. Und Rachel meldet sich einfach nicht. Weil sie die Karriere über ihre Kinder stellt. Weil ihr der Lebensstil an der Upper East Side immer schon wichtiger war als die Familie.

„Fleishman steckt in Schwierigkeiten“ enttarnt die große Liebe des Lebens als großen Schwindel! Kann eine Ehe jemals glücklich sein? Diese Frage schwebt immerzu über dem Buch. Die Antwort darauf in diesem Buch lautet: nein. „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“ zeigt, wie glücklich man sich in seinen Zwanzigern verliebt, wie man taumelt vor Glück und sexueller Aktivität, und wie zermürbt man am Ende in seinen Vierzigern vom Ehealltag ist und die Scheidung einreicht. Von der großen Liebe des Lebens bleibt nur noch ein Scherbenhaufen. Taffy Brodesser – Akner hat mit „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“ einen ganz großartigen Roman geschrieben! Er ist zum einen Teil natürlich sehr deprimierend, aber er deckt einfach nur Wahrheiten auf. Und die sind weit weg von der rosaroten Wolke. „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“ war 2019 für den National Book Award nominiert.

dtv, 509 Seiten; 24,00 Euro


Martha Grimes – Inspektor Jury und die Tote am Strand

Der Polizist Brian Macalvie wird an den Strand einer kleinen Insel in Cornwall gerufen. Eine französische Touristin liegt erschossen im Sand – und die einzigen Spuren in der Nähe gehören den beiden kleinen Mädchen, die sie gefunden haben. Macalvie ist ratlos und beschließt, Richard Jury um Hilfe zu bitten. Dieser macht derweil Bekanntschaft mit einer Legende: Der ehemalige Detective Tom Brownell ist berühmt dafür, jeden Fall lösen zu können. Als kurz darauf zwei weitere Morde geschehen, beginnen die drei Ermittler fieberhaft nach einer Verbindung zwischen den Opfern zu suchen.

Martha Grimes‘ Inspektor Jury ist sicherlich einer der Kultermittler in der Kriminalromanhistorie! Doch schon seit Jahren trägt Martha Grimes ihren einstigen Kultermittler literarisch zu Grabe. Langweilige und uninspirierte Fälle wohin das Auge reicht in den letzten Jahren. Und nun ist der 25. Fall „Inspektor Jury und die Tote am Strand“ erschienen. Die Beerdigung der Inspektor-Jury-Reihe geht weiter. Die Story ist von Anfang an holprig und mit wenig spannenden Zusammenhängen. Stückwerk auf allen Ebenen. Auch wenn man die über Jahre verbunden Charaktere wiederfindet, was nützt das, wenn dabei keine Atmosphäre und kaum Spannung aufkommt. „Inspektor Jury und die große Langeweile am Strand“ wäre der bessere Titel gewesen.

Goldmann, 315 Seiten; 20,00 Euro

Pietro Bellini – Signora Commissaria und die dunklen Geister

Vor Jahren hat ein dunkles Geheimnis Commissaria Giulia Ferrari gezwungen, ihr Heimatdorf Santa Croce in der Toskana zu verlassen. Doch als mitten auf der Ponte Vecchio in Florenz ein Mord geschieht und anschließend unter mysteriösen Umständen die Leiche verschwindet, wird die Sonderermittlerin vom Innenminister persönlich auf den Fall angesetzt. Giulia merkt schnell, dass sie bei den Ermittlungen allein nicht weiterkommt. Unterstützung erhält sie ausgerechnet von einem alten Bekannten: Luigi Battista, ehemaliger Commissario von Florenz und mittlerweile Gastwirt in Santa Croce. Unter den aufmerksamen Augen des gesamten Dorfes findet das ungleiche Ermittler-Paar nicht nur einen Mörder.

Pietro Bellini nimmt sich einen Trend an, der derzeit auf dem deutschen Krimimarkt sehr stark ausgeprägt ist. Regionalkrimis, die in schönen und von den Deutschen geliebten europäischen Auslandszielen liegen, spielen. In dieser Krimi-Reihe ist das nun die Toskana. Und Pietro Bellini macht das richtig gut. Ein Debütkrimi, der mit einem spannenden Fall und sympathischen Figuren überzeugt! Die hübsche Commissaria Giulia Ferrari und der kernig sympathische ehemalige Commissario Luigi Battista sind ein gegensätzliches, aber so perfektes Team. Eigentlich ein Trio. Auch bringt Pietro Bellini Gegend und Stimmung sehr gut herüber. Bitte ganz schnell der nächste Fall für Signora Commissaria Giulia Ferrari!

Knaur, 284 Seiten; 9,99 Euro

Patrick Stegemann / Sören Musyal  – Die rechte Mobilmachung

Sie lächeln freundlich auf Instagram-Fotos oder kochen auf ihrem YouTube-Kanal. Immer mehr extreme Rechte geben sich auf den ersten Blick harmlos. Doch sie nutzen das Netz als Radikalisierungsplattform. Die Folgen in der analogen Welt sind drastisch: vom Mord an Walter Lübcke bis zum Christchurch-Terroranschlag in Neuseeland. Die Autoren recherchieren im rechten Netzmilieu, bewegen sich Undercover in digitalen Untergrundnetzwerken, wo rechtsextreme Inhalte verbreitet, Reichweiten organisiert und Rechtsterroristen bejubelt werden. Ihr Befund: Vereine und Stiftungen finanzieren rechte Influencer, um Menschen in die rechte Szene zu locken. Plattformen wie Facebook und YouTube sind mitverantwortlich für die Propaganda und den Rechtsruck unserer Gesellschaft. Nur wenn wir verstehen, wie die neuen Rechten im Web agieren, werden wir ihren Einfluss stoppen können.

„Die rechte Mobilmachung – Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen“ ist ein Buch, das hohe Wellen schlägt! Wenn man sieht, was im Netz los ist, dann haben die Autoren mit ihrem Werk voll in Schwarze getroffen. Ein Buch, das auf erschütternde Weise aufzeigt, wie man versucht die Demokratie zu untergraben, und dass es leider nicht wenige Menschen gibt, die diesen radikalen Aktivisten mit einem „Hurra!“ folgen. Unbedingt lesen! Die Hauptthemen sind: „Als der Kanarienvogel starb“, „Willkommen im Emo-Krieg“, „Auf Empfehlung radikalisiert“, „Die nächste Phase im Infokrieg“, „Sie wissen, was du letzten Sommer getan hast“, „Der Troll im Weißen Haus“, „Wahlkampf als Game“, „Hass als Botschaft“, „Die Facebook-Partei“, „Die großen Radikalisierer“ und „Viralität ist Populismus“.

Econ, 290 Seiten; 17,99 Euro

Philip Schlaffer – Hass. Macht. Gewalt.

Anfang der neunziger Jahre in der norddeutschen Provinz: Philip Schlaffer, geboren 1978, fühlt sich nirgendwo zugehörig, findet weder zu Hause noch in der Schule Halt. Die gewalttätige Neonazi-Szene gibt ihm das Gefühl, endlich irgendwo dazuzugehören – der Beginn einer schnellen Radikalisierung im Zeichen von Ausländerhass, Nationalismus und blinder Verehrung des „Dritten Reichs“. Später gründet Schlaffer die rechtsradikale „Kameradschaft Werwölfe Wismar“ und vertreibt Rechtsrock im Internet. Alkohol, Gewalt gegen „Fremde“ und Auseinandersetzungen mit der Polizei prägen seinen Alltag. Weitere Taten folgen. Im Gefängnis schafft er den Ausstieg aus Kriminalität und Extremismus. Fortan beschließt er, sein altes Leben hinter sich zu lassen und sich aktiv gegen Hass, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen.

„Hass. Macht. Gewalt. – Ein Ex-Naxi und Rotlicht-Rocker packt aus“ zeigt, wie man auch mit einer extrem dunklen Vergangenheit sich zu einem Menschen entwickeln kann, der der Gesellschaft etwas zurückgibt, weil er nun Vorbild sein will. Doch davor stand ein gewaltbereites Leben. Die, die „Die rechte Mobilmachung“ beschwören, sollten mal Philip Schaffers Lebensbeichte lesen. Ein harter Insider-Bericht, der einen öfter schwer schlucken lässt! Die Hauptthemen sind: „Vor dem Hass“, „Radikalisierung“, „Kameradschaft“, „Rotlicht-Rocker“ und „Nach dem Hass“.

Droemer, 317 Seiten; 18,00 Euro