Kolumne vom 26.03.2018 - Nr.501 


Sascha Berst-Frediani

daumen rauf

Reue

Reue

Ein Dorf in Deutschland. Sie – jung, hübsch und bei der Sparkasse arbeitend, ihr Ehemann – derb, eher schlicht und Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr. Dass er nur am Wochenende zu Hause ist, stört sie nicht. Eigentlich wäre alles perfekt, wenn dieser Untermieter nicht wäre. Am Anfang spielt sie nur mit ihm. Aber die Versuchung ist zu groß. Und plötzlich ist es ernst. Doch als sie beschließt, die Karten auf den Tisch zu legen, ist einer tot und für die Wahrheit ist es zu spät.

Eine Sprache so scharf wie ein Skalpell! Dem deutschen Autor Sascha Berst-Frediani gelingt es, einen mit dieser Art des Erzählens sofort zu packen. Weniger ist mehr, und genau das ist packend und nicht ganz so einfach umzusetzen. Autoren verquasseln sich auch gerne. Doch „Reue“ überzeugt nicht nur durch seine Sprache, sondern auch durch seine dichte und spannende Story, die einem nur langsam das ganze Ausmaß erkennen lässt, was sich zwischen den einzelnen Akteuren im Dorf abgespielt hat. Sascha Berst-Frediani seziert die Befindlichkeiten seiner Charaktere bis sie seelisch nackt vor dem Leser erscheinen. Unzufriedenheit, Neid, Hass, Eifersucht, die Bandbreite ist lang, und alles zusammengemixt lässt es den Kessel explodieren. Sie werden es garantiert nicht bereuen, wenn Sie „Reue“ lesen!

Gmeiner, 244 Seiten; 18,00 Euro


John Darnielle

daumen runter

Rekorder

Rekorder

In einer Kleinstadtvideothek inmitten Iowas tauchen seltsame und unheimliche Filmschnipsel auf den Leihkassetten auf. Dunkle und grobkörnige Szenen, die eine Scheune zeigen, darin ein leerer Stuhl, Atemgeräusche sind zu hören. In späteren Clips taucht eine Frau auf, erst gefesselt und mit einer Kapuze über dem Kopf, dann durch ein Maisfeld laufend - auf der Flucht vor dem Kameramann. Der Videothekenmitarbeiter Jeremy will nichts mit der Sache zu tun haben, doch als seine Freundin Stephanie die Scheune in den Filmszenen wiedererkennt, muss er handeln. Die Suche nach der Wahrheit hinter den Videos führt Jeremy und Stephanie in die Vergangenheit.

Als ich las, um was es sich bei „Rekorder“ handelt, war ich sofort Feuer und Flamme. Es erinnerte mich an den Film „The Ring“ (nach einer Romanvorlage). Ich erwartete eine superspannende Story, da diese nur 286 Seiten lang ist, natürlich gleich von Anfang an. Doch leider wurde ich auch gleich von Anfang an enttäuscht. Die Story hält nur sehr wenig, entgegen dem was man sich bei der Beschreibung von der Story verspricht. Superspannend ist hier nichts, superlangweilig, das trifft es schon eher. Wie man so eine gute Idee zu einer Story so schlecht erzählen kann wie John Darnielle, dazu muss man auch erstmal das Talent haben. Der Verlag verspricht „einen atemberaubenden Roman für Fans von David Lynch. Also in „Twin Peaks“ wäre dieser Roman nur auf dem Klo ausgelegen, zu mehr hätte er nicht gereicht.

Eichborn, 286 Seiten; 20,00 Euro


Hannah O’Brien

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Irisches Erbe

Irisches ErbeDas gesamte County Galway steht unter Schock: In verschiedenen Kirchen der Umgebung werden kurz hintereinander Morde begangen. Und das ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit! Der vierte Fall für Grace O’Malley von der Mordkommission im westirischen Galway und ihrem Kollegen Rory Coyne ist besonders knifflig. Will sich jemand an den Geistlichen rächen? Eine heiße Spur führt nach Nordirland ‒ und mitten hinein in einen nach wie vor schwelenden Glaubenskonflikt.

Die Krimis von Hannah O’Brien gehören zu den Highlights des Genres! Die Ermittlerin, das Umfeld, die Fälle, alles fügt sich zu erlesenen Kriminalromanen zusammen. Nach „Irisches Verhängnis“, „Irisches Roulette“ und „Irische Nacht“ ist „Irisches Erbe“ der vierte Fall für die sympathische und gewitzte Ermittlerin Superintendent Grace O’Malley. Auch die Charaktere rund um die Ermittlerin bleiben im Gedächtnis. In „Irisches Erbe“ spielt Hannah O’Brien wieder alle ihre Stärken aus. Der Fall lädt von Anfang an zum miträtseln ein. Die Autorin legt zahlreiche Spuren und präsentiert ebenso viele Verdächtige. Ein Krimi, bei dem jede der über 400 Seiten lesenswert ist. Wer bisher noch kein Fan von Hannah O’Briens Irland-Krimis war, der wird es nach „Irisches Erbe“ mit Sicherheit sein.

dtv, 420 Seiten; 9,95 Euro


Walter Moers / Florian Biege

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Die Stadt der Träumenden Bücher Band 2 – Die Katakomben

Die Stadt der Träumenden Bücher Band 2 Die KatakombenBuchhaim ist die „Stadt der Träumenden Bücher“, wo Bücher nicht nur spannend oder komisch sind, sondern auch in den Wahnsinn treiben oder sogar töten können. Walter Moers` fantastische Abenteuergeschichte um den jungen Dichter Hildegunst von Mythenmetz, der das Geheimnis eines makellosen Manuskriptes ergründet, hat weltweit die Leser begeistert. Nun gibt es diese Geschichte aus dem Abenteuerreich der Literatur als Graphic Novel. In jahrelanger Arbeit hat Walter Moers seinen Romantext auf die Bedürfnisse einer Graphic Novel umgearbeitet und in Form eines Szenarios Hunderte von Bildern skizziert, die Florian Biege in enger Zusammenarbeit mit dem Autor in einen Comic von plastischer Farbigkeit verwandelt hat.

Walter Moers und Florian Biege verschlägt es in ihrem Graphic Novel ein zweites Mal in „Die Stadt der Träumenden Bücher“. Nach dem sensationellen ersten Band „Buchhaim“ geht es nun in „Die Katakomben“. Sensationell was Walter Moers und Florian Biege hier geleistet haben. Die beiden Bände sind Hollywood-Animations-Kinohits in Comicform gebracht. Diese Bücher liest und erlebt man mehr als einmal. Zum staunen gib es hier immer wieder etwas, dafür haben Walters Moers und Florian Biege gesorgt.

Knaus, 122 Seiten; 25,00 Euro


Wolfram Fleischhauer

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Das Meer

Das Meer

Teresa, eine junge Fischerei-Beobachterin, verschwindet spurlos auf hoher See. Sie sollte auf einem modernen Fischfang- und Gefrierschiff die Einhaltung der EU-Vorschriften überwachen. Entsetzt ist nicht nur ihr Ausbilder und Geliebter John Render von der GD-Mare in Brüssel. Genauso am Boden zerstört und von Schuldgefühlen geplagt sind Ragna di Melo und ihre Truppe von radikalen Umweltaktivisten, die eine hochgefährliche Methode entwickelt haben, den skrupellosen Ausbeutern der Meere das Geschäft zu verderben. Als Ragnas Vater, ein schillernder Schweizer Lobbyist, Wind von den Aktivitäten seiner Tochter bekommt, die auch seine eigenen Geschäftsinteressen berühren, muss er handeln. Noch bevor das ganze Ausmaß der Bedrohung nach Brüssel durchgesickert ist, reist er nach Südostasien, wo Ragna sich versteckt halten soll.

Ein aktueller, spannender und aufwühlender Roman! Wolfram Fleischhauer beweist wieder einmal sein Gespür für ein aktuelles Thema, das er mit einer bis ins Detail ausgearbeiteten Geschichte und gut gezeichneten Figuren spannend in Szene setzt. Was Wolfram Fleischhauer in „Das Meer“ behandelt, habe ich in dieser Form noch in keinem Roman, oder auch Kriminalroman, gelesen. Die Überfischung der Meere, der Mensch, skrupellos, machtbesessen und absolut gedankenlos, und was für Lehren man ziehen sollte, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Das Meer audio


Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Eine vorzügliche Lesung vom großen Geschichtenvorleser Johannes Steck! 19,95 Euro. Hörprobe

Droemer, 448 Seiten; 19,99 Euro


Hörbuch der Woche

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Susanne Fröhlich

Verzogen

verzogen audio

Andrea erfüllt Paul einen Herzenswunsch und zieht mit ihm aufs Land. Und zwar wirklich aufs Land – dahin, wo Fuchs und Hase sich am Waldrand Gute Nacht sagen, der nächste Supermarkt eine halbe Autostunde entfernt ist und die Feldwege sich am Dorfausgang in der Unendlichkeit verlieren. Allerdings nur zur Probe für ein Jahr! Wie das wohl wird? Während Paul voller Elan die Praxisvertretung für den ansässigen Orthopäden übernimmt, muss Andrea feststellen, dass das Landleben gar nicht so ist, wie sie sich das vorgestellt hat: Als Frau Doktor ist sie gleich im ganzen Dorf bekannt, und spätestens als ihr Ex-Schwiegervater Rudi zu ihnen zieht, wird klar, dass von Privatleben hier keine Rede sein kann.

Susanne Fröhlich macht gute Laune! Nach dem Hören und der Lektüre mit den Alltagsgeschichten rund um Andrea Schnidt macht das eigene Leben gleich wieder doppelt so viel Spaß! „Verzogen“ ist ein herrlicher Spaß und zugleich aber auch ein Roman, der einen immer wieder über das Leben nachdenken lässt. Susanne Fröhlich gelingt diese Mischung gut. Es dreht sich u. a. um das Verlassen von alten Pfaden, dem sich Neuen öffnen, dem sich selbst finden, das Altern, den Körper, Familie und Freunde und noch so viel mehr. Die Geschichte ist mit vorzüglichen Charakteren gespickt, aber besonders hervorzuheben ist die weise Polin Malgorzata, Pflegerin von Andreas dementen Mutter, mit ihren pointionierten Aussagen, die Susanne Fröhlich perfekt spricht. So auch Schwiegervater Rudi, mit seinem Hessisch. Susanne Fröhlich interpretiert ihren eigenen Roman trocken und humorvoll. Hörprobe

Verzogen



Auch als Hardcover erhältlich bei Krüger, 17,99 Euro.

Argon Hörbuch, 4 CDs, 318 Minuten; 19,95 Euro


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