Kolumne vom 22.10.2018 - Nr.531


Richard Powers

daumen rauf

Die Wurzeln des Lebens

Die Wurzeln des Lebens

Die Menschen sind miteinander verwurzelt wie ein Wald. Sie bilden eine Familie aus Freunden, die sich zum Schutz der Bäume zusammenfinden: der Sohn von Siedlern, die unter dem letzten der ausgestorbenen Kastanienbäume Amerikas lebten; eine junge Frau, deren Vater aus China eine Maulbeere mitbrachte; ein Soldat, der im freien Fall von einem Feigenbaum aufgefangen wurde; und die unvergessliche Patricia Westerford, die als Botanikerin die Kommunikation der Bäume entdeckte. Sie alle tun sich zusammen, um die ältesten Mammutbäume zu retten – und geraten in eine Spirale von Politik und Gewalt, die nicht nur ihr Leben, sondern auch unsere Welt bedroht.

Seit ich vor über einem Jahrzehnt Richard Powers’ „Der Klang der Zeit“ gelesen habe, bin ich ihm literarisch verfallen! Und er hat mich seither auch mit seinen weiteren Büchern nicht enttäuscht. Nun ist sein neuer Roman erschienen. „Die Wurzeln des Lebens“ ist ein Roman von unglaublicher literarischer Schönheit! Wer Bäume und literarisch gute Geschichte liebt, wird dieses Buch als ganz großen Schatz betrachten. Das Buch atmet vor Glück und Unglück der Menschen und der Bäume. Es erzählt von vielen einzelnen Schicksalen, von dem der Menschen und der Bäume. Und ja, alle sind miteinander verwurzelt und kommunizieren miteinander. Mit „Die Wurzeln des Lebens“ hat Richard Powers einen der besten Romane des Jahres geschrieben!

S. Fischer, 618 Seiten; 26,00 Euro


Inger-Maria Mahlke

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Archipel

Archipel

„Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten. In La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte“. Damit fängt es an. Und mit Rosa, die zurückkehrt auf die Insel und in das heruntergewirtschaftete Haus der vormals einflussreichen Bernadottes. Rosa sucht. Was, weiß sie nicht genau. Doch für eine Weile sieht es so aus, als könnte sie es im Asilo, dem Altenheim von La Laguna, finden. Ausgerechnet dort, wo Julio noch mit über neunzig Jahren den Posten des Pförtners innehat. Julio war Kurier im Bürgerkrieg, war Gefangener der Faschisten, er floh und kam wieder, und heute hütet er die letzte Lebenspforte der Alten von der Insel. Julio ist Rosas Großvater. Von der mütterlichen Seite. Einer, der Privilegien nur als die der anderen kennt.

Als großer europäischer Familienroman vom Verlag angekündigt und jetzt auch noch mit dem Deutschen Buchpreis 2018 ausgezeichnet, da war ich sehr gespannt, was mich mit „Archipel“ erwarten würde. Von einem „großen“ Roman ist nichts vorhanden, genauso fragwürdig bleibt für mich die Auszeichnung für den Deutschen Buchpreis, wenn man solch einen Roman als besten deutschen Roman auszeichnet. Es gibt soviel bessere Romane deutscher Autoren in diesem Jahr. Die Geschichte hat teils einen schönen Ton und auch Teneriffa wird gut dargestellt, aber das trügt nicht über die ermüdende Geschichte und deren Trägheit hinweg. Auch geht Inger-Maria Mahlke zu wenig auf die geschichtlichen Hintergründe ein. Da hätte es mehr Recherche bedurft und auch gut 300 Seiten mehr, um aus „Archipel“ wirklich einen „großen“ europäischen Familienroman zu machen. Aber auch nur, wenn diese dann 700 Seiten fesselnd und spannend gewesen wäre. Denn auch das geht „Archipel“ fast komplett ab.

Rowohlt, 432 Seiten; 20,00 Euro


Barbara Wood

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Das goldene Tal

Das goldene TalDie Schaller-Weingüter sind legendär im Weinland Kalifornien. Aber jetzt steht Nicole, Urenkelin der Gründer, finanziell unter Druck. Als dann noch in einem Weinkeller ein Skelett entdeckt wird, droht sie alles zu verlieren. Sie macht sich auf Spurensuche in die Vergangenheit. Ein Jahrhundert zuvor: 1912 bauen die Schallers, Winzer aus Deutschland, ihr neues Leben in Kalifornien auf. Schnell sind die Brüder Wilhelm und Johann erfolgreich. Doch als klar wird, dass Wilhelms junge Frau Clara eigentlich Johann liebt, entzweien sich die Brüder in tödlichem Hass. Der Riss, der durch die Familie geht, wird das Schicksal dreier Generationen bestimmen.

Barbara Wood gehört seit Jahrzehnten zu den Ikonen der Unterhaltungsliteratur! In ihren Romanen darf man als Leser große Abenteuer, dramatische Liebesgeschichten und ergreifende Schicksale erleben. Alles was ihre Romane ausmachen, hat sie auch in ihren neuen Roman „Das goldene Tal“ gepackt. Die Geschichte ist so „deutsch“ (deutsche Auswanderer in Kalifornien), sie hätte auch von einer deutschen Autorin geschrieben werden können. Vielleicht ein Dank der Autorin an ihre treuen deutschen Leserinnen und Leser. „Das goldene Tal“ ist eine süffige Geschichte, voller Spannung, Liebe, Dramatik und überraschenden Entwicklungen. Wie man es von Barbara Wood gewohnt ist, man wird ausgezeichnet unterhalten!

Krüger, 590 Seiten; 22,99 Euro


Jonas Langvad Nilsson

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Jussi – Die vielen Leben des Jussi Adler-Olsen

Jussi Die vielen Leben des Jussi Adler OlsenJussi Adler-Olsen: Seine Bücher um Kommissar Carl Mørck haben sich weltweit über 16 Millionen Mal verkauft, seine Fangemeinde ist riesig. Doch woher kommt die Fähigkeit, bestialische Morde und menschliche Abgründe so genau zu beschreiben? Die Biografie »Jussi« erzählt die Geschichte eines Jungen, der als Sohn eines Psychiaters in drei verschiedenen Heilanstalten aufwuchs, sich mit den dort lebenden Patienten anfreundete und ihre Krankheiten studierte. Es ist die Geschichte von Beharrlichkeit, harter Arbeit und einem kleinen bisschen Glück – sowie das Porträt eines Mannes, der einen eingeschlagenen Weg stets zu Ende geht.

Jeder Krimifan in Deutschland kennt den Dänen Jussi Adler-Olsen. Seine spannenden und dramatischen Geschichten um Kommissar Carl Mørck und sein Team sind zu seinen Lebzeiten schon Klassiker der Kriminalliteratur. Doch wer ist der Mann hinter dem Bestsellerautor? Dieses Buch gibt darauf nicht wenig überraschende Antworten. Ich greife mal einige Kapitel heraus: „Von Liebe erfüllt“, „Hart im Nehmen, großzügig im Geben“, „Eine Welle neuer Bekanntschaften“, „Ein Fax aus Hollywood“, „Wo ein Wille ist“, „Dunkle Seiten“, „Durch die Wand“, „Deadline“, „Auf dem roten Teppich“, „Gespenster“, „Paarlauf“.

dtv, 397 Seiten; 26,00 Euro


Wayne G. Hammond & Christina Scull

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Die Kunst des Herr der Ringe

Die Kunst  des Herr der Ringe

Als J. R. R. Tolkien „Der Herr der Ringe“ schrieb, hielt er das, was vor seinem inneren Auge stand, oft in Bildern und Zeichnungen fest. Sie reichen von groben Skizzen auf den Manuskriptseiten bis hin zu fein ausgearbeiteten Illustrationen. Nur ganz wenige waren für eine Publikation bestimmt. Die meisten dienten ihm allein als Hilfe beim Ausgestalten seines vielschichtigen Epos. Daher dokumentieren diese faszinierenden Bilder, geheimnisvollen Schriften und Karten Tolkiens Prozess des Schreibens und das Erschaffen einer ganzen Welt – Mittelerde.

Dieser prächtige Band versammelt alle Zeichnungen, Inschriften, Karten und Pläne J.R.R. Tolkiens zu seinem Hauptwerk. Von den 180 Illustrationen werden mehr als die Hälfte zum ersten Mal veröffentlicht, schreibt der Verlag. Enthalten sind u. a.: „Rückkehr nach Hobbingen“, „Das Auenland“, „Gandalfs Brief“, „Die Türen von Durin“, „Das Buch von Mazarbul“, „Die Erste Karte von Mittelerde“, „Helms Klamm und die Hornburg“, „Der Weg von Frodo und Sam“, „Minas Tirith“, „Mordor und der Dunkle Turm“, Schutzumschläge: Die Gefährten, Die Zwei Türme und Die Rückkehr des Königs“. Für alle „Herr-der-Ringe“-Fans eine perfekte Ergänzung für ihre Sammlung!

Klett-Cotta, 240 Seiten; 30,00 Euro


Hörbuch der Woche

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Christine Mangan

Nacht über Tanger

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Tanger 1956: Alice Shipley ist ihrem Mann John von England in das von politischen Unruhen aufgeheizte Marokko gefolgt. Doch die Hitze und die fremde Kultur machen es Alice schwer; während John sich immer mehr ins Nachtleben der pulsierenden Stadt stürzt und kaum mehr zu Hause ist, verkriecht sich Alice in der gemeinsamen Wohnung, gleitet in eine Depression. Da steht eines Tages Lucy Mason vor ihrer Tür, Alice' Zimmergenossin und Freundin aus Collegezeiten in Vermont, die sie seit einem mysteriösen Unfall ein Jahr zuvor nicht mehr gesehen hat. Die unabhängige und furchtlose Lucy entdeckt Tanger schnell für sich und versucht Alice aus ihrer Isolation zu befreien. Doch Alice beschleicht bald das ihr nur allzu vertraute Gefühl, von Lucys Fürsorge kontrolliert und erstickt zu werden. Als John plötzlich verschwindet, wird Alice von dem Unfall in Vermont eingeholt und sie fängt an, an Lucys Vertrauenswürdigkeit und ihrem eigenen Verstand zu zweifeln.

Ein Spannungsroman der besonderen Art! Gleichzeitig literarisches Erlebnis und ein Hauch psychologischer Thriller. Die Entwicklung der beiden Frauen von Freundinnen zu Feindinnen ist stimmig dargestellt. Dazu stimmt die Atmosphäre. Man erlebt Tanger, Marokko, das Afrika der 1950er Jahre ganz nah mit. Ich hatte bei der Geschichte immer die beiden Hollywood-Ikonen der damaligen Zeit vor Augen (auch wenn der Roman neu ist), Ingrid Bergman und Lauren Bacall. Die beiden exzellenten Darstellerinnen hätten jung gut in die Rollen gepasst. Die beiden Frauenfiguren Alice und Lucy werden prächtig gelesen von den bekannten Schauspielerinnen Bibiana Beglau und Friederike Kempter. Mal rau, mal zart, mal stürmisch, mal liebevoll. Eine abwechslungsreiche und genau durch diese beiden Stimmen spannende Lesung! Hörprobe

Nacht über Tanger

 

Auch als Hardcover erhältlich bei Blessing, 22,00 Euro.

Random House Audio, 8 CDs, 594 Minuten; 22,00 Euro


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