Kolumne vom 14.10.2019 - Nr.582


Andrew Ridker

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Die Altruisten

Die Altruisten

Das erste Familientreffen nach zwei Jahren Funkstille. Maggie und Ethan haben nach dem Krebstod der Mutter Francine den Kontakt zum Vater abgebrochen. Doch jetzt steht Arthur Alter vor dem finanziellen Aus, und ihm wird schlagartig klar: Er ist auf die Hilfe seiner Kinder angewiesen. Unter dem Vorwand, sich mit ihnen versöhnen zu wollen, lädt er sie ein. Der eigentliche Grund: die Geschwister zu überreden, ihm das Erbe zu überlassen, damit er das Haus, das voller Erinnerungen an das glückliche Familienleben steckt, vor der Bank retten kann. Jeder in seiner eigenen Welt voller Sorgen und Hoffnungen gefangen, treffen sich die drei an einem Wochenende. Schnell stürzt die erzwungen freundliche Fassade in sich zusammen.

Andrew Ridker ist mit „Die Altruisten“ in den USA ein sensationelles Debüt gelungen. Ein leichfüßiger und melancholischer Roman voller Wahrheiten über das Leben, die Liebe und die Familie! Andrew Ridker baut die Spannung bis zum Aufeinandertreffen von Arthur Alter und seinen beiden Kinder sorgfältig auf. Da hat man dann schon 200 Seiten gelesen, bis es soweit ist. Bis dahin erfährt man viel aus der Gegenwart und der Vergangenheit der Figuren. Dieses Spiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit hält Andrew Ridker auch bis zum Ende bei. Die Charaktere schleichen sich schnell ins Herz der Leser, jeder auf seine Art. Den in die Jahre gekommen Arthur, der trotz der großen Liebe zu seiner Frau, während ihrer Krankheit eine Affäre mit einer 30-jahre jüngeren Kollegin begann, die so gegensätzlichen Kinder Maggie und Ethan, die eine ganz eigene Sicht auf die Welt haben und auch von Francine erfährt man in Rückblicken so einiges. „Die Altruisten“ (Altruismus - Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise) ist ein moderner Gesellschaftsroman voller liebenswerten Spitzen und einnehmenden Figuren!

Penguin, 396 Seiten; 22,00 Euro


Heinz Strunk

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Nach Notat zu Bett

Nach Notat zu Bett

Drei Jahre lang hat Heinz Strunk öffentlich Tagebuch geschrieben, in der „Titanic“, es fing an als eine Art Parodie auf Diarien bedeutungsvoller Schriftsteller, entwickelte jedoch bald ein ganz eigenes Leben in einem weiten Feld zwischen unernster Figurenrede, Kurzessayistik, Aphorismus, Quatsch, Trübsinn und auch nicht wenig Tiefsinn. Aus dieser Kolumne ist nun ein Buch geworden.

Heinz Strunk muss man mögen – oder auch nicht. Seine großen Erfolge als Buchautor sind teils zu verstehen – und teils auch wieder nicht. Denn ein richtig guter Autor war Heinz Strunk noch nie – aber er kann witzig und pointioniert schreiben und hat damit ein großes Lesepublikum gefunden. Sein neues Buch „Nach Notat zu Bett – Heinz Strunks Intimschatulle“ hätte am besten auch in seiner ganz intimen Schatulle bleiben sollen. Als Zeitungsleser kannte man den Inhalt wahrscheinlich schon, an mir ging das, zum Glück, bisher vorbei. Bis auf ein paar Lacher verursachte das Buch bei mir eher Magenschmerzen als Freudentränen. Aufgeteilt in 12 Monate bringt Strunk hier weltenweit Entferntes zusammen: „Alltagsbeobachtungen“, Lektüren, Privatfernsehabende bei viel Alkohol, Aphorismen, Selbstbeobachtung beim Altern, alberne „Karrieretipps“, manchmal auch Poesie. So unglaublich banal und langweilig wie es sich anhört ist es dann auch.

Rowohlt, 253 Seiten; 20,00 Euro


Sherko Fatah

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Schwarzer September

Schwarzer SeptemberRebellische Idealisten wie Theresa, Alexander und Jakob reisen in den Nahen Osten, um sich ausbilden zu lassen. Ihre Familien bleiben mit Legenden in der Bundesrepublik zurück. Menschen aus dem Nahen Osten wiederum wechseln in die Bundesrepublik, um Aktionen vorzubereiten. Sie alle verbindet eines: Werkzeuge zu sein in einem Zusammenhang, den sie nicht überschauen. Kraftwellen einer Gewalt, die uns bis heute beschäftigt, auch wenn sich der Terrorismus inzwischen von einer mit revolutionärem Elan ausgeübten Gewalt zum Ausdruck einer extrem politisierten Religiosität gewandelt hat.

„Schwarzer September“ ist ein Roman über den Terrorismus der Siebziger Jahre. Und was für einer. Ein literarischer Spannungsroman höchster Güte! Sherko Fatahs Stil begeistert. Seine Beschreibungen übertreiben nicht, sie lassen dem Leser Raum für eigene Gedanken. Zugleich sind sie aber so intensiv, dass sie noch lange nachhallen. Er beschreibt die Ereignisse nicht mit reißerischer Spannung, sondern geht feinfühlig auf Szenen und Figuren ein, ohne dabei Langeweile zu erzeugen, ganz im Gegenteil, er hält die Spannung auf eine literarisch ansprechende Art hoch. Sherko Fatah ist ein guter Beobachter der Vorgänge im Nahen Osten. Seine Romane spüren den abenteuerlichen Wegen der handelnden Figuren aus unterschiedlichen Kulturen inmitten der Konflikte im Nahen Osten nach und beschreiben die Auswirkungen dieser Konflikte, die wie Druckwellen auch das heutige Westeuropa erreichen..

Luchterhand, 381Seiten; 22,00 Euro


Eugen Ruge

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Metropol

Metropol Eugen Ruge

Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. Es verbindet sie mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt: Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, wo Kommunisten aller Länder beschäftigt sind. Umso schwerer wiegt, dass unter den „Volksfeinden“, denen gerade in Moskau der Prozess gemacht wird, einer ist, den Lotte besser kennt, als ihr lieb sein kann.

Eugen Ruge kehrt nach acht Jahren zurück zur Geschichte seiner Familie. Nach dem internationalen Erfolg „In Zeiten abnehmenden Lichts“ lässt er nun „Metropol“ folgen. Eugen Ruges Aussage lässt einen spannenden Roman erwarten: „Die wahrscheinlichen Details sind erfunden, die unwahrscheinlichsten aber sind wahr.“ Ich habe „Metropol“ mit großer Begeisterung gelesen! Der geschichtliche, oft verstörende, Hintergrund und die gut angelegten Figuren mit ihren zahlreichen Facetten haben mich über das ganze Buch angezogen.

Rowohlt, 430 Seiten; 24,00 Euro


Torkil Damhaug

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Der Kreis aller Sünden

Der Kreis aller Sünden

1978 kommt im norwegischen Hammerdal ein Fabrikarbeiter auf tragische Weise zu Tode – 38 Jahre später wird der Ort erneut zum Schauplatz des Grauens: Ausgerechnet im Keller jener längst stillgelegten Fabrik schließen vier Jugendliche über Nacht einen Klassenkameraden ein, der ihnen auf die Nerven geht. Die frostigen Temperaturen sorgen dafür, dass der ohnehin labile Morten Nitter beinahe ums Leben kommt. Wie es der Zufall will, wurde Mortens Vater, ein verurteilter Ritualmörder, eben auf Bewährung entlassen. Kurz darauf sind zwei der Jugendlichen tot, von einem Mädchen fehlt jede Spur. Ein klarer Fall – oder?


Der Norweger Torkil Damhaug konnte schon mit u. a. „Feuermann“, „Netzhaut“ und „In der Schusslinie“ überzeugen. Für „Feuermann“ gewann er den renommiertesten Krimipreis Norwegens. Das gelang ihm mit „Der Kreis aller Sünden“ erneut. Skandinavische Thrillerliteratur wie man sie sich wünscht! Kühl, spannend, überraschend. Torkil Damhaug weiß auch auf fast 600 Seiten zu beeindrucken.

Knaur, 589 Seiten; 14,99 Euro


Hörbuch der Woche

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Chris Colfer

Land of Stories – Die Rückkehr der Zauberin

Land of Stories Die Rückkehr der Zauberin argon

Das magische Land der Geschichten wird von einer düsteren Bedrohung heimgesucht: Die böse Zauberin ist zurück und hat die Mutter der Zwillinge entführt, um sie alle zu erpressen. Alex und ihr Bruder Conner müssen erneut in das magische Land reisen, sonst sehen sie ihre Mutter womöglich nie wieder. Bald schon sind sie auf der Suche nach einem seltenen Artefakt, dem sogenannten „Stab des Staunens“. Um seine Kraft nutzen zu können, begeben sich die Geschwister an die am meisten gefürchteten Orte im ganzen magischen Land – denn nur so können sie der Zauberin Einhalt gebieten.

Chris Colfer setzt die Fantasy-Märchen-Saga „Land of Stories“ genial fort! Auch der zweite Teil „Die Rückkehr der Zauberin“ erfüllt nach dem spektakulären ersten Teil „Die Suche nach dem Wunschzauber“ alle Erwartungen. Man ist mit den Geschwistern Alex und Connor im magischen Land, wird Teil der Geschichte. Es passiert wieder so viel, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Und am Ende gibt es einen ganz fiesen Cliffhanger, der das Warten auf den nächsten Teil der Saga extrem erschwert. Wenn Rufus Beck vorliest, kann man eines mit Gewissheit nicht: weghören! Auch der zweite Teil der Fantasy-Märchen-Saga wird von Rufus Beck genial gelesen. Hörprobe 3:18 Min.

Land of Stories Die Rückkehr der Zauberin

 

Auch als Hardcover erhältlich bei Sauerländer, 18,00 Euro.

 

Argon Hörbuch, 2 MP3 CDs, 986 Minuten; 19,95 Euro


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