Kolumne vom 11.03.2019 - Nr.551


Pierre Lemaitre

daumen rauf

Die Farben des Feuers

Die Farben des Feuers cover

Als der berühmte französische Bankier Marcel Péricourt im Jahr 1927 verstirbt, steht seine Tochter Madeleine, deren Exmann nach einem landesweiten Skandal im Gefängnis sitzt, plötzlich völlig allein an der Spitze eines Bankimperiums – in einer Epoche, in der es Frauen nicht einmal gestattet war, selbst einen Scheck zu unterschreiben. Während Gustave Joubert, der Prokurist der Bank, Charles Pericourt, Madeleines verschwenderischer Onkel, und André Delcourt, ihr Liebhaber mit dichterischen Ambitionen, um die junge Erbin und ihren Sohn schwirren wie Motten um das Licht, zeichnen sich am Horizont bereits die Vorboten des Zweiten Weltkriegs ab. Im Schatten von Börsenskandalen und politischen Wirrnissen arbeiten die Neider auf das Verderben der Familie hin. Doch für Madeleine ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Um ihres Sohnes willen beginnt sie ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.

Mit spitzer Zunge, einem Augenzwinkern und viel Drama erzählt Pierre Lemaitre von charakterlich starken und schwachen Figuren in einer Zeit des großen Wandels, in einer Zeit, in der die Welt nach und nach aus den Fugen geriet. Er zeigt auch ein Bild Frankreichs zu jener Zeit, dass einem das Land, das Denken der Menschen und die politischen Verhältnisse nahebringt. „Die Farben des Feuers“ lodern literarisch lichterloh! Eine Geschichte, die so ganz anders war, als ich sie erwartet hatte. Doch mit jeder Seite aufs Neue hat mich Pierre Lemaitre gefesselt, vor allem mit der Entwicklung seiner vielschichtigen Figuren.

Die Farben des Feuers mp3
Auch als Hörbuch erhältlich bei DAV. Torben Kessler gibt den bedeutenden Charakteren eine bedeutende Stimme. Eine abwechslungsreiche Lesung! 24,00 Euro. Hörprobe

Klett-Cotta, 479 Seiten; 25,00 Euro


Lincoln Child

daumen runter

Der Luna-Effekt

Der Luna Effekt

Ein scharrendes Geräusch, ein fauliger Geruch. Das ist das Letzte, was David Palmer wahrnimmt, ehe er stirbt. Kurz darauf wird die Leiche des Wanderers am Fuß des Desolation Mountain aufgefunden, abgelegt in einer Vollmondnacht und bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt. Wie der Enigmatologe Jeremy Logan erfährt, ist Palmer nicht der erste Tourist, der in den dunklen Wäldern des Adirondacks Nationalparks auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Für die Einheimischen liegt auf der Hand, wer für die Morde verantwortlich ist: Die sonderbare Blakeney-Familie, um die sich seit Jahren Gerüchte ranken. Von dunklen Ritualen ist die Rede, von verdorbenem Blut - und von Werwölfen. Aber dann entdeckt Logan ein Labor mitten im Wald. Und stößt auf ein Geheimnis, das ebenso unglaublich wie gefährlich ist ...

„Der Luna-Effekt“ ist der 5. Fall für Enigmatologe Jeremy Logan, dem Experten für unerklärliche Phänomene. Von Lincoln Child, mit Douglas Preston zusammen, ist man ja meist einen 500 Seiten starken Pendergast-Thriller gewöhnt. „Der Luna-Effekt“ ist da eher ein Büchlein dagegen, mit nur 300 Seiten. Gegenüber Aloysius Pendergast konnten mich die Figur des Jeremy Logan, und auch seine Fälle, bisher nicht durchweg begeistern. „Der Luna-Effekt“ ist nun ein ganz schwacher Auftritt in dieser Thriller-Reihe, obwohl die Grundidee der Geschichte eine sehr gute ist. Richtige Spannung sucht man vergebens, auch macht fast das komplette Personal keine gute Figur und dazu hat die kurze Geschichte auch noch etliche Länge und ist vorhersehbar.

Wunderlich, 313 Seiten; 19,95 Euro


Lars Kepler

daumen rauf

Lazarus

Lazarus CoverHat Jurek Walter überlebt? Der gefährlichste Serienmörder Schwedens wurde vor Jahren für tot erklärt. Er war bei einem dramatischen Polizeieinsatz von mehreren Kugeln getroffen in den Fluss gestürzt. Seine Leiche wurde jedoch niemals gefunden. Als nun der Schädel von Joonna Linnas toter Ehefrau in der Wohnung eines Grabschänders entdeckt und eine perfide Mordserie aus ganz Europa gemeldet wird, ahnt Joona Linna das Unvorstellbare: Der Albtraum ist nicht zu Ende, und der grausame Serienmörder droht, alle lebendig zu begraben, die Joona lieb sind. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Lars Kepler lässt einen keine Sekunde ruhen! Das schwedische Ehepaar, das sich hinter Lars Kepler verbirgt, setzt ihre außergewöhnliche Thrillerreihe um Joonna Linna fort. Der Leser hat mit der Figur schon sehr spannende Fälle erleben und traurige und intensive Momente durchleben dürfen. Genau dieses Erfolgsrezept setzt Lars Kepler auch in ihrem neuen Buch fort. „Lazarus“ ist ein Thriller mit hoher Schlagzahl und über 600 Seiten lang mit einem hohen Spannungsgrad. „Lazarus“ ist ein weiteres Highlight der faszinierenden Thriller-Reihe!

Lazarus mp3
Auch als Hörbuch erhältlich bei Lübbe Audio. „Tatort“-Kommissar Wolfram Koch liest gewohnt stark! Er vermittelt den Thrill in seiner Lesung. 22,00 Euro. Hörprobe  - 10Min.

Lübbe, 637 Seiten; 22,00 Euro


Kate Atkinson

daumen rauf

Deckname Flamingo

Deckname Flamingo

Im Jahr 1940 gerät die 18-jährige Julia Armstrong eher unfreiwillig in die Welt der Spionage. Ihr Auftrag ist, Gesprächsprotokolle von Treffen britischer Nazi-Sympathisanten zu erstellen - Gespräche, die sie heimlich belauschen kann, da ein Agent des MI5 in die Gruppe eingeschleust wurde. Ihre Arbeit ist ebenso furchteinflößend wie langweilig, und als der 2. Weltkrieg vorbei ist, hofft sie, dass all dies für immer der Geschichte angehört. Doch zehn Jahre später - Julia ist inzwischen Redakteurin beim BBC-Schulfunk - beginnt ihre Vergangenheit sie einzuholen. Alte Rechnungen sind zu begleichen, und Julia muss einsehen, dass jede klitzekleine Handlung große Konsequenzen hat.

Die britische Bestsellerautorin Kate Atkinson hat bisher zahlreiche Romane verfasst, bei denen sie ihr breit gefächertes Können zeigte. Einen Spionageromane hätte ich nun aber nicht unbedingt von ihr erwartet. Kann das gut gehen? Ja, kann es! „Deckname Flamingo“ ist kein gewöhnlicher Spionagekrimi, sondern einer, bei dem auch der Witz nicht zu kurz kommt. Trotzdem hat er den nötigen Ernst und die Spannung kommt auch nicht zu kurz. „Deckname Flamingo“ – fabulös!

Droemer, 327 Seiten; 19,99 Euro


Frank Biess

daumen rauf

Republik der Angst

Republik der Angst

Das Buch erzählt die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte kollektiver Ängste. Die Furcht vor Vergeltung in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Angst vor einem Atomkrieg und kommunistischer Infiltration in den fünfziger Jahren und dann vor Arbeitslosigkeit durch Automatisierung und vor autoritären politischen Tendenzen, schließlich die apokalyptischen Ängste der achtziger Jahre: Immer waren die politischen Debatten und die deutsche Politik von Angst geprägt, nicht zuletzt von der Angst vor der vermeintlichen Allgegenwart des Faschismus.

Ein Deutschland, das von Angst geprägt ist. In den letzten Jahren konnte man dieses Bild des Landes wieder vermehrt erkennen. Doch war es jemals anders? Wird es jemals anders sein? Frank Bliess erzählt auf eine spannende Weise eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Die Hauptthemen sind: „Vergeltungsangst“, „Moralische Angst“, „Kriegsangst“, „Moderne Angst“, „Demokratische Angst“, „Revolutionäre Angst“, „Allgegenwärtige Angst“, „Apokalyptische Angst“ und „German Angst“.

Rowohlt, 613 Seiten; 28,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Jürgen von der Lippe

Nudel im Wind

Nudel im Wind mp3

Neulich sagte meine Frau zu mir: „Warum schreibst Du nicht endlich mal was mit Niveau? Ich würde gerne mal eine welthaltige, vielschichtige Romanhandlung von Dir lesen, ein Panoptikum an Figuren, eine ausgebuffte Mischung aus Action und Reflexion, Gesellschaftskritik und psychologischem Tiefgang, vielleicht sogar auch eine raffiniert eingebaute Krimihandlung, meinetwegen gern auch mit ein bisschen geschmackvoll beschriebenem Sex gewürzt, mach doch, Du kannst das!“ Und ich setzte mich an mein Notebook und schrieb: „Ich möchte Ihnen eine ziemlich unglaubliche Geschichte erzählen. Ich weiß, das ist kein glücklicher Anfang für ein Buch, das seine Leser vom ersten Satz an in den Schwitzkasten nehmen und bis zum letzten Wort nicht mehr rauslassen soll. ‹Sie hatten ihm die Kehle durchgeschnitten und ihn dann im Urinal ausbluten lassen› ist da schon ein anderes Kaliber, aber in der Welt der sinnlos waltenden rohen Kräfte bin ich nicht so zu Hause wie in der Psyche der Sanftmütigen, Unscheinbaren mit ihren kleinen liebenswerten Macken. Menschen wie Gregor und sein Hund Waldmeister…“

Wenn es einen deutschen Komiker gibt, der seit Jahrzehnten Kultstatus genießt, dann ist das Jürgen von der Lippe! In seinen Live-Programmen zündet er immer noch einen Witz nach dem anderen. Und nun, endlich will man meinen, versucht er seinen großartigen Witz auch in einen Roman zu packen. „Nudel im Wind“ ist der erste Roman von Jürgen von der Lippe und er zeigt leider, dass auch für ihn als Autor die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ein Bühnenprogramm ist dann doch was anderes als ein Roman. Die Geschichte ist etwas konfus konzipiert, aber darin liegt am Ende auch der Reiz. Einige Gags zünden, andere wieder gar nicht. Der Roman alleine, bei dem es vorwiegend um eine Speck-weg-Show geht, so nur Mittelmaß. Beim Hörbuch sieht es da anders aus. Jürgen von der Lippe macht mit seiner genialen Sprachkunst aus seinem mittelmäßigen Roman ein viel besseres Hörbuch. Hier schmunzelt man über Passagen, die man im Buch weit weniger lustig gefunden hatte. Hörprobe

Nudel im Wind cover

Auch als Hardcover erhältlich bei Penguin, 18,00 Euro.

Random House Audio, 5 CDs, 378 Minuten; 18,00 Euro


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