Kolumne vom 06.08.2018 - Nr.520


Matthew Desmond

daumen rauf

Zwangsgeräumt

Zwangsgeräumt

Matthew Desmond nimmt den Leser mit in die ärmsten Viertel von Milwaukee, einer mittelgroßen, normalen amerikanischen Großstadt. Er erzählt die Geschichte von acht Familien am Rande der Gesellschaft. Die meisten armen Mieter stecken heute über die Hälfte ihres Einkommens in die Miete, so dass Zwangsräumungen zu einem alltäglichen Phänomen geworden sind - vor allem für alleinerziehende Mütter.

Nach der Lektüre weiß man, wie wertvoll es ist, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben! Man wusste es sicher auch schon vor der Lektüre, aber danach schätzt man es noch um ein Vielfaches mehr. „Zwangsgeräumt“ zeigt das Innenleben der amerikanischen Gesellschaft, vor allem der unteren Schicht, die praktisch jeden Tag kämpfen muss, das Geld zu verdienen, um ihre Miete bezahlen zu können. Die Geschichten, die Matthew Desmond in „Zwangsgeräumt“ schildert, gehen unter die Haut! Es kommt aber auch die andere Seite zu Wort. Wie übel es sein kann, Vermieter dieser Menschen zu sein, und man selbst immer mit einem Bein vom Bankrott entfernt ist, weil die Mieten nicht pünktlich oder gar nicht bezahlt werden. Meist handelt es sich bei den Vermietern auch um Einzelpersonen mit ein, zwei Angestellten. Der wirtschaftliche Kampf, um nicht über den Abgrund zu fallen, wird auf allen Seiten ausgefochten. Die Geschichten im Buch fanden zwischen Mai 2008 und Dezember 2009 statt. Das Buch wurde 2016 verfasst und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Ullstein, 536 Seiten; 26,00 Euro


Claudia Rikl

daumen runter

Das Ende des Schweigens

Das Ende des Schweigens

Neubrandenburg. Hans Konrad, ein ehemaliger Major der NVA hat sich in seiner Datsche die Pulsadern aufgeschnitten. Seine Zunge liegt abgeschnitten neben ihm. Doch kein Selbstmord? Journalistin Susanne Ludwig findet den Leichnam. Der grausige Anblick beschwört bei ihr traumatische Erinnerungen herauf, trotzdem beginnt sie sofort zu recherchieren, wer den alten Mann umgebracht haben könnte. Was dem ermittelnden Kommissar nicht gefällt. Vor fast 30 Jahren hat Kriminalhauptkommissar Michael Herzberg im berüchtigten Stasigefängnis Bautzen II eingesessen. Objektiv kann er deshalb nicht bleiben, als der Fall ihn mit düsteren Kapiteln der DDR-Geschichte und einem noch aktiven Netzwerk ehemaliger Militärs und Stasimitarbeiter konfrontiert. Dennoch ist er überzeugt, dass der Fall mit seiner persönlichen Geschichte nichts zu tun hat. Ein fataler Irrtum.

Ein interessantes Thema macht noch keinen guten Kriminalroman, so muss man das Krimidebüt von Claudia Rikl sehen. Es hört sich alles spannend an, aber leider ist die Umsetzung nicht mit Spannung gesegnet, sondern eher mit vielen Gähnattacken des Lesers. 522 Seiten für einen Kriminalroman sind ja auch stattlich. Da muss man schon ein Meister seines Fachs sein, um diese Seiten auch mit viel Spannung und Leben auszufüllen, so dass der Leser immer gefesselt bleibt. Claudia Rikl gelingt das nur in wenigen Phasen der Geschichte. Auch die Figuren sind nicht so gestaltet, dass man sich unbedingt für sie erwärmen kann. Claudia Rikl schreibt derzeit am nächsten Fall für Michael Herzberg.

Kindler, 522 Seiten; 14,99 Euro


Yusra Mardini

daumen rauf

Butterfly

ButterflyYusra Mardini wächst in Damaskus in einer schwimmbegeisterten Familie auf. Von klein an trainiert sie in jeder freien Minute, denn sie hat einen großen Traum: bei den Olympischen Spielen als Schwimmerin anzutreten. Doch dann bricht in ihrer Heimat Syrien der Bürgerkrieg aus und macht alle Hoffnung zunichte. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Sara flieht Yusra 2015 nach Europa. Bei der Überfahrt über die Ägäis droht das mit 20 Flüchtlingen völlig überfüllte Schlauchboot einer Schlepperbande zu sinken. Ohne lange nachzudenken, springen die beiden Leistungs-Schwimmerinnen Yusra und Sara ins Wasser und ziehen, unterstützt von zwei weiteren Flüchtlingen, das Boot über Stunden hinweg an die griechische Küste. So retten sie allen Flüchtlingen das Leben. Ihre Flucht aus Syrien führt die Schwestern weiter nach Berlin. Dort nimmt Yusra nicht nur endlich wieder ihr Schwimmtraining auf, sondern steht 2016 vor der Erfüllung ihres Traums, als sie als Teilnehmerin des Flüchtlings-Teams nach Rio zu den Olympischen Spielen reisen darf.

Yusras Geschichte zeigt, wie aus einem ganz normalen Teenagerleben, das von dem Ehrgeiz des Vaters, dass die Tochter ein Schwimm-As werden muss, bestimmt wird, ein Leben wird, das Tag für Tag, Monat für Monat immer mehr in die Hölle des Krieges abgleitet. In „Butterfly“ erlebt man noch einmal mit, wie aus dem friedlichen Land Syrien ein Kriegsgebiet wurde. Wie normale Bürger täglich zu Hunderten, dann zu Tausenden starben. Einfach so. Flucht aus dem Land war das Einzige, was noch einen Sinn ergab. Aber in ein Land, wo junge Menschen auch eine Zukunft haben. Deutschland. So schwer zu verstehen ist das nicht. Auch wenn nicht wenige in unserem Land es nicht so sehen. Man erlebt noch einmal die geschichtshistorische Zeit des Sommers 2015 mit. Yusra war ein Teil davon. Sie und ihre Schwester waren zwei Flüchtlinge von Hunderttausenden, nein, zwei Mädchen, die eine Zukunft ohne Krieg wollten. Zum Ende der Geschichte muss man sagen, dass Yusra natürlich ein sehr hübsches Mädchen ist, das, gepaart mit ihrer Persönlichkeit, ihren Heldenmut und ihren sportlichen Erfolg, haben ihre Geschichte aus den hunderttausend anderer herausstechen lassen. Das machte sie in gewisser Weise berühmt und gesellschaftspolitisch auch zu einer herausstechenden jungen Frau. Respekt vor allen Menschen zu haben, das hat Yusra Mardini früh gelernt. Diesen Respekt sollten wir alle haben.

Knaur, 352 Seiten; 19,99 Euro


Julianne Donaldson

daumen rauf

Eine Liebe in Blackmoore

Eine Liebe in BlackmooreEngland, 1820. Kate Worthington hat sich geschworen, niemals zu heiraten. Sie möchte frei sein und die Welt bereisen. Ihre Mutter missbilligt das, schließlich ziemt sich das nicht für eine junge Frau. Als Kate jedoch auf das Anwesen Blackmoore eingeladen wird, lässt sie sich auf eine Wette mit ihrer Mutter ein: Gelingt es Kate, drei Heiratsanträge in Blackmoore zu bekommen – und sie alle abzulehnen –, ist sie frei. Wenn nicht, entscheidet ihre Mutter über ihre Zukunft. Ein Kinderspiel, denkt Kate. Doch kaum in Blackmoore angekommen, merkt sie, dass es gar nicht so leicht ist, in wenigen Tagen drei Männerherzen zu erobern – und zu brechen.

Die Amerikanerin Julianne Donaldson, die England liebt und sich als hoffnungslose Romantikerin sieht, verarbeitet beide Einflüsse in ihrem zweiten Roman „Eine Liebe in Blackmoore“. Man merkt der Lektüre die Liebe der Autorin zu England und zu der Zeit an, in der sie spielt, denn die Geschichte versprüht unheimlich viel Charme. Und Romantisch ist das Ganze durch und durch. Die Story klinkt frisch und ideenreich, und das ist sie auch.

Pendo, 364 Seiten; 16,00 Euro


Dr. Jean M. Twenge

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Me, My Selfie and I

Me My Selfie and I

Sie sind zwischen 1995 und 2005 geboren und damit die erste Generation, die schon im Jugendalter ein Smartphone besitzt. Sie verbringen Stunden in sozialen Netzwerken und mit dem Schreiben von Kurznachrichten, aber sehen ihre Freunde seltener von Angesicht zu Angesicht. Sie sind toleranter, drehen sich jedoch mehr um sich selbst. Sie werden langsamer erwachsen und haben ein höheres Sicherheitsbedürfnis. Dieses Buch zeigt einen bildhaften Querschnitt der neuen Generation.

Die amerikanische Psychologin Dr. Jean M. Twenge hat mit „Me, My Selfie and I“ ein aufschlussreiches und tiefblickendes Buch in das Herz der neuen Generation geschrieben! Punkte des Buches sind u. a.: „Alle machen mit: Soziale Medien“, „Sind Bücher tot?“, „Die Displays werden dunkel - Psychische Gesundheit und Glück“, „Verlassen und einsam“, „Schwere depressive Störungen, Selbstverletzung und Selbstmord“, „Verlust von Religion und Spiritualität“, „Isoliert, aber nicht wirklich“, „Die Generation Selfie als Käufer“, „Sex in der Tinder Generation“, „Die Generation Selfie verstehen und ihr helfen“.

Mosaik, 479 Seiten; 15,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Greer Hendricks und Sarah Pekkanen

The Wife Between Us

Greer Hendricks und Sarah Pekkanen

Das perfekte Leben, für Vanessa gab es das einmal. Doch seit der Scheidung von Richard ist sie ein Wrack. Nur ein Gedanke hält sie aufrecht: seine Hochzeit mit der anderen zu verhindern. Nellie dagegen schwebt im siebten Himmel. Ausgerechnet sie, die alles andere als ein aufregendes Leben führt, hat sich der attraktive, charismatische Richard ausgesucht. Alles wäre perfekt, gäbe es da nicht Dinge, die aus dem neuen Heim verschwinden. Und diese Frau, die sie beobachtet.

„The Wife Between Us“ spielt mit den Versatzstücken des Thrillers und des dramatischen Liebesromans. Geschickt verweben die beiden Autorinnen die Geschichten der beiden weiblichen Hauptfiguren. Man leidet mit der einen und freut sich mit der anderen. Doch das ändert sich plötzlich. Warum? Lassen Sie sich überraschen. Der Roman lebt von den Überraschungsmomenten, die so ganz unverhofft auftauchen, und der präzisen Zeichnung der beiden Frauenfiguren. Und das Ende hält dann einen richtigen Knalleffekt parat. Das lässt die zeitweisen Längen des Romans, und die Frage, wo der Roman hinführen soll, vergessen. Dagmar Bitter fühlt sich mit ihrer Lesung in beide Frauenfiguren gut ein. Sie verleiht Vanessa und Nellie jeweils eine passende Stimme und Stimmung. Hörprobe

Greer Hendricks und Sarah Pekkanen



Auch als Paperback erhältlich bei Rowohlt Polaris, 12,99 Euro.

Argon Hörbuch, 2 MP3 CDs, 780 Minuten; 12,95 Euro


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