Kolumne vom 03.06.2019 - Nr.563


Tanja Reich

daumen rauf

Jesolo

Jesolo

Kinder sind kein Thema für Andrea. Sie hat einen Job, der okay ist. Sie führt seit vielen Jahren eine Beziehung mit Georg, die okay ist. Jedes Jahr verbringen sie einen netten Urlaub in Jesolo. Was die Zukunft betrifft, will Andrea sich nicht festlegen, aber Georg will ein Fundament für ein gemeinsames Leben. Als sie aus dem gemeinsamen Urlaub zurückkommen, ändert sich alles – Andrea ist schwanger. Hin- und hergerissen entscheidet sie sich für das Kind – und geht damit einen Kompromiss nach dem anderen ein: Sie nimmt einen Kredit auf, obwohl sie nie einen Kredit aufnehmen wollte; sie zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, obwohl sie nie mit ihnen unter einem Dach leben wollte. Von allen Seiten prasseln Ratschläge auf Andrea nieder, und sie wird in eine Mutterrolle gedrängt, mit der sie sich nicht identifizieren kann.

Kühl, präzise, absolut ehrlich! Tanja Raich seziert auf literarisch ansprechende Art die seelische Achterbahnfahrt einer Frau in einer Beziehung. „Jesolo“, der Debütroman der jungen Autorin, zeigt ungeschönt wie die Liebe in einer Beziehung vergehen kann, sich alles anders entwickelt, wie man sich das erträumt hat. Eine Beziehung, eine Liebe kann das schönste auf der Welt sein, aber auch zu einem Minenfeld werden, bei der man immer aufpassen muss, welchen Schritt man als nächsten tut, welchen Satz man als nächsten sagt. Wie alles wieder schön wird, oder doch nicht? Wie man sich in alles fügt, obwohl man eigentlich gar nicht will. Das ist die eine Seite, die andere die, das die Hauptfigur ein Kind bekommt, und das weitere Fragen aufwirft. Will sie das überhaupt? Ein Kind, eine Familie? Will sie das mit ihm? Will sie in einem Leben aus Konventionen gefangen sein? Ein eindrucksvoller Roman mit Nachhall!

Blessing, 221 Seiten; 20,00 Euro


Ingrid Noll

daumen runter

Goldschatz

Goldschatz

Fünf junge Leute wollen es der Wegwerfgesellschaft zeigen: Tante Emmas altes Bauernhaus soll nicht abgerissen, sondern in eine alternative Studenten-WG verwandelt werden. Doch für die Renovierung fehlt das Geld. Da taucht in Emmas Trödel ein Säckchen mit wertvollen Goldmünzen auf. Aber der Schatz holt sie nicht etwa aus der Bredouille. Im Gegenteil, er führt sie mitten hinein und macht sie mit den unschönen Regungen des menschlichen Herzens bekannt.

Ingrid Noll war einst die Grand Dame des deutschen Kriminalromans. Doch diese Hochzeit liegt nun schon Jahre zurück. Mit jedem neuen Buch in den letzten Jahren enttäuschte sie mal mehr, mal weniger. So verhält es sie auch mit ihrem gerade erschienenen Roman „Goldschatz“. Wobei sich die Story durchaus vielversprechend anhört. Einen richtigen Krimi sucht man mittlerweile aber vergebens bei Ingrid Noll, so auch in „Goldschatz“. Etwas mehr Spannung hätte der Geschichte sehr gutgetan. Die Autorin schreibt flüssig, in angenehmen Ton, doch gepackt hat mich das nur selten. Auch die Figuren konnten mich über die Dauer des Romans nicht überzeugen.

Diogenes, 358 Seiten; 22,00 Euro


Pamela Druckerman

daumen rauf

Vierzig werden á la parisienne

Vierzig werden á la parisienneWie fühlt es sich an, über vierzig zu sein? Was haben wir gelernt, wenn wir so alt sind? Sind wir jetzt endgültig erwachsen? Und warum hat uns niemand davor gewarnt, dass man auch an den Armen Cellulitis haben kann? Die Autorin widmet sich dem entspannten Älterwerden und erforscht das Leben in den Vierzigern und fragt sich, ob ihr Kopf je mit ihrem Gesicht mithalten wird.

Die Amerikanerin Pamela Duckerman, die in Miami aufgewachsen ist und nun schon länger in Paris lebt, erzählt in köstlich amüsanter, tragisch tiefer und melancholisch angemessener Form wie es ist in den Vierzigern zu sein. Das irgendwie Junge ist vorbei, auch wenn man sich vielleicht noch selbst so fühlt, aber so total Erwachsen möchte man doch auch nicht sein, das wirkt ja dann noch älter. Ein Zwiespalt die Vierziger. Viele Meilensteine sind erreicht, und die eigene Sterblichkeit kommt auch das erste Mal so richtig auf den Plan, auch wenn wir, wenn es gut läuft, noch gut 50 Jahre Leben vor uns haben. Das Buch ist ein Mix aus ganz Grundsätzlichen, was auftaucht, wenn man die Vierziger erreicht hat, und der eigenen Geschichte der Autorin. Eine spritzige Lektüre, genussvoll für alle die, die nun eine 4 und nicht mehr eine 3 vorne stehen haben! Für Frauen … und Männer.

Mosaik, 336 Seiten; 16,99 Euro


Jean Lopez, Nicolas Aubin, Vincent Bernard, Nicolas Guillerat

daumen rauf

Den Zweiten Weltkrieg verstehen, 1939 – 1945 in Infografiken

1939 1945 in Infografiken

Wir wissen heute so viel über den Zweiten Weltkrieg wie nie zuvor. Doch wie kann man all diese Zusammenhänge anschaulich machen? Mit einem außergewöhnlichen Konzept beantworten ein preisgekrönter Historiker und ein renommierter Grafiker diese Frage. Auf jeder Doppelseite widmen sie sich einem bestimmten Aspekt des Krieges. Infografiken sorgen für Übersichtlichkeit und Tiefenschärfe zugleich.

Ein höchst aufschlussreiches, informatives und anschauliches Werk über den Zweiten Weltkrieg! Durch die vielen detaillierten Grafiken, die das Buch so einzigartig machen, bekommt man einen klaren Blick auf alles. Ein Buch, dass sich kein Leser entgehen lassen sollte, der sich für den Zweiten Weltkrieg interessiert. Die vier Hauptthemen sind: „Mobilisierung, Produktion und Ressourcen“, „Armeen und Waffen“, „Schlachten und Feldzüge“ und „Bilanzen und Brüche“.

dtv, 187 Seiten; 30,00 Euro


Constantin Schreiber

daumen rauf

Kinder des Koran

Kinder des Koran

Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen, mangelnde Vorstellungen von Gleichberechtigung, ein anderes Verständnis von Demokratie und Religionsfreiheit – manche Muslime geben nichts auf die liberalen Werte des Westens. Doch woher kommt das? Eine mögliche Antwort: weil junge Muslime es so lernen. Der Autor nimmt Schulbücher in der islamischen Welt unter die Lupe. Was wird dort im Religions- oder Geschichtsunterricht gelehrt? Was lernen Schüler über Philosophie? Der Autor spricht mit Lehrern, Eltern und Schülern und stellt fest: In einigen Ländern sind Schulen kein Ort der Bildung, sondern Orte der Ideologisierung. Junge Menschen lernen dort, die Welt mit anderen Augen zu sehen, als wir es im Westen tun. Und das hat auch Auswirkungen auf Deutschland und Europa.

 Der fließen arabisch sprechende Constantin Schreiber hat mit seinem Buch „Inside Islame“ einen Bestseller gelandet. Nun legt er gleich den nächsten nach. Mit „Kinder des Koran“ lernt der Leser die Lebenswahrheiten und die Schulbücher der Kinder und Jungendlichen aus unterschiedlichen arabischen Ländern kennen. Darunter sind Afghanistan, Iran, Ägypten, Palästina und die Türkei. Er lernt so zu verstehen, warum aus einst unschuldigen Kindern ideologisch denkende Erwachsene werden und welche Probleme das für die Gesellschaft und den Frieden bedeuten kann.

Econ, 298 Seiten; 18,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Elisabeth Herrmann

Schatten der Toten

Schatten des todes


Judith Kepler kennt den Tod wie wenige andere – denn sie ist Tatortreinigerin. Ihr Chef will, dass sie die Firma übernimmt, und ihre Beziehung zu einem Waisenmädchen entwickelt sich auf unerwartete Weise. Doch dann stirbt Eva Kellermann, eine frühere Stasi-Spionin. Ihr letztes Geheimnis setzt eine tödliche Jagd in Gang, auf einen der größten Verbrecher dieser Zeit: Bastide Larcan. Er ist Judiths Vater – der so viel Leid verursachte und sich nie dafür verantworten musste. Seine Spur führt nach Odessa, und Judith muss sich entscheiden: für ihr Leben oder für eine Reise in die Vergangenheit, in der die Schatten der Toten sie erwarten …

„Schatten der Toten“ ist nach „Zeugin der Toten“ und „Stimme der Toten“ der dritte Roman aus der Reihe um die Tatortreinigerin Judith Kepler. Elisabeth Herrmann wird mit jedem Buch besser! „Schatten der Toten“ ist der neueste Beweis dafür. Ein Spannungsroman mit ganz starken Figurenzeichnungen und einer hochkarätigen Story! Wenn man zu einem Spannungsroman von Elisabeth Herrmann greift, dann weiß man schon zuvor, man bekommt Großartiges geboten. Nina Petri ist eine DER Frauenstimmen der deutschen Hörbuchszene! Wenn sie vorliest ist man nicht weniger gespannt auf die Geschichte als auf ihre Stimme. Bei „Schatten der Toten“ handelt es sich um eine vollständige Lesung mit über 20 Stunden Gesamtlaufzeit. Hörprobe 7:07 Min.

Schatten des todes buch

 

Auch als Paperback erhältlich bei Goldmann, 15,00 Euro.

 

Der Hörverlag, 2 MP3 CDs, 1,248 Minuten; 14,99 Euro


Denglers-buchkritik.de