Kolumne vom 2.09.2019 - Nr.576


Daniel Mason

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Der Wintersoldat

Der Wintersoldat

Der hochbegabte Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig und landet im eisigen Winter 1914 in einem abgelegenen Dorf in den Karpaten, in einer zum Behelfshospital umfunktionierten Kirche, wo ihm die junge Nonne Margarete erst alles beibringen muss. Und als sie sich verlieben, auch das. Eines Tages bringt man ihnen einen bewusstlosen Soldaten, der äußerlich keine Verletzungen aufweist, aber so traumatisiert ist, dass er zu sterben droht. Ein bislang unbekanntes Krankheitsbild, Folge des ununterbrochenen Granatenbeschusses. Lucius entdeckt eine Heilungsmethode, auf die der Soldat anspricht. Aber als ein Aushebungskommando kommt und den Mann wieder an die Front schicken will, trifft Lucius gegen den Rat von Margarete eine folgenschwere Entscheidung.

„Der Wintersoldat ist absolut mitreißend! Daniel Mason seziert die damalige Zeit und den Krieg, die Menschen und die Verwundungen, die Liebe und die Gefühle. Er hat einen Erzählstil, den man sich nicht entziehen kann! „Der Wintersoldat“ zeigt auf erschreckende Weise, was nach dem Schlachtfeld im Großen Krieg folgte. Die zerfetzten Körper in den Gräben und dem Schlachtfeld waren das eine, die andere Seite waren die, die Arme, Beine und Füße verloren, die mit fußballgroßen Wunden angekarrt wurden, Wunden, die mit Läusen übersät waren. Dazu die psychischen Schäden, die die Soldaten erlitten. Es läuft einen fortwährend ein Schauer des Schreckens über den Rücken. Man erfährt aber auch viel über das, was damals in der Medizin möglich war, vor allem mit den wenigen Mitteln während der Kriegszeit, und was nicht. Ein interessanter Einblick in die Medizinwelt von damals. „Der Wintersoldat“ erinnert an „Doktor Schiwago“. Und das ist das allergrößte Lob, das man einem Roman machen kann!

C. H. Beck, 430 Seiten; 24,00 Euro


Wolf Biermann

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Barbara

Barbara

„Barbara« versammelt mehrere Erzählungen. Da ist Ruth Berlau, die tragische Geliebte Brechts, die sich ihre übermächtige Feindin Helene Weigel nicht kleinreden lassen will – und schon gar nicht kleinsingen! Der Autor erzählt die wahre Geschichte von der “beißwütigen Barbara“ und vom Mann, der sich für Rembrandt hält. Vom Ostberliner Stricher, dessen Frau Monika ihm das Brotmesser in den Rücken rammt, oder von seiner Liebesaffäre mit einer zerbrechlichen Geigen-Gitarre. Der nette alte SS-Mann in Ostberlin fragt: Bin ick’n Mensch? Erstmals erzählt der Autor von proletarischer Sexualaufklärung und warum seine Mutter ihn ohrfeigte, ein einziges Mal. In seinem Ostberliner Lotterbett liegt die traumhafte Geliebte Garance, die sich an der langen Leine der Stasi in Westberlin prostituieren muss.

Der 1936 geborene Dichter und Liedermacher Wolf Biermann war die Stimme des Widerstands in der DDR. Ich war gespannt auf seine „Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“. Das Cover hatte auch ihren Reiz und versprach einiges. Doch leider hielten die 18 Kurzgeschichten nicht das, was man sich aus der Feder eines Wolf Biermann versprochen hatte, vor allem, wenn man noch seine klasse Autobiographie vor Augen hat. Manche Geschichten haben ihren Reiz, sie waren hintergründig und spannend verfasst, doch die meisten Geschichten sind literarisches Palaver. Und auch diesen Kurzgeschichten haftet an, dass teils spannende Stoffe kurz und lieblos abgehandelt wurden..

Ullstein, 287 Seiten; 20,00 Euro


Thomas Thiemeyer

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Wicca – Tödlicher Kult

Wicca Tödlicher KultArchäologin Hannah Peters wird von einer Freundin um Hilfe gebeten: Leslie Rickert ist einem uralten Hexen-Kult auf der Spur, der für das Verschwinden mehrerer Jugendlicher verantwortlich sein könnte. Ihre Recherchen führen die beiden Frauen über die berühmte Felsenstadt Petra in Jordanien und die dort wurzelnde Sage vom Baum des Lebens bis an die Küste Südenglands, wo vor Jahrhunderten ein Samen jenes mythischen Baumes gepflanzt worden sein soll. Hannah und Leslie können nicht ahnen, dass nicht nur die Anhänger des Wicca-Kultes über Leichen gehen würden, um ihr Geheimnis zu wahren - sondern auch ein Wesen, für das die Wissenschaft nicht einmal einen Namen hat.

Nach „Medusa“, „Nebra“, „Valhalla“ und „Babylon“ ist „Wicca“ der fünfte Band um die findige Archäologin Hannah Peters. Thomas Thiemeyer lesen heißt großes Hollywood-Kino lesen! Wie eh und je begeistert der deutsche Bestsellerautor mit einem unwiderstehlichen Mix aus Wissenschaft, Action, Mystik und reichlich Spannung. Die Figur der Hannah Peters gibt dem Ganzen dann noch eine besondere Note, denn Hannah Peters hat Mumm und man will ihr immer auf den Fersen bleiben. Ein Hollywood-Produzent sollte dringend die Rechte an den fünf Romanen erwerben und daraus großes Kino machen. Thomas Thiemeyer hat die bestmöglichen Vorlagen dazu geliefert.

Knaur, 485 Seiten; 19,99 Euro


The Washington Post

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Der Mueller Report

Der Mueller Report

Die eminent wichtigen Untersuchungen Robert Muellers fokussieren sich auf Donald Trump, seinen Wahlkampf und die Einmischungen der Russen in die Wahl von 2016. Sie greifen zurück auf zahlreiche Zeugenaussagen und auf die Arbeit der erfahrensten Ermittler der USA. Die Untersuchungen des Sonderermittlers könnten einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Amerikas bedeuten.

Die Ausgabe der „Washington Post“ beinhaltet den Bericht, eine Einführung über den seit 2017 geführten Kampf um die Bewahrung der amerikanischen Demokratie, eine Chronik mit den wichtigsten Ereignissen der Sonderermittlungen, ein Glossar der beteiligten Personen und Institutionen, darunter der Stab des Sonderermittlers, das Justizministerium, das FBI, das Wahlkampfteam von Donald Trump, das Weiße Haus, Trumps Anwaltsteam und die russischen Akteure. Muellers Schlüsseldokumente der Untersuchung, darunter Dokumente zu General Michael T. Flynn, Paul Manafort, Michael Cohen, Roger Stone und zur russischen Internet-Operation. Jedes Dokument wird von den Journalistinnen und Journalisten der „Washington Post“ eingeleitet und erläutert. Der Bericht ist sachorientiert verfasst, daher manchmal etwas zäh, das aber schmälert keinesfalls das Gesamturteil. Die zahlreiche Schwärzung muss man hinnehmen, lassen den Leser aber trotzdem nicht im Dunkeln stehen. Ein politisch höchst interessantes Buch! Es wird als ungeheuer wichtiges zeithistorisches Dokument in die amerikanische Geschichte eingehen.

Ullstein, 1.176 Seiten; 50,00 Euro


Reinhold Messner

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Der Eispapst

Der Eispapst

Wilhelm Welzenbach ist der beste Bergsteiger seiner Zeit. Er durchsteigt viele der großen Eiswände der Alpen, ein Dutzend davon als Erster. Seine farbigen Vorträge darüber fesseln Tausende von Menschen. 1929 fasst er den Entschluss, den 8125 Meter hohen Nanga Parbat im Himalaya zu ersteigen. Aber sein Plan wird von seinen Konkurrenten im Alpenverein, angeführt von Paul Bauer, hintertrieben. Dessen nationale Gesinnung zählt jetzt mehr als Welzenbachs Können und Charakter. Erst 1934 kann Welzenbach an einer deutschen Expedition zum Nanga Parbat teilnehmen. Sie steht allerdings nicht unter seiner Leitung, folgt nicht seinem Plan – und scheitert katastrophal.

Mit „Der Eispapst“ hat Reinhold Messner ein ganz besonderes Buch geschrieben! Es hat etwas von einem Doku-Roman, einem Krimi, einem Drama, ist Bergsteigerroman und zeigt ein historisch interessantes Bild der damaligen Zeit. Gut, dass Reinhold Messner „Die Akte Welzenbach“ nochmals geöffnet hat. Er hat daraus ein spannendes Buch gemacht!

S. Fischer, 416 Seiten; 24,00 Euro


Hörbuch der Woche

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Marie Lamballe

Café Engel – Schicksalhafte Jahre

Café Engel Schicksalhafte Jahre Cover

Wiesbaden, 1951. Das Café Engel hat Konkurrenz bekommen. Neben dem Traditionscafé der Familie Koch hat sich das modernere Café König niedergelassen. Während Hilde Koch vergeblich versucht, ihre Eltern von einer Modernisierung des Cafés zu überzeugen, droht auch ihre hart erkämpfte große Liebe zu scheitern. Um das Glück ihres Bruders August steht es nicht besser. Nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft fällt seine Wahl ausgerechnet auf eine junge Russin, deren Ankunft die Familie zu spalten droht.

„Café Engel“ ist eine Nachkriegssaga, die berührt, begeistert und einen in das langsam aufflammende Wirtschaftswunder-Deutschland entführt! Nach dem Krieg ging es wieder bergauf in Deutschland, Marie Lamballe macht sich das zum Thema und verlegt ihre Geschichte in ein Café in Wiesbaden, was ein guter Erzählkniff ist. Man erlebt dort mit, wie es den Menschen ergeht, ihre Wünsche, Träume und die Aussicht auf Veränderung. Nach dem ersten Teil „Eine neue Zeit“ setzt Marie Lamballe die Saga in „Schicksalhafte Jahre“ mitreißend fort. Gelesen wird dieser Roman von Irina Scholz, Sprecherin von Hörbüchern, Radio- und Fernsehbeiträgen. Irina Scholz findet den richtigen Ton für die Zeit und die Figuren! Hörprobe 17:06 Min.

Café Engel Schicksalhafte Jahre

 

Auch als Taschenbuch erhältlich bei Bastei Lübbe, 10,00 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 437 Minuten; 16,00 Euro


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