Kolumne vom 02.04.2018 - Nr.502 


Nickolas Butler

daumen rauf

Die Herzen der Männer

Die Herzen der Männer

In den Augen seines Vaters ist Nelson eine Enttäuschung. Wer will schon ein Kind, das weder Freunde noch Selbstbewusstsein besitzt? Irgendwann lässt der Vater seinen Sohn und seine Frau zurück. Doch Nelson ist nicht ganz allein. Jonathan, sein bester Freund aus dem Pfadfinderlager, ist das genaue Gegenteil von Nelson: bei allen beliebt, pragmatisch und mit einer unverwüstlichen Leichtigkeit ausgestattet. Was aber treibt jemanden wie Jonathan dazu, sich mit einem Außenseiter anzufreunden? Und stand Jonathan wirklich immer so rückhaltlos zu ihm? Das Leben im rauen Wisconsin verlangt Nelson, Jonathan und dessen Familie Prüfungen ab, die Freundschaft und Loyalität auf eine harte Probe stellen.

„Die Herzen der Männer“ ist von Anfang bis Ende mit einem Pfadfinderlager im ländlichen Wisconsin verknüpft. Von hier aus breitet Nickolas Butler seinen berührenden Roman über die Herzen der Männer, aber auch der Frauen aus. Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Jahr 1962, setzt sich 1996 und dann 2019 fort. In jedem Jahr lernt man Anhand der Protagonisten auch die damalige und heutige Zeit kennen. Was sich im Abstand von jeweils gut 30 Jahren alles verändert hat, vor allem wie sich die Jungendlichen verändert haben. Die Männer, die Eltern haben irgendwie immer die gleichen Probleme mit ihren Kindern, mit der Liebe und auch mit dem Leben. Man sieht wie aus ungestümen Jungen kräftige Männer werden, die dann selbst Kinder bekommen, wie das Leben ihnen allen einen Strich durch die Rechnung macht, und auch wieder nicht, denn das Leben ist nun mal keine grade Linie. Die Liebe ist dabei immer ein wichtiger Teil. Sie kommt, sie geht, wie das Leben ist auch die Liebe keine gerade Linie. „Das Herzen der Männer“ ist eine Geschichte, die sich tief in mein Herz eingegraben hat. Eine wunderbarer, schlicht genialer Roman! Einer der besten Romane dieses Bücherfrühjahres.

Klett-Cotta, 477 Seiten; 22,00 Euro


Jürgen Seidel

daumen runter

Die Rettung einer ganzen Welt

Die Rettung einer ganzen Welt

New York City, Ende der 90er-Jahre: Bei einem Familientreffen erinnert sich die Jüdin Bella Servos an ihre Jugend in Berlin, findet aber kaum mehr interessierte Zuhörer. Zeit und Geschichte sind über ihr Leben hinweggerollt, die Töchter längst in einer anderen Welt angekommen. Dabei gäbe es die Familie gar nicht, hätte der arabische Arzt Dr. Fareed während des Zweiten Weltkriegs Bella nicht vor der Deportation durch die Nationalsozialisten gerettet. Vor Bellas geistigem Auge entsteht die Welt von damals: die Welt ihrer Eltern, ihrer Schulfreundinnen, ihres selbstlosen Retters und natürlich auch die von Joost, ihrer großen Liebe.

Die Idee des Romans ist nicht neu, aber seine Geschichte hört sich sehr vielversprechend an. Ist sie dann eigentlich auch. Eigentlich. Sie behandelt wichtige Themen, die damals wie auch heute wieder aktuell sind. Aber vor allem dreht es sich um die Nazizeit und das was den Juden dort Schreckliches angetan worden ist. Das dachte ich zumindest, und daher wurden meine Erwartungen leider nicht erfüllt. Die Gründe: es dreht sich in der Geschichte um noch so vieles andere, vor allem im Heute, und auf das ich gänzlich verzichten können. Auch begeht Jürgen Seidel gleich zu Anfang einen gravierenden Erzählfehler, den ihm das Lektorat tatsächlich hat durchgehen lassen. Er stellt auf drei, vier Seiten über zehn Personen vor. Da schwirrt einem der Kopf. Wer wer ist, das verfliegt schnell. Anstatt dass er die Geschichte und die Figuren sorgfältiger aufbaut, springt Jürgen Seidel stümperhaft hin und her. Der Roman enthält so viel Gutes, daher sind diese Erzählfehler und die verzichtbaren Ausschweifungen ins Heute, die mich den Roman negativ bewerten lassen, so einschneidend für mich. „Die Rettung der Welt“ wäre ansonsten ein kleines Juwel geworden.

dtv, 478 Seiten; 16,90 Euro


Ferdinand von Schirach

daumen rauf

Strafe

StrafeWas ist Wahrheit? Was ist Wirklichkeit? Wie wurden wir, wer wir sind? In diesem Buch werden zwölf Schicksale geschildert. Aber eigentlich sind es ja viel mehr, denn es gib immer mehrere Seiten, die es zu betrachten gilt. Es ist oft schwer, einem Menschen gerecht zu werden und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ sind. Die Geschichten erzählen in ruhiger und distanzierter Gelassenheit von Einsamkeit und Fremdheit, von dem Streben nach Glück und dem Scheitern.

Der große Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, der Spaziergänge durch die Stadt liebt, aber durch den Wald grässlich findet, ist ein eloquenter, interessierter und aufgeweckter Gesprächspartner und Zuhörer. Das merkt man auch seinen Charakteren und Geschichten an, denn sie verraten unheimlich viel über die Menschen, ihre Gefühle und ihre Abgründe. Gleich in der ersten seiner zwölf Stories erfährt man, was der Vor- und Nachteil eines Schöffen ist, und wie das Schöffendasein auch eine Art Gefängnis darstellt; in einer weiteren Geschichte erleben wir eine a la John Grisham. Ein abgehalfterter Anwalt übernimmt einen aussichtslosen Mordfall und überrascht im Gericht mit einem Detail, das keinem zuvor aufgefallen war; eine andere Story handelt von einem kleinen Mann, der es hasst klein zu sein. Als das Leben ihm dann plötzlich eine illegale Chance bietet, über seine Körpergröße hinauszuwachsen, ergreift er sie. Mit Erfolg? Und auch alle andere Stories zeigen dem Leser überraschende Rechtsfälle auf. Ferdinand von Schirach schafft es erneut, mit stilistisch feiner Feder von der „Strafe“ die dem Menschen zu Teil wird, zu erzählen. Doch wer wird hier wirklich bestraft? Ist es immer der Täter? „Strafe“ bietet zwölf Stories, die unter die Haut gehen!

Luchterhand, 192 Seiten; 18,00 Euro


Domenico Starnone

daumen rauf

Auf immer verbunden

Auf immer verbundenVanda und Aldo können auf ein langes gemeinsames Leben zurückblicken, auch wenn sie nicht immer glücklich waren. Wie bei vielen Paaren erstickte auch ihre Beziehung irgendwann in Routinen. Als Aldo dann die jüngere Lidia kennenlernt, scheint die Ehe endgültig zerbrochen. Doch die neue Liebe kann die Bande, die die Kinder geknüpft haben, nicht lösen, und so kehrt Aldo nach Hause zurück. Inzwischen sind seit dem Bruch Jahrzehnte vergangen, und die Wunden der einstigen Verletzungen scheinen geheilt - bis zu jenem Tag, als die alte Narbe plötzlich schmerzhaft aufbricht ...

Die Liebe kann den Himmel auf Erden bedeuten, aber auch zu einem Minenfeld werden, das bei jedem Schritt einen Teil von einem abreißt. Liebe ist ein langer Weg, der nur allzu oft nicht das hält, was man sich davon versprochen hat. Zwei Menschen können sich, trotz der großen Liebe, so unterschiedlich weiterentwickeln, dass das Pflänzchen Liebe, das man jeden Tag aufs Neue pflegen muss, nach und nach verdörrt. Davon erzählt „Auf immer verbunden“. Ein absolut ehrlicher Roman über die Liebe!

DVA, 172 Seiten; 18,00 Euro


Ulrich Chaussy

Rudi Dutschke – Die Biographie

Rudi Dutschke Die Biographie

„Achtundsechzig“ ist in der Bundesrepublik mit dem Namen Rudi Dutschke verbunden. Er war Gesicht und Stimme der deutschen Studentenbewegung, repräsentierte Aufbruch und Generationenkonflikt wie kein zweiter. Die Biographie zeichnet das Bild eines mitreißenden Menschen, dem nur wenige Jahre öffentlichen Wirkens gegönnt waren, bis ein Rechtsradikaler ihn bei einem Attentat schwerst verletzte. Niemand anders hat der 68er-Bewegung so sehr seinen Stempel aufgedrückt wie Rudi Dutschke (1940-1979). Mit ihm ist die Revolte der Studenten mehr als nur verbunden – seine individuelle Biografie ist mit dem Verlauf einer kollektiven Bewegung eins geworden insbesondere durch das Attentat vom Gründonnerstag 1968, das er nur um Haaresbreite überlebte und an dessen Spätfolgen er schließlich starb.

Wer sich mit der 1968er-Bewegung in Deutschland beschäftigt, dem ist der Name Rudi Dutschke unweigerlich ins Gedächtnis gebrannt. Über diesen engagierten und klugen Mann hat Ulrich Chaussy nun eine zeitgeschichtlich interessante und spannende Biographie geschrieben. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, so sehr fesselt einen der Lebensweg des Rudi Dutschke. Ulrich Chaussy hat mit dieser Biographie ein eindrucksvolles Werk geschrieben.

Droemer, 448 Seiten; 19,99 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Jörg Maurer

Am Abgrund lässt man gern den Vortritt

Am Abgrund lässt man gern den Vortritt mp3

Kommissar Hubertus Jennerwein gönnt sich eine Auszeit. Aber schon vor der geplanten Abreise trifft er auf dem Bahnhof einen Kommissar-Kollegen aus dem Allgäu und wird aufgehalten. Dann erreicht Jennerwein ein Hilferuf aus dem Kurort: Ursel Grasegger, Bestattungsunternehmerin a. D., hat eine blutige Morddrohung gegen Ignaz erhalten. Ihr Mann ist seit Tagen unauffindbar. Ist er in den Händen von Entführern? Oder hat er heimlich etwas Illegales geplant, was nun schiefgegangen ist? Jennerwein verspricht Ursel, Ignaz' Spur außerdienstlich zu verfolgen – und auf einmal steht Jennerwein vor dem Abgrund seiner Polizeikarriere …

„Am Abgrund lässt man gern den Vortritt“ ist der zehnte Fall für den Kult-Kommissar Hubertus Jennerwein. Ein spannender, sehr ereignisreicher und zum Schmunzeln animierender Krimi! Mafia, Clowns und ein ungeheuerliches Vorgehen bei der Krankenversicherung. Das sind die großen Schlaglichter von „Am Abgrund lässt man gern den Vortritt“. Aber es gibt natürlich noch so viel mehr, was im zehnten Fall vom Jennerwein so alles passiert. Ein besonderes Schmankerl ist der Auftritt des anderen bayerischen Kult-Kommissars, Kluftinger. Das liegt weniger an dem, was er in Verbindung mit Jennerwein macht, denn das ist nicht viel, als in der Interpretation von Jörg Maurer. Er liest die Stellen in einem herrlichen Allgäuer Dialekt. Schmunzeln XXL! Doch nicht nur diese Textstelle ist gut gelesen, sondern der ganze Roman. Eine Lesung wie eine bayerische Theateraufführung! Jörg Maurer kann’s. Zum Hörbuch gibt es noch eine Bonus-CD, mit Auszügen aus den ersten neun Alpenkrimis. Hörprobe

Am Abgrund lässt man gern den Vortritt



Auch als Paperback erhältlich bei Scherz, 14,99 Euro.

Argon Hörbuch, 7 CDs, 546 Minuten; 19,95 Euro


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