Kolumne vom 10.10.2016 - Nr. 425


Reif Larsen

daumen rauf

Die Rettung des Horizonts

Die Rettung des Horizonts

1975 erblickt Radar Radmanovic in New Jersey das Licht der Welt. Nicht weiter ungewöhnlich, hätte der Junge weiße Haut wie seine Eltern und nicht dunkle. Kein Arzt in den USA kann diesen Störfall der Biologie erklären. In der Hoffnung auf Heilung reist die Familie in die norwegische Arktis zu einer mysteriösen Gemeinde von Puppenspielern. Dort experimentiert man mit bestimmten Formen der Elektroschockbehandlung, die es ermöglichen soll, Radars Hautfarbe zu ändern. Nach der Behandlung ist seine Haut zwar heller, aber er ist Epileptiker, und ist, wie sich im Laufe der Jahre herausstellt, sehr empfänglich für alle Arten von Elektrizität. Und dann gibt es da die unterschiedlichsten Menschen, die eine Gegenwelt zu Krieg und Gewalt aufbauen wollen. Und Radar, inzwischen erwachsen geworden, ist der ungewollte Mittelpunkt dieser verrückten Bewegung.

Wer „Die Karte meiner Träume“ gelesen hat, dachte tatsächlich, in einer anderen Lesewelt zu sein. Ein Roman, den man garantiert nie wieder vergisst. Und der Autor dieses fantastischen Romans legt nun seinen zweiten vor: „Die Rettung des Horizonts“. Der Roman ist nicht weniger als genial! Reif Larsen kann ganz normale Dinge zu literarischen Gemälden aufbauen. Eine herrliche, erstaunliche und aberwitzige Geschichte, tiefgründig, weise, und ein Genremix aus einem Familien-, Gesellschafts- und Liebesroman mit einem Hauch Science Fiction. Eine Geschichte, die zeigt, dass man das Leben bewahren soll, so wie es ist, und noch so viel mehr. Sie führt einen von New Jersey nach Norwegen, macht Halt in Bosnien und Kambodscha, und endet in Afrika. Reif Larsen ist wieder ein genialer Roman gelungen, der Haken schlägt und einen erst ruhen lässt, wenn die letzte Seite gelesen ist. Doch das stimmt nicht so ganz, die Geschichte vergisst man so schnell nicht mehr. Da schließt sich der Kreis.

S. Fischer, 768 Seiten; 26,00 Euro


Jan Snela

daumen runter

Milchgesicht

MilchgesichtDie Protagonisten dieses Buches sind moderne Nomaden in einem zur Wüste gewordenen Alltag. Völlig aus der Zeit gefallen, schaffen sie sich als zumeist grundlos fröhliche Desperados ihre eigenen Mythen, denen improvisierte Weltordnungen entspringen. Bastelend und hinkend, stolpernd und stotternd kommen sie in triumphaler Selbstauflösung an den Rand dessen, was man eine „Existenz“ nennt. Aber auch für sie gibt es kein richtiges Leben im Falschen – vielleicht jedoch ein anderes.

Der Münchner Jan Snela stellt sich mit seinem Debüt von Kurzgeschichten als literarischer Akrobat heraus. Er jongliert mit Wörtern und Sätzen, dass es nur so eine Schau ist. Doch bei der ganzen Akrobatik vergisst er, spannende Geschichten zu erzählen. Von den zehn Storys erfüllen einige das Kriterium nicht nur literarisch akrobatisch zu sein, sondern sie vermitteln auch eine gewisse Spannung und Witz. Doch die anderen Storys sind literarisch schön, aber ansonsten wenig ansprechend. Das alleine reicht eben nicht. Trotz allem ist Jan Snela eine junge deutsche Stimme, die man sich durchaus merken kann. Wenn er mal einen großen Roman vorlegt, dann wird man sehen, ob Jan Snela mehr als nur schön schreiben kann.

Klett-Cotta, 181 Seiten; 17,95 Euro


Amelie Fried

daumen rauf

Ich fühle was, was du nicht fühlst

Ich fühle was was du nicht fühlst 1975. Die 13-jährige India lebt mit ihren Hippie-Eltern und ihrem Bruder Che in der bürgerlichen Umgebung einer süddeutschen Kleinstadt. Intelligent und mit spöttischem Scharfblick betrachtet sie die Welt der Erwachsenen und durchschaut deren Lebenslügen. Ihr Nachbar, ein Musiklehrer, überredet sie zu Klavierstunden und entdeckt ihre große musikalische Begabung. Während ihre Eltern mit einer Ehekrise beschäftigt sind und Che in die Kriminalität abzudriften droht, entsteht zwischen India und ihrem Lehrer eine einzigartige Verbindung, getragen von der Liebe zur Musik. Doch in einem einzigen Moment zerstört er ihr Vertrauen, und India muss sich nun entscheiden: soll sie darüber reden oder für immer schweigen.

In India werden Sie sich sofort verlieben! Was die 13-jährige India in ihrer ganz eigenen Familiewelt erlebt, das lässt einen schmunzelnd, aber auch nachdenklich zurück. Man ist froh, dass man selbst nicht solch eine Kindheit mit solchen Eltern hatte. Oder ist die totale Freiheit doch die bessere Erziehungsmethode? Man erfährt auch von den langen Schatten der Vergangenheit der Familie. Ein Opa war Nazi, der andere Jude. Doch es gibt noch weitere Opfer und Täter. Das zieht sich durch die ganz Geschichte. Bestsellerautorin Amelie Fried fängt das Alltagsleben von Indias Familie im Jahr 1975 sehr gut ein. Sie erzählt das ganz normale Alltagsleben mit der Stimme von India total spannend. Amelie Fried weiß wovon sie schreibt, denn sie war 1975 17 Jahre alt und hat die damalige Zeit selbst erlebt.

Heyne, 399 Seiten; 16,99 Euro


Benjamin Monferat

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Der Turm der Welt

Der Turm der WeltOktober 1889: Die Pariser Weltausstellung geht dem Ende zu. Millionen von Menschen wollen Zeuge des Spektakels werden. Die brisante internationale Lage scheint für einen Augenblick vergessen. Und doch würde gerade hier, im bunten Gewimmel der Nationen und Interessen, ein Funke genügen, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Ausgerechnet da werden zwei Ermittler des französischen Geheimdienstes tot aufgefunden - sie waren einer Verschwörung auf der Spur. Was niemand weiß: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger Besucher der Ausstellung eng verknüpft.

Der Deutsche Benjamin Monferat konnte schon mit seinem Roman „Welt in Flammen“ begeistern. Damit wandelte er auf den Spuren eines Ken Follett. Sein neuer Roman „Der Turm der Welt“ ist ihm nicht weniger gelungen. Ein echtes Lesefest! Ein tolles Setting, eingängige Charaktere, aufregende historische Details und durchweg Spannung vom Feinsten. Alles vereint in „Der Turm der Welt“.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Audiobuch, Wolfgang Berger liest die ungekürzte Lesung (27 Stunden) mit großer stimmlicher Hingabe. 21,99 Euro.

Wunderlich, 698 Seiten; 22,95 Euro


Morten A. Strøksnes

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Das Buch vom Meer

Das Buch vom Meer

Zwei Freunde wollen aus den Tiefen des Nordatlantiks einen Eishai ziehen, jenes sagenumwobene Ungeheuer, das sich nur selten an der Oberfläche zeigt. Während sie warten, branden wie Wellen die Meeresmythen und Legenden an das Boot, und Morten A. Strøksnes erzählt von echten und erfundenen Wesen, von Quallenarten mit dreihundert Mägen, von Seegurken und Teufelsanglern. Von mutigen Polarforschern, Walfängern und Kartografen und natürlich vom harten Leben an arktischen Ufern, vom Skrei, der vielen Generationen das Überleben auf den Lofoten sicherte, von der Farbe und dem Klang des Meeres.

Man riecht das Meer, man sieht die Wellen, man spürt das Schwanken des Bootes, man sitzt als Leser mit im Boot und erlebt ein großes Abenteuer auf See. „Das Buch vom Meer“ bietet aber noch viel mehr, es ist ein weises Buch. Wer das Meer liebt, wird auch dieses Buch lieben. Wem es bisher fremd war, wird überrascht sein. Man erfährt sehr viel Interessantes, Unglaubliches über das Meer, das siebzig Prozent unseres Planeten ausmacht. Der Norweger Morten A. Strøksnes hat mit diesem Buch einen Nr.-1-Bestseller in Norwegen gelandet und das Buch erscheint in über15 Ländern.

DVA, 366 Seiten; 19,99 Euro


Hörbuch der Woche

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Max Bentow

Der Traummacher

Der Traummacher

Simona ist eine lebenslustige junge Frau und im Begriff, gemeinsam mit ihrer Freundin Alina eine Werbeagentur in Berlin aufzubauen – bis sie eines Nachts auf tragische Weise ihrem Herzleiden erliegt. Ihre Mutter ist fortan eine gebrochene Frau, die das Trauma nicht überwinden kann: Sie hört Simonas Stimme und wird von schrecklichen Fantasien verfolgt. Doch dann ereignet sich etwas Unfassbares – sie wird im Keller ihres Hauses auf bestialische Weise ermordet, ihr Körper ist mit Biss-Spuren übersät. Nils Trojan und sein Team schockiert was sie vorfinden. Doch dies ist erst der Anfang, denn wenig später wird auch Alina in einer verlassenen Turnhalle am Rande Berlins tot aufgefunden …

Nach den Bestsellern u. a. „Der Federmann“ „Die Totentänzerin“ und „Das Dornenkind“ nun der neue Fall für den Berliner Kommissar Nils Trojan. „Der Traummacher“ ist ein ungewöhnlicher, ja ein außergewöhnlicher Thriller! Er wandelt nicht auf den Spuren gängiger Thriller. Bestsellerautor Max Bentow baut die Story ganz anders auf. Was den Leser überrascht und ihn bis zum Ende bei der Stange hält. Auch die Figur des Nils Trojan und sein Privatleben fesseln einen wieder. Wie es mit ihm weitergeht, das will man unbedingt erfahren. Der Autor liest das Hörbuch selbst. Max Bentow hat nicht nur ein Schreibtalent, sondern auch ein Sprechertalent. Tiefgründig liest er seinen eigenen Thriller. Weibliche Unterstützung liefert Yara Blümel.

Auch als Paperback erhältlich bei Goldmann, 14,99 Euro.

Der Hörverlag, 1 MP3 CD, 620 Minuten; 14,99 Euro


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