Kolumne  07.11.2016 - Nr. 429


Nele Neuhaus

daumen rauf

Im Wald

Im Wald

Mitten in der Nacht geht im Wald bei Ruppertshain ein Wohnwagen in Flammen auf. Aus den Trümmern wird eine Leiche geborgen. Oliver von Bodenstein und Pia Sander vom K11 in Hofheim ermitteln zunächst wegen Brandstiftung, doch bald auch wegen Mordes. Kurz darauf wird eine todkranke alte Frau in einem Hospiz ermordet. Bodenstein kannte die Frau seit seiner Kindheit. Die Ermittlungen führen Pia und ihn vierzig Jahre in die Vergangenheit, in den Sommer 1972, als Bodensteins bester Freund Artur spurlos verschwand. Ein Kindheitstrauma, das er nie überwand - und für viele Ruppertshainer eine alte Geschichte, an die man besser nicht rührt. Es bleibt nicht bei zwei Toten …

Nele Heuhaus liefert wieder ein Spannungs-Highlight, von dem man die Seiten nur so wegliest! Nele Neuhaus’ Figuren sind vielschichtig und innerlich zerrissen. Die Komplexität ihrer Figuren treibt die Geschichte an und nimmt viel Raum ein. Auch die Dialoge haben wieder große Strahlkraft, auch sie werden nicht kurz, sondern lang gehalten. Nele Neuhaus’ Stil eben. „Im Wald“ dreht sich alles um eine weit zurückreichende Tat, in die auf eine ganz besondere Art sehr viele Menschen involviert sind. Und jeder trägt die Schuld mit sich herum – Jahrzehnte lang. „Im Wald“ lässt es an düsterer Atmosphäre und vielen spannenden Momenten nicht missen.

Ullstein, 553 Seiten; 22,00 Euro


Olga Martynova

daumen runter

Der Engelherd

Der EngelherdEs geht um die Liebe zwischen dem Schriftsteller Caspar Waidegger und der jungen Laura, die über ihn ihre Doktorarbeit schreibt. Es geht um die Frage, wie frei oder gefangen wir sind. Um Waideggers behinderte Tochter. Um Familie und Verantwortung also und die Frage, was normal ist und was verrückt. Es geht aber auch um unsere Vergangenheit, die in die deren Tochter von Euthanasie-Ärzten ermordet wird. Um Schuld also geht es. Und es geht um Engel, die entsetzt auf unsere Grausamkeit starren, die rätseln über unser Tun und uns nicht beschützen können.

Olga Martynova ist in Sibirien geboren, 1991 nach Deutschland gekommen, und mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet worden. „Der Engelherd“ ist ihr neuestes Werk. Die Geschichte hörte sich sehr vielversprechend an. Eine tragische, literarische Liebesgeschichte hatte ich mir vorgestellt. Natürlich kommt die Liebe vor, aber Olga Martynova verfängt sich leider viel zu oft in Nebensächlichkeiten und lässt es an Spannung und Konsequenz vermissen. Auch verliebt sich die Autorin in ihre eigene Sprache, und erzählt nur noch des Erzählens willen. Und dann sind da noch die Engel. Hier wird es spirituell. Mir viel es schwer, dieser Geschichte noch zu folgen.

S. Fischer, 368 Seiten; 23,00 Euro


Nathan Hill

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Geister

Geister Ein Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers verändert schlagartig das Leben des Literaturprofessors Samuel Anderson. Er, der als kleines Kind von seiner Mutter verlassen wurde, soll nun für sie bürgen: Nach ihrem tätlichen Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten verlangt man von ihm, die Integrität einer Frau zu bezeugen, die er seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen hat. Ein Gedanke, der ihm zunächst völlig abwegig erscheint. Doch Samuel will auch endlich begreifen, was damals wirklich geschehen ist.

„Geister“ ist ein moderner Gesellschaftsroman, der unser aktuelles Leben einer Bestandsaufnahem unterstellt und zugleich Jahrzehnte zurück geht und auch dort zeigt, wie die Zeit die Menschen geformt hat, was Auslöser waren, um dies und jenes zu tun. Jede Entscheidung fordert am Ende etwas ein. Nathan Hill erzählt in der großen Geschichte viele kleine Geschichten und fesselt einen so über 850 Seiten lang! Nathan Hill überzeugt in seinem Debüt mit seinem außergewöhnlichen Ton. Er beschreibt lange und ausführlich, die Dialoge zwischen den Personen gehen oft über mehrere Seiten, und was bei anderen Autoren ermüdend wäre, ist bei Nathan Hill erfrischend. „Geister“ ist ein literarisches Kunstwerk!

Piper, 858 Seiten; 25,00 Euro


Liao Yiwu

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Die Wiedergeburt der Ameisen

Die Wiedergeburt der AmeisenIn diesem Roman verwebt Liao Yiwu die Geschichte seiner Familie mit der seines Heimatlandes China, das ihn verstoßen hat. Liao Yiwu saß im Gefängnis, in der Falle des totalitären Wahnsinns, und erfuhr Folter und Demütigung, nur weil er Gedichte schrieb. Allein sein Lieblingsbuch, das wundersame chinesische Orakel „I Ging“, half ihm die Hölle der Gefangenschaft zu überleben.

 

Ein überwältigender, eindringlicher, traurig machender und Hoffnung schenkender Roman! Man erfährt viel über die jüngere Geschichte Chinas und ist erschüttert was Liao Yiwu hat erleiden müssen. „Die Wiedergeburt der Ameisen“ ist in einem literarisch schönen Ton verfasst. Liao Yiwu beweist auch in der erdrückenden Macht der Ungerechtigkeit schriftstellerische Qualitäten, die beeindrucken. Eine Geschichte, die einem noch lange in Erinnerung bleibt!

S. Fischer, 573 Seiten; 28,00 Euro


James Matthew Barrie / Tatjana Hauptmann

daumen rauf

Peter Pan

Peter-Pan James Matthew Barrie - Tatjana Hauptmann

Peter Pan, die Geschichte vom Jungen, der nicht erwachsen werden wollte – ursprünglich für Erwachsene geschrieben, dann aus keinem Kinderzimmer mehr wegzudenken. Generationen von Lesern haben begeistert die Abenteuer des fliegenden Jungen verfolgt, der Wendy und ihre Brüder mit nach Nimmerland nimmt, wo sie gemeinsam gegen den bösen Kapitän Hook kämpfen.


„Peter Pan“ wurde 1911 von dem Schotten James Matthew Barrie (1860 – 1937) geschrieben. Die Geschichte kennt jedes Kind. Ein Klassiker der Weltliteratur! Und diesen Klassiker hat Diogenes nun neu aufgelegt, in einem wunderschönen Leinenband, der sich in einem schönen Schuber befindet. Der Band enthält zauberhafte Zeichnungen von Tatjana Hauptmann. Sie machen aus dem Buch schon fast einen farbenfrohen Kinofilm.

Diogenes, 208 Seiten; 34,00 Euro


Hörbuch der Woche

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Charlotte Lucas

Dein perfektes Jahr

Dein perfektes JahrWas ist der Sinn deines Lebens? Falls Jonathan Grief jemals die Antwort auf diese Frage wusste, hat er sie schon lange vergessen. Johannes ist Verlagschef eines Hamburger Literaturverlags. Viel Arbeit, wenig Privatleben, ein eingefahrener Alltag, einen kranken Vater. Doch als Johannes auf einer Bank ein fremdes Filofax findet mit vielen Terminen für das nächste Jahr, ändert sich sein Leben komplett. Für Hannah Marx ist der Sinn des Lebens klar, das Gute sehen. Die Zeit voll auskosten. Das Hier und Jetzt genießen. Und vielleicht auch so spontane Dinge tun. Doch als ihr Freund stirbt, ist für Hannah nichts mehr so, wie es einmal war. Sie hatte zuvor noch ein Filofax für ihren Freund mit Terminen ausgefüllt, um ihm Mut zu machen, doch das findet sie nun nur noch dumm. Und außerdem hat das Filofax nur irgend so ein Fremder gefunden …

Charlotte Lucas ist das Pseudonym von der Bestsellerautorin Wiebke Lorenz, die auch als die eine Hälfte von Anna Hertz bekannt ist. „Dein perfektes Jahr“ ist eine Geschichte die einen weinen lässt, dann jubeln, dann lachen, dann wieder todtraurig sein, doch schon kommt wieder die Hoffnung um die Ecke und lässt einen applaudieren, dass man am Leben ist und man erkennen soll, dass man nur ein Leben hat, und dass man dieses schätzen soll und wenn irgend möglich das tun soll, was einen glücklich macht. Denn der Tod kommt früh genug, und dann will man sich nicht vorwerfen, ein Leben geführt zu haben, das man gar nicht wollte. Diese sehr eindringliche Geschichte über den Sinn des Lebens lesen voller Melancholie und Freude das exzellente Sprecherduo Devid Striesow und Anna Thalbach.

Auch als Hardcover erhältlich bei Lübbe, 16,00 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 432 Minuten; 16,99 Euro


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