Kolumne vom 14.11.2016 - Nr. 430


Simon Beckett

daumen rauf

Totenfang

Totenfang

Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Als an einer Flussmündung zwischen Seetang und Schlamm eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Der Spross der einflussreichsten Familie der Gegend soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt: Leo steht im Verdacht, Emma Darby und schließlich sich selbst umgebracht zu haben. Doch David Hunter kommen Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche.

Endlich ist er zurück – die Thriller-Ikone der Neuzeit: David Hunter! Mit „Totenfang“ kehrt Simon Beckett wieder zu seinen Anfängen zurück. In Teilen liest er sich wie „Die Chemie des Todes“. Und das freut den geneigten Thriller-Leser außerordentlich. Das, was man an Becketts Hunter-Romanen liebt kommt hier nicht zu kurz: das ausführliche Beschreiben vom „Auflösen“ des Menschen durch die vielen Insekten und kleinen Tierchen, die sich nach dem Tod an der Leiche laben. „Totenfang“ berstet jetzt nicht vor Spannung, Beckett baut eher leise und ruhig Spannung auf und lässt die Geschichte in einer gekonnten Auflösung enden.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Der große Geschichtenerzähler Johannes Steck liefert wieder eine bravouröse Simon-Beckett-Lesung ab! 22,90 Euro.

Wunderlich, 554 Seiten; 22,95 Euro


Lars Kepler

daumen runter

Playground

PlaygroundJasmin Pascal-Andersson, Lieutenant in der schwedischen Armee, wird bei einem Kriegseinsatz schwer verwundet. Vierzig Sekunden lang steht ihr Herz still. Nach der Reanimation leidet sie an Halluzinationen, die Ärzte attestieren ihr ein posttraumatisches Stresssyndrom. Eine schwierige Rekonvaleszenzzeit steht ihr bevor, und zurück in Stockholm entscheidet sie sich, aus dem Militärdienst auszutreten, um ein ruhigeres Leben zu führen. Sie findet einen Job als Sekretärin, bringt wenig später ein Kind zur Welt. Alles scheint in bester Ordnung. Doch als Jasmin mit ihrem Sohn in einen furchtbaren Autounfall verwickelt wird, kehren die Halluzinationen zurück ...

Das schwedische Autorenteam Lars Kepler war mit ihrem Ermittler Joona Linna bisher eine sichere Bank im Thriller-Genre. Daher waren meine Erwartungen an ihren neuen Thriller „Playground“ erwartungsgemäß hoch. Es folgte eine bittere Enttäuschung. „Playground“ ist eher ein Fantasy-Thriller, aber keiner, der im Hier und Jetzt spielt. Jasmins Wanderungen im „Totenreich“, das war dann doch etwas zu viel. Man hätte aber natürlich auch aus diesem Thema einen durchaus spannenden Thriller machen können, ohne zu sehr die Fantasy-Ebene zu bemühen, leider ist das Lars Kepler nicht gelungen. „Playground“ bietet interessante Ansätze, aber keine Hochspannung.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Osterwold Audio. Vera Teltz holt mit ihrer markanten Stimme aus der Story alles heraus, was als Sprecherin möglich ist. 19,99 Euro

Piper, 460 Seiten; 16,99 Euro


Robert Hilburn

daumen rauf

Johnny Cash – Die Biografie

Johnny Cash  Die Biografie Das Leben von Johnny Cash war eine Achterbahnfahrt zwischen Weltruhm und Drogenabsturz, religiösem Eifer und Entzug. Der Südstaaten-Farmersohn entdeckte seine Liebe zur Gitarre und zur Musik während seines Aufenthalts als US-Soldat in Deutschland. Bereits Ende der sechziger Jahre war er erfolgreicher als die Beatles. 48-jährig erhielt er 1980 als jüngster lebender Künstler die höchste Auszeichnung der Country-Musik: die Aufnahme in die Country Music Hall of Fame. Der Autor lernte Cash 1968 beim legendären Konzert im Folson Prison kennen, über das er als einziger autorisierter Pressevertreter berichtete.

Robert Hilburn lässt die Musiklegende Johnny Cash lebendig werden! Ein Buch, das sich liest wie ein Gesellschaftsroman, der sich weit über ein halbes Jahrhundert erstreckt. Natürlich spielt die Musik die absolute Hauptrolle, aber es gibt in der Geschichte auch viele interessante Nebenrollen. Allen voran natürlich die Liebe, die war essenziell für J. R. Dann das sich verändernde kulturelle Amerika, die sich verändernde Gesellschaft, das Drama, das Dunkle, das von Johnny Cash immer wieder Besitz ergriff. Aber auch die vielen guten Seiten von J. R., der in seinem Leben zu den Schwachen hielt und versuchte, deren Leben mit seinen Mitteln zu verbessern. Johnny Cashs Leben ist so unglaublich, dass man manchmal wirklich meint, das kann doch alles nur ein Film sein, wobei der Drehbuchschreiber eine sehr kreative Zeit gehabt hatte. Fühlen Sie den Rhythmus der Musik und des Lebens mit dieser sagenhaft guten Biografie von Johnny Cash!

Berlin Verlag, 832 Seiten; 34,00 Euro


Janine di Giovanni

daumen rauf

Berichte aus Syrien

Bericht aus SyrienÜber fünf Jahre dauert bislang der brutale Krieg in Syrien. Wie konnte er zu so einem aussichtslosen Konflikt werden? Warum sind über 4,6 Millionen Menschen auf der Flucht? Die Autorin berichtet unmittelbar aus dem Inneren des Landes: Sie erzählt aus der Perspektive der Menschen dort, u.a. von Nada, einer jungen Sunnitin, die Assads Gefängnisse knapp überlebt hat, und von Hussein, der aktiv im Widerstand war, aber auch von Anhängern des Regimes, die sich Syrien nicht ohne Assad vorstellen können. Und sie zeigt, wie aus friedlichen Protesten 2011 einer der blutigsten Konflikte unserer Zeit wurde.

„Berichte aus Syrien “ ist ein Bericht aus der Hölle! Und diese Hölle ist in unserer europäischen Nachbarschaft. Die Kriegsreporterin Janine di Giovanni beschreibt, wie ein Land, in dem Bürger für mehr Freiheit demonstrierten, zu einem Kriegsschauplatz wurde, in dem mittlerweile so viele Seiten mitmischen. Leiden müssen vor allem die Unschuldigen. Die Kinder, die Frauen und das Zerstören von Familien zerstört auch die, die zurückbleiben. Jedem sei dieses Buch empfohlen, der einen grausam intimen Blick in ein vom Krieg beherrschtes Land werfen will. Nach der Lektüre wird man auch begreifen, warum so viele Syrer Assad hassen, aber es auch genügend gibt, die ihn verehren.

S. Fischer, 251 Seiten; 22,00 Euro


Amir Baitar / Henning Sußebach

daumen rauf

Unter einem Dach

Unter einem Dach

Reporter Henning Sußebach, seine Frau und deren zwei Kinder haben im Dezember 2015 das Arbeitszimmer geräumt und dem aus Syrien geflohenen Studenten Amir Baitar Obdach gewährt. Der Alltag beider Seiten ist seitdem voller Fragen: Dürfen sich die Eltern vor den Augen ihrer Kinder küssen, auch wenn der Gast das seltsam findet? Wie soll ein Muslim in einem engen Gästebad die rituelle Reinigung vollziehen? Und kann die Familie sonntags «Tatort» gucken, wenn zeitgleich auf Al Jazeera von Gräueltaten in Syrien berichtet wird? Die Eltern und Kinder staunen, als der Gast ihr Haus mit seiner Mekka-App vermisst. Und Baitar versteht nicht, dass in der Familie die Frau mit dem Auto zur Arbeit fährt und der Mann das Fahrrad nimmt. Baitar und Sußebach erzählen in diesem Buch, wie das Zusammenleben funktioniert.

Dieses Buch ist die Folge des Buches „Bericht aus Syrien“. Die vom Krieg verursachte Flüchtlingskrise trifft exemplarisch auf eine deutsche Familie. Dieses Buch ist ein erfreuliches Beispiel von tausenden, die es zum Glück in Deutschland gibt. Die Syrer sind glücklich über die Gastfreundschaft von vielen, ja bei weitem nicht allen, Deutschen. Aber so einfach ist das Zusammenleben dann auch nicht, wie man sich das vielleicht zu Anfang vorgestellt hat. In diesem Buch treffen die Meinungen, Erfahrungen und Empfindungen aufeinander. Man bekommt einen Einblick, der erhellend ist.

Rowohlt, 191 Seiten; 19,95 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Andreas Eschbach

Teufelsgold

TeufelsgoldNach dem Ende der Kreuzzüge taucht er das erste Mal auf: der Stein der Weisen, mit dem man Gold machen kann - gefährliches Gold, radioaktives Gold nämlich. Der Stein erscheint, als ein Alchemist Gott verflucht, und er zieht eine Spur der Verwüstung durch Europa. Die Deutschordensritter erklären es zu ihrer geheimen neuen Aufgabe, ihn zu finden und sicher zu verwahren. Für alle Ewigkeit. Doch in unserer Zeit kommen zwei Brüder, die unterschiedlicher kaum sein könnten, dem wahren Geheimnis des Steins auf die Spur: Er ist ein Schlüssel, der unser aller Leben zum Guten hin verändern könnte. Oder öffnet er die Pforten der Hölle?

Andreas Eschbach ist bekannt dafür, dass er den besonderen Thriller schreibt. Weit ab vom sonstigen Mainstream. Das ist ihm auch mit seinem neuesten Werk wieder gelungen. „Teufelsgold“ ist ein teuflischer Thriller über die Welt der Finanzen, der Welt des Goldes und einer Welt, in der man ewig leben kann. Doch wer liebt steht vor der Entscheidung: einmal die echte Liebe erleben, oder für immer leben, alt werden und nie richtig geliebt zu haben. „Teufelsgold“ ist ein ganz realer Thriller, der zum Ende hin nicht mit Science Fiction geizt. Dieser außergewöhnliche Thriller wird gelesen von Andreas-Eschbach-Stammvorleser Matthias Koeberlin. Der bekannte Charakterschauspieler interpretiert die Story mit seiner gewohnt eingängigen Stimme.

Auch als Hardcover erhältlich bei Lübbe, 22,90 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 432 Minuten; 16,99 Euro


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