Kolumne vom 01.05.2017 - Nr. 454


Karine Tuil

daumen rauf

Die Zeit der Ruhelosen

Die Zeit der Ruhelosen

Der Aufstieg des brillanten Managers François Vély scheint unaufhaltsam. Bis seine Exfrau sich aus dem Fenster stürzt, als sie erfährt, dass er wieder heiraten will. Der Tragödie folgt die Entdeckung, dass seine neue Lebensgefährtin in eine Affäre mit einem Offizier verstrickt ist, der völlig traumatisiert aus Afghanistan heimkehrt. Außerdem wird Vély ein Mediencoup zum Verhängnis, man bezichtigt ihn des Rassismus und Sexismus. Als er persönlich und beruflich am Ende ist, ergreift ausgerechnet der Politiker Osman Diboula Partei für ihn – dabei ist Diboula bekannt als Wortführer gegen eine weiße gesellschaftliche Elite. Wenige Wochen später kommt es im Irak zu einer Begegnung aller Beteiligten, die für Vély fatale Konsequenzen hat.

„Die Zeit der Ruhelosen“ war nominiert für den Prix Goncourt und stand wochenlang auf der französischen Bestsellerliste. Ein Gesellschaftsroman, der am Puls der Zeit ist, und der im Stile eines klassischen, perfekt komponierten Musikstücks geschrieben ist. Was macht die Gesellschaft aus einem, was der Krieg, die Politik, die Arbeit, der Partner, die Freunde. Von all dem werden wir geprägt und macht uns zu Menschen, die wir vielleicht gar nicht sein wollen. Das und noch viel mehr geht Karin Tuil in diesem Roman auf den Grund. Es geht um Macht, Gier, Hass, Liebe, Leidenschaft, und den Wirrungen des Lebens ausgeliefert zu sein. Der Roman bildet das heutige Frankreich mit seinen vielen Strömungen und Problemen sehr gut ab. Karin Tuil ist mit „Die Zeit der Ruhelosen“ ein großer Wurf gelungen! Ruhelos werden auch Sie beim lesen sein, denn man kann Tuils stilvoller Sprache nicht entkommen.

Ullstein, 507 Seiten; 24,00 Euro


Roman Maria Koidl

daumen runter

Der letzte Scheißkerl

Der letzte ScheißkerlEs ist das perfekte Paar: die Angst und die Liebe. Doch warum macht uns eigentlich kaum etwas so viel Angst wie die Liebe? Mehr noch: Was haben Ängste damit zu tun, dass uns Menschen immer wieder magisch anziehen, mit denen wir dann doch keine langfristige Beziehung führen können? Der Autor hat sich mit mehr als viertausend Frauen darüber ausgetauscht und wiederkehrende Beziehungsmuster erkannt. Hier erklärt er, warum Mutter-Theresa-Frauen gern den Privatpatienten suchen oder sich unbezahlte Teilzeit-Erzieherinnen irgendwann erschöpft von ihren Kindkerlen trennen. Ist es doch ein Irrglaube zu meinen, man könnte sich den eigenen Partner passend machen oder ihn gar verändern.

Das zwiespältige Männerbetrachtungsbuch „Scheißkerle“ war vor Jahren ein Bestseller, nun legt Roman Maria Koidl mit „Der letzte Scheißkerl“ nach. Dieses Buch ist anders, der Autor geht auch auf das Miteinander ein, die Frau, die Männer, die Beziehung, und wie man rauskommt aus der Dauerschleife, die einen bindet und gleichzeitig entfernt. Dieses Buch bietet für zahlreiche Leserinnen sicher den einen oder andere Aha-Moment. Die vier charakterisierten Männertypen, die im Buch dargestellt werden, sind doch sehr pauschal und überspitzt dargestellt. Was dem Buch positiv zur Seite steht, sind die Ehrlichkeit und die echten Geschichten, aber irgendwie hat man das alles schon mal gelesen, in leicht veränderter Form, daher bietet „Der letzte Scheißkerl“ nicht recht viel Neues. Eine Lektüre, die einen manchmal schmunzeln, dann wieder nachdenken lässt, die man schnell herunterliest, aber am Ende kaum mehr etwas weiß, was man am Anfang gelesen hat.

Ullstein, 238 Seiten; 16,99 Euro


Cilla & Rolf Börjlind

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Schlaflied

Schlaflied Am Stockholmer Hauptbahnhof herrscht Chaos. Ein Mädchen im Strom der Asylsuchenden schlägt sich ganz alleine durch – bis sie auf die Obdachlose Muriel trifft, die sich ihrer annimmt. Gemeinsam suchen sie Zuflucht in einer einsamen Hütte auf dem Land. Aber ist es in den Wäldern Smalands wirklich sicherer als auf den Straßen von Stockholm? Zur selben Zeit versucht der frühere Kriminalkommissar – und frühere Obdachlose – Tom Stilton seinen Polizeikollegen zu beweisen, dass er wieder ganz auf der Höhe ist. Er soll dabei helfen, den grausamen Tod eines Jungen aufzuklären, der vergraben im Wald gefunden wurde. Wenig später bittet ihn Muriel um Hilfe, weil sie ihren Schützling in Gefahr glaubt. Haben die Fälle etwa miteinander zu tun? Tom Stilton und Olivia Rönning kommen der Wahrheit nur langsam auf die Spur ...

Ein beängstigend aktueller Kriminalroman, der einen von der ersten Seite an packt! Das Autorenduo Börjlind erzählt in zahlreichen Erzählsträngen, mal kürzer, mal länger, und diese werden nach und nach zusammengeführt. Dieser kluge Aufbau lässt die Geschichte nie langweilig werden. „Schlaflied“ beschreibt das Leben der Flüchtlingskinder, was sie erlebt haben, was sie fühlen, und was manchen dann im gesegneten Europa passiert. Diese dunkle Seite, wenn es sie denn wirklich gibt, ist schrecklich. Aber wo Unschuldige, teils namenlose Kinder, ausgenutzt und getötet werden können, läuft etwas ganz falsch in den Köpfen der Menschen.

btb, 576 Seiten; 15,00 Euro


Natascha Wodin

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Sie kam aus Mariupol

Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin geht in diesem Buch dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt von der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ihre Mutter, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, tritt wie durch ein spätes Wunder aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. „Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter“, kann Natascha Wodin nun zärtlich sagen.

 

Eine Geschichte, die man so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommt! Stark erzählt, dramatisch, bedrückend, beeindruckend. Natascha Wodin verarbeitet mit diesem Buch eine dunkle Vergangenheit, der Leser verarbeitet mit. „Sie kam aus Mariupol“ wurde im März 2017 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet.

Rowohlt, 358 Seiten; 19,95 Euro


Dirk Gieselmann / Armin Smailovic

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Atlas der Angst

Atlas der Angst

WIR SIND IM KRIEG. So steht es eines sonnigen Tages in der Zeitung. Und die Menschen haben Angst, sie bewaffnen sich und legen Vorräte an. Doch wie kann das sein, in einem Land, das so sicher ist und so reich? Der Fotograf Armin Smailovic und der Autor Dirk Gieselmann haben sich auf die Suche nach dem Albtraum begeben, der Wirklichkeit zu werden droht, nach dem Krieg in den Köpfen - der German Angst. Eine Reise durch das Krisengebiet Deutschland, von Bautzen bis nach Duisburg-Marxloh, von Sylt bis auf die Zugspitze. 100 Orte, 100 Fotos, 100 Texte.

Die Bilder im Buch verstören und begeistern zugleich. Nicht weniger als die Texte, die zeigen, was in den Köpfen der Menschen vorzugehen scheint. Das sichere Deutschland verwandelt sich von Norden nach Süden in ein Land der Angst und des Hasses. Nicht überall gleich dramatisch, aber man denkt sehr über die Texte nach, die im „Atlas der Angst“ stehen.

Eichborn, 213 Seiten; 24,00 Euro


Hörbuch der Woche

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Ada Dorian

Betrunkene Bäume

Betrunkene Bäume AudioErich ist über achtzig und verliert Stück für Stück seine Unabhängigkeit. Außerdem trauert er um die Liebe seines Lebens. Als junger Forscher hatte Erich eine Expedition in die Taiga unternommen. In jener Zeit hat er Schuld auf sich geladen, die bis heute nachwirkt und Erich vereinsamen lässt. Dann jedoch tritt Katharina in sein Leben. Sie ist von zu Hause ausgerissen, als ihr Vater die Familie verlassen hat.

„Betrunkene Bäume“ zeigt wie schwankend das Leben sein kann. Geradlinig ist gar nichts. Der Roman lebt von seinen starken Figuren Erich und Katharina, von denen Ada Dorian tief in ihre Psyche vordringt. Vor allem an Erich zeigt er, dass nichts schön daran ist, wenn man alt wird. Ada Dorians hat einen ausschmückenden Stil, was der Geschichte gut zu Gesicht steht. Der junge Schauspieler Adam Nümm verleiht dem Text mit seiner Stimme viel Melancholie und Bodenhaftung. Die Lesung wirkt manchmal etwas trocken, aber das passt auch irgendwie zu den Figuren von „Betrunkene Bäume“.

Betrunkene Bäume Cover

 


Auch als Hardcover erhältlich bei Ullstein, 18,00 Euro.

Hörbuch Hamburg, 6 CDs, 406 Minuten; 19,99 Euro


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